Un­ter der Füh­rung von Car­los Ghosn über­nimmt die Re­naul­tNis­san-Al­li­anz den ja­pa­ni­schen Au­to­her­stel­ler Mitsu­bi­shi

Mitsu­bi­shi steckt we­gen ei­nes Ver­brauchs-Skan­dals in der Kri­se. Jetzt hat Nis­san gro­ße Tei­le der Fir­ma über­nom­men. Al­le Hin­ter­grün­de

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Mar­kus Bach

Car­los Ghosn hat die Au­to­bran­che schon oft ver­blüfft. Zu­erst ge­lang ihm ab 1999 die Sa­nie­rung von Nis­san. Sechs Jah­re spä­ter wur­de er zu­sätz­lich Kon­zern­chef von Re­nault und brach­te die Fran­zo­sen wie­der in die Spur. Ne­ben­bei ge­lang ihm mit Da­cia die er­folg­rei­che Eta­b­lie­rung ei­ner Bil­lig­mar­ke, die 2015 er­neut ei­nen Ab­satz­re­kord fei­er­te. Und nun hat der in Bra­si­li­en ge­bo­re­ne Li­ba­ne­se mit fran­zö­si­scher Staats­bür­ger­schaft ei­nen wei­te­ren Coup ge­lan­det: Un­ter sei­ner Füh­rung über­nimmt Nis­san für 1,9 Mrd. Eu­ro gan­ze 34 Pro­zent von Mitsu­bi­shi Mo­tors. Da­mit wird Nis­san zum größ­ten An­teils­eig­ner der Ja­pa­ner und kon­trol­liert fak­tisch den Kon­kur­ren­ten. Mit der Über­nah­me schließt die Re­nault-Nis­san-Al­li­anz zu den größ­ten Au­to­kon­zer­nen der Welt auf. Im­mer­hin lie­fer­te Mitsu­bi­shi im Vor­jahr über ei­ne Mil­li­on Au­tos aus. Zu­sam­men mit den Ver­käu­fen von Re­nault-Nis­san er­gibt das 9,6 Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge – Car­los Ghosn be­wegt sich künf­tig auf Au­gen­hö­he mit To­yo­ta, VW und Ge­ne­ral Mo­tors: „Wir schaf­fen ei­ne dy­na­mi­sche neue Kraft in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie.“Was den fin­di­gen Ma­na­ger noch mehr freu­en wird: Die Mitsu­bis­hiAn­tei­le wa­ren ein Schnäpp­chen. Zum Ver­gleich: Nis­san er­ziel­te al­lein im Ge­schäfts­jahr 2015 ei­nen Net­to­ge­winn von 4,0 Mrd. Eu­ro. Dass Mitsu­bi­shi ein so dank­ba­rer Über­nah­me­kan­di­dat war, ha­ben die Ja­pa­ner selbst ver­schul­det. Vor we­ni­gen Wo­chen muss­te der Au­to­bau­er ein­ge­ste­hen, Ver­brauchs- wer­te ge­fälscht zu ha­ben. Erst han­del­te es sich um 625.000 Kleinst­wa­gen, die seit 2013 in Ja­pan ver­kauft wor­den wa­ren. Spä­ter muss­te Mitsu­bi­shi je­doch ein­räu­men, dass fast al­le seit 1991 im Hei­mat­land aus­ge­lie­fer­ten Au­tos be­trof­fen sind. Ähn­lich wie VW dro­hen Mitsu­bi­shi nun Geld­bu­ßen bis zu ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro. Die Ak­tie des Un­ter­neh­mens brach dar­auf­hin um über die Hälf­te auf 3,77 Eu­ro ein. Und dann schlug Car­los Ghosn zu. Pi­kant: Aus­ge­rech­net Nis­san hat­te die Ver­brauchs-Ma­ni­pu­la­tio­nen bei Mitsu­bi­shi auf­ge­deckt. Von den zu­erst be­trof­fe­nen Kleinst­wa­gen wur­den ei­ni­ge als Nis­san ver­kauft. In­ter­ne Ver­brauchs­tests der Al­li­anz er­ga­ben star­ke Ab­wei­chun­gen von den Da­ten, die Mitsu­bi­shi den ja­pa­ni­schen Be­hör­den mel­de­te. In Fol­ge muss­te Mitsu­bi­shi zu­ge­ben, die Ver­bräu­che mit nicht zu­ge­las­se­nen Test­ver­fah­ren er­mit­telt zu ha­ben. Da­bei ging es Mitsu­bi­shi schon vor dem Skan­dal nicht gut. Seit der

