24 h-Ren­nen von Le Mans

Die 84. Aus­ga­be der 24 St­un­den von Le Mans wird we­ni­ger we­gen des 18. Por­sche-Ge­samt­sie­ges in Er­in­ne­rung blei­ben. Son­dern vor al­lem we­gen To­yo­ta: Nur ei­ne Run­de vor Ren­nen­de ging der si­cher ge­glaub­te Tri­umph ver­lo­ren

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gre­gor Mes­ser

Sol­che Ge­schich­ten schreibt nur der Renn­sport. Die­se 24 St­un­den von Le Mans bie­ten die Fort­set­zung ei­ner Ne­ve­r­en­ding-Sto­ry, in der Dra­ma, Trä­nen und Tri­umph das Kor­sett der Hand­lung bil­den und die Gren­zen zur Fas­sungs­lo­sig­keit eis­kalt über­schrei­tet. In die­sem Jahr kommt auch noch die Vo­ka­bel „Tur­bo­la­der“ins Skript, das die gan­ze ver­rück­te Ge­schich­te von der un­ver­dien­ten Nie­der­la­ge und ei­nem über­ra­schen­den Sieg in sei­ner un­barm­her­zi­gen Schick­sals­här­te er­zählt. Le Mans lehrt ei­nen De­mut, das ist nichts Neu­es. Ganz gleich, ob man als Sie­ger oder Ge­schei­ter­ter die Büh­ne ver­lässt. Aber solch ein Fi­nish hat man an der Sarthe noch nicht er­lebt. Noch in Jahr­zehn­ten wird man sich an die­sen Renn­aus­gang er­in­nern: Le Mans 2016 wird als Re­fe­renz­punkt für mo­nu­men­ta­les sport­li­ches Leid zi­tiert wer­den. Und so grau­sam es sich für To­yo­ta an­hö­ren mag: Es ist ge­nau die­ser Wahn­sinn, den die­ses gro­ße Ren­nen noch grö­ßer macht. Beim Au­to­mo­bi­le Club de l’Ou­est als Ver­an­stal­ter reibt man sich die Hän­de.

Freu­den­trä­nen in der Por­sche-Box, läh­men­de Ago­nie bei To­yo­ta

Sechs­ein­halb Mi­nu­ten vor Ablauf der 24. St­un­de funkt Schluss­fah­rer Ka­zui Na­ka­ji­ma so un­er­war­tet wie ver­zwei­felt die To­yo­ta-Box an: „Ich ha­be kei­ne Po­wer!“Statt mit Tem­po 330 über die Hu­n­au­diè­res-Ge­ra­de zu fe­gen, strau­chelt der schwarz-rot-wei­ße TS050 mit schlap­pen 200 sei­nes We­ges – und wird im­mer lang­sa­mer. Den Grund of­fen­bart To­yo­ta erst vier Ta­ge spä­ter: Ein Ver­bin­dungs­stück zwi­schen Tur­bo­la­der und La­de­luft­küh­ler ist der Ca­sus Knacksus, der auch die ele­kro­ni­sche Steue­rung des La­ders be­ein­träch­tigt. Das Team ver­sucht zwar noch an­de­re Set­tings zu star­ten – aber dar­aus wird nichts. So lang­sam, wie Na­ka­ji­ma sei­nen waid­wun­den Bo­li­den Rich­tung Start- und Ziel-Are­al trägt, so lang­sam erst däm­mert den Men­schen auf den Tri­bü­nen und in der Bo­xen­gas­se, was wirk­lich los ist. Mit letz­ter Kraft kreuzt der Ja­pa­ner die Li­nie zur letz­ten Run­de ... und bleibt ste­hen,

