High & Low

Die Bri­ten sind im­mer gut für ei­ne Über­ra­schung. Einst zeig­te Ja­gu­ar, wie man ein Ca­brio­let kunst­ge­recht flach­legt. Jetzt bringt Land Ro­ver ei­nen rol­len­den Hoch­sitz her­aus

AUTO ZEITUNG - - RANGE ROVER EVOQUE CABRIOLET UND JAGUAR E-TYPE 3.8 - [ TEXT Kars­ten Reh­mann FOTOS Da­nie­la Loof ]

Die Deut­schen ha­ben das Au­to­mo­bil er­fun­den, die Fran­zo­sen den Mo­tor­sport und die Ame­ri­ka­ner die Mas­sen­fer­ti­gung. Die Bri­ten kön­nen sich kei­ne ver­gleich­ba­re Pio­nier­leis­tung auf den Uni­on Jack schrei­ben, doch da­für wa­ren sie als krea­ti­ve Qu­er­den­ker stets un­schlag­bar: Wie lang­wei­lig und ge­rad­li­nig wä­re die Ent­wick­lung des Au­tos oh­ne die Bei­trä­ge aus dem Land des Links­ver­kehrs ver­lau­fen: Her­bert Aus­tin kon­stru­ier­te schon 1896 für Wol­se­ley ein Drei­rad mit Mit­tel­mo­tor und hin­te­rer Ein­zel­rad­auf­hän­gung. Zehn Jah­re spä­ter pack­te Fre­de­rick Lan­ches­ter in ein vier­räd­ri­ges Fahr­zeug ei­nen Sechs­zy­lin­der zwi­schen die weit nach vorn ge­rück­ten Sit­ze, und 1926 sorg­te die Daim­ler Mo­tor Com­pa­ny für Auf­se­hen mit ih­rem Typ „Dou­ble-Six“, an­ge­trie­ben von ei­nem Zwölf­zy­lin­der mit Schie­ber­steue­rung an­stel­le ei­nes her­kömm­li­chen Ven­til­triebs. Vie­le frü­hen Ge­nie­strei­che bri­ti­scher Kon­struk­teu­re ge­rie­ten in Ver­ges­sen­heit, doch ih­re Nach­fol­ger mach­ten es sich zur Ge­wohn­heit, an­de­re We­ge zu ge­hen. Sie sind bis heu­te da­für be­rüch­tigt, aber auch be­rühmt. Ei­ner der er­folg­reichs­ten Qu­er­den­ker war Wil­li­am Lyons, der mit sei­ner Mar­ke „Ja­gu­ar“die De­mo­kra­ti­sie­rung des Hoch­ge­schwin­dig­keits-Sport­wa­gens vor­an­trieb. 200 km/ h und mehr wa­ren bis 1960 nur der High So­cie­ty ver­gönnt, ei­ne un­an­ge­foch­te­ne Do­mä­ne sünd­haft teu­rer Renn­sport­wa­gen mit von Hand zu­sam­men­ge­setz­ten Hoch­leis­tungs­mo­to­ren und Leicht­me­tall­ka­ros­se­ri­en. Mit der Prä­sen­ta­ti­on des Ja­gu­ar ETy­pe auf dem Gen­fer Sa­lon 1961 stahl Lyons dem kom­plett ver­sam­mel­ten au­to­mo­bi­len Hoch­adel die Schau. Erst­mals drang ein fürs Groß­bür­ger­tum er­schwing­li­cher Sport­wa­gen ins Re­vier der Su­per­stars ein.