Jahr­tau­send­wen­de ha­ben die Ja­pa­ner in vie­len west­li­chen Län­dern Markt­an­tei­le ver­lo­ren. So san­ken et­wa die Ver­käu­fe in We­st­eu­ro­pa von 160.281 Ein­hei­ten im Jahr 2000 auf 90.681 Ver­käu­fe 2014. Die Fol­ge: Mitsu­bi­shi stell­te die ex­tra für Eu­ro­pa pro­du­zier­ten Mo­del­le Colt und Ca­ris­ma ein und gab 2012 die Pro­duk­ti­on in den Nie­der­lan­den auf. In den USA war die Ent­wick­lung so­gar noch dra­ma­ti­scher: Konn­te Mitsu­bi­shi 2002 noch 360.149 Fahr­zeu­ge ab­set­zen, bra­chen die Ver­käu­fe bis 2009 auf 39.970 ein. Seit­dem stei­gen sie zwar wie­der, doch das Mitsu­bi­shi-Werk in Il­li­nois mit ei­ner jähr­li­chen Ka­pa­zi­tät von 280.000 Au­tos war nicht zu ret­ten. Auch in Aus­tra­li­en muss­ten die Ja­pa­ner die Not­brem­se zie­hen und ih­re Fa­b­rik auf dem fünf­ten Kon­ti­nent 2008 schlie­ßen.

Deutsch­land ge­hört zu den we­ni­gen Licht­bli­cken

Selbst im Hei­mat­land Ja­pan ha­ben die grö­ße­ren Wett­be­wer­ber Mitsu­bi­shi stark un­ter Druck ge­setzt. Im Vor­jahr san­ken die Ver­käu­fe um 18,5 Pro­zent – noch vor dem Ver­brauchs- Skan­dal. Mitt­ler­wei­le fin­det sich kein ein­zi­ger Mitsu­bi­shi mehr un­ter den 50 meist­ver­kauf­ten Au­tos in Ja­pan. Ein­zig bei den lan­des­ty­pi­schen Kei-Cars kann man noch glän­zen. Ei­nen der we­ni­gen Licht­bli­cke stellt aus­ge­rech­net der hart um­kämpf­te deut­sche Markt dar. Hier be­fin­det sich Mitsu­bi­shi im Auf­wärts­trend, seit die Emil-Frey­G­rup­pe den Ver­trieb im Fe­bru­ar 2014 über­nom­men hat. Die­se er­mög­licht ei­ne schlan­ke­re Or­ga­ni­sa­ti­on und ver­fügt über grö­ße­re Au­to­häu­ser als die bis­he­ri­gen Mitsu­bi­shi-Part­ner. Wäh­rend die Ja­pa­ner der Kon­kur­renz im Wes­ten kaum et­was ent­ge­gen­set­zen konn­ten, such­ten sie ihr Heil in den boo­men­den Märk­ten der Schwel­len­län­der. Da­bei spie­len vor al­lem Süd­ost­asi­en und die drei Wer­ke in Thai­land ei­ne be­son­de­re Rol­le. Dort ist Mitsu­bi­shi ei­ne der we­ni­gen Mar­ken, die dem Platz­hirsch To­yo­ta mit tech­nisch sim­plen, aber wirt­schaft­lich güns­ti­gen Klein­wa­gen, SUV und Pick­ups die Stirn bie­ten kann. Und ge­nau dar­auf hat es Car­los Ghosn ab­ge­se­hen: Re­nault-Nis­san be­kommt mit Mitsu­bi­shi ein gut auf­ge­stell­tes Händ­ler­netz und ei­ne eta­blier­te Mar­ke in vie­len Schwel­len­län­dern – dort, wo Re­nault fast gar nicht und Nis­san nur schwach ver­tre­ten ist. „Wir wer­den die Mar­ke Mitsu­bi­shi und ih­re Ge­schich­te re­spek­tie­ren und ih­re Wachs­tums­aus­sich­ten ver­bes­sern“, er­klärt Ghosn. Zu­dem er­ge­ben sich Kos­ten­ein­spa­run­gen durch ei­ne ver­stärk­te Zu­sam­men­ar­beit und ge­mein­sa­me Platt­for­men, et­wa bei den Pick-ups. Doch Ghosn muss auf­pas­sen: Die ver­grö­ßer­te Al­li­anz mit nun neun Mar­ken von La­da bis zu In­fi­niti wird schwer zu ma­na­gen sein. To­yo­ta, VW und GM hat­ten in letz­ter Zeit Pro­ble­me, die vor al­lem in ih­rer Grö­ße be­grün­det la­gen. Soll­te Ghosn sol­che Tur­bu­len­zen ver­mei­den, hät­te er die Au­to­bran­che er­neut ver­blüfft.

Car­los Ghosn (l.) heißt Mitsu­bi­shi-Chef Osa­mu Ma­su­ko in der Re­naul­tNis­san-Al­li­anz will­kom­men

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