Am Steu­er ei­nes Mer­ce­des SSK bei der Mil­le Miglia

Rudolf Ca­rac­cio­la ge­wann 1931 die Mil­le Miglia mit ei­nem Mer­ce­des SSK. 85 Jah­re spä­ter kämpf­ten Mer­ce­des-Ent­wick­lungs­vor­stand Tho­mas We­ber und ich um Lor­bee­ren bei dem le­gen­dä­ren Ren­nen

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Vol­ker Ko­erdt FO­TOS Werk ]

„Stopp, das reicht nicht!“, schreit Tho­mas We­ber, doch zu spät. Der Kom­pres­sor des SSK dröhnt, die 330 PS ka­ta­pul­tie­ren den über 1500 Ki­lo­gramm schwe­ren Mer­ce­des-Renn­wa­gen un­auf­halt­sam vor­wärts. Der Über­hol­vor­gang lässt sich nicht mehr ab­bre­chen, ich be­fin­de mich be­reits auf der Hö­he des lang­sa­men Fahr­zeugs. Dass man ei­ne zwei­spu­ri­ge Stra­ße bei der Mil­le Miglia zur drei­spu­ri­gen er­klärt, ist nichts Un­ge­wöhn­li­ches, doch das ent­ge­gen­kom­men­de Au­to fährt ver­dammt schnell. „Das reicht nicht!“, ruft We­ber noch ein­mal ein­dring­lich. Jetzt ist das Au­to auf un­se­rer Hö­he. Es wird eng. Es sind zwar nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter, aber das reicht. „Da hät­te noch ein Ac­tros durch­ge­passt“, scher­ze ich. Der schwä­bi­sche Ent­wick­lungs­chef von Mer­ce­des kon­tert: „Vi­el­leicht ein Räd­le da­von“. Zu­sam­men mit Tho­mas We­ber neh­me ich in ei­nem SSK in Renn­ver­si­on an der Mil­le Miglia teil. Mit ei­nem Bo­li­den von 1928 mit sechs Zy­lin­dern in Rei­he, 7,2 Li­tern Hu­b­raum, Kom­pres­sor, 330 PS und 700 New­ton­me­tern fah­ren wir auf den Spu­ren von Rudolf Ca­rac­cio­la. Manch ei­ner wird sich noch an den Na­men er­in­nern. Ca­rac­cio­la stamm­te aus Remagen und war der Micha­el Schu­ma­cher sei­ner Zeit, er­folg­reich in

