Law & Or­der

So rich­tig will der Smart in Ame­ri­ka ein­fach nicht in Fahrt kom­men. Doch jetzt gibt’s Hil­fe von ganz oben: Das NYPD kauft 300 Fort­wo als Strei­fen­wa­gen für New York

AUTO ZEITUNG - - SPORT · FORMEL 1 - [ TEXT Tho­mas Gei­ger FO­TOS Ant­ho­ny Puo­po­lo ]

Bei die­sem Di­enst­wa­gen wür­de Lieu­ten­ant Theo Ko­jak sei­nen Lol­ly wahr­schein­lich mit­samt dem Sti­el ver­schlu­cken. Denn wäh­rend der be­rühm­tes­te TV-Kom­mis­sar der 70er-Jah­re beim Ein­satz in Man­hat­tan noch im statt­li­chen Buick Cen­tu­ry Re­gal auf Ver­bre­cher­jagd ging, pa­trouil­lie­ren sei­ne Kol­le­gen neu­er­dings im Smart über den Broad­way und durch den Cen­tral Park: 300 Smart Fort­wo will De­pu­ty Com­mis­sio­ner Ro­bert Mar­ti­nez, der Herr über den wahr­schein­lich größ­ten Po­li­zei­fuhr­park der Welt, in den nächs­ten Jah­ren in die Flot­te des New York Po­li­ce De­part­ments (NYPD) auf­neh­men – und die ers­ten 100 Bon­sai-Benz sind im Big App­le seit dem Som­mer be­reits im Ein­satz. Ei­ner, der da­mit täg­lich durch Chi­na-Town kreuzt, ist Of­fi­cer Ralph Jef­fer­son. Der ehe­ma­li­ge Foot­bal­ler der Fran­ken Tim­ber­wol­ves, der den Smart noch aus sei­ner Zeit in Nürn­berg und Fürth kennt, ist buch­stäb­lich ein Bul­le von Po­li­zist: fast zwei Me­ter groß, 250 Pfund schwer und in der schuss­si­che­ren Uni­form so breit, dass man den Smart kaum mehr wahr­nimmt, wenn sich Jef­fer­son ne­ben sei­nem Di­enst­wa­gen auf­baut. Doch ob­wohl der neue Strei­fen­wa­gen an sei­ner Sei­te ge­fähr­lich nach Spiel­zeug­au­to aus­sieht, ist der Smart für Jef­fer­son ein Auf­stieg. Schließ­lich war er bis­lang mit ei­nem der kan­ti­gen Drei­rä­der un­ter­wegs, die New York-Tou­ris­ten vor al­lem von der Brook­lyn Bridge und dem Cen­tral Park ken­nen. „Seit über 30 Jah­ren wer­den die bei uns als Sup­port Ve­hi­cle ein­ge­setzt“, sagt Mar­ti­nez. Wäh­rend die har­ten Cops mit auf­ge­rüs­te­ten Ford Tau­rus und Ex­plo­rer für Recht und Ord­nung sor­gen, sind

