For­mel 1: die Pflicht­ter­mi­ne von Force In­dia-Pi­lot Ni­co Hül­ken­berg wäh­rend ei­nes Grand-Prix-Wo­che­n­en­des

For­mel-1-Fah­rer sit­zen nur im Renn­wa­gen, ha­ben aber an­sons­ten ein lo­cke­res Le­ben? Falsch. Der Job ist all­um­fas­send. Und stres­sig. Au­to Zei­tung be­ob­ach­te­te Ni­co Hül­ken­berg über das Renn­wo­chen­en­de beim GP Bel­gi­en

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gregor Mes­ser

Das Le­ben ist Rou­ti­ne, auch für ei­nen For­mel-1-Fah­rer. Ei­ne Exis­tenz nach ex­ak­ten Zeit­plä­nen mit stren­gen Vor­ga­ben, ein­ge­zwängt in Uni­for­men. Auf und ne­ben der Pis­te. For­mel1-Fah­rer sein heißt auch, dem gro­ßen Stress­test stand­zu­hal­ten. Und da­mit sind nicht kör­per­li­che Be­las­tun­gen bei ho­hen Kur­ven­ge­schwin­dig­kei­ten oder ex­tre­men Brems­ma­nö­vern ge­meint. Bei 42 Ter­mi­nen hat Ni­co Hül­ken­berg wäh­rend des GP von Bel­gi­en an­zu­tre­ten. Schon am Don­ners­tag sind es 14 – vom In­ge­nieurs­mee­ting bis zur Fah­rer­be­spre­chung, von der Au­to­gramm­stun­de bis zum Auf­tritt bei abend­li­chen Spon­so­ren­ver­an­stal­tun­gen. Es war Hül­ken­berg stets be­wusst, auf was er sich da mit sei­ner For­mel-1-Kar­rie­re ein­ge­las­sen hat­te. Das Pro­fil der Zu­satz­be­schäf­ti- gun­gen hat­te sich von sei­ner ers­ten Au­to­mo­bil­sport-Sai­son 2005 in der For­mel BMW über die For­mel 3, die GP2-Se­rie bis zu sei­nem Ein­stieg in die For­mel 1 im Jahr 2010 stän­dig er­wei­tert. Schnell war ihm be­wusst: Die Fans drau­ßen auf den Tri­bü­nen oder vor dem Fern­se­her, die se­hen nur das End­pro­dukt: Den Fah­rer beim Fah­ren. „Die Leu­te den­ken: Die sit­zen ein biss­chen hin­ter dem Lenk­rad, stei­gen wie­der aus, le­gen sich hin, es­sen, trin­ken was. Aber die Rea­li­tät sieht ganz an­ders aus“, be­tont der Force-In­dia-Pi­lot. Die Rea­li­tät heißt für Hül­ken­berg, nicht nur Fah­rer zu sein. Son­dern auch In­ge­nieur. Stra­te­ge. Und PRMann. „Du lebst ei­nen Job, der un­heim­lich viel­sei­tig ist und un­ter­ein­an­der mit al­lem ver­bun­den ist.“

