Wie gut sind die ver­schie­de­nen As­sis­ten­ten zum pi­lo­tier­ten Fah­ren wirk­lich? Im Pra­xis­test die Sys­te­me von Au­di Q7, BMW 7er, Mer­ce­des E-Klas­se und Tes­la Mo­del S

Tes­las Autopilot ist in al­ler Mun­de. Doch was steckt hin­ter der Tech­nik? Hin­ken die deut­schen Pre­mi­um-Her­stel­ler mit Au­di Q7, BMW 7er oder Mer­ce­des E-Klas­se hier tat­säch­lich hin­ter­her? Ein um­fang­rei­cher Ver­gleichs­test schafft Klar­heit

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Mar­kus Schönfeld FO­TOS Jür­gen Zer­ha, Da­nie­la Loof, Aleksan­der Per­ko­vic, Mar­kus Schönfeld ]

Die Au­to­bahn ist nicht be­son­ders voll an die­sem son­ni­gen Ju­li­tag. Laut­los glei­tet der wei­ße Tes­la über den As­phalt. Zwei­mal ha­ben wir den klei­nen He­bel links an der Lenk­säu­le ge­zo­gen. Jetzt leuch­tet das Lenk­rad im Dis­play schon seit ei­ner Mi­nu­te blau. Der Autopilot ist ak­tiv. Er hält die Spur auch in län­ge­ren Kur­ven, er­kennt aus­sche­ren­de Au­tos, un­ter­schei­det so­gar Lkw, Pkw und Mo­tor­rä­der und be­wäl­tigt letzt­lich selbst Spur­wech­sel und Stop-and-goFahrt. Nur hin und wie­der er­in­nert ei­ne War­nung dar­an, die Hän­de ans Lenk­rad zu neh­men. Es sind die ers­ten au­to­no­men Ki­lo­me­ter in die­sem Test. Und der Elek­troS­port­ler ab­sol­viert sie ta­del­los. Schon nach kur­zer Zeit fasst man Ver­trau­en in die Tech­nik und lässt sich vom Tes­la sor­gen­frei über die Au­to­bahn chauf­fie­ren. Doch es drängt sich Arg­wohn auf. Sind die Ame­ri­ka­ner den deut­schen Au­to­her­stel­lern so weit vor­aus? Ein ge­fähr­li­cher Trug­schluss, wie ein Blick auf die Tech­nik und der Vergleich mit drei deut­schen Pre­mi­um­au­tos be­weist.

Autopilot: nur ein Pa­ket aus Si­cher­heits­as­sis­ten­ten

Autopilot! Was für ein ver­hei­ßungs­vol­les Wort. Es ver­spricht Fort­schritt, Kom­fort und Si­cher­heit auf ei­nem mär­chen­haf­ten Ni­veau. Tech­nisch ge­se­hen ist das, was Tes­la für 3300 Eu­ro ex­tra beim min­des­tens 76.600 Eu­ro teu­ren Mo­del S an­bie­tet, kein Mär­chen. Viel­mehr ist es ei­ne sehr reiz­voll und in­tel­li­gent ver­pack­te Mi­schung aus ei­nem ad­ap­ti­ven Ab­stands­re­gel­tem­po­ma­ten (per Ra­dar) mit Not­brems- und ak­ti­vem Spur­hal­teas­sis­ten­ten (per Ka­me-

ra). Im Grun­de han­delt es sich aber um die glei­chen As­sis­tenz­sys­te­me, die auch deut­sche Her­stel­ler an­bie­ten. Nur ha­ben Letz­te­re noch längst nicht den Mut, mit dem Be­griff Autopilot zu prah­len und ih­re Au­tos auf län­ge­ren Stre­cken teil­au­to­nom im Ver­kehr mit­fah­ren zu las­sen – selbst wenn im Fall von Au­di Q7, BMW 7er und Mer­ce­des E-Klas­se deut­lich mehr Sen­so­rik und Re­chen­leis­tung an Bord ist als im Tes­la. Der greift für die Autopilot-Funk­ti­on nur auf die Da­ten ei­nes Fern­be­reichs­ra­dars, ei­ner Ka­me­ra und der Ul­tra­schall-Ein­park­sen­so­rik zu­rück.

