das Tan­zen zu ler­nen

AUTO ZEITUNG - - REPORTAGE · TRABANT UND U2 - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger ]

Vor 25 Jah­ren stell­ten die VEB Sach­sen­ring Au­to­mo­bil­wer­ke Zwi­ckau die Pro­duk­ti­on des Tra­bant ein. Be­vor ihn aber ein Ab­wrack­prä­mi­en-Schick­sal er­wisch­te, ging er mit der Me­ga-Rock­band U2 auf Welt­tour­nee – von Mia­mi bis To­kio, zwei Jah­re lang. End­lich raus, end­lich ro­cken!

Als die iri­sche Rock­band U2 an ei­nem Abend im Ok­to­ber 1990 in Berlin lan­de­te, war nicht nur die DDR am En­de. Wäh­rend auf der Stra­ße ein paar ver­spreng­te Kom­mu­nis­ten ge­gen die Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands de­mons­trier­ten, kämpf­ten die U2-Jungs um das Über­le­ben ih­rer Band. Die 1980er wa­ren ihr gro­ßes Jahr­zehnt, U2 be­spiel­ten mit ih­rem vo­lu­mi­nö­sen Pa­thos-Rock aus­ver­kauf­te Fuß­ball-Sta­di­en, ih­re epi­schen Songs mit oft po­li­ti­scher Bot­schaft do­mi­nier­ten welt­weit die Hit­pa­ra­den, es ha­gel­te Kri­ti­ker­prei­se und Gram­my Awards, selbst das Time Ma­ga­zi­ne wid­me­te U2 ei­ne Co­ver-Sto­ry – so et­was hat­ten bis da­hin nur die Rol­ling Sto­nes ge­schafft. Aber hin­ter den Ku­lis­sen bro­del­te es, die Band er­stick­te in der ei­ge­nen Ernst­haf­tig­keit, hat­te das Ge­fühl, sich in ei­nem mu­si­ka­li­schen Kor­sett zu be­fin­den und zur ewi­gen Wie­der­ho­lung ver­dammt zu sein. „Pri­de“und „Whe­re The Streets Ha­ve No Na­me“in End­los­schlei­fe. Aber Al­ison Hew­son, die Frau von Lead­sän­ger Bo­no, brach­te das ei­gent­li­che Pro­blem auf den Punkt: „Ich hat­te ei­nen lus­ti­gen Ty­pen ge­hei­ra­tet, und jetzt war da die­ser Kerl, der nicht mehr la­chen konn­te.“

Ber­li­ner Ge­schich­ten: Am En­de des Tra­bi stand ein An­fang für U2

Ir­gend­je­mand hat­te die Idee, man müs­se – um sich selbst neu zu er­fin­den – nach Berlin fah­ren, in die Haupt­stadt des „St­un­de Null“-Ge­fühls. In den Ber­li­ner Han­sa-Ton­stu­di­os hat­te Da­vid Bo­wie mit „He­roes“sei­ne Wen­de ge­schafft, jetzt jag­te U2 das Phan­tom ei­nes neu­en Al­bums. Wäh­rend nass­kalt der Win­ter in die graue Stadt kroch, strit­ten sich die Band-Mit­glie­der bis aufs Blut, die Krea­ti­vi­tät war am ab­so­lu­ten Tief­punkt. Dann, als ein En­de der Band bei­na­he fest­stand, wur­de aus ei­nem bei­läu­fi­gen Gi­tar­ren-Riff der