zahl­lo­sen Renn­schlach­ten. Er ge­wann 1931 nicht nur die Mil­le Miglia am Steu­er ei­nes SSK, son­dern war auch der ers­te Nicht-Ita­lie­ner, der das Spek­ta­kel für sich ent­schei­den konn­te. Was es be­deu­tet, die 1000 Mei­len in ei­nem fast 90 Jah­re al­ten Renn­wa­gen in vier Ta­gen quer durch Ita­li­en zu­rück­zu­le­gen, soll­te ich bald er­fah­ren. Bei Ge­schwin­dig­kei­ten bis 150 km/ h in ei­nem Old­ti­mer mit we­nig Schlaf – spä­tes An­kom­men ist ge­nau­so ga­ran­tiert wie frü­hes Auf­ste­hen – sind die Stra­pa­zen nicht zu un­ter­schät­zen. Da­zu kommt das Ge­wu­sel im Stop&-Go-Ver­kehr der gro­ßen Städ­te Bre­scia, Flo­renz oder Rom. Und wenn Du meinst, Du kannst Dich mal ent­span­nen, machst Du schon Feh­ler. Die Son­der­prü­fun­gen for­dern vol­le Kon­zen­tra­ti­on, denn es gilt, auf die Hun­derts­tel­se­kun­de ge­nau die Zeit­mes­sung aus­zu­lö­sen, wenn das Rad über den Schlauch fährt. Ein­mal ver­haue ich den Start, weil ich das iPad mit der ein­ge­spei­cher­ten Zeit nicht in Gang krie­ge. Wahr­schein­lich ha­be ich zu we­nig Druck auf den Knopf aus­ge­übt. „Die­se Prü­fung ha­ben wir ver­geigt – ge­nau­er ge­sagt ich“. „Wir müs­sen uns kon­zen­trie­ren“, mo­ti­viert mich Tho­mas We­ber. „Jetzt nicht den Kopf hän­gen las­sen“. Mein Mit­strei­ter ist im rich­ti­gen Le­ben Ent­wick­lungs­vor­stand von Mer­ce­des. Der ent­spann­te und im­mer freund­li­che Schwa­be, der in sei­ner Ju­gend mal Sieb­ter bei der Ru­der-WM im Vie­rer war, fährt wie ein Uhr­werk. Der In­ge­nieur be­wegt den SSK be­reits zum drit­ten Mal auf der Mil­le, ist prak­tisch ein al­ter Ha­se auf dem Au­to. Für mich ist es die Pre­mie­re im SSK, auch wenn ich die Mil­le schon mehr­mals ge­fah­ren bin. Der al­te Ren­ner von 1928 hat sei­ne Tü­cken. Er wirkt wie ein ra­sen­des Fos­sil aus ei­ner an­de­ren Welt. Zu al­lem Übel sind die Pe­da­le an­ders an­ge­ord­net als üb­lich. Das Gas­pe­dal ist in der Mit­te, die Brem­se rechts und die Kupp­lung links plat­ziert. Das will ge­lernt sein, denn wenn man aus Ver­se­hen Gas gibt statt zu brem­sen, kracht es. Das schlech­te Wet­ter tut sein Üb­ri­ges. Bei der An­kunft in Bre­scia reg­net es in Strö­men, tie­fe Wol­ken­fel­der hän­gen über den Al­pen, und der Him­mel öff­net sei­ne Schleu­sen. Re­gen­klei­dung ist ge­fragt, doch die Wet­te­run­bil­den wer­den für uns et­was ge­mil­dert: Der SSK be­kommt für sol­che Fäl­le ein klei­nes Stoff­dach über­ge­spannt. Al­ler­dings be­sit­zen die steil ste­hen­den klei­nen Fens­ter kei­ne Schei­ben­wi­scher. Der Mer­ce­des röhrt die Ser­pen­ti­nen nach San Ma­ri­no hoch, das oben auf dem Berg thront und wie ein Mo­no­lith aus dem ihn um­ge­ben­den Ita­li­en her­aus­ragt. Dich­te Ne­bel wa­bern durch die Gäss­chen des ma­le­ri­schen Stadt­staats. Du siehst die Hand vor den Au­gen nicht, ge­schwei­ge denn die Son­der­prü­fun­gen. Zu­frie­den sind wir nicht, als wir spät­abends im Ho­tel die Zwi­schen­er­geb­nis­se er­fah­ren: Wir lie­gen le­dig­lich auf dem 122. Rang. Tho­mas We­ber kom­men­tiert un­ge­rührt: „Es hät­te schlim­mer kom­men kön­nen.“End­lich – am drit­ten Tag beim Start in Rom hat der Re­gen auf­ge­hört. Wir wa­gen es: Das „klei­ne Schwar­ze“hat aus­ge­dient, das Dach kommt run­ter. Und dann, plötz­lich, ist die Son­ne da. Die Tos­ka­na prä­sen­tiert sich im bes­ten Licht. Das Ther­mo­me­ter klet­tert auf 27 Grad. So macht die Mil­le Miglia Spaß. Die Dör­fer schmie­gen sich an die sanft ge­schwun­ge­nen grü­nen Hän­ge, der Gins­ter­duft der gel­ben Blü­ten zieht in die Na­se – herr­lich! Wir fah­ren am La­go di Vi­co ent­lang, und das Son­nen­licht spie­gelt sich wie tau­send klei­ne Glit­zer­per­len auf der Was­ser­ober­flä­che. Mit dem bes­se­ren Wet­ter kommt auch die Form. Wir bei­de ha­ben auch et­was Zeit

Von Remagen nach Ra­ven­na - Wie muss sich Car­rac­cio­la ge­fühlt ha­ben?