Deut­sche Her­stel­ler mit um­fang­rei­che­rer Sen­so­rik

Bei­spiel Mer­ce­des: Die E-Klas­se be­sitzt mit dem Fah­re­ras­sis­tenz­pa­ket Plus (2856 Eu­ro) ne­ben der üb­li­chen Ul­tra­schall­sen­so­rik zum Ein­par­ken rund ums Au­to gleich zwei Ka­me­ras hin­ter der Wind­schutz­schei­be (Ste­reo Mul­ti Pur­po­se Ca­me­ra), die bis zu 500 Me­ter weit räum­lich se­hen kön­nen. Zu­dem über­wacht ein Fern­be­reichs­ra­dar den Be­reich bis 250 Me­ter vor dem Au­to und ein zwei­ter im Heck den Be­reich bis 80 Me­ter hin­ter dem Au­to. Oben­drein sit­zen hin­ter den vor­de­ren und hin­te­ren Stoß­fän­gern an al­len Fahr­zeu­ge­cken vier Mit­tel­be­reichs­ra­da­re (bis 40 Me­ter Reich­wei­te), die her­an­na­hen­de Au­tos und den Qu­er­ver­kehr er­ken­nen kön­nen. Das Fahr­zeug be­hält al­so stets ei­nen 360-Grad-Rund­um­blick. Den­noch lässt Mer­ce­des den „Chauf­feurs-Mo­dus“nur in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen und in ei­nem eng be­grenz­ten Zei­t­raum zu. Ähn­lich ver­hält es sich üb­ri­gens beim Au­di Q7 (As­sis­tenz­pa­ke­te Ci­ty und Tour: 3040 Eu­ro) und beim BMW 7er (Dri­ving As­sis­tant Plus: 3100 Eu­ro). Tes­la be­weist al­so gro­ßen Mut, ei­ne ver­gleichs­wei­se ru­di­men­tä­re Sen­so­rik für ei­nen Au­to­pi­lo­ten zu nut­zen. Dass die­ser nicht al­le Ver­kehrs­si­tua­tio­nen be­herr­schen kann, zeig­te der töd­li­che Un­fall in Flo­ri­da, bei dem ein

Tes­la zeigt viel mut, die kon­kur­renz setzt auf ab­si­che­rung

Mo­del S mit ho­her Ge­schwin­dig­keit un­ter ei­nen kreu­zen­den Lkw fuhr. Egal, ob vie­le oder we­ni­ge Sen­so­ren ver­baut sind – be­wer­tet man den Funk­ti­ons­um­fang der ge­tes­te­ten Fahr­zeu­ge nach dem Stu­fen­mo­dell des Ver­ban­des der Au­to­mo­bil­in­dus­trie ( VDA), so han­delt es sich nur um die Ka­te­go­rie 2 des au­to­no­men Fah­rens. Das Sys­tem kann die Kon­trol­le schließ­lich nur in ei­nem spe­zi­fi­schen An­wen­dungs­fall über­neh­men – der Fah­rer muss es aber stän­dig über­wa­chen. Voll­au­to­no­me Au­tos, die al­le er­denk­li­chen Si­tua­tio­nen meis­tern und nicht vom Fah­rer über­wacht wer­den müs­sen, ste­hen auf der Stu­fe 5 und sind in Sa­chen Se­ri­en­rei­fe noch Zu­kunfts­mu­sik. Der Autopilot von Tes­la deckt al­so ge­nau wie die Fahras­sis­ten­ten der deut­schen Her­stel­ler nur ei­ni­ge Ver­kehrs­si­tua­tio­nen ab – so steht es ja auch im Klein­ge­druck­ten der Be­die­nungs­an­lei­tun­gen. Ei­ne die­ser Si­tua­tio­nen ist das plötz­li­che Auf­tau­chen ei­nes Hin­der­nis­ses bei Stadt-Tem­po. Hier soll der Not­brems­as­sis­tent ein­grei­fen. Im Test auf ab­ge­sperr­ter Stre­cke er­kann­ten die Sys­te­me bei al­len vier Fahr­zeu­gen so­wohl das auf­blas­ba­re Au­to­heck als auch den Fuß­gän­ger­dum­my auf der Stra­ße si­cher und zu­ver­läs­sig und lei­te­ten bei Ge­schwin­dig­kei­ten bis 60 km/ h ei­ne recht­zei­ti­ge Voll­brem­sung voll­au­to­ma­tisch ein. Da­bei spielt es üb­ri­gens kei­ne Rol­le, ob der Ab­stands­re­gel­tem­po­mat ak­ti­viert ist oder nicht. Sämt­li­che Un­fall­si­tua­tio­nen wur­den ver­hin­dert.

Ad­ap­ti­ve Tem­po­ma­ten mit ho­hem Rei­fe­grad

Eben­so ver­die­nen die ad­ap­ti­ven Ge­schwin­dig­keits­reg­ler viel Lob. Die Zei­ten, in de­nen plötz­lich aus­sche­ren­de Au­tos für ruck­ar­ti­ge Brems­ma­nö­ver sor­gen, sind längst Ver­gan­gen­heit. Statt­des­sen wer­den die Ein­grif­fe sanft und kom­for­ta­bel ge­re­gelt und las­sen sich so­gar in der Sen­si­bi­li­tät ein­stel­len. Re­gen oder Dun­kel­heit ha­ben dar­auf kei­nen Ein­fluss. Im Mer­ce­des wird der Fern­be­reichs­ra­dar im Win­ter so­gar be­heizt, so­dass er auch bei star­kem Schnee­fall funk­tio­niert. Dank Stau­as­sis­tent dür­fen die deut­schen Fa­b­ri­ka­te im Stop-an­dgo-Ver­kehr so­gar län­ger als bei hö­he­rem Tem­po teil­au­to­nom fah­ren, wie­der­an­fah­ren und fol­gen da­bei so­gar dem Vor­der­mann beim Spur­wech­sel (BMW, Mer­ce­des). Die EKlas­se und vor al­lem der Q7 ste­chen oben­drein mit ei­ner wir­kungs­vol­len Ver­net­zung von Ver­kehrs­zei­chen­er­ken­nung und to­po­gra­fi­schen Da­ten aus dem Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem her­vor. Fährt man bei­spiels­wei­se in ei­ne ge­schlos­se­ne Ort­schaft ein oder auf ei­ne schar­fe Kur­ve zu, so dros­selt der Tem­po­mat au­to­ma­tisch die Ge­schwin­dig­keit ent­spre­chend.

