Por­trait: For­mel-E-Welt­meis­ter Sé­bas­ti­en Bu­emi

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gre­gor Mes­ser

Es war ein Fi­na­le, wie man es sich in je­der Renn­sai­son wünscht, in je­der Ka­te­go­rie: ein Kopf-an-Kopf-Ren­nen mit der Ti­te­l­ent­schei­dung im letz­ten Ren­nen, aus­ge­tra­gen von den bei­den her­aus­ra­gen­den Fah­rer­per­sön­lich­kei­ten der Se­rie. Sé­bas­ti­en Bu­emi und Lu­cas di Gras­si be­hark­ten sich die ge­sam­te Sai­son, zehn Ren­nen lang, rund um die gan­ze Welt – so wie schon in der vor­an­ge­gan­ge­nen Sai­son. Di Gras­si, der Den­ker und Len­ker, der Voll­gas-Phi­lo­soph, der mis­si­ons­ori­en­tier­te und sprach­ge­wand­te Bra­si­lia­ner aus dem Ab­tScha­eff­ler-Team. Und Bu­emi, der kampf­lus­ti- ge, biss­fes­te, vor al­lem aber über­ehr­gei­zi­ge Schwei­zer, hoch­e­mo­tio­nal, ei­ner, dem schon mal die Ge­sichts­zü­ge ent­glei­ten kön­nen, wenn es nicht so läuft. Im Sams­tags­ren­nen im Lon­do­ner Bat­ter­se­aPark hat­ten kur­ze Schau­er den bei­den Prot­ago­nis­ten das Qua­li­fy­ing ver­mas­selt. Bei­de konn­ten nur aus dem Mit­tel­feld star­ten – von Platz elf (di Gras­si) re­spek­ti­ve 14 (Bu­emi). Bei­de kämpf­ten sich auf ei­ner en­gen Pis­te, auf der ein Über­ho­len fast un­mög­lich ist, wie ver­rückt nach vorn, und der Schlag­ab­tausch um den Ti­tel mach­te auch nach der Ziel­flag­ge nicht halt: Weil sich im wil­den Ge­men­ge bei di Gras­si das rech­te Ele­ment am Front­flü­gel ge­löst hat­te, for­der­ten die Re­nault-Ver­ant­wort­li­chen mit Te­am­chef Je­an-Paul Dri­ot und Vier­fach-For­mel-1-Champ Alain Prost vor­ne­weg um­ge­hend ei­nen Zwangs-Bo­xen­stopp bei der Renn­lei­tung ein. Doch di Gras­si konn­te un­be­irrt bis auf Rang vier wei­ter­ma­chen: Be­sag­tes Teil lös­te sich als­bald von selbst und flog da­von. Aber selbst da lie­ßen die Re­nault-Leu­te nicht lo­cker: Schließ­lich sei­en zu­letzt beim Lauf in Ber­lin an­de­re Teil­neh­mer mit viel ge­rin­ge­ren Fahr­zeug­schä­den von den Ste­wards früh­zei­tig per schwarz-oran­ger Flag­ge zur Re­pa­ra­tur ge­ru­fen wor­den. Der an­ge­kün­dig­te Protest des e.Dams-Teams wur­de je­doch von den Sport­kom­mis­sa­ren ab­ge­schmet­tert. Die Emo­tio­nen zwi­schen bei­den La­gern droh­te nicht erst in Lon­don zu es­ka­lie­ren. Schon seit ver­gan­ge­ner Sai­son be­lau­ern sich Abt-Schaeff-

ler und Re­nault e.Dams auf Schritt und Tritt. Die pro­test­freu­di­gen Fran­zo­sen eli­mi­nier­ten di Gras­si be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr in Ber­lin am grü­nen Tisch we­gen ei­ner Klei­nig­keit. Als Feind­bild ha­ben sie vor al­lem Schlau­kopf di Gras­si aus­ge­macht. „Wir nen­nen ihn nur Zla­tan“, er­laub­te sich Te­am­chef Dri­ot lus­tig zu ma­chen und be­zog sich da­bei auf Schwe­dens Fuß­ball-Star Zla­tan Ibra­hi­mo­vic: „Weil der ja auch im­mer so schlau da­her­quatscht.“Al­ler­dings ist di Gras­si mit ei­nem über­durch­schnitt­li­chen IQ ge­seg­net und Mit­glied des In­tel­li­genz­ver­bands Men­sa.

Di Gras­si lobt den Geg­ner – und re­la­ti­viert mit Be­zug auf die Tech­nik

Je­den­falls ver­such­te der 31-jäh­ri­ge Au­diWerks­pi­lot schon vor den Ren­nen, sei­nem Ti­tel­ri­va­len Bu­emi wort­reich Blu­men zu streu­en: „Wenn Sé­bas­ti­en den Ti­tel ge­winnt, dann hat er ihn auch ver­dient. Weil er ein­fach so gut ist. Er zählt zu den Schnells­ten und Kon­stan­tes­ten. Ich per­sön­lich zäh­le ihn zu den Top-20-Pi­lo­ten welt­weit. Es ist mir ei­ne Eh­re, ge­gen ihn zu kämp­fen.“Nur um im Nach­satz stets zu be­to- nen, wie über­mäch­tig Re­nault agiert: „Ihr An­triebs­strang ist un­se­rem nicht nur ei­nen Schritt vor­aus, son­dern min­des­tens fünf.“Tat­säch­lich ver­wen­det die Equi­pe ein Ge­trie­be­ge­häu­se aus Koh­le­fa­ser. Stück­preis: rund 40.000 Eu­ro. Sie­ben Stück sol­len bei den Tests vor Sai­son­be­ginn ver­schlis­sen wor­den sein, bis die Kon­struk­teu­re end­lich für Halt­bar­keit sorg­ten. Zu­dem soll Re­nault auch mit dem höchs­ten Sai­son­bud­get zu Wer­ke ge­hen. Von 13 Mil­lio-