Don­ners­tag, 25. Au­gust

Vier Ta­ge lang steht Hül­ken­berg un­ter Dau­er­stress. Und Dau­er­be­ob­ach­tung. Kein Mo­ment, an dem ein For­mel-1-Fah­rer nicht be­mes­sen und ver­gli­chen wird. Auf der Stre­cke. In den Mee­tings. Vor der in­ter­na­tio­na­len Pres­se. Den Fans. Und bei den Gäs­ten der Spon­so­ren. „Don­ners­tag ist der ner­vigs­te Tag“, meint Hül­ken­berg, „der könn­te von mir aus ab­ge­schafft wer­den. Am bes­ten erst Don­ners­tag­abend an­rei­sen und Frei­tag­mor­gens gleich los­le­gen.“Hül­ken­berg lacht da­bei nicht mal. „Den an­de­ren Fah­rern geht es ge­nau­so.“Die stän­di­gen In­ter­views ner­ven: „100 Mal das glei­che er­zäh­len. Aber das ge­hört ja da­zu. Wis­sen wir auch.“Um 10.15 müs­sen Hül­ken­berg und Team­kol­le­ge Ser­gio Pé­rez an der Stre­cke sein. Ab 10.45 Uhr steht die Stre­cken­be­sich­ti­gung auf dem Pro­gramm: „Die schen­ke ich mir aber. Meis­tens hat sich nichts ge­än­dert zum Vor­jahr. Wenn doch, fah­re ich abends mit dem Fahr­rad die Stre­cke ab.“Hül­ken­berg nutzt die wert­vol­le Zeit lie­ber, um mit sei­nen In­ge­nieu­ren zu spre­chen: „Wir ge­hen al­les durch, be­spre­chen noch­mal, was im letz­ten Ren­nen ge­lau­fen ist und was wir für die kom­men­den Ta­ge an Se­t­up-Op­tio­nen tes­ten wol­len.“Um 12.00 Uhr folgt ei­ne Be­spre­chung mit Pres­se­mann Will Hings über sämt­li­che an­ste­hen­den Termine des Wo­che­n­en­des. Al­les ist mi­nu­ti­ös ge­plant: Für das Un­ter­schrei­ben auf Au­to­gramm­kar­ten, Kap­pen und Mo­dell­au­tos ab 12.15 Uhr wer­den knap­pe fünf Mi­nu­ten ver­an­schlagt. Da­nach steht Hül­ken­berg für ei­ne Drei­vier­telSt­un­de di­ver­sen Me­di­en zur Ver­fü­gung, be­vor er das Bü­ro der In­ge­nieu­re be­sucht, das sich im Ober­deck ei­nes gro­ßen Trucks hin­ter den Bo­xen be­fin­det. Ab 15.30 Uhr geht es für den Em­me­ri-

cher wie­der mit den Me­di­en wei­ter: Bis 16.10 Uhr muss Hül­ken­berg Re­de und Ant­wort ste­hen. Noch ist er nicht mü­de. Die Pau­se bis zur gro­ßen Au­to­gramm­stun­de um 17.00 (dau­ert aber nur 15 Mi­nu­ten) hin­ter der La Sour­ce-Haar­na­del nutzt „Hül­ki“, um wei­ter mit den In­ge­nieu­ren zu re­den. Und auch mal mit sei­nen Mecha­ni­kern. Um 18.30 folgt der nächs­te Spon­sor­ter­min: Soft­drink-Her­stel­ler Hy­pe hat zur Ener­gy Chal­len­ge mit fern­ge­steu­er­ten Mo­dell­au­tos in die Team-Ho­s­pi­ta­li­ty ein­ge­la­den. Bis 20.00 Uhr dau­ert die Be­spa­ßung. Hül­ken­berg ist aber schon bald wie­der weg.

Frei­tag, 26. Au­gust

Schon um 7.20 Uhr wer­den Bo­xen­stopps ge­übt. Schlag­schrau­ber rat­tern. Aber von Hül­ken­berg ist noch nichts zu se­hen. Er kommt kurz vor acht an die Stre­cke. „Der Frei­tag ist am stres­sigs­ten“, um­schreibt Hül­ken­berg sei­nen Ar­beits­tag, „der längs­te Tag des Wo­che­n­en­des. Um 10.00 Uhr ist das ers­te freie Trai­ning. Da­vor um 9.00 Uhr Be­spre­chung mit den In­ge­nieu­ren. Und da­vor muss ich noch ge­früh­stückt ha­ben.“Das zwei­te freie Trai­ning ist zwar schon um 15.30 Uhr vor­bei, „aber dann hast du wie­der ein Mee­ting mit den In­ge­nieu­ren, um 17.00 Uhr musst du zur Fah­rer­be­spre­chung, dann ei­ne Be­hand­lung beim Phy­sio, meis­tens noch ein Mee­ting, und wenn du am Frei­tag­abend raus­kommst, ist es oft nach 20.00 Uhr.“Und dann steht manch­mal noch ein Spon­so­ren-Event an. Ist Hül­ken­berg am Frei­tag­abend nur noch ge­nervt? „Platt bin ich dann“, ant­wor­tet der Le Mans-Sie­ger von 2015, „es ist ein­fach ein ver­dammt