Ero­ti­scher als Hei­di Klum oh­ne al­les

Der E-Ty­pe lag so flach auf der Stra­ße wie kein an­de­res Au­to, er war schnel­ler als die meis­ten Ma­se­ra­ti und Fer­ra­ri, sah aber auf­re­gen­der aus und kos­te­te nur die Hälf­te, näm­lich als Roads­ter ex­akt 25.000 Mark. Sei­ne Form war ei­ne sen­sa­tio­nel­le Mix­tur aus ae­ro­dy­na­mi­scher Ef­fi­zi­enz und bei­na­he ero­to­ma­ni­scher Sinn­lich­keit. Ih­re Wir­kung auf den Be­trach­ter be­schrieb der Kri­ti­ker Fritz B. Busch so: „Die Lol­lo könn­te zwei Fuß ne­ben ihm im Bi­ki­ni auf dem Zaun sit­zen, ich wür­de sie nicht be­mer­ken.“Die Aus­sa­ge sitzt noch im­mer, selbst wenn wir „die Lol­lo“durch „Hei­di Klum“er­set­zen und die Bi­ki­nis weg­den­ken. Das Ja­gu­ar-Image pro­fi­tiert bis heu­te von die­sem Jahr­hun­dert-Ent­wurf. Land Ro­ver ging es bis­her an­ders. Es ge­nüg­te, wenn Hei­di Kl­ums Bi­ki­ni am Zaun hin­ge, um uns von den Kör­per­for­men ei­nes De­fen­der ab­zu­len­ken. Vi­el­leicht wä­re die Fir­ma auch längst in der Nutz­fahr­zeu­ge­cke ver­staubt, wenn Spen­cer King und Da­vid Ba­che nicht En­de der Sech­zi­ger auf die Idee ge­kom­men wä­ren, ei­nen Ge­län­de­wa­gen zu ent­wer­fen, der Stil und Kom­fort bie­ten soll­te wie ei­ne Li­mou­si­ne. So goss aus­ge­rech­net Bri­tish Ley­land 1970 das Ur­me­ter des mo­der­nen Lu­xus-SUV und fand da­für den pas­sen­den Na­men: Ran­ge Ro­ver. Seit­dem herrscht nicht nur in En­g­lands Up­per Class die An­sicht vor, dass zwei Fahr­zeu­ge in der Ga­ra­ge völ­lig aus­rei­chen, um für al­le Ge­le­gen­hei­ten gut mo­to­ri­siert zu sein: ein of­fe­ner Ja­gu­ar und ein Ran­ge Ro­ver. Seit bei­de Fir­men (wie­der) un­ter ei­nem Kon­zerndach wohn­ten,

es war nur ei­ne fra­ge der zeit, bis die bri­ten uns wie­der ver­blüf­fen wür­den

war es nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis die Bri­ten wie­der ein­mal auf über­ra­schen­de Ge­dan­ken kom­men wür­den, und nun ist es tat­säch­lich pas­siert: Ap­plaus für die ers­te Kreu­zung aus E-Ty­pe und Ran­ge Ro­ver, das Evo­que Ca­brio­let!

Po­li­tisch kor­rekt „Lord of La­bour“

Es ist „in­de­ed“ein ein­zig­ar­ti­ges Au­to­mo­bil, das ers­te Lu­xus-SUV mit voll ver­senk­ba­rem Stoff­ver­deck. Wä­re es ein Au­di oder BMW, so lä­ge uns der Be­griff „Con­ver­ti­ble Sports Uti­li­ty“, ab­ge­kürzt „CSU“, auf der Zun­ge. Für ein bri­ti­sches Au­to wä­re aber der Ti­tel „Lord of La­bour“, Edel­mann der Ar­beit, po­li­tisch kor­rek­ter. Die Sitz­po­si­ti­on ist je­den­falls hoch ge­nug, um in je­der Si­tua­ti­on sou­ve­rän den Über­blick zu be­hal­ten. Nichts, was den Ran­ge Ro­ver und den E-Ty­pe so ein­zig­ar­tig macht, be­herrscht das Evo­que Ca­brio­let ge­nau­so gut, aber es schlägt ge­konnt ei­ne Brü­cke zwi­schen die­sen Ex­tre­men. Es stelzt wie ein Brach­vo­gel durchs Sumpf­gras des Ho­hen Venns und rennt da­nach mit über 200 Sa­chen zu­rück in die Ci­ty. Vier lus­ti­ge Qu­er­den­ker kön­nen mit ihm ei­nen Aus­flug ins Un­ter­holz ma­chen und (et­was) Ka­min­holz ab­ho­len oder läs­sig über die Kö­nigs­al­lee schlur­fen