Män­ner wie Jef­fer­son da­mit auch Nach­bar­schafts­strei­fe, ma­chen Jagd auf Park­sün­der und Klein­kri­mi­nel­le, kon­trol­lie­ren vor Schu­len und re­geln den Ver­kehr in der Rush­hour. „Aber seit ich im Amt bin, sind mir die­se Drei­rä­der ein Dorn im Au­ge“, sagt der pas­sio­nier­te Mo­tor­rad­fah­rer, der sich im Po­li­zei­ap­pa­rat von der Werk­statt bis ganz nach oben in „One Po­li­ce Pla­za“ge­ar­bei­tet hat. Zu teu­er, zu un­zu­ver­läs­sig, zu lahm und zu un­kom­for­ta­bel sei­en die Ein­sit­zer, die mal mit Mo­to­ren von Ford und mal mit wel­chen von Dai­hatsu aus­ge­lie­fert wer­den, klagt Mar­ti­nez. Und oben­drein füh­len sich Män­ner wie Jef­fer­son dar­in im­mer ein biss­chen wie in ei­nem Kran­ken­fahr­stuhl. Selbst mit Blaulicht und Uni­form kön­nen da schon mal Zwei­fel an der Au­to­ri­tät auf­kom­men. Zwar kann der mick­ri­ge Drei­zy­lin­der aus Deutsch­land mit dem 5,7 Li­ter gro­ßen V8 aus Ko­jaks Buick na­tür­lich kaum mit­hal­ten. „Doch im Ver­gleich zu den an­ti­quier­ten Drei­rä­dern ist der 90 PS star­ke Fort­wo ein ech­ter Ren­ner,“schwärmt Jef­fer­son, wäh­rend er den East Ri­ver ent­lang zum Ein­satz nach Chi­na Town fährt. „Das Au­to be­schleu­nigt bes­ser, es fe­dert kom­for­ta­bler, und selbst ich ha­be dar­in rich­tig viel Platz, wenn ich erst ein­mal durch die Tür bin“, sagt der Po­li­zist. „Und wenn man im All­tag kaum mehr als 15 oder 20 Mei­len pro St­un­de schafft, braucht man nun wirk­lich kei­ne 400 PS.“Aber was ihm am wich­tigs­ten ist: Im Ge­gen­satz zum Drei­rad hat der Smart ei­ne Kli­ma­an­la­ge. Wenn man am Tag acht St­un­den im Au­to sitzt, ist das schon ein Ar­gu­ment – erst recht in New York, wo die Häu­ser­schluch­ten in der Som­mer­hit­ze bro­deln und es im Win­ter stür­misch und bit­ter­kalt sein kann. Der Smart kommt je­doch nicht nur bei den Po­li­zis­ten gut an, son­dern auch bei den Pas­san­ten. „Ich bin in mei­nen sechs Jah­ren bei der Po­li­zei noch nicht so oft an­ge­spro­chen oder gar um ei­ne Fo­to ge­be­ten wor­den wie in mei­nen sechs Wo­chen mit dem Smart“, sagt der Of­fi­cer. Für das NYPD ist die­se Bür­ger­nä­he durch­aus ein Ar­gu­ment. Erst recht, nach­dem Ame­ri­ka in den letz­ten Mo­na­ten von Un­ru­hen ge­gen die Po­li­zei er­schüt­tert wur­de.

Mehr Prä­senz für Daim­lers Dä­um­ling

Doch für Daim­ler sind die­se Re­ak­tio­nen kein gu­tes Zeug­nis. Denn so, wie die meis­ten Men­schen in den Stra­ßen von Man­hat­tan auf den Mi­ni-Mer­ce­des re­agie­ren, hat sich die Exis­tenz des Winz­lings of­fen­bar noch nicht weit her­um­ge­spro­chen – da­bei wird der Smart jetzt schon seit acht Jah­ren in Ame­ri­ka ver­kauft. Al­ler­dings mit mä­ßi­gem Er­folg, so­dass man in Stutt­gart für die Be­stel­lung aus New York wahr­schein­lich dop­pelt dank­bar ist – we­gen der Stück­zah­len und der Wer­be­wir­kung. Zwar wirkt der Smart für ein Po­li­zei­au­to tat­säch­lich fast ein biss­chen zu freund­lich. Wenn Jef­fer­son da­mit durch die Häu­ser­schluch­ten des Broad­way fährt, geht der Klein­wa­gen bei­na­he ver­lo­ren, und in der Rush­hour wird er rund um die Wall Street im Heer der Ta­xen und Li­mou­si­nen förm­lich ver­schluckt. Doch ver­steht es Jef­fer­son, sich auch im Smart Re­spekt zu ver­schaf­fen: Spä­tes­tens wenn die rot-blau­en Licht­blit­ze vom Dach zu­cken, die Lauf­schrift auf dem LED-Bal­ken ein „NYPD“formt und die mar­ki­ge Stim­me des Of­fi­cers aus dem Laut­spre­cher dringt, kommt der Klei­ne groß raus und wird zum Kö­nig des Ur­ban Jung­le.