nen Eu­ro ist die Re­de. Und tat­säch­lich er­wie­sen sich die Blau­en im Bat­ter­sea Park schon im Zeit­trai­ning für das Sonn­tags­ren­nen als un­schlag­bar: Bu­emi de­klas­sier­te den Dritt­schnells­ten di Gras­si um 0,778 Se­kun­den. Selbst Bu­emis Team­kol­le­ge Ni­co­las Prost– nicht un­be­dingt ein Sieg­fah­rer bis­lang – war schnel­ler. Ein kla­res In­diz, dass Re­nault auf der Hop­pel­pis­te an­schei­nend die bes­te Fahr­werks­ab­stim­mung her­aus­ge­ar­bei­tet hat­te. Das gro­ße Lob von Wi­der­sa­cher di Gas­si konn­te Bu­emi nur ge­bremst re­van­chie­ren. „Lu­cas ist sehr, sehr kon­stant. Aber er hat die­se Sai­son nicht ein ein­zi­ges Mal die schnells­te Run­de ge­fah­ren oder auf der Pole­po­si­tion ge­stan­den.“Tat­säch­lich weil­te di Gras­si bei je­dem Ren­nen vor den Lon­do­ner Fi­nal­läu­fen auf dem Sie­ger­po­di­um – auch in Me­xi­ko im April, wo er frei­lich nach­träg­lich we­gen 1,8 Ki­lo­gramm Un­ter­ge­wicht dis­qua­li­fi­ziert wur­de. In Lon­don füll­te Bu­emi mit sei­ner Trai­nings­best­zeit er­neut sein Punk­te­kon­to auf: drei Ex­tra­zäh­ler. Da­mit zog er vor dem Start mit di Gras­si punkt­gleich. „Lu­cas war schon im­mer ei­ner, der mehr mit Köpf­chen ge­fah­ren ist“, zoll­te ihm sein Au­di- Team­kol­le­ge aus der Langstre­cken-WM, Loic Du­val, Re­spekt. Kaum zu glau­ben, dass sich der Bra­si­lia­ner dann aus­ge­rech­net beim Fi­na­le solch ei­nen Klops leis­te­te: Schon beim An­brem­sen der ers­ten Kur­ve fuhr er Bu­emi spek­ta­ku­lär ins Heck. Die Aus­wer­tung der FIATech­ni­ker er­gab: Di Gras­si brems­te dort, wo im­mer sein Bremspunkt lag. „Bu­emi hat viel zu früh ge­bremst“, la­men­tier­te der Abt-Scha­eff­ler-Fah­rer so­fort über Funk. Bei­de Prot­ago­nis­ten eil­ten zü­gig an die Box, um mit ih­rem zwei­ten Au­to we­nigs­tens noch die bei­den Ex­tra­punk­te für die schnells­te Renn­run­de zu er­gat­tern. Ein Fern­du­ell: Mal war der ei­ne schnel­ler, mal der an­de­re. Letzt­lich be­hielt Bu­emi mit ei­ner Run­de, die um fünf Zehn­tel schnel­ler war, knapp die Ober­hand. In Le Mans zwei Wo­chen zu­vor war der 55ma­li­ge Grand-Prix-Pi­lot denk­bar un­glück­lich ge­schei­tert. Nun konn­te er sein Glück kaum fas­sen – und brach erst­mal in Trä­nen aus. „Doch ich bin auch et­was trau­rig, auf die­se Art den Ti­tel zu ge­win­nen. Aber egal, am En­de ha­ben der bes­te Fah­rer und das bes­te Team ge­won­nen.“

Di Gras­si brems­te am glei­chen Punkt, an dem er im­mer brems­te

Tat­ort Bat­ter­sea Park, ers­te Kur­ve: Di Gras­si don­nert beim For­mel-EFi­na­le Po­le­set­ter Bu­emi spek­ta­ku­lär ins Heck. Doch der drei­ma­li­ge Sai­son­sie­ger Bu­emi (Peking, Pun­ta del Es­te, Ber­lin) kann dank sei­ner schnells­ten Renn­run­de die bei­den nö­ti­gen Zäh­ler zum Ti­tel er­zie­len

Wenn die An­span­nung weicht Nach der Rück­kehr in sei­ne Box wird Bu­emi von Emo­tio­nen ge­packt. Die Ge­wiss­heit, den Ti­tel nach här­tes­tem Kampf ge­gen di Gras­si ge­won­nen zu ha­ben, lässt ihn in Trä­nen aus­bre­chen

Start zum Fi­na­le der For­mel-E-Sai­son 2015/16: Bu­emi führt von der Po­le Po­si­ti­on vor Prost, di Gras­si, Heid­feld und Abt. Prost jr. ge­wann in Lon­don bei­de Fi­nal­läu­fe

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