an­spruchs­vol­ler Tag. Du bist den gan­zen Tag voll fo­kus­siert, das Fah­ren kommt noch da­zu – und da­mit auch die phy­si­sche An­stren­gung.“Zwei­mal 90 Mi­nu­ten im Au­to sind viel. Bei ex­trem hei­ßem Wet­ter wie in Spa um­so mehr. „ Aber wenn du ei­ne gu­te Nacht lan­ge ge­schla­fen hast, bist du am nächs­ten Tag wie­der fit.“

Sams­tag, 27. Au­gust.

Hül­ken­berg muss bis um spä­tes­tens halb zehn an der Stre­cke sein, ist aber schon frü­her da: Früh­stü­cken, Phy­sio, Mee­tings. The­ra­peut Mar­tin Poo­le ver­passt ihm wie im­mer vor dem ers­ten Trai­ning ei­ne prä­ven­ti­ve Mas­sa­ge. „Abends las­se ich mir noch ei­ne re­ge­ne­ra­ti­ve, ent­span­nen­de Mas­sa­ge ge­ben“, er­läu­tert Hül­ken­berg. Ist der Phy­sio die wich­tigs­te Be­zugs­per­son im Team? „Wenn man so sa­gen will: Der Phy­sio ist mehr für das See­len­le­ben da. Man ver­bringt viel Zeit mit­ein­an­der.“Al­so ei­ne Art Helm­trä­ger und Hand­auf­le­ger. Phy­sio Poo­le ist stän­dig in Hül­ken­bergs Reichweite. In der Box reicht er sei­nem Pi­lo­ten, wenn nö­tig, die Trink­fla­sche – oder auch den Zei­ten-Mo­ni­tor, der die ak­tu­el­le Rei­hen­fol­ge zeigt. Die wich­tigs­ten Per­so­nen für Hül­ken­berg sind viel­mehr sein Ren­nin­ge­nieur Brad Joy­ce und Da­ten­in­ge­nieur Chris Cro­nin. „Brad ist für das Au­to ver­ant­wort­lich. Er gibt die Kom­man­dos. Mit ihm baue ich das Set-up. Und er ist auch der ein­zi­ge, mit dem ich am Funk ver­bun­den bin.“Zum Mit­tag­es­sen gibt es leich­te Kost: Huhn oder Fisch, ge­düns­te­tes Ge­mü­se. Aber dann geht es schon um 14.00 Uhr ins Qua­li­fy­ing. Hül­ken­berg holt Start­platz sie­ben, nur knapp von Pé­rez ge­schla­gen, aber: Ein de­fek­ter Sen­sor lässt sei­nen Mer­ce­des-Mo­tor nur auf fünf Zy­lin­dern lau­fen. Der De­fekt ist schnell be­ho­ben.