Die Band hat sich ei­nen klei­nen, deut­schen Pa­ra­si­ten ein­ge­fan­gen

Song „One“. Plötz­lich hat­te U2 wie­der Bo­den un­ter den Fü­ßen. Als die Band im März 1991 Berlin den Rü­cken kehr­te, war das mu­si­ka­li­sche No­tiz­buch voll mit schwe­ren Beats, düs­te­ren Me­lo­di­en, der­ben In­dus­tri­al-Sounds, se­xy Groo­ves und schwe­ren Tex­ten. Am 19. No­vem­ber 1991 ver­öf­fent­lich­te die Band das Al­bum „Ach­tung Ba­by“– U2, wie man sie nie zu­vor ge­hört hat­te. Aber die Band hat­te sich in Berlin nicht nur mit Lust auf ein neu­es, bun­tes Jahr­zehnt in­fi­ziert, son­dern auch ei­nen klei­nen Pa­ra­si­ten ein­ge­fan­gen: Als man sich im Früh­jahr 1991 mit dem nie­der­län­di­schen Fo­to­gra­fen An­ton Cor­bi­jn zu ei­nem Foto-Shoo­ting für die kom­men­de Plat­te auf Te­ne­rif­fa traf, führ­te die Trup­pe ein klei­nes, deut­sches Au­to mit, das den gan­zen düs­te­ren Win­ter über zur Ku­lis­se Ber­lins ge­hört hat­te: ein Tra­bant. 34 Jah­re lang wur­de der Tra­bi kaum ver­än­dert ge­baut, man­gels Al­ter­na­ti­ven ge­hör­te der zwei­tak­ten­de Winz­ling zum au­to­mo­bi­len Grau­brot der DDR: nahr­haft, ge­wöhn­lich, un­be­liebt. Er war das rol­len­de Sinn­bild für die so­zia­lis­ti­sche Man­gel­wirt­schaft. Man­gels teu­rer Tief­zieh­stahl­ble­che für die Au­to­mo­bil­pro­duk­ti­on setz­ten sei­ne Kon­struk­teu­re auf ei­ne Ka­ros­se­rie­be­plan­kung aus baum­woll­ver­stärk­tem Phen­o­plast-Harz, die al­ler­dings die Fer­ti­gung dras­tisch ein­schränk­te: Wäh­rend im ka­pi­ta­lis­ti­schen Wes­ten die Au­tos im Se­kun­den­takt aus der Pres­se fie­len, muss­ten Tra­bant-Wer­ker im­mer zu­erst mi­nu­ten­lang war­ten, bis die „Pap­pe“tro­cken war. Tap­fe­re Tra­bant-Kun­den be­nö­tig­ten al­so mo­na­te- oder jah­re­lan­ge Ge­duld, bis sie end­lich mehr oder min­der stol­ze Be­sit­zer ei­nes neu­en Tra­bi wa­ren. Als die Mau­er fiel, wur­den hun­dert­tau­sen­de Tra­bant ge­gen West-Au­tos ge­tauscht, bald stran­de­ten ver­brauch­te Tra­bi über­all in der Re­pu­blik. Für neue Tra­bant fan­den sich kei­ne Kun­den mehr – 1991, vor ge­nau 25 Jah­ren, wur­de die Pro­duk­ti­on ein­ge­stellt. Ei­ne Ära ging zu En­de. Wäh­rend sich die Ost­deut­schen aber im Eil­tem­po ih­rer knat­tern­den Alt­las­ten ent­le­dig­ten, wur­de der Tra­bant für U2 zum Sinn­bild für Berlin. Für ei­nen An­fang am En­de. Bunt be­malt und aus treu­en, run­den Au­gen in die plötz­lich so gro­ße, wei­te Welt schau­end, mach­te sich der Tra­bi im Schlepp­tau der iri­schen Ro­cker auf ei­ne Rei­se um den Glo­bus – sei­ne ganz per­sön­li­che Ab­schieds­tour­nee: Show­de­si­gner Wil­lie Wil­li­ams (Rol­ling Sto­nes, R.E.M, Da­vid Bo­wie, Rob­bie Wil-

