S-klass e Cabriolets 28 Stil­vol­les Crui­sen: Mer­ce­des­AMG SL 63 und SL 400

Ho­her Be­such auf Schloss So­li­tu­de: Das ak­tu­el­le S-Klas­se-Ca­brio­let trifft auf sei­nen Urahn, den 280 SE von 1969. Aus­fahrt mit ei­nem äu­ßerst lu­xu­riö­sen Duo

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Ger­rit Rei­chel

Be­son­de­re Plät­ze an der Son­ne

Carl Eu­gen von Würt­tem­berg hät­te si­cher sei­ne Freu­de an die­sem An­blick ge­habt: ei­ne al­te und ei­ne neue S-Klas­se, ge­parkt am Fu­ße sei­nes Lieb­lings­schlöss­chens, die Zünd­schlüs­sel pa­rat und die Tanks voll. Schließ­lich war der Fürst für sei­nen lu­xu­riö­sen Le­bens­stil be­kannt. Sein Hof galt als ei­ner der prunk­volls­ten in Eu­ro­pa zur Zeit des Ab­so­lu­tis­mus, sei­ne Lieb­schaf­ten wa­ren le­gen­där. Gut möglich, dass er schon nach ei­nem Mot­to leb­te, das erst rund 250 Jah­re spä­ter von Mer­ce­des zur Wer­be­bot­schaft aus­for­mu­liert wur­de: Das Bes­te oder nichts. Die bei­den no­blen Cabriolets vor dem Süd­por­tal der Stutt­gar­ter So­li­tu­de wir­ken je­des für sich wie ein Re­prä­sen­ta­ti­ons­schloss auf Rä­dern. Wel­ches der fei­ne Her­zog wohl prä­fe­riert hät­te? Den 69er 280 SE? Oder den S 500? Schwer zu sa­gen. Vom Cha­rak­ter her sind sich die bei­den schließ­lich sehr ähn­lich, auch wenn sie fast 50 Jah­re tren­nen. Schon beim ers­ten Pro­be­sit­zen hät­te Carl Eu­gen er­freut fest­ge­stellt, dass der in sei­nem Her­zog­tum an­säs­si­ge Wa­gen­bau­er, aus des­sen Her­stel­lung die Ka­ros­sen stam­men, gro­ßes Ge­schick be­sitzt. Den in Beige-Me­tal­lic la­ckier­ten 280 SE der Bau­rei­he W111 en­tert man durch Tü­ren in un­ver­gleich­lich mas­si­ver Bau­wei­se. Der Lack strahlt in ei­ner Tie­fe, als wä­re er ges­tern erst auf­ge­tra­gen wor­den, und die chrom­blit­zen­den Kan­ten der Tür­blät­ter spie­geln die Au­gust­son­ne in ei­ner schmieg­sa­men Eleganz, die auch zu Zei­ten des Ro­ko­kos be­geis­tert hät­te. Nicht min­der ge­schmack­voll ist der In­nen­raum ein­ge­rich­tet. Nach­dem man auf die wun­der­bar er­hal­te­nen Le­der­ses­sel ge­sun­ken ist, schweift der Blick an­er­ken­nend über das le­der­be­zo­ge­ne Ar­ma­tu­ren­brett. Man glaubt förm­lich, die be­hand­schuh­ten Hän­de der Ar­bei­ter zu se­hen, wie sie die ein­zel­nen Bau­tei­le zu­sam­men­fü­gen. Schließ­lich wur­de bei den W111er-Cou­pés Hand­ar­beit noch groß­ge­schrie­ben. Je­des De­tail ist durch­dacht und lie­be­voll aus­ge­stal­tet. Die Luf­taus­tritts­öff­nun­gen zum Bei­spiel se­hen aus wie klei­ne Pfei­fen­öff­nun­gen. Von der Men­sur her lie­ßen sie sich ver­mut­lich auch pro­blem­los in die Haupt­or­gel der Stutt­gar­ter Stifts­kir­che ein­fü­gen. Und wenn man die Au­gen schließt, hört man, wie die schmu­cke Ki­enz­le-Uhr da­zu lei­se tick-ta­ckend den Rhyth­mus webt. Von der Sei­te be­trach­tet wirkt die nied­ri­ge Gür­tel­li­nie des of­fe­nen 280 SE wie mit der Was­ser­waa­ge ge­zo­gen. Nur der Wulst des nicht voll­stän­dig dar­un­ter ver­senk­ba­ren Ver­decks ragt leicht über diese Li­nie hin­aus. Die Ka­ros­se­rie scheint über den zier­li­chen 14-Zol­lRä­dern zu schwe­ben und er­streckt sich, durch den ein­zi­gen Au­ßen­spie­gel be­trach­tet, schier end­los nach hin­ten. Völ­lig an­ders prä­sen­tiert sich das S-Klas­se Ca­brio­let der Ge­gen­wart. Die seit­li­che Li­ni­en­füh­rung er­weckt den Ein­druck, der S 500 sei um die mäch­ti­gen 20-Zoll-Alu-Rä­der her­um­ge­baut. Kei­ne Si­cke ver­läuft ge­ra­de, kaum ein Win­kel hat 90 Grad. Al­les an die­sem Au­to ist ge­schwun­gen, fließt, spannt sich und strebt dy­na­misch ir­gend­ei­nem Be­stim­mungs­punkt ent­ge­gen. Und tief, ganz tief hin­ter der ho­hen Gür­tel­li­nie lo­gie­ren die In­sas­sen und ge­nie­ßen den frei­en Him­mel über ih­ren Köp­fen. Da­mit der Kom­fort auch auf lan­gen Stre­cken höchs­ten An­sprü­chen ge­nügt, las­sen sich die Vor­der­sit­ze in je­der er­denk­li­chen Art und Wei­se den per­sön­li­chen Wün­schen an­pas­sen. Soll die Lordo­sen­stüt­ze eher oben oder un­ten den Rü­cken stär­ken? Sol­len die Sei­ten­pols­ter en­ger oder wei­ter an­lie­gen? Und im Win­ter die Sitz­hei­zung be­tref­fend: Soll die Wär­me lie­ber von un­ten oder von hin­ten kom­men? Selbst ver­schie-

