Mer­ce­des SL Por­sche 911 Car­re­ra Ca­brio­let

Auch der Herbst ist noch Ca­brio- Zeit. Das Por­sche 911 Ca­brio­let und der Mer­ce­des SL 400 sind die per­fek­ten Part­ner für die letz­ten Son­nen­stun­den. Im Test die bei­den Ba­sis­mo­del­le ih­rer Bau­rei­hen

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Michael God­de FO­TOS Jür­gen Zer­ha ]

Mer­ce­des SL oder Por­sche 911 Ca­brio­let – das ist, als wür­de man Äp­fel mit Bir­nen ver­glei­chen? Viel­leicht war das bis­her so. Doch jetzt gibt es den SL 400. Noch nie war der Ba­sis-Mer­ce­des-Roads­ter dy­na­mi­scher. Fein­schliff am Fahr­werk und der keh­lig trom­pe­ten­de V6-Bi­tur­bo ha­ben das SL-Fee­ling ver­än­dert. Der Haupt­ri­va­le ist da schnell aus­ge­macht: das Por­sche 911 Car­re­ra Ca­brio­let.

Ka­ros­se­rie

Ty­pisch Por­sche: Das 911 Ca­brio ge­winnt den ers­ten „Sprint“. Der 911er be­nö­tigt le­dig­lich 15 Se­kun- den, um sein Stoff­ver­deck zu ver­stau­en. Das Alu­mi­ni­um-Klappdach des SL braucht fast die dop­pel­te Zeit, um sich raum­grei­fend in den Kof­fer­raum zu fal­ten. Un­an­ge­neh­me Be­gleit­erschei­nung: Das La­de­vo­lu­men re­du­ziert sich da­bei von 362 auf 222 Li­ter. Al­ler­dings passt dann im­mer noch ei­ne Rei­se­ta­sche mehr in den Daim­ler als in das mit 145 Li­tern recht mick­ri­ge La­de­fach un­ter der Front­hau­be des Zuf­fen­hau­se­ners. Da­für kon­tert der 911 mit zwei – zu­min­dest für Kin­der – nutz­ba­ren Not­sit­zen. Und auf dem Fah­rer­platz des Por­sche fühlt sich je­der so­fort top un­ter­ge­bracht. Zwar fällt der 911 deut­lich schma­ler aus als der groß­zü­gig ge­schnit­te­ne Stutt­gar­ter, doch die Po­si­ti­on zwi­schen Pe­da­len, Lenk­rad und Sitz lässt sich auf je­den in­di­vi­du­el­len Wunsch an­pas­sen. Mer­ce­des hat aber in die­sem Ka­pi­tel ne­ben dem deut­lich grö­ße­ren Kof­fer­raum noch ein Ass auf der Hand: die Si­cher­heits­aus­stat­tung. Not­brems- und No­t­ru­fas­sis­tent so­wie LED-Schein­wer­fer mit Kur­ven­licht­funk­ti­on ge­hö­ren bei ihm be­reits zum Se­ri­en­um­fang. Por­sche lässt sich vie­le Fea­tures ex­tra be­zah­len oder bie­tet sie – wie et­wa No­t­ruf- oder Spur­hal­teas­sis­ten­ten – erst gar nicht an. Über je­den Zwei­fel er­ha­ben sind beim 911 hin­ge­gen die Ma­te­ri­al-

qua­li­tät und die Ver­ar­bei­tung. Le­dig­lich der auf­ge­setzt wir­ken­de Touch­screen sieht ein we­nig de­plat­ziert aus. Die nicht ganz so ex­akt ras­ten­den Dreh­reg­ler des SL zei­gen wie­der­um, dass Mer­ce­des hier noch et­was mehr Lie­be zum

De­tail fehlt.

