Be­ses­se­ne De­tail Ver­liebt­heit Ei­ser­ne Mecha­nik Tra­di­tio­nen

AUTO ZEITUNG - - FASZINATION · SINGER-PORSCHE -

Ei­nes ist Rob Di­ck­in­son ganz wich­tig: Sei­ne Fir­ma Sin­ger Ve­hi­cle De­sign hat nichts mit Por­sche zu tun. Im US-Ju­ris­ten- Eng­lisch heißt das „ no sub­si­dia­ry of“und „not af­fi­lia­ted with“– ver­mut­lich muss Di­ck­in­son das be­to­nen, um die stren­gen Mar­ken­hü­ter der Fir­ma Por­sche ab­zu­küh­len, die nie­man­den als Tritt­brett­fah­rer Kas­se ma­chen las­sen wol­len. Da­bei geht die Sin­ger-Ge­schich­te ganz an­ders. Ein Sin­ger-Neu­nelf nimmt die bes­ten Tei­le des kol­lek­ti­ven Por­sche-Be­wusst­seins auf und ver­stoff­wech­selt sie zu ei­nem spek­ta­ku­lä­ren Ag­gre­gat­zu­stand: Höchs­te Ex­klu­si­vi­tät trifft hier auf die auf­ge­schlos­se­ne Zu­gäng­lich­keit ei­nes Klas­si­kers, der ir­gend­wie im­mer noch im Geist des VW Kä­fer groovt. Ei­ser­nen Mecha­nik-Tra­di­tio­nen wird hier eben­so ge­hul­digt wie man ei­nen li­be­ra­lis­ti­schen, in­no­va­ti­ven West­co­ast- Swing pflegt. Ag­gres­si­ve, ani­ma­li­sche Per­for­mance hat nie bes­ser in ein All­tags­au­to ge­passt, kla­res De­sign mit be­ses­se­ner De­tail­ver­liebt­heit trifft auf rei­ne Funk­ti­on. Mehr Por­sche geht al­so ei­gent­lich nicht, und das aus­ge­rech­net bei ei­nem Au­to, das ge­nau ge­nom­men nicht ein­mal so hei­ßen darf. Da­bei dürf­te man selbst bei Por­sche ah­nen, dass Rob Di­ck­in­son in ei­ner Grau­zo­ne des Mar­ken-Van­da­lis­mus bun­te, schil­lern­de Blü­ten pflanzt, die dem Por­sche-Uni­ver­sum am En­de ei­gent­lich nur gut­tun. Rob Di­ck­in­son selbst drückt sei­ne Mo­ti­va­ti­on fol­gen­der­ma­ßen aus: „Was wir ma­chen, ist er­füllt von gro­ßer Ver­eh­rung für den Por­sche 911 – ge­nau des­halb pfle­gen wir ihn auch so an­däch­tig. Un­se­re Au­tos sind ei­ne Ver­beu­gung vor Por­sche.“Al­les fängt da­mit an, dass Rob Di­ck­in­son, Cou­sin des Iron Mai­den- Sän­gers Bru­ce Di­ck­in­son, aus En­g­land in die USA aus­wan­dert. Mit sei­ner Har­drock-Band „Ca­the­ri­ne Wheel“läuft es nicht mehr wirk­lich gut, zehn Jah­re lang schrammt die Com­bo knapp am Durch­bruch vor­bei, 2000 löst sich das Quar­tett auf – und Di­ck­in­son hat plötz­lich viel Zeit, aber kei­ne Idee, was da­mit an­zu­stel­len sein könn­te. Das Geld aus Plat­ten­ver­käu­fen und Li­ve-Auf­trit­ten reicht im­mer­hin zum Kauf ei­nes ge­brauch­ten Por­sche. Und für den ab­so­lu­ten Neu­en­elf-Fan muss es na­tür­lich der Hei­li­ge Gral sein: das letz­te luft­ge­kühl­te Mo­dell 964. Di­ck­in­sons Zu­wen­dun­gen ge­hen aber über nor­ma­le In­stand­set­zung und Pfle­ge hin­aus, das Au­to wird brei­ter, schnel­ler, pu­ris­ti­scher ge­macht. Die non­kon­for­mis­ti­sche US-Sze­ne, in der ein klas­si­sches Au­to nicht zwin­gend fun­da­men­ta­lis­ti­schen Ori­gi­na­li­täts-Zwän­gen un­ter­wor­fen sein muss, um re­spek­tiert zu wer­den, steckt Rob Di­ck­in­son an: Cust­o­mi­zing, ei­ne vi­ta­le Renn­sze­ne, In­di­vi­dua­lis­mus – das sind die Rhyth­mus­ge­ber für sei­nen Um­bau. Und dann hängt der ers­te „Bit­te ver­kauf mir das Au­to“-Zet­tel am Schei­ben­wi­scher. Ge­folgt von ner­vös nä­gel­kau­en­den „Kannst du mir auch so ei­nen bau­en“Bit­ten ir­gend­wel­cher Be­kann­ter. Und de­ren Freun­de. So­wie de­ren Freun­de. Die Le­gen­de sagt, dass selbst der ei­ne oder an­de­re Hol­ly­wood-Star schon bei Di­ck­in­son an­ge­klopft ha­be. Die In­di­vi­dua­li­sie­rungs­wün­sche wer­den wil­der, wei­ter, wa­ge­mu­ti­ger. 2009 hängt Rob Di­ck­in­son auch noch den Rest sei­ner Mu­si­kerkar­rie­re an den Na­gel und grün­det im Nor­den von Los Angeles Sin­ger Ve­hi­cle De­sign. Ein schö­ner Na­me für schö­ne Au­tos: Ba­sis ist im­mer ein ge­brauch­ter 964, den die Kun­den zu­erst selbst an­lie­fern, der in­zwi­schen aber auch von Sin­ger be­sorgt wird. Auf die­ser Ba­sis wird dann das per­sön­li­che Por­sche-Ide­al des je­wei­li­gen Kun­den neu ge­träumt: „reim­agi­ned“. Der Preis für ei­nen die­ser ma­xi­mal in­di­vi­du­el­len Traum-911 kann scho­ckie­rend hoch sein: Um es rich­tig hin­zu­be­kom­men, soll­te man min­des­tens 400.000 US-Dol­lar als Spiel­geld üb­rig ha­ben – oder mehr.