Sonn­tag, 28. Au­gust

Der gro­ße Tag, schon zum 13. Mal in die­ser Sai­son. „Frei­tag, Sams­tag, Sonn­tag – das ist ziem­lich viel Rou­ti­ne“, sagt Hül­ken­berg. So auch der ob­li­ga­to­ri­sche Be­such vor er­le­se­nen Gäs­ten im Pa­dock Club über den Bo­xen. „Das ge­fällt mir im­mer ganz gut. Man trifft dort oft auf ganz nor­ma­le Men­schen, die ganz hap­py sind, wenn sie mal ei­nen Renn­fah­rer aus der Nä­he se­hen. Für mich ei­ne will­kom­me­ne Ab­wechs­lung“, sagt der Mer­ce­des­Pi­lot. Spa ist ein ver­gleichs­wei­se lo­cke­res Wo­che­n­en­de. „Mo­na­co, un­ser Heim­ren­nen in Sil­vers­to­ne und Me­xi­co, we­gen der vie­len me­xi­ka­ni­schen Spon­so­ren, sind sehr an­stren­gen­de Events“, seufzt Hül­ken­berg. Im Ren­nen liegt er an­fangs auf Rang zwei, wird aber letzt­lich Vier­ter – zum drit­ten Mal schon. Ei­ne Sa­fe­ty­Car-Pha­se hat „The Hulk“wohl das Po­dest ver­mas­selt. Den­noch ein groß­ar­ti­ges Re­sul­tat, das zu­sam­men mit Pé­rez’ fünf­tem Rang Force In­dia auf Platz vier der Kon­struk­teurs­wer­tung spült. Nur vier Ta­ge spä­ter geht es für Hül­ken­berg in Mon­za (Ren­nen nach Re­dak­ti­onschluss be­en­det) wei­ter: mit Zeit­plä­nen, Vor­ga­ben, Uni­for­men – der Rou­ti­ne ei­nes For­mel1-Fah­rers eben.

Von der FIA vor­ge­schrie­ben: Au­to­gramm­stun­de am Don­ners­tag­abend (o.). Phy­sio­the­ra­peut Mar­tin Poo­le weilt in der Box mit der Trink­fla­sche im­mer in Reichweite (u.)

So läuft das bei ei­nem Grand-Prix-Wo­che­n­en­de: Hül­ken­berg er­klärt AU­TO ZEI­TUNG-Re­dak­teur Gregor Mes­ser die Struk­tur des Wo­che­n­en­des

Zum drit­ten Mal in sei­ner For­mel 1Kar­rie­re be­legt Hül­ken­berg Rang vier. Sein bes­tes Er­geb­nis seit drei Jah­ren

Bel­gi­sche Na­tio­nal­hym­ne vor dem Start: Hül­ken­berg hat sei­nen Platz ne­ben sei­nen Fah­rer­kol­le­gen ein­ge­nom­men (o.). In der ers­ten Kur­ve pro­fi­tiert er vom Schar­müt­zel zwi­schen Ver­stap­pen und den Fer­ra­ri-Pi­lo­ten

Und im­mer wie­der Mee­tings: Hül­ken­berg (2. v.l.) ne­ben Ren­nin­ge­nieur Brad Joy­ce (2. v.r.) stu­diert die Da­ten. Die Techniker sind mit zehn wei­te­ren Kol­le­gen am Team­sitz in En­g­land ver­bun­den

Auch bei den Pi­lo­ten be­liebt: Fah­rer­vor­stel­lung vor dem Ren­nen im Old­ti­mer

Auf­wärm­pro­gramm vor Trai­ning und Ren­nen: Ball­jon­gla­ge zwi­schen Rei­fen­sät­zen

Re­fu­gi­um: Die spär­li­che Zeit zwi­schen sei­nen Ter­mi­nen ver­bringt Hül­ken­berg in sei­nem Pri­vat­raum

Star­ke Start­pha­se: Le­a­der Ros­berg ist schon durch; Hül­ken­berg vor Ric­ci­ar­do, Mas­sa und Gros­jean auf Platz zwei

En­ge am En­de der Bo­xen­gas­se: Nach sei­nem Stopp kommt Alon­so Hül­ken­berg be­droh­lich na­he (o.). Bald ist Fei­er­abend: Die TV-Sen­der be­kom­men nach dem Ren­nen ihr In­ter­view mit dem Viert­plat­zier­ten

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