just als der Por­sche die Füh­rung über­nimmt. Freu­den­trä­nen in der Por­sche-Box. Läh­men­de Ago­nie bei To­yo­ta. „Ich glaub­te zu­erst: Der war­tet auf den zwei­ten To­yo­ta, für das Fo­to-Fi­nish“, sagt Por­sche-Pi­lot Mark Web­ber mit ei­ser­ner Mie­ne. Der Aus­tra­li­er steht kurz nach dem dra­ma­ti­schen Fi­na­le vor der To­yo­ta-Box am Be­ginn der Bo­xen­gas­se. Auf der ei­nen Sei­te der Ju­bel um Por­sche. Aber auch tie­fe De­pres­si­on. Au­di-Sport­chef Wolf­gang Ull­rich zählt eben­falls zu den vie­len Ak­ti­ven, die den Ja­pa­nern Trost zu­spre­chen wol­len. Die Emo­tio­nen über­wäl­ti­gen ihn, den Feld­herrn über 13 Le Mans-Sie­ge: Ull­rich ste­hen die Trä­nen in den Au­gen. Der Schick­sals­schlag trifft nicht nur To­yo­ta. Son­dern be­rührt die gan­ze Welt des Mo­tor- sports. „Ich dach­te, wir hät­ten ei­nen schlech­ten Tag ge­habt. Aber was To­yo­ta pas­sier­te, ist das Trau­rigs­te, was ich je er­lebt ha­be“, kon­do­liert Au­di-Star An­dré Lot­te­rer via Twit­ter. Sein Team­kol­le­ge Oli­ver Jar­vis fasst es am deut­lichs­ten zu­sam­men: „Gratulation an Por­sche. Aber mei­ne Ge­dan­ken sind bei To­yo­ta. Ich hät­te es lie­ber ge­se­hen, wenn To­yo­ta hier oben ge­stan­den hät­te, und ich wür­de nur zu ger­ne mei­nen drit­ten Platz da­für her­ge­ben. Ich bin trau­rig, und ich ver­las­se Le Mans mit ei­nem ko­mi­schen Ge­fühl. Ich bin mir si­cher, dass es den Fans und je­dem hier auch so geht.“Nun schlägt auch noch die Här­te des Re­gle­ments zu: Ob­wohl Na­ka­ji­ma die letz­te Run­de um den 13,6-Kilometer-Kurs rollt und so­mit die glei­che Dis­tanz wie die Sie­ger zu­rück­legt,

wird der To­yo­ta nicht ge­wer­tet. Die Schluss­run­de muss un­ter sechs Mi­nu­ten ab­sol­viert wer­den. Na­ka­ji­ma braucht mehr als elf. Da­mit rückt Au­di auf Rang drei. Und hält die Se­rie der Ziel­an­künf­te in den Top 3 seit dem De­büt 1999 auf­recht. Da­bei sind die vier Rin­ge in die­sem Jahr chan­cen­los: Tur­bo­la­der, Brem­sen, vor al­lem aber kein Grip – so liest sich die Lis­te der Ma­lai­sen. Das To­yo­ta-Dra­ma ver­wischt nicht den Blick auf ei­nen kei­nes­falls un­ver­dien­ten Er­folg des Por­sche-Teams mit Po­le-Set­ter Neel Ja­ni, Ro­main Du­mas und Marc Lieb. „Wenn dir Le Mans den Sieg so an­bie­tet, greifst du na­tür­lich zu“, sagt Ro­main Du­mas völ­lig un­ge­niert. Über die ge­sam­te Dis­tanz lie­fern sich der ein­zi­ge noch um den Sieg kämp­fen­de Por­sche