Fahr­kom­fort

Mit dem SL lässt es sich sehr kom­mod auch über schlech­te Stre­cken durch die Herbst­son­ne crui­sen. Ge­las­sen schwingt er über Bo­den­wel­len hin­weg und bü­gelt Kan­ten ge­konnt glatt, oh­ne da­bei den Kon­takt zur Stra­ße zu ver­lie­ren. Mit dem ef­fek­ti­ven Wind­schott (655 Eu­ro) und dem wär­men­den Luft­strom aus den Aus­läs­sen in den Kopf­stüt­zen (Airs­carf) der sehr kom­for­ta­blen Ak­tiv-Mul­ti­kon­tur­sit­ze (1964 Eu­ro) ge­nießt man die Fahrt auch bei kal­ter Wit­te­rung. Und egal ob of­fen oder ge­schlos­sen, der SL ver­wöhnt im Ver­gleich zum 911 mit ei­ner deut­lich lei­se­ren und an­ge­neh­me­ren Ge­räusch­ku­lis­se. Der Por­sche fa­vo­ri­siert gut ge­pfleg­te Pis­ten. Zwar kön­nen auch bei ihm die ad­ap­ti­ven Dämp­fer per Knopf­druck an­ge­passt wer­den, aber die an­ge­bo­te­ne Band­brei­te um­fasst nur straff bis hart. Wäh­rend die Vor­der­ach­se noch mit fei­nem An­sprech­ver­hal­ten Kan­ten ver­daut, teilt die Hin­ter­ach­se, die auch die Last des Bo­xer-Trieb­werks tra­gen muss, Une­ben­hei­ten klar und deut­lich mit. Die per­fekt an­lie­gen­den ad­ap­ti­ven Sport­sit­ze (3273 Eu­ro) und der dank des se­ri­en­mä­ßi­gen elek­tri­schen Wind­schotts sanf­te Wind­strom trös­ten aber über die ker­ni­ge Hin­ter­ach­se hin­weg.

Mo­tor / Ge­trie­be

Ker­nig ist auch der SL – al­ler­dings im po­si­ti­ven Sin­ne. Zu­min­dest was den V6-Bi­tur­bo be­trifft. Schon im Stand grum­melt der Mo­tor au­then­tisch so­nor vor sich hin – nicht auf­dring­lich, aber selbst­be­wusst. Und das kann er auch sein: Der Drei­li­ter hängt di­rekt am Gas, setzt schon aus nied­ri­gen Dreh­zah­len kräf­tig an und dreht lo­cker und leicht sei­nem Dreh­zahlli­mit ent­ge­gen, im­mer un­ter­malt von ei­nem herr­lich bas­si­gen Klang­tep­pich. Da kann der syn­the­tisch klin­gen­de 911 nicht mit­hal­ten – beim Klang. Denn so gut der V6-Bi­tur­bo des SL 400 auch ist, der Bi­tur­bo-Bo­xer macht’s noch bes­ser. Wäh­rend der Mer­ce­des sein Dreh­mo­ment zwi-

schen 2000 und 4200 Um­dre­hun­gen be­reit­stellt, brei­tet der 911er sei­ne 450 Nm zwi­schen 1700 und 5000 Tou­ren noch wei­ter aus. Trak­ti­ons­pro­ble­me sind dem Por­sche fremd. Er stemmt sei­ne Kraft im­mer op­ti­mal auf den As­phalt, wo­hin­ge­gen der SL 400 schon mal ei­nen Teil sei­ner Kraft in Rauch auf­ge­hen lässt. Zu­dem agiert das Sie­ben­gang-Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be des 911 schnel­ler als die ab und an un­ent­schlos­sen wir­ken­de Neun­stu­fen-Au­to­ma­tik des SL. Auf den Ver­brauch wirkt sich die lang über­setz­te neun­te Stu­fe al­ler­dings po­si­tiv aus: Der 400er nimmt im Schnitt ei­nen hal­ben Li­ter we­ni­ger als der 911. Der ge­ne­riert da­für aber die deut­lich bes­se­ren Fahr­leis­tun­gen: Bis

Tem­po 100 liegt der SL schon fast ei­ne Se­kun­de hin­ter dem Por­sche zu­rück.

