Hy­un­dai Io­niq To­yo­ta Pri­us

Mit der neu­en To­yo­ta Pri­us-Ge­ne­ra­ti­on wird der Hy­brid-Pio­nier aus Ja­pan 19 Jah­re alt – kaum zu glau­ben, dass er erst jetzt ei­nen Geg­ner be­kommt. Wie schlägt sich der Hy­un­dai Io­niq im Ver­gleich?

AUTO ZEITUNG - - Inhalt - Johannes Riegs­in­ger

Hut ab, To­yo­ta. Seit bei­na­he zwei Jahr­zehn­ten päp­pelt der ja­pa­ni­sche Kon­zern den Pri­us vom Son­der­ling zum Pio­nier zum Kult­ob­jekt zum Trend­set­ter hoch. Der To­yo­ta ist so et­was wie der Com­mo­do­re C64 oder App­le Ma­c­in­tosh des Hy­brid-Trends: Er de­fi­niert, was min­des­tens mög­lich sein muss – we­ni­ger als Pri­us geht nicht. An­fangs be­lä­chel­te die Kon­kur­renz das schrul­li­ge High­tech-Ex­pe­ri­ment, schrieb den Er­folg des Pri­us dann sei­ner Ge­folg­schaft aus Hol­ly­wood-Pro­mi­nenz und zeit­geis­ti­gen Bes­ser­wis­sern zu. Schließ­lich brö­ckel­te die Front doch: Plötz­lich will je­der Her­stel­ler Hy­bridau­tos im Pro­gramm ha­ben, der Pri­us be­kommt schlag­ar­tig Kon­kur­renz. Da­bei macht es To­yo­ta den Wett­be­wer­bern nicht leicht. Die ja­pa­ni­schen In­ge­nieu­re pfle­gen ih­ren Hy­brid-Stern mit gro­ßem Be­har­rungs­ver­mö­gen und noch mehr Know­how, und seit An­fang des Jah­res rollt die mitt­ler­wei­le vier­te Ge­ne­ra­ti­on an. Dass To­yo­ta da­bei mit dem Pri­us nicht so falsch lie­gen kann, be­weist der Vor­stoß des gro­ßen ko­rea­ni­schen Her­stel­lers Hy­un­dai, der mit dem völ­lig neu­en Io­niq kon­zep­tio­nell ex­akt ins Fahr­was­ser des Pri­us schwenkt und nur bei ei­ni­gen we­ni­gen Ele­men­ten ab­weicht: glei­cher Rad­stand, vier­tü­ri­ge Ka­ros­se­rie mit ae­ro­dy­na­mi­schem Schräg­heck samt in die Heck­schei­be ein­ge­las­se­ner Spoi­ler­lip­pe, auf At­kin­son-Ma­ger­be­trieb aus­ge­leg­ter Ben­zi­ner der 100-PSKlas­se, da­zu ein per­ma­nent er­reg­ter Syn­chron-E-Mo­tor, der ei­ne Rol­le als Un­ter­stüt­zungs­an­trieb spie­len darf und nur sel­ten als al­lei­ni­ger An­trieb ak­tiv wer­den muss. Die we­sent­li­chen Un­ter­schie­de des Io­niq Hy­brid zum To­yo­ta Pri­us lie­gen im Ge­trie­be, in der Ba­lan­ce zwi­schen E-Mo­tor und Ver­bren­ner und in der De­sign-Phi­lo­so­phie. Denn Hy­un­dai setzt auf ein tra­di­tio­nel­les Fahr­er­leb­nis und hofft, so die Schwach­punk­te des Pri­us aus­zu­nut­zen. Auch wenn To­yo­ta mit der ak­tu­el­len Pri­usGe­ne­ra­ti­on durch akus­ti­sche Maß­nah­men und mo­di­fi­zier­te Ge­trie­be­steue­rungs-Al­go­rith­men ver­sucht hat, den Haupt­nach­teil des stu­fen­los ar­bei­ten­den Ge­trie­bes her­un­ter­zu­spie­len, blei­ben das jau­len­de Mo­tor­ge­räusch und die sub­jek­tiv schlap­pe Leis­tungs­ent­fal­tung des Pri­us sei­ne Achil­les­fer­se: Bei je­dem Be­schleu­ni­gungs­vor­gang jen­seits der Ka­te­go­rie „Schüch­tern“ju­belt der 1,8-Li­ter-Ben­zi­ner so­fort an­ge­strengt auf ein fi­xes Dreh­zahl­ni­veau hoch, und die Au­to­ma­tik stellt dann Be­schleu­ni­gung per stu­fen­los glei­ten­der Über­set­zungs­ver­län­ge­rung her. Auch wenn das tech­nisch sehr ef­fi­zi­ent sein mag, er­weist sich der To­yo­ta be­son­ders auf län­ge­ren schnel­le­ren Au­to­bah­n­etap­pen als akus­tisch an­stren­gend. Hy­un­dai lässt sich gar nicht erst auf ein sol­ches Ge­trie­be-Ex­pe­ri­ment ein, son­dern ver­baut im Io­niq ein mo­der­nes Sechs­gang-Dop­pel­kupp-