Bei den W111erCou­pés wur­de hand­ar­beit noch groSS­ge­schrie­ben

de­ne Mas­sa­ge-Mo­di sind im An­ge­bot. Ei­ni­ge we­ni­ge Klicks in der ent­spre­chen­den Un­ter­ebe­ne des Kon­fi­gu­ra­ti­ons­me­nüs ge­nü­gen. Und falls vorn rechts ei­ne Bei­fah­re­rin sitzt, die sich lie­ber mit an­de­ren Din­gen be­schäf­tigt, kann der Fah­rer ih­ren Sitz auch über die Tas­ten in sei­ner Tür fern­be­die­nen. Der S 500 wirkt bul­li­ger als sein Urahn aus den 60er-Jah­ren, aber merk­wür­di­ger­wei­se kür­zer. Ei­ne op­ti­sche Täu­schung, denn auf dem Pa­pier ist der Neue mit sei­nem Gar­de­maß von fünf Me­tern rund zehn Zen­ti­me­ter län­ger als der Al­te. Beim Rad­stand (2,94 Me­ter) über­trifft er den W111 so­gar um sat­te 20 Zen­ti­me­ter. Lo­gisch, dass sich 50 Jah­re Fort­schritt auch im De­tail ge­wal­tig nie­der­schla­gen. Das Ver­deck bei­spiels­wei­se öff­net in Se­kun­den­schnel­le be­quem auf Knopf­druck – wenn man will so­gar per Fern­be­die­nung. An­ders als beim W111 ver­schwin­det es auch kom­plett. Und wenn der Fah­rer des 280 SE noch da­mit be­schäf­tigt ist, un­ter leich­ten Schmer­zen in den Dau­men die schwer­gän­gi­gen Knöp­fe der Per­sen­ning zu schlie­ßen, schwebt sein Kol­le­ge aus der Neu­zeit längst ent­spannt von dan­nen. Apro­pos schwe­ben: Das Fahr­ge­fühl ist in bei­den Cabriolets fan­tas­tisch. Dem Old­ti­mer ge­nügt da­für sei­ne Ein­ge­lenk-Pen­de­lach­se mit hy­drop­neu­ma­ti­scher Aus­gleichs­fe­der, wäh­rend der S 500 se­ri­en­mä­ßig über die Luft­fe­de­rung na­mens Air­ma­tic ver­fügt. Bei­de Sys­te­me er­ge­ben Sinn, wo­bei das Fahr­werk

Die Dämp­fung des S 500 passt sich per­ma­nent der fahr­si­tua­ti­on an und agiert auf wunsch sport­lich oder kom­for­ta­bel

des S 500 mehr Ge­wicht und natürlich vor al­lem deut­lich mehr Mo­tor­leis­tung ver­tra­gen muss: Den für sei­ne Zeit mehr als be­acht­li­chen 160 PS aus 2,8 Li­ter Hu­b­raum im 280 SE ste­hen heu­te 455 PS aus 4,7 Li­tern ge­gen­über. Be­ein­dru­ckend, wie spek­ta­ku­lär diese ge­wal­ti­ge Kraft den Mer­ce­des be­schleu­ni­gen kann. Nicht min­der be­ein­dru­ckend ist aber, wie sou­ve­rän die Air­ma­tic den Wa­gen da­bei si­cher und sanft auf der Stra­ße hält. Die Dämp­fung passt sich an je­dem Rad per­ma­nent der ak­tu­el­len Fahr­si­tua­ti­on an. Obend­rein kann der Fah­rer ein­stel­len, ob er lie­ber be­tont kom­for­ta­bel oder sport­lich fah­ren möch­te. Mit dem 280er ist schnel­les Kur­ven­fah­ren zwar auch möglich, aber er fühlt sich um Wel­ten we­ni­ger di­rekt an und schwimmt ir­gend­wann gen Kur­ven­rand, wenn man es über­treibt. Kein As­sis­tenz­sys­tem kann ihn dann wie­der ein­fan­gen. In den 60ern war der Au­to­fah­rer eben noch mehr auf sich ge­stellt als heu­te. Da­für war das Fahr­er­leb­nis aber vi­el­leicht auch in­ten­si­ver. Mit 190 km/ h im of­fe­nen W111 über die Au­to­bahn zu brau­sen, ist ein Aben­teu­er. Der Dreh­zahl­mes­ser des Sechs­zy­lin­ders steht dann am ro­ten Be­reich bei 6000 Um­dre­hun­gen, und ein Or­kan zer­zaust die Fri­sur der In­sas­sen. Gut 40 Jah­re spä­ter das glei­che Schau­spiel, aber mit an­de­rer Be­set­zung: Der of­fe­ne S 500 pflügt mit 200 Sa­chen durch den Fahrt­wind, oh­ne dass an Bord viel mehr als ein Säu­seln zu spü­ren wä­re.

