500 Mei­len von In­dia­na­po­lis: Die 100. Aus­ga­be des Hoch­ge­schwin­dig­keits-Klas­si­kers

Die 100. Aus­ga­be der 500 Mei­len von In­dia­na­po­lis er­leb­te ei­ne Re­kord­ku­lis­se – und den Über­ra­schungs­sieg von US-Roo­kie Alex­an­der Ros­si, der dank ge­wief­ter Sprit­stra­te­gie sämt­li­che Fa­vo­ri­ten aus­tricks­te

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gregor Mes­ser

D ra­men, Tra­gö­di­en und Tri­um­phe – nir­gend­wo grei­fen die Schlag­wor­te stär­ker als bei der er­eig­nis­rei­chen Mo­tor­sport-His­to­rie der 500 Mei­len von In­dia­na­po­lis. Die übels­ten Un­fäl­le, die höchs­ten Preis­gel­der, die meis­ten Zu­schau­er, die tra­di­ti­ons­reichs­ten Ri­tua­le. In die­sem Jahr fei­er­te der Speed­way die 100. Aus­ga­be des Hoch­ge­schwin­dig­keits-Fes­ti­vals. Run­den­durch­schnit­te von über Tem­po 350 sind hier die Norm. Im Qua­li­fy­ing fuh­ren die Schnells­ten jen­seits von 370 km/ h. Ge­bremst wird in den um neun Grad über­höh­ten Kur­ven nicht. „The Grea­test Spect­a­cle in Ra­c­ing“, das größ­te Spek­ta­kel des Mo­tor­sports nen­nen die Amis die Groß­ver­an­stal­tung. Den Be­griff hat sich die stets ge­schäfts­tüch­ti­ge Be­sit­zer­fa­mi­lie Hul­man-Ge­or­ge so­gar als Wa­ren­zei­chen schüt­zen las­sen, eben­so wie „In­dy 500“. Der Speed­way, nach­dem in In­dia­na­po­lis so­gar ein gan­zer Stadt­teil be­nannt ist, ist qua­si ei­ne Li­zenz zum Geld­dru­cken. Ant­ho­ny Hul­man (1901 bis 1977), der so et­was wie der Dr. Oet­ker von Ame­ri­ka ist, weil er mit Back­pul­ver zu Wohl­stand und Reich­tum kam, kauf­te den ab­ge­wrack­ten Speed­way nach dem Krieg. Statt das Ge­län­de zu ei­nem Wohn­ge­biet aus­zu­bau­en, glaub­te Hul­man an den Er­folg mit ei­ner Renn­stre­cke – und be­hielt Recht.

Die Idee zum Speed­way stamm­te von vier Vi­sio­nä­ren, Pio­nie­ren und Un­ter­neh­mern. Er­öff­net wur­de er 1909. Das Au­to­mo­bil steck­te noch in den Kin­der­schu­hen, und In­dia­na­po­lis buhl­te mit dem 500 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten De­troit um die Vor­herr­schaft als Stät­te des Au­to­mo­bil­baus und der Zu­lie­fer­in­dus­trie. Was al­so lag nä­her, als den In­ge­nieu­ren ein ge­eig­ne­tes Prüf­feld zu bie­ten? Der ers­te Wett­kampf in­des war ein Bal­lon-Ren­nen, erst zwei Jah­re spä­ter wur­de das ers­te In­dy 500 ge­star­tet. Und der gel­be Mar­mon Wasp von Sie­ger Ray Har­roun trug so­gleich ein neu­ar­ti­ges Fea­tu­re: den Au­ßen­spie­gel. Har­rouns Fahr- zeit von 1911 be­trug sechs St­un­den, 42 Mi­nu­ten, sei­ne Durchnitts­ge­schwin­dig­keit 120 km/ h. Den ak­tu­el­len Re­kord hält To­ny Ka­na­an: 2013 be­en­de­te der Bra­si­lia­ner die Hatz im Oval nach 2.40 St­un­den. Ka­na­ans Durch­schnitts­tem­po: 301, 644 km/ h – trotz neun Bo­xen­stopps. 73 To­te ver­zeich­nen die An­na­len des Speed­way, dar­un­ter 42 Fah­rer. Hor­ren­de Un­fäl­le zähl­ten seit je­her zum In­dy-Image. Dank der heu­ti­gen Si­cher­heit sind Ver­let­zun­gen eher sel­te­ne Aus­nah­men. Doch bei­na­he hät­te es Ja­mes Hinch­clif­fe im Vor­jahr er­wischt: Nach hef­ti­gem Mau­er­kon­takt bohr­te sich ein Qu­er­len­ker durch sei­nen Ober­schen­kel. Der Ka­na-