Fahr­dy­na­mik

Auch auf dem Hand­ling­par­cours zeigt der SL, dass sei­ne trä­ge Epo­che vor­bei ist. Mit an­ge­nehm mit­teil­sa­mer Len­kung lässt er sich sau­ber über die Stre­cke füh­ren. Das leicht nach au­ßen drü­cken­de Heck kün­digt sanft und gut kon­trol­lier­bar das Li­mit an. Auch das ESP über­zeugt mit viel Frei­raum für Fahr­spaß und schrei­tet erst bei über­trie­be­nem Ehr­geiz un­ter­stüt­zend ein. Im SL 400 fühlt man sich schnell – bis der Por­sche auf­taucht. Der 911er ist auf kur­vi­gen Stre­cken das Maß der Din­ge, auch als Ca­brio. Mensch und Ma­schi­ne bil­den ei­ne Ein­heit. Je­de noch so klei­ne Be­we­gung des Fah­rers be­folgt er, oh­ne ner­vös zu wer­den. Kei­ne Len­kung be­herrscht den Spa­gat aus ul­ti­ma­ti­ver Rück­mel­dung und se­riö­ser Ge­las­sen­heit so wie die des Zuf­fen­hau­se­ners. Dort, wo der SL sei­ne Gren­ze er­reicht, be­ginnt der Wohl­fühl­be­reich des 911. Er lenkt mes­ser­scharf ein, ver­schenkt kei­nen Zen­ti­me­ter durch läs­ti­ges Un­ter­steu­ern, ver­harrt sto­isch auf der Ide­al­li­nie und bringt sei­ne Kraft mit irr­sin­ni­ger Trak­ti­on zu 100 Pro­zent auf den As­phalt. Ein­grif­fe des ESP? Kei­ne! So stimmt man ein Fahr­werk ab. Die Run­den- und Sla­lom­zei­ten sind nur noch die Be­le­ge der Per­fek­ti­on: Der Por­sche nimmt dem Mer­ce­des auf ei­ner Run­de fast sechs Se­kun­den ab.

Um­welt / Kos­ten

Ja, der SL 400 ist deut­lich güns­ti­ger als das 911 Ca­brio – das gilt schon für den Grund­preis und erst recht für die Sum­me mit den test­re­le­van­ten Ex­tras. Wäh­rend der SL nur mit op­tio­na­len Sit­zen und gro­ßen Rä­dern zum Test an­tritt, hat Por­sche noch das Sport Chro­no-Pa­ket in­klu­si­ve dy­na­mi­scher Mo­tor­la­ger und die Ser­vo­len­kung Plus nach­ge­legt. Das beim 911 se­ri­en­mä­ßi­ge Na­vi­sys­tem kann das nicht aus­glei­chen – die Kos­ten­bi­lanz spricht klar für den SL 400.

Por­sche 911 Car­re­ra Ca­brio­let 370 PS, Hin­ter­rad­an­trieb, 0-100 km/ h in 4,0 s, 290 km/ h Spit­ze*, 11,0 l SP/ 100 km, 109.695 Eu­ro * Werks­an­ga­be

Mer­ce­des SL 400 367 PS, Hin­ter­rad­an­trieb, 0-100 km/ h in 4,9 s, 250 km/ h Spit­ze*, 10,5 l S/ 100 km, 99.097 Eu­ro * Werks­an­ga­be

SL: groß­zü­gig ge­schnit­te­ner In­nen­raum trotz des brei­ten Mit­tel­tun­nels. Hoch­wer­ti­ge Ver­ar­bei­tung

Be­que­me Sit­ze mit wär­men­den Luft­aus­läs­sen in den Kopf­stüt­zen (Airs­carf). Per Knopf­druck in 28 Se­kun­den oben of­fen

Se­ri­en­mä­ßi­ges Wind­schott im 911. Für den SL kos­tet es 595 Eu­ro ex­tra Der 911 bie­tet ei­ne tol­le Er­go­no­mie, pass­ge­naue Sit­ze und ei­ne im De­tail noch fei­ne­re Ver­ar­bei­tung als der SL. Dreh­schal­ter zur Fahr­mo­di­aus­wahl (un­ten)

Beim 911 dau­ert es nur 15 Se­kun­den – schon ist das Stoff­dach ver­schwun­den

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