li­ams, Bryan Adams, La­dy Ga­ga …) schlug vor, den Tra­bant zum zen­tra­len Ele­ment der nächs­ten U2Tour zu ma­chen. Als er der Band sei­ne voll­kom­men ver­rück­te Idee prä­sen­tier­te, herrsch­te aus­ge­las­se­ne Be­geis­te­rung. Bis zum Start der „ZooTV“-Tour im Fe­bru­ar 1992 kauf­te das Ma­nage­ment der Band ei­ne Viel­zahl ge­brauch­ter Tra­bant, die dann dras­tisch um­ge­rüs­tet wur­den: Mo­tor raus, In­te­ri­eur raus, an die Ach­sen schweiß­te man so­li­de Auf­hän­gun­gen, ein sta­bi­ler In­nen­kä­fig nahm schwe­re Thea­ter­Schein­wer­fer auf, und die se­ri­en­mä­ßi­ge Fahr­zeug­be­leuch­tung wur­de gleich mit ver­ka­belt. Dann stürz­ten sich Ma­ler und die Wil­li­ams-Cr­ew auf die Tra­bi, selbst der Pop Art-Künst­ler Keith Ha­ring ge­stal­te­te ein Tra­bant-Ru­del – ein Ex­em­plar fand sich im Leo­par­den­fell-Über­zug wie­der, doch die Krö­nung war ein Dis­co-Ku­gel-Tra­bi kom­plett mit funk­ti­ons­fä­hi­gem DJ-Misch­pult. Wil­lie Wil­li­ams de­fi­nier­te mit „Zoo TV“al­le Re­geln bis­he­ri­ger Rock-Shows neu: Wäh­rend an­de­re Top-Acts noch mit ei­nem Satz bun­ter Schein­wer­fer, ein paar Ne­bel­ma­schi­nen und ba­na­ler Vi­deo­lein­wand tour­ten, äh­nel­te die fer­ti­ge „ZooTV“-Büh­ne ei­ner apo­ka­lyp­ti­schen Raf­fi­ne­rie-An­la­ge, die von 200 Roa­dies auf- und ab­ge­baut wer­den muss­te und zum Trans­port über 50 Lkw be­nö­tig­te. Und die Band hat­te end­lich Spaß: Bo­no be­för­der­te sein hu­mor­lo­ses Gut­men­schen-Ich ins Jen­seits und schun­kel­te als Co­mic-Lu­zi­fer im Las Ve­gas-El­vis-Pail­let­ten­An­zug auf T-Rex-Pla­teau­s­tie­feln durch ei­ne der­be, groo­ven­de Sound­land­schaft. Und über den Köp­fen der Band lau­er­te ei­ne bun­te Pha­lanx von Tra­bi mit glü­hen­den Schein­wer­fer-Au­gen. 25 Jah­re spä­ter schmun­zelt Wil­lie Wil­li­ams im­mer noch über den Auf­tritt der Tra­bi: „Wäh­rend des Songs „Dad­dys Gon­na Pay For Your Cras­hed Car“durf­ten die Tra­bi tan­zen. Roa­dies brach­ten die Au­tos an Sei­len ins Schwin­gen, und es gab im­mer ei­nen klei­nen Wett­be­werb, wer es schaf­fen wür­de, dem an­de­ren Tra­bant die Schein­wer­fer aus­zu­schla­gen.“Nach zwei Jah­ren, 157 Kon­zer­ten in 100 Städ­ten und 23 Län­dern fei­er­ten die Tra­bant in To­kio ih­ren letz­ten Auf­tritt. Vom so­zia­lis­ti­schen Ein­heits-Lang­wei­ler zum in­ter­na­tio­na­len Pop­star – da meint man, das Kerl­chen bei­na­he grin­sen zu se­hen. Rock on, Tra­bi!

Rock­band mit zu­ge­lau­fe­nem Tra­bant, Olym­pia­sta­di­on, Berlin, 1990. Von links: Lar­ry Mul­len jr., Bo­no, The Edge, Adam Clay­ton

Ein mit Ne­on­röh­ren ge­spick­ter Tra­bant war­tet im New Yor­ker Ma­di­son Squa­re Gar­den auf sei­nen Flug­ein­satz am Kran

1 Te­ne­rif­fa, Früh­jahr 1991. U2 mit ide­en­ge­ben­dem Tra­bant beim Fo­to­shoo­ting. 2 Selbst so re­nom­mier­te Künst­ler wie Keith Ha­ring steu­ern das ei­ne oder an­de­re Tra­bi-De­sign bei. 3 Kö­the­ner Str. 38, Ber­linK­reuz­berg, die Han­sa-Stu­di­os vor 25 Jah­ren. 4 Fliegender Dis­co­ku­gel-Tra­bi mit in­te­grier­tem DJ-Misch­pult. 5 In­kon­ti­nen­ter Kof­fer­raum­de­ckel beim Tra­bi auf Hy­drau­lik­stel­zen, Back­s­tage in San Francisco.

Bran­den­bur­ger Tor, 1991: Dass die Mau­er ver­schwun­den ist, kann da noch nie­mand so rich­tig glau­ben

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