In­ter­pre­ta­ti­on: Si­cher­heits­as­sis­tent oder Autopilot

Len­kas­sis­ten­ten noch mit deut­li­chen Schwä­chen

Die ka­me­ra­ba­sier­ten Spur­hal­teas­sis­ten­ten funk­tio­nie­ren da­ge­gen nur bei op­ti­ma­len Be­din­gun­gen. Ist die Sicht schlecht, die Fahr­bahn­mar­kie­rung un­ter­bro­chen oder in Bau­stel­len von gel­ben Li­ni­en durch­kreuzt, stei­gen die deut­schen Sys­te­me schnell aus. Nicht im­mer er­tönt da­vor ein Warn­ton. Und so kann es pas­sie­ren, dass bei­spiels­wei­se der BMW in ei­ne leich­te Au­to­bahn­kur­ve ein­lenkt, plötz­lich aber das Sys­tem de­ak­ti­viert. Ak­ti­ves Mit­len­ken ist hier nicht nur rat­sam, son­dern un­be­dingt nö­tig. Der Autopilot des Tes­la kann ei­nen Spur­ver­lust län­ger ka­schie­ren und ori­en­tiert sich im Zwei­fel am vor­aus­fah­ren­den Au­to (leuch­tet blau im Dis­play). Das kann aber hier und da schon mal für Schreck­se­kun­den sor­gen. Denn nur ein schnel­ler be­herz­ter Griff ins Lenk­rad hält die Tech­nik da­von ab, in Bau­stel­len ei­ne Ba­ke zu strei­fen oder dem Vor­der­mann in ei­ne Aus­fahrt zu fol­gen. Ob der Fah­rer die Hän­de am Lenk­rad hat, spü­ren Au­di, BMW und Mer­ce­des üb­ri­gens über Sen­so­ren im Lenk­rad – der Tes­la über das Hal­te­mo­ment. Dass man die Hän­de wäh­rend der Fahrt vom Steu­er neh­men darf, da­von steht ja auch bei Tes­la nichts ge­schrie­ben. Al­ler­dings ver­lei­tet ei­nen der Autopilot re­gel­recht da­zu. Und das kann un­ter Um­stän­den ge­fähr­lich wer­den.

Fuß­gän­ger er­kennt die Sen­so­rik bei al­len vier Fahr­zeu­gen ein­deu­tig – al­ler­dings ist der Dum­my mit ge­norm­ter, gut er­fass­ba­rer Klei­dung an­ge­zo­gen

Ein­fa­che Ein­stel­lung al­ler Sys­te­me über den mit­ti­gen As­sis­tenz-Knopf und das iD­ri­ve-Sys­tem Fern­ge­steu­er­tes Par­ken kos­tet beim BMW 7er 550 Eu­ro und ge­lingt kin­der­leicht per Dis­play-Schlüs­sel

Das auf­blas­ba­re Au­to­heck si­mu­liert ein Stau­en­de auf der Test­stre­cke. Al­le vier Test­kan­di­da­ten brem­sen selbst­stän­dig bis zum Still­stand Nacht­sicht­as­sis­tent Er er­kennt dank In­fra­rot Per­so­nen auch bei to­ta­ler Dun­kel­heit und warnt recht­zei­tig (2100 Eu­ro)

Die Be­die­nung der ver­schie­de­nen Au­di-As­sis­ten­ten ist et­was klein­schach­te­lig über die He­bel links vom Lenk­rad

Fern­be­reichs­ra­dar Der Q7 hat gleich zwei da­von. Das ver­bes­sert die Mess­ge­nau­ig­keit des ad­ap­ti­ven Tem­po­ma­ten

Ak­ti­viert wer­den Spur­hal­ter, Tem­po­mat und Li­mi­ter über die lin­ken Lenk­rad­t­as­ten

Ste­reo-Ka­me­ra in der Front­schei­be: bis zu 500 Me­ter Sicht­wei­te

Auf Au­to­bah­nen mit kla­rer Be­gren­zungs­mar­kie­rung kann der Tes­la im Ge­gen­satz zu den deut­schen Ri­va­len über lan­ge Dis­tan­zen ei­gen­stän­dig fah­ren

gut il­lus­triert Ab­stands­an­zei­ge für die Ein­park­hil­fe Spur­füh­rung und Ab­stands­re­gel­tem­po­mat Bei­des wird im Tes­la-Dis­play sehr an­schau­lich dar­ge­stellt

Der Tes­la-Autopilot funk­tio­niert trotz ein­fa­cher Sen­so­rik vor al­lem auf der Au­to­bahn er­staun­lich gut und ver­lei­tet zum frei­hän­di­gen Fah­ren

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