Wäh­rend Jef­fer­son den Kom­fort des deut­schen Winz­lings und die sym­pa­thi­sche Wir­kung auf die Pas­san­ten lobt, sieht Ein­kaufs­chef Mar­ti­nez ganz an­de­re Vor­tei­le: Auch wenn er den Smart drü­ben bei ei­nem Um­rüs­ter in Brook­lyn erst noch in die Po­li­zei­uni­form ste­cken, die Licht­or­gel aufs Dach mon­tie­ren und die Funk­tech­nik in­stal­lie­ren lässt und der Preis so schnell auf über 20.000 Dol­lar klet­tert, ist der Mi­ni-Mer­ce­des doch 30 Pro­zent bil­li­ger als das Drei­rad aus Ka­na­da. Er ist so­li­der und hält län­ger. Und er hat das brei­te­re Ein­satz­spek­trum. Zwar hat Mar­ti­nez aus ver­si­che­rungs­recht­li­chen Grün­den ver­fügt, dass der Smart nicht schnel­ler als 40 Mei­len fah­ren darf und der zwei­te Platz leer bleibt. Doch zur Not kann Of­fi­cer Jef­fer­son eben doch mal ei­nen Kol­le­gen mit­neh­men. Und wenn der Smart bei der Fahrt in ei­nes der an­de­ren Bo­roughs mal auf den High­way wech­selt, braucht er im Ge­gen­satz zum Drei­rad kei­nen Strei­fen­wa­gen als Be­gleit­schutz, zählt Mar­ti­nez die Vor­tei­le auf. Und noch ei­nen Ha­ken hat er am Th­reew­hee­ler aus­ge­macht: Of­fi­zi­ell ist das Drei­rad als Mo- tor­rad zu­ge­las­sen. Des­halb ist die Zu­la­dung so knapp be­mes­sen, dass Män­ner wie Jef­fer­son ei­gent­lich nackt ein­stei­gen müss­ten. „Au­ßer­dem brau­chen wir da­für ei­nen Mo­tor­rad­füh­rer­schein und müs­sen ei­nen Helm tra­gen“, schimpft Mar­ti­nez. Kein Wun­der, dass er es kaum er­war­ten kann, bis die letz­ten Drei­rä­der end­lich aus­ge­mus­tert sind und beim NYPD die smar­ten Zei­ten be­gin­nen. Dass der Wa­gen aus Deutsch­land kommt, stört Chef­ein­käu­fer Mar­ti­nez nicht. Zwar ist er pa­trio­tisch ge­nug, erst ein­mal in De­troit nach­zu­fra­gen. „Doch wenn die US-Her­stel­ler nichts Pas­sen­des an­bie­ten, ha­be ich mit Im­por­teu­ren kein Pro­blem.“Nicht um­sonst ka­men die ers­ten 1800 Hy­bridau­tos in sei­ner 9000 Fahr­zeu­ge star­ken Flot­te da­mals auch von Nis­san, weil Ford, Chrys­ler und GM an­fangs noch nicht lie­fern konn­ten. Of­fi­cer Jef­fer­son geht das ganz ähn­lich. Seit er das ers­te Mal im Smart saß, kann ihm das al­te Drei­rad ge­nau­so ge­stoh­len blei­ben wie der Ford In­ter­cep­tor der Kol­le­gen oder ja­pa­ni­sche Pri­vat­wa­gen. Denn so klein das Au­to von au­ßen auch sein mag, so viel Platz hat der Rie­se drin­nen. Die Kli­ma­an­la­ge ist der Hit. Die Re­ak­ti­on der Leu­te ei­ne Wucht. Und in den stän­dig ver­stopf­ten Stra­ßen kommt er ein­fach bes­ser vor­an, freut sich der Of­fi­cer. Nur ein Pro­blem lässt sich par­tout nicht lö­sen: „Ver­haf­ten kann ich auf der Strei­fe mit dem Smart lei­der nie­man­den. Wenn’s rich­tig ernst wird, brau­che ich Ver­stär­kung.“Wie wär’s mit Lieu­ten­ant Ko­jak und sei­nem Buick Re­gal?

Mehr Kom­fort: Ex-Foot­bal­ler Jef­fer­son freut sich über die Kli­ma­an­la­ge

Hat gut la­chen: Of­fi­cer Ralph Jef­fer­son schätzt das Platz­an­ge­bot im Smart Fort­wo – wenn er es denn durch die Tür ge­schafft hat …

Höh­le des Lö­wen: Tief im Bauch der im­mer wa­chen Mil­lio­nen­me­tro­po­le fährt der Po­li­zei­S­mart Strei­fe

De­pu­ty Com­mis­sio­ner Ro­bert Mar­ti­nez ist Herr über den NYPD-Po­li­zei­fur­park. Die al­ten Strei­fen-Drei­rä­der wer­den durch neue Smart er­setzt

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