To­yo­ta ins­ge­samt führ­te 281 run­den. por­sche 104, Au­di nur drei

(Start­num­mer 1 ver­bannt die Re­pa­ra­tur ei­ner de­fek­ten Was­ser­pum­pe für zwei­ein­halb St­un­den in die Ga­ra­ge) und die To­yo­ta ei­nen har­ten Kampf. Die TS050 ab­sol­vie­ren 14-Run­denSt­ints. Ein stra­te­gi­scher Vor­teil. Die Por­sche sind et­was schnel­ler, müs­sen aber be­reits nach 13 Run­den auf­tan­ken. Erst in den letz­ten Renn­stun­den fährt auch Por­sche 14-Run­den-St­ints. Vier Sa­fe­ty-Car-Pha­sen und 24 so­ge­nann­te Slow Zo­nes, in de­nen nicht schnel­ler als Tem­po 80 ge­fah­ren wer­den darf, be­glei­ten die­ses Ren­nen. „Die To­yo­ta hat­ten Vor­tei­le auf den Gera­den, wir in den Por­scheKur­ven“, ana­ly­siert Sie­ger Marc Lieb, „aber da wa­ren oft Slow Zo­nes.“Zu­dem büßt der Por­sche Grip an den Vor­der­rä­dern ein, wenn die ge­brauch­ten Rei­fen im lang­sa­men Rol­len durch die Slow Zo­nes aus dem Tem­pe- ra­tur­fens­ter fal­len. „Wir konn­ten le­dig­lich in der Nacht Zeit gut­ma­chen“, ver­rät Lieb, „auf wei­chen Rei­fen.“Por­sche wür­digt To­yo­ta als groß­ar­ti­gen Geg­ner: „24 St­un­den ge­mein­sam ge­kämpft. 24 St­un­den Kopf an Kopf. Ein Le­ben lang un­se­ren Re­spekt ver­dient“, heißt es in den Sie­ge­s­an­zei­gen aus Zuf­fen­hau­sen. To­yo­ta, nun schon zum fünf­ten Mal Zwei­ter in Le Mans, beißt die Zäh­ne zu­sam­men: „Wir wer­den wie­der­kom­men. Noch stär­ker. Und mit noch grö­ße­rem Sie­ges­wil­len“, ver­spricht To­yo­ta-Sport­chef To­shio Sa­to. „Ei­ne trau­ri­ge Ge­schich­te“, fasst Ge­samt­sie­ger Lieb zu­sam­men. „Un­ser Kampf mit To­yo­ta war ver­rückt. Ge­nau so soll­te Ra­c­ing sein: Fla­tout über die ge­sam­te Dis­tanz. Aber so ist der Sport. Es kann nur ei­nen Sie­ger ge­ben.“

Po­di­um: Die Por­sche-Mann­schaft wird flan­kiert von der zweit­plat­zier­ten To­yo­ta-Cr­ew (l.) und dem Au­di-Team (r.)

Ju­bel bei Por­sche: Te­am­chef En­zin­ger, Vor­stand Mül­ler, Wolf­gang Por­sche, Du­mas, Tech­nik­chef Seidl, Lieb

Le Mans, 19. Ju­ni 2016, 14.57 Uhr: To­yo­ta-Pi­lot Na­ka­ji­ma stran­det mit sei­nem TS050, wäh­rend im Hin­ter­grund Ja­ni im Por­sche 919 die Füh­rung über­nimmt. Nach 1994, 1998 und 1999 ent­glei­tet den Ja­pa­nern er­neut der lang­er­sehn­te Sieg in Le Mans kurz vor dem Ziel

Tol­les Come­back von Ford: 50 Jah­re nach dem Ge­samt­sieg im GT40 ge­wan­nen die Ame­ri­ka­ner mit dem neu­en GT nach ei­ner lan­gen Schlacht ge­gen Fer­ra­ri die GTE-Klas­se und be­leg­ten zu­dem die Rän­ge drei und vier. Die tech­ni­sche Ein­stu­fung (BoP) der Ford war stark um­strit­ten

No­vum in Le Mans: Nach Stark­re­gen vor dem Start wird die ers­te Renn­stun­de hin­ter dem Sa­fe­ty­Car ge­fah­ren

Zwölf Run­den Rück­stand: Der bes­te Au­di R18 wur­de Drit­ter, ver­brach­te aber fast 80 Mi­nu­ten an der Box

Knap­per LMP2-Sieg: La­pier­re/Me­ne­zes/Ri­chel­mi im Al­pi­ne blie­ben run­den­gleich vor Rast/Ru­si­nov/Ste­vens

Nächt­li­cher Halt des sieg­rei­chen Por­sche: Du­mas steigt aus, Lieb ein. Das Au­to stand bei 30 Stopps für 38 Mi­nu­ten an der Box. Geg­ner To­yo­ta ver­buch­te mit Num­mer 5 ei­nen Tank­stopp und 1.40 min Stand­zeit we­ni­ger

Der zwei­te To­yo­ta lag 163 Run­den in Füh­rung, büß­te aber nach ei­nem Dre­her Ko­ba­ya­shis drei Run­den ein

Der Vier­fach-Am­pu­tier­te Fré­de­ric Saus­set steu­er­te mit Bou­vet (l.) und Tin­seau ei­nen LMP2 ins Ziel

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