der ja­gu­ar singt aus vol­ler keh­le das lied von der frei­en bahn

und her­un­ter­klap­pen­de Kinn­la­den zäh­len. Das Fahr­ge­fühl stellt sich tat­säch­lich ge­nau in der Mit­te ein: Man sitzt herr­schaft­lich in luf­ti­ger Hö­he, ge­schützt von ei­nem mas­si­ven Ka­ros­se­rie­ko­kon, gleich­zei­tig aber auch sport­lich tief hin­ter der fla­chen, mas­siv ein­ge­rahm­ten Front­schei­be. Der Blick fällt auf ei­ne Mo­tor­hau­be, die ge­nug Kraft ver­spricht, um die Welt im Sturm zu neh­men. Es sind so­gar mehr PS als im E-Ty­pe, des­sen 3,8-Li­ter-Sechs­zy­lin­der nur nach SAE-Norm 265 PS ver­spricht. Ei­ne DIN-Mes­sung lässt den Wert auf 210 PS schrump­fen. Trotz­dem nimmt je­des Eich­hörn­chen im Ho­hen Venn Hal­tung an, wenn der Jag sei­nen Brust­korb auf­bläht und den röh­ren­den Hirsch zum Bes­ten gibt. E-Ty­pe fah­ren ist kein Kin­der­spiel. Ge­lenkt, ge­bremst und ge­schal­tet wird mit Kör­per­ein­satz und Ver­stand, denn der mit 106 Mil­li­me­ter Zy­lin­der­hub aus­ge­stat­te­te Sechs­zy­lin­der re­agiert beim Am­pel­start aufs Gas wie ein Golf­ball auf den Ab­schlag von Ti­ger Woods und treibt den leich­ten Roads­ter in sie­ben Se­kun­den auf 100 km/ h. Das En­de der Fah­nen­stan­ge ist erst bei 240 km/ h er­reicht, wenn der Fahrt­wind das Ver­deck und al­les, was lo­se im Cock­pit liegt, in Stü­cke rei­ßen will. Ei­nem zum Äu­ßers­ten ent­schlos­se­nen E-Ty­pe lässt der Evo­que groß­her­zig den Vor­tritt, da­für wirft der Ja­gu­ar-Fah­rer das Hand­tuch, wenn er das Wort „Ge­län­de“nur hört und nimmt selbst gut ein­ge­pass­te Bahn­über­gän­ge mit stark re­du­zier­tem Tem­po – den ei­ge­nen Band­schei­ben zu­lie­be. Der um die Hüf­ten fül­li­ge­re Ran­ge Ro­ver ver­steht es, aus nur 52 Pro­zent des Jag-Hu­b­raums 240 DIN-PS zu zau­bern, oh­ne dass der Fah­rer es wirk­lich be­merkt. Ei­ne neun­stu­fi­ge Au­to­ma­tik ver­wan­delt die lei­se, doch un­er­bitt­li­che Zug­kraft des Tur­bo-Vier­zy­lin­ders in ei­nen lan­gen, ru­hi­gen Ener­gie­fluss. Nach 8,6 Se­kun­den pflügt der Hoch­sitz mit 100 km/ h übers Land und legt kon­ti­nu­ier­lich nach bis zur Top­speed von 209 km/ h. Auf den vor­de­ren Club­ses­seln hebt man selbst dann kaum die Stim­me, um ge­pflegt wei­ter zu par­lie­ren, und die Na­tur des Ran­ge Ro­ver ge­winnt die Ober­hand: Fern­rei­sen wer­den im of­fe­nen Evo­que zu Sight­see­ing-Tou­ren, und der Ge­dan­ke an Hei­di Kl­ums Bi­ki­ni ge­nügt, um den Un­ter­schied auf den Punkt zu brin­gen: Im Evo­que se­hen wir ihn am Zaun hän­gen und hal­ten an, im E-Ty­pe ra­sen wir vor­bei.

Im Evo­que Ca­brio­let be­hält man stets die Über­sicht. Der mas­si­ve Schei­ben­rah­men stört nur beim Ein­stei­gen

Vom Jag aus wirkt der Evo­que wie die Ei­ger Nord­wand. Gut, wenn dar­an ein Weg vor­bei­führt

Ein E-Ty­pe ist kei­ne Sänf­te. Die le­der­be­zo­ge­nen Scha­len­sit­ze und das Holz­lenk­rad kön­nen Schwie­len ver­ur­sa­chen

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