VLF Des­ti­no

Mit ei­nem V8-Mo­tor von Chev­ro­let wird aus Hen­rik Fis­kers Hy­brid-Glei­ter ein lu­xu­riö­ser Au­to­bahn-Figh­ter na­mens VLF Des­ti­no V8

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Tho­mas Gei­ger

Nicht nur wer zu spät kommt, wird vom Le­ben be­straft. Son­dern auch zu früh darf man of­fen­bar nicht dran sein. Das je­den­falls muss­te Hen­rik Fis­ker ler­nen, als er An­fang des Jahr­zehnts mit dem Kar­ma die Ni­sche der lu­xu­riö­sen Öko-Sport­wa­gen auf­sto­ßen woll­te. Denn wäh­rend sie Tes­la das Mo­del S heu­te förm­lich aus den Hän­den rei­ßen, ent­pupp­te sich sein sport­li­cher Plug-in-Hy­brid vor fünf Jah­ren als La­den­hü­ter und hat den dä­ni­schen De­si­gner fast in den Ru­in ge­trie­ben. Doch jetzt fei­ert der Kar­ma ein un­ge­wöhn­li­ches Come­back als VLF Des­ti­no. Vom Pau­lus wie­der zum Sau­lus be­kehrt und des­halb in Mi­chi­gan mit ei­nem ganz kon­ven­tio­nel­len V8-Mo­tor be­stückt, wird der grü­ne Glei­ter zu ei­nem wü­ten­den Figh­ter, der Tes­la & Co. vor al­lem mit Lust und Lei­den­schaft über­ho­len will. Da­für hat sich Fis­ker nicht nur mit dem Pro­duk­ti­ons­spe­zia­lis­ten Gil­bert Vil­lar­re­al und dem Voll­gas-Ve­te­ra­nen Bob Lutz zu­sam­men­ge­tan. Er hat sich auch für ein Trieb­werk ent­schie­den, das über je­den Zwei­fel er­ha­ben ist.

Cor­vet­te ZR-1 als Or­gan­spen­de­rin

Statt ei­nes asth­ma­ti­schen Vier­zy­lin­ders und der Kup­fer­spu­len ei­nes E-Mo­tors steckt des­halb jetzt der 6,2 Li­ter gro­ße V8-Kom­pres­sor aus der letz­ten Cor­vet­te ZR1 un­ter der lan­gen Hau­be und straft das un­schul­di­ge Weiß der Mo­tor­ab­de­ckung lust­vol­le Lü­gen. 638 PS und 819 Nm mö­gen in den Au­gen der ame­ri­ka­ni­schen Um­welt­freun­de vi­el­leicht des Teu­fels sein. Aber sie ma­chen höl­li­schen Spaß. Nicht um­sonst schnellt der von sei­nen zent­ner­schwe­ren Bat­te­ri­en be­frei­te Kar­ma mit den Ge­nen der Cor­vet­te jetzt in 3,9 Se­kun­den auf Tem­po 100 und schießt auf frei­er Stre­cke mit 322 km/ h da­von. Mit dem Mo­tor steigt nicht nur die Leis­tung, son­dern vor al­lem die Lust, diese auch ab­zu­ru­fen. Denn wie je­der groß­vo­lu­mi­ge Ver­bren­ner ist der Cor­vet­te-Mo­tor ein lei­den­schaft­li­ches Trieb­werk, das die Emo­tio­nen schürt. Er brüllt laut und lust­voll, rüt­telt und schüt­telt sich und macht den vor­nehm be­le­der­ten Fah­rer­sitz zum Feu­er­stuhl. Und wer die Kli­ma­an­la­ge nicht auf den US-ty­pi­schen Per­ma­frost-Be­trieb stellt, dem kocht nach we­ni­gen Ki­lo­me­tern das Blut, so heiß geht es in dem kas­trier­ten Hy­bri­den zur Sa­che.