Ei­ne aus­ge­klü­gel­te Kom­bi­na­ti­on aus Wind­ab­wei­ser über der Front­schei­be plus Wind­schott hin­ter den Rück­sit­zen mi­ni­miert die Ver­wir­be­lun­gen selbst bei die­sem Tem­po ver­blüf­fend ef­fek­tiv. So ef­fek­tiv, dass der gu­te Carl Eu­gen über die op­tio­na­le Bur­mes­terSound­an­la­ge (24 Laut­spre­cher und 1520 Watt Sys­tem­leis­tung; 7497 Eu­ro) ganz ent­spannt den Würt­tem­ber­gi­schen So­na­ten sei­nes Mu­sik­leh­rers Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bach hät­te lau­schen kön­nen. Da kann das Ra­dio vom Typ Be­cker Grand Prix im Old­ti­mer er­war­tungs­ge­mäß nicht mit­hal­ten.

Schwer vor­stell­bar, dass auch der S 500 ein­mal ein Old­ti­mer sein wird

Fahr­dy­na­misch hängt der S 500 sei­nen Urahn so­wie­so ab, wenn es die Stra­ßen­ver­hält­nis­se zu­las­sen. Der V8 bie­tet Po­wer im Über­fluss zu je­der Zeit und in je­der der neun Stu­fen sei­nes Au­to­ma­tik-Ge­trie­bes, oh­ne je­mals an­ge­strengt zu wir­ken. Da fällt es schwer sich vor­zu­stel­len, dass auch die­ses Au­to ir­gend­wann ein­mal ein Old­ti­mer sein wird. Ein her­aus­ra­gen­des Stück deut­sche Au­to­mo­bil­ge­schich­te, das vom Fort­schritt über­holt wur­de. Aber ver­mut­lich wer­den die Au­to­fah­rer der Zu­kunft dann ehr­fürch­tig auf den S 500 bli­cken und ihm den glei­chen Re­spekt zol­len, wie wir es heu­te beim 280 SE von 1969 tun. Zu­rück zu Carl Eu­gen von Würt­tem­berg: Für wel­ches Ca­brio­let er sich ent­schie­den hät­te, wä­re ihm zu Leb­zei­ten die Mög­lich­keit der Wahl ver­gönnt ge­we­sen, bleibt rei­ne Spe­ku­la­ti­on. Die sport­li­che Mitt­vier­zi­ge­rin hin­ge­gen, die an die­sem Tag mit ih­ren Freun­din­nen auf dem Moun­tain­bike an der So­li­tu­de vor­bei­ra­delt, muss nicht lan­ge über­le­gen. Sie wirft ei­nen Blick auf die bei­den Mer­ce­des, dann ent­fährt es ihr spon­tan: „Ich wür­de den wei­ßen neh­men.“

Land­stra­ßen sind ein Ge­nuss im of­fe­nen 280 SE. Bei ho­hem Tem­po auf der Au­to­bahn zer­zaust al­ler­dings ein Or­kan die Fri­sur Wenn die Na­del des Dreh­zahl­mes­sers die 40 über­schrei­tet, wird der Sechs­zy­lin­der rich­tig mun­ter. Das Fahr­werk ist nicht für schnel­le Spitz­keh­ren ge­macht, son­dern für ge­pfleg­tes, si­che­res Rei­sen

Die vor­de­ren In­sas­sen ge­nie­ßen sehr viel Raum und bli­cken auf ein opu­lent ge­stal­te­tes Cock­pit mit zwei gro­ßen Bild­schir­men. Die äu­ßerst be­que­men Sit­ze las­sen kei­ne Wün­sche of­fen: Die Po­si­ti­on der Lordo­sen­stüt­ze, die Sei­ten­wan­gen, die Sitz­hei­zung oder gar die Mas­sa­ge­art – al­les lässt sich mit we­ni­gen Klicks an­pas­sen

Die Leuch­ten sind auf Wunsch mit Swa­rov­ski-Kris­tal­len ver­ziert

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