Zer­le­gen – dann bes­ser und schö­ner zu­sam­men­set­zen

Das Aus­gangs­fahr­zeug wird dann voll­stän­dig auf­ge­löst, re­gel­recht auf die zu­las­suns­gre­le­van­te Fahr­ge­stell­num­mer ein­ge­dampft und dann mit lie­ben­der Hand nach na­he­zu frei­er Kun­den­kon­fi­gu­ra­ti­on neu auf­ge­baut: Die Ka­ros­se­rie be­steht am En­de aus Koh­le­fa­ser und ist im Stil ei­nes brei­ten 911 der 1970er mit Cust­o­mi­zing-Ak­zen­ten aus­ge­legt. Selbst das In­te­ri­eur wird aus Le­der, Koh­le­fa­ser, Schweiß und Rock ’n’ Roll ge­strickt, das Fahr­werk ent­spricht dem ei­nes 964 Ra­c­ing mit ein­stell­ba­ren Stoß­dämp­fern, die Fel­gen sind ei­ne Sin­ger-Ei­gen­kom­po­si­ti­on im Stil al­ter Fuchs-Rä­der, und der Mo­tor lernt bei ei­nem Tu­ner um die Ecke das Sin­gen und Rennen. Mitt­ler­wei­le ge­hen 4,0 Li­ter Hu­b­raum und knapp 400 PS in ei­nem kaum 1100 Ki­lo schwe­ren Ge­rät. Dass die Pro­be­fahrt auf den ge­wun­de­nen Berg­stra­ßen hin­ter Los Angeles da zum Hö­he­punkt wird, ist klar. Fah­ren. Nicht nur an­schau­en. Eben ty­pisch Por­sche.

Ein Hüft­schwung für die Ewig­keit: Die 911 von Sin­ger Ve­hi­cle De­sign ha­ben ei­ne Art Ge­schmacks­ver­stär­ker durch­lau­fen

Der luft­ge­kühl­te Bo­xer des 964 wird von Sin­ger neu auf­ge­baut und in meh­re­ren Leis­tungs­stu­fen an­ge­bo­ten

Test­fahrt in den Santa Mo­ni­ca Moun­ta­ins: „Reim­agi­ned“gilt auch für das Fahr­ver­hal­ten: sta­bil, prä­zi­se, emo­tio­nal

Tech­ni­sche Da­ten* Sin­ger 911 reim­agi­ned An­trieb B6-Zyl.; luft­ge­kühlt, Hu­b­raum: bis 4000 cm3; Leis­tung: bis 291 kW/396 PS bei 6000 /min; max. Dreh­mo­ment: bis ca. 500 Nm; 5-/6-Gang, ma­nu­ell; Hin­ter­rad­an­trieb AUF­bau +fa hr­werk Stahl­chas­sis mit Koh­le­fa­ser­ka­ros­se­rie; Rad­auf­hän­gung nach Kun­den­spe­zi­fi­ka­ti­on, v.: McPher­son-Fe­der­bei­ne, Qu­er­len­ker, Sta­bi.; h.: Schräg­len­ker, Fe­dern, Dämp­fer, Sta­bi.; Brem­sen nach Kun­den­spe­zi­fi­ka­ti­on: rund­um in­nen­bel. Schei­ben; eck­dat en L/B/H: 4250/1652/1320 mm; Rad­stand: 2272 mm; Leer­ge­wicht: 1100 kg; Preis: ab 400.000 US-$ inkl. Ba­sis-Fahr­zeug fa hr­leis­tun­gen k.A. * Schätz­wer­te

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