Der Hy­un­dai Io­niq Hy­brid setzt auf ein tra­di­tio­nel­les Fahr­er­leb­nis

lungs­ge­trie­be, das durch die wech­seln­den Dreh­zahl­hö­hen bei zu­gleich ruck­frei­en Schalt­vor­gän­gen we­sent­lich an­ge­neh­mer wirkt. Ob­wohl bei­de Hy­bridau­tos laut Werks­an­ga­ben ähn­li­che Fahr­leis­tun­gen er­rei­chen, fühlt sich der Hy­un­dai sprit­zi­ger an, je nach Fahr­mo­dus so­gar fast sport­lich. Rein elek­tri­sches Fah­ren geht im Io­niq da­ge­gen nicht – wie im Pri­us für ei­ni­ge Ki­lo­me­ter – auf Knopf­druck, denn die An­triebs­steue­rung schal­tet den Ver­bren­nungs­mo­tor nach dem An­fah­ren und we­ni­gen Me­tern kon­se­quent zu. Al­ler­dings ist im EV-Mo­dus des To­yo­ta Pri­us die Bat­te­rie nach we­ni­gen Ki­lo­me­tern leer, und schon mi­ni­ma­le Dy­na­mik-An­for­de­run­gen las­sen den Ver­bren­ner los­lau­fen. Trotz­dem weist der Norm­ver­brauch von 3,0 l/100 km den Pri­us als das ef­fi­zi­en­te­re Fahr­zeug in die­sem Ver­gleich aus – der Io­niq kommt auf 3,4 l/100 km. Dass der Hy­un­dai als das at­trak­ti­ver zu fah­ren­de Au­to wahr­ge­nom­men wird, liegt aber auch an den Fahr­wer­ken der bei­den Kon­tra­hen­ten: Der Pri­us gibt sich zwar ent­spannt und an­ge­nehm ge­schmei­dig, kann zum kom­for­ta­blen Grund­cha­rak­ter (ab­ge­se­hen von sei­ner Akus­tik) aber kei­ne wei­te­ren Fahr­spaß-Ele­men­te bei­tra­gen. Der Io­niq rollt zwar ähn­lich ho­mo­gen ab, zeigt aber mit ei­ner et­was di­rek­te­ren Len­kung und der straf­fe­ren Fahr­werks­ab­stim­mung mehr Ta­lent für kur­vi­ge Stre­cken.

Der Hy­un­dai Io­niq ist nor­ma­ler

Im Cock­pit will es der Pri­us dann sti­lis­tisch wis­sen, sein Fu­tu­ris­mus passt zum High­techAn­spruch die­ser Fahr­zeug­ka­te­go­rie. Die milch­wei­ßen Plas­tik-De­ko­r­ele­men­te pas­sen recht gut zum rest­li­chen In­te­ri­eur, das aber vor­wie­gend in Grau ge­hal­ten ist. Al­ler­dings sind die auf dem Ar­ma­tu­ren­trä­ger thro­nen­den An­zei­gen schlecht ab­zu­le­sen, und das Touch­screen- In­fo­tain­ment­sys­tem mit sei­ner schlecht auf Fin­ger­druck an­spre­chen­den Di­gi­tal-Be­die­nung ist eben­so ge­wöh­nungs­be­dürf­tig wie der Mi­nia­tur-Wähl­he­bel. Der To­yo­ta ver­sucht auch beim In­te­ri­eur das ein­deu­tig mo­der­ne­re Au­to zu sein. Der Hy­un­dai Io­niq ist da­ge­gen be­mer­kens­wert kon­ser­va­tiv – und macht da­mit Neu­ein­stei­gern das Le­ben leich­ter. Die gut ab­les­ba­ren In­stru­men­te, die klas­si­schen Be­dien­ele­men­te plus Touch­screen (Ra­dio-Laut­stär­ke oder Kar­ten-Zoom: schnel­ler Dreh, fer­tig) und ein sau­ber ver­ar­bei­te­tes In­te­ri­eur hin­ter­las­sen ei­nen sym­pa­thi­schen Ein­druck.

FA­ZIT: Die be­währ­ten Pa­ra­me­ter des Hy­brid-Pio­niers Pri­us hat Hy­un­dai über­nom­men und vie­le Nach­tei­le kon­se­quent be­sei­tigt. Der Io­niq wird so (trotz Hy­brid­an­triebs) zum an­ge­nehm zu fah­ren­den, mo­der­nen Au­to. Den­noch ist der schroff und fu­tu­ris­tisch ge­styl­te Pri­us das ef­fi­zi­en­te­re Au­to mit nied­ri­ge­rem Norm­ver­brauch und ähn­li­chen Fahr­leis­tun­gen bei ge­rin­ge­rer Sys­tem­leis­tung. Der Preis spricht hin­ge­gen klar für den Io­niq.

Za­cken, Si­cken, Kan­ten: Das De­sign des neu­en Pri­us er­hält das Prä­di­kat „un­ge­wöhn­lich“ Kein Auf­re­ger: Die ge­fäl­li­ge Form des Hy­un­dai Io­niq dürf­te auf brei­te Zu­stim­mung tref­fen

Ty­pisch To­yo­ta Pri­us: un­kon­ven­tio­nel­les Be­di­en­kon­zept mit ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­gem Mi­nia­turWähl­he­bel (Po­si­ti­on B er­höht die Re­ku­pe­ra­ti­ons-Brems­wir­kung). Grob­pi­xe­li­ger Touch­screen und in die Mit­te des Ar­ma­tu­ren­trä­gers ver­setz­te Di­gi­tal­An­zei­gen

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