ge­braucht, um uns als Team auf­ein­an­der ein­zu­spie­len. Der Ent­wick­lungs­chef fährt im­mer die Son­der­prü­fun­gen, da­zwi­schen wech­seln wir uns am Steu­er ab. We­ber, in­zwi­schen 62 Jah­re alt, drah­tig und fit, be­wegt den SSK so rou­ti­niert, als sei es sein täg­li­cher Di­enst­wa­gen. Die Gleich­mä­ßig­keits­prü­fun­gen ab­sol­viert Tho­mas „Tem­po­mat“We­ber, wie ich ihn nen­ne, mit höchs­ter schwä­bi­scher Prä­zi­si­on. Der SSK macht ihm sicht­lich Spaß. „Das war da­mals High-Tech. Heu­te ist es wie LKW fah­ren, nur mit Po­wer“. Die nächs­te Son­der­prü­fung naht. „Gib mir mal die Zah­len, ich glau­be, wir müs­sen da noch was um­rech­nen. Kannst Du mal mit­schrei­ben?“, kommt es in Se­kun­den­schnel­le. Ob er gut in Ma­the­ma­tik war, fra­ge ich ihn ver­blüfft. Fast schon schwä­bisch be­schei­den und leicht ver­le­gen lau­tet die Ant­wort: „Ziem­lich gut“. Okay, da­mit wä­re auch ge­klärt, war­um ich bes­ser Jour­na­list ge­wor­den bin. Jetzt tief durch­at­men und recht­zei­tig die Zeit­mes­sung drü­cken. „Und los!“, schreit Tho­mas. „Ja, das hat ge­passt!“, freut sich der Daim­lerMa­na­ger. Und er soll Recht be­hal­ten: Bei die­ser Prü­fung er­zie­len wir das viert­bes­te Re­sul­tat von über 300 Teil­neh­mern. Das soll uns am nächs­ten Tag so­gar noch mal ge­lin­gen. Und als wir abends schließ­lich er­fah­ren, wo wir in­zwi­schen im Ge­samt­klas­se­ment lie­gen, sind wir wirk­lich er­staunt: Platz 86 – das hät­ten wir nicht ge­dacht. Zu was die 330 PS in der La­ge sind, wenn man das Gas­pe­dal voll durch­drückt und der Kom­pres­sor wie ei­ne Po­li­zei­si­re­ne er­tönt, be­kommt ein ak­tu­el­ler Mit­tel­klas­se-Kom­bi zu spü­ren, der im wah­ren Le­ben 184 PS hat. Das Fa­b­ri­kat ver­schwei­gen wir hier mal ge­flis­sent­lich. Als der SSK voll be­schleu­nigt, setzt der Kom­bi ge­ra­de zum Über­ho­len an, doch dann baut der Kom­pres­sor Druck auf – und der SSK schießt nach vor­ne. Der Kom­bi-Fah­rer hält ver­zwei­felt da­ge­gen, hat aber kei­ne Chan­ce. Die­ses Schick­sal tei­len noch vie­le an­de­re All­tags­fah­rer im Ver­lauf der Mil­le. Ja, auf der Gera­den bist du mit dem SSK der King. Doch so­bald Kur­ven kom­men, musst du recht­zei­tig mit Ur­ge­walt in die Brem­se tre­ten, denn mit Stop­pern von 1928 ist das so ei­ne Sa­che. Un­vor­stell­bar, dass Ca­rac­cio­la mit die­sem Au­to 200 St­un­den­ki­lo­me­ter schnell war. Dann kom­men da noch die enor­men Lenk­kräf­te hin­zu. Ser­vo war zum da­ma­li­gen Zeit­punkt wirk­lich noch ein Fremd­wort. Plötz­lich: Der Big Block des Mer­ce­des stot­tert, schlürft, he­chelt, nimmt kein Gas mehr an. Wir rol­len aus. Ur­sa­chen­for­schung. Hek­ti­sches Te­le­fo­nie­ren mit den Mecha­ni­kern. Das Be­gleit­fahr­zeug kommt. Der Tank­de­ckel ist nicht rich­tig zu, das Au­to saugt Luft, da­durch ent­steht Un­ter­druck, und der SSK be­kommt kei­nen Sprit mehr. Jetzt müs­sen wir die me­cha­ni­sche Pum­pe be­tä­ti­gen, um das Ben­zin vom Haupt­tank in den Vortank zu be­för­dern. Von dort aus ge­langt es in den Ver­bren­nungs­raum. Doch meis­tens ar­bei­tet die schwä­bi­sche Tech­nik wie am Schnür­chen. Zwei­mal müs­sen wir noch den Schalt­fin­ger vom Schalt­he­bel jus­tie­ren, an­sons­ten läuft der Klas­si­ker ta­del­los. Je­des Team hat sein ei­ge­nes klei­nes Dra­ma. So wer­den Bernd Mai­län­der und Tho­mas Gei­ger von tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten heim­ge­sucht, wäh­rend die Mil­le-Neu­lin­ge El­len Lohr und Su­si Wolff über das fah­re­ri­sche En­ga­ge­ment bei dem 1000-Mei­len-Klas­si­ker stau­nen. „Ich wuss­te nicht, dass sich hier al­le so rein­hän­gen. Mor­gen fah­re ich auch im Kampf­mo­dus“, kün­digt Wolff abends an. Am En­de rol­len wir in Bre­scia als 86. durchs Ziel – hun­de­mü­de, aber zu­frie­den. Da­bei ha­ben wir uns von Tag zu Tag ge­stei­gert, vom 122. Platz am ers­ten über den 105. am zwei­ten bis zum er­freu­li­chen En­d­er­geb­nis. „Das schreit nach Wie­der­ho­lung“, grinst Tho­mas We­ber.

Der SSK er­klärt dir ein­drucks­voll den Be­griff Kraft­fahrt

Der Mer­ce­des-Mo­no­lith: ein wah­rer Bro­cken von Mo­tor. 7,2 Li­ter Hu­b­raum aus sechs Zy­lin­dern, 330 PS und über 500 Ki­lo schwer

Das muss man wis­sen: Ist der Tank­de­ckel nicht rich­tig ver­schlos­sen, zieht der SSK Luft und bleibt ste­hen. Dann muss per Hand Kraft­stoff vom Haupt­tank in den Vortank ge­pumpt wer­den (oben). So sa­hen Renn­wa­gen in den spä­ten 1920er-Jah­ren aus: schwer­gän­gi­ges, dünn­nes Lenk­rad wie in ei­nem LKW, da­zu Stock­he­bel-Hand­brem­se, ein el­len­lan­ger Schalt­knüp­pel und we­nig Platz im In­nen­raum

Mit­strei­ter aus dem Mer­ce­des- Team: Renn-As Bernd May­län­der und Au­to­Zei­tung-Mit­ar­bei­ter Tho­mas Gei­ger leis­ten Schwerst­ar­beit im Mer­ce­des SS

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