dier droh­te noch im Cock­pit zu ver­blu­ten. Doch „Hinch“kam zu­rück, stär­ker denn je: Sou­ve­rän si­cher­te er sich für das Ju­bi­lä­ums­ren­nen die pres­ti­ge­träch­ti­ge Pole­po­si­tion – und so­mit 100.000 Dol­lar Ex­tra-Preis­geld. Ver­gleichs­wei­se leer ging da­ge­gen Ro­ger Pens­ke mit sei­nen vier Au­tos in die­sem Jahr aus. Nur 1,522 Mil­lio­nen Dol­lar Ge­samt­preis­geld sind für den Self­made-Mil­li­ar­där fast ein Pap­pen­stil. Die graue Emi­nenz des US-Renn­sports fei­ert in die­ser Sai­son ihr 50. Mo­tor­sport-Ju­bi­lä­um. Ein wei­te­rer Sieg hät­te da gut ins Re­sü­mee ge­passt. 16 In­dy 500-Sie­ge hat „The Cap­tain“seit 1972 be­reits an­ge­sam­melt. „Je­des Ren­nen ist wich­tig“, sagt Pens­ke,„aber kei­nes ist wich­ti­ger als das In­dy 500“. Die­ses Mal wa­ren die Au­tos sei­ner Star­pi­lo­ten schlicht zu lang­sam (Pa­gen­aud), hat­ten nicht die pas­sen­de Stra­te­gie (Cas­tro­ne­ves, Po­wer) oder es kam ein Crash da­zwi­schen (Mon­toya). 279.000 Sitz­plät­ze bie­tet die wei­te Are­na ent­lang der 2,5 Mei­len lan­gen Pis­te. Hin­zu kom­men un­ge­zähl­te Steh­plät­ze auf den Wie­sen im In­field. Ge­naue Be­su­cher­zah­len gibt die Hul­manGe­or­ge-Fa­mi­lie nicht be­kannt. Fakt ist: Die 500 Mei­len von In­dia­na­po­lis sind die größ­te Ein­ta­ges-Ver­an­stal­tung der Welt. Im Ju­bi­lä­ums-Jahr wa­ren die Plät­ze aus­ver­kauft wie nichts. Mitt­woch vor dem Ren­nen muss­te so­gar der Ti­cket­ver­kauf für den In­nen­raum ge­stoppt wer­den – we­gen dro­hen­der Über­fül­lung. Ein No­vum in der 107-jäh­ri­gen His­to­rie des Speed­way. Weit über 350.000 Fans ström­ten seit 6:00 Uhr mor­gens mit dem Öff­nen der To­re in das Oval. So vie­le wie noch nie. Sie al­le er­leb­ten den Über­ra­schungs­sieg von Alex­an­der Ros­si. Der 24-jäh­ri­ge Ka­li­for­ni­er ist trotz sei­ner fünf For­mel-1-Starts 2015 ein No­bo­dy. De­mü­tig fal­te­te er auf dem Sie­ger­po­dest die Hän­de, be­vor er aus sei­nem Dall­araHon­da stieg. „Zu­vor bin ich nur ein­mal in ei­nem Oval ge­fah­ren“, be­kann­te er. Die ge­wief­te Stra­te­gie sei­nes And­ret­ti-Her­ta-Teams kam ihm zu­gu­te. Ros­si ab­sol­vier­te sei­nen letz­ten Tank­stopp in der 163. von 200 Run­den. Nun war Sprit­spa­ren an­ge­sagt. Die Kon­kur­renz muss­te in den Schluss­run­den zum Nach­tan­ken. Ei­ne wei­te­re Sa­fe­ty­CarPha­se er­gab sich nicht: Ros­si roll­te mit re­du­zier­tem Tem­po dem Ziel ent­ge­gen: „In den letz­ten vier Run­den muss­te ich un­glaub­lich ge­dul­dig sein“, un­ter­strich er. In der letz­ten Run­de ver­lor er ge­gen­über sei­nem And­ret­ti-Team­kol­le­gen Car­los Mu­noz fast zehn Se­kun­den: Wäh­rend Ros­si mit Tem­po 288 da­her­trö­del­te, jag­ten ihn die Ver­fol­ger mit Speeds über 350 km/ h. Letzt­lich kreuz­te Ros­si mit 4,5 Se­kun­den Vor­sprung die be­rühm­te Zi­el­li­nie aus Back­stei­nen. Der letz­te Roo­kie, der das In­dy 500 ge­win­nen konn­te, war 2001 He­lio Cas­tro­ne­ves. „Die emo­tio­na­le Ach­ter­bahn in die­sem Ren­nen ist der Wahn­sinn“, sag­te Ros­si. „Ich glau­be, jetzt brau­che ich erst­mal ei­nen Psych­ia­ter.“Vi­el­leicht auch, weil er mit dem vie­len Preis­geld klar­kom­men muss: 2,45 Mil­lio­nen Dol­lar hat der Roo­kie be­kom­men, 40 Pro­zent da­von ge­hen an ihn. Pre­mie­ren­sie­ger Ray Har­roun fuhr 1911 ge­ra­de ein­mal 14250 Dol­lar ein.

33 Au­tos for­mie­ren sich vor vol­lem Haus: Hinch­clif­fe (r.) auf Po­le, in der Mit­te New­gar­den, au­ßen Hun­ter-Re­ay Auch ei­ne der vie­len Tra­di­tio­nen in In­dy: Die Milch für den Sie­ger gibt es seit 1936 Teil der Ze­re­mo­nie: Sie­ger­fo­to am Mon­tag­mor­gen mit Tro­phäe, Blu­men­kranz und Renn­au­to Ers­ter Sieg ei­nes US-Roo­kies seit 1928: Ros­si führ­te 14 Run­den und fuhr auch die schnells­te Bis zum En­de an den Tri­umph ge­glaubt: Ka­na­an (10) wur­de Vier­ter, New­gar­den (21) Drit­ter Kein Sieg für „The Cap­tain“Ro­ger Pens­ke zum 50. Te­am­ju­bi­lä­um: Will Po­wer wur­de nur Zehn­ter

Mit Voll­gas fährt das Feld durch Turn 1. Das Ren­nen er­leb­te 54 Füh­rungs­wech­sel mit 13 Fah­rern

Be­gehr­tes­te Tro­phäe des Mo­tor­sports: die sil­ber­ne Borg War­ner-Tro­phy, auf der seit 1936 al­le In­dy-Sie­ger als Re­lief pran­gen. Ma­te­ri­el­ler Wert heu­te: 3,5 Mil­lio­nen Dol­lar

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