Bei al­len Am­bi­tio­nen ist der Des­ti­no al­ler­dings kein kom­pro­miss­lo­ser Kämp­fer für die letz­te Zehn­tel­se­kun­de. Da­für ent­wi­ckeln die Her­ren VLF schließ­lich ge­ra­de mit der Tech­nik der se­li­gen Dodge Vi­per den Force1. Fis­ker sieht in der kon­ven­tio­nel­len Ausgabe des Kar­ma viel­mehr ei­nen dis­tin­gu­ier­ten Gran Tu­ris­mo für die schnel­le Langstre­cke, wie ihn sein ehe­ma­li­ger Ar­beit­ge­ber As­ton Mar­tin mit dem Ra­pi­de baut. Nur dass man sein Au­to nicht an je­der Ecke se­hen wird. Gie­ri­ger Sound statt elek­tri­scher Stil­le und Good Vi­bra­ti­ons statt des ge­spens­ti­schen Warp-An­triebs – all das ist neu im Kar­ma. Ge­blie­ben sind da­ge­gen das de­zent nach­ge­schärf­te De­sign des ele­gan­ten Tou­rers, die en­gen, aber im Not­fall ziem­lich prak­ti- schen Sitz­kuh­len in der zwei­ten Rei­he und auch die et­was nach­läs­si­ge Ver­ar­bei­tung, die nicht so ganz zu Prei­sen passt, die in den USA bei 229.000 Dol­lar star­ten und in Eu­ro­pa wohl nicht un­ter 250.000 Eu­ro lie­gen wer­den. Die Kun­den schei­nen sol­che Ne­ben­säch­lich­kei­ten je­doch nicht zu stö­ren. Fis­ker je­den­falls er­zählt stolz von vol­len Auf­trags­bü­chern und da­von, wie er vor ein paar Wo­chen per­sön­lich den ers­ten Wa­gen an Gi­tar­ren­gott Car­los San­ta­na aus­ge­lie­fert hat. Jetzt hofft er, dass sich bald die ers­ten Eu­ro­pä­er mel­den und er den Des­ti­no vor der Über­ga­be höchst­per­sön­lich mal mit Voll­gas über die Au­to­bahn prü­geln kann. Aber das wird noch ein biss­chen dau­ern, muss der Dä­ne ein­räu- men. Denn ei­lig ha­ben es die Her­ren Vil­lar­re­al, Lutz und Fis­ker nicht. Ih­nen geht es vor al­lem um den Spaß an der Sa­che. „Das ist wie ein Boys Club, in dem wir zu­sam­men ei­ne gu­te Zeit ha­ben“, sagt Fis­ker. Und wenn sie im Jahr 25 Au­tos bau­en und da­bei nicht drauf­le­gen, sind sie schon zu­frie­den: „Das ist al­le­mal bes­ser, als da­heim zu sit­zen und sich zu lang­wei­len.“

FA­ZIT: Der Kar­ma war bild­hübsch, aber ir­gend­wie blut­leer. Doch mit dem Cor­vet­te-Mo­tor wird aus dem grü­nen Gran Tu­ris­mo plötz­lich ei­ne feu­ri­ge Ver­su­chung für rei­che Ra­ser: nicht son­der­lich um­welt­freund­lich und hoff­nungs­los un­ver­nünf­tig. Aber wen stört das schon bei 25 Au­tos im Jahr?

Oben: Das stim­mi­ge, über­aus ele­gan­te De­sign des Kar­ma hat Hen­rik Fis­ker nur be­hut­sam über­ar­bei­tet. Rechts: Un­ter ei­ner un­schul­dig wei­ßen Kunst­stoff-Ab­de­ckung lau­ert ein V8-Biest, das die Hin­ter­rä­der mit der Ge­walt von 638 PS mal­trä­tiert. Un­ten: Das sport­lich ein­ge­rich­te­te Cock­pit lässt sich in punc­to Le­der­far­be in­di­vi­du­ell zu­sam­men­stel­len. Die Ver­ar­bei­tung ist für den Preis et­was läs­sig

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