Mit der X-Klas­se steigt Mer­ce­des ins Pick-up-Seg­ment ein

Mer­ce­des wagt sich mit der neu­en X-Klas­se auf den Pick-up-Markt. Die­ser ist welt­weit im Auf­wind. Doch das Seg­ment wird glo­bal von den ame­ri­ka­ni­schen und ja­pa­ni­schen Her­stel­lern do­mi­niert

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Mar­kus Bach

Platz da, jetzt kom­me ich! Mer­ce­des wird in die­sem Jahr BMW als welt­weit größ­ten Pre­mi­um­her­stel­ler ab­lö­sen. Den Er­folg hat die Mar­ke mit dem Stern auch ih­rer brei­ten Mo­dell­pa­let­te zu ver­dan­ken – fast je­des Seg­ment wird von den Stutt­gar­tern be­setzt. Doch jetzt wagt sich Mer­ce­des auf ei­nen Markt, der mit Pre­mi­um bis­lang we­nig zu tun hat­te: Die Stutt­gar­ter zei­gen mit dem Con­cept X-Class ei­nen se­ri­en­na­hen Aus­blick auf ih­ren ers­ten Pick­up. „Da­mit schlie­ßen wir ei­ne der letz­ten Lü­cken in un­se­rem Port­fo­lio“, sagt Daim­ler-Chef Die­ter Zet­sche. „Die X-Klas­se wird da­bei neue Standards in ei­nem wach­sen­den Seg­ment setz­ten.“Vor al­lem im In­nen­raum zeigt sich, dass Mer­ce­des sei­nen Pick-up auf ein völ­lig neu­es Ni­veau he­ben möch­te: Gestal­tung und Ma­te­ria­li­en er­in­nern eher an die ei­ner Li­mou­si­ne als ei­nes Nutz­fahr­zeugs. Das frei­ste­hen­de Mul­ti­me­di­aDis­play und der Dreh-Drück-Stel­ler deu­ten an, dass die Stutt­gar­ter die mo­der­nen Be­di­en­kon­zep­te aus dem Pkw-Bau in die bis­her eher rus­ti­ka­le Pick-up-Welt brin­gen möch­ten. Bei der Ver­net­zung soll die X-Klas­se eben­falls Ak­zen­te in ih­rem Seg­ment set­zen. Auch beim The­ma Si­cher­heit will Mer­ce­des ge­gen­über den eta­blier­ten Wett­be­wer­bern punk­ten: Ei­ne Viel­zahl mo­der­ner As­sis­tenz­sys­te­me soll se­ri­en­mä­ßig an Bord sein.

Die X-Klas­se ba­siert auf dem Nis­san Na­va­ra

Um das Ri­si­ko ei­nes Markt­ein­tritts in ei­nem für Mer­ce­des bis­her un­be­kann­ten Seg­ment über­schau­bar zu hal­ten, grei­fen die Schwa­ben bei der X-Klas­se auf die tech­ni­sche Ba­sis des Nis­san Na­va­ra zu­rück. Die­se steht Daim­ler im Rah­men der stra­te­gi­schen Ko­ope­ra­ti­on mit der Re­naul­tNis­san-Al­li­anz zur Ver­fü­gung. Ne­ben dem Vier­zy­lin­der-Tur­bo­die­sel des Ja­pa­ners wird das Top­mo­dell der X-Klas­se ex­klu­siv ei­nen V6-Die­sel er­hal­ten. Un­ter dem Blech setzt aber auch der Pre­mi­um-Pick-up auf den ro­bus­ten Lei­ter­rah­men des Nis­san, der ei­ne Nutz­last von mehr als 1,1 Ton­nen er­mög­licht. Statt Blatt­fe­dern er­hält der Mer­ce­des an der Hin­ter­ach­se Schrau­ben­fe­dern, die be­reits im Spit­zen­mo­dell des Nis­san Na­va­ra ein har­mo­ni­sche­res Fahr­ver­hal­ten er­mög­li­chen. Auch bei der Pro­duk­ti­on kann Mer­ce­des auf die Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner zäh­len: Die X-Klas­se wird im Nis­san-Werk in Bar­ce­lo­na so­wie in der ar­gen­ti­ni­schen Re­nault-Fa­b­rik in Cordo­ba ge­baut. Der Markt­start in Deutsch­land ist für En­de 2017 ge­plant. Doch lohnt sich der Auf­wand für die Mar­ke mit dem Stern über­haupt? Ist der Pick-up-Markt nicht eher ei­ne Ni-

sche? Prit­schen­wa­gen sind in Eu­ro­pa ei­ne Sel­ten­heit, ihr Markt­an­teil liegt in Deutsch­land bei et­wa 0,5 Pro­zent. Au­ßer­halb des Al­ten Kon­ti­nents spie­len sie je­doch ei­ne ge­wich­ti­ge Rol­le: So wur­den al­lein in den USA im letz­ten Jahr über 2,5 Mil­lio­nen Pick-ups ver­kauft. In vie­len Wachs­tums­märk­ten in Asi­en und Afri­ka zäh­len die La­de­meis­ter zu den er­folg­reichs­ten Seg­men­ten – in Thai­land liegt ihr Markt­an­teil so­gar bei be­ein­dru­cken­den 41,1 Pro­zent. Da über­rascht es nicht, dass Ford von der F-Se­rie, dem welt­weit er­folg­reichs­ten Pick-up, 2015 sat­te 921.800 Stück ab­set­zen konn­te. Zum Ver­gleich: Der VW Golf kam im glei­chen Zei­t­raum auf 1,06 Mil­lio­nen Ex­em­pla­re. Da­bei wird der gro­ße Ford fast aus­schließ­lich in Nord­ame­ri­ka ver­kauft. Denn der glo­ba­le Pick-up-Markt ist zwei­ge­teilt: In den USA, Ka­na­da und Me­xi­ko do­mi­nie­ren die rund sechs Me­ter lan­gen „Full­si­ze“-Mo­del­le – aus­ge­rüs­tet mit leis­tungs­star­ken V6- und V8-Ben­zi­nern. Kein Wun­der, dass die­se Märk­te von den ame­ri­ka­ni­schen Her­stel­lern Ford, Ge­ne­ral Mo­tors und Chrys­ler an­ge­führt wer­den. Der Rest der Welt ist et­was be­schei­de­ner und fa­vo­ri­siert die so­ge­nann­ten „Mid­si­ze“-Pick-ups, die um die fünf Me­ter lang sind. Die­se wer­den von Die­sel­mo­to­ren oder Vier­zy­lin­der-Ben­zi­nern an­ge­trie­ben. Seit den 1980er-Jah­ren ge­ben hier die ja­pa­ni­schen Her­stel­ler To­yo­ta, Nis­san und Mitsu­bi­shi den Ton an. Doch im­mer mehr Wett­be­wer­ber ent­de­cken das wach­sen­de Seg­ment für sich und wol­len ih­ren An­teil am Pick-up-Markt ab­ha­ben. Da­bei kon­zen­trie­ren sich die eu­ro­päi­schen Mar­ken auf das „Mid­si­ze“-Seg­ment: So bie­tet VW seit 2010 den Ama­rok an, Fi­at zog 2016 mit dem Full­back nach, Re­nault folgt im nächs­ten Jahr mit dem Alas­kan. Und Peu­geot plant für 2018 ei­nen Pick-up auf Ba­sis des er­folg­rei­chen To­yo­ta Hi­lux. Auch Mer­ce­des zielt mit der XKlas­se als „Mid­si­ze“-Mo­dell auf die Haupt­märk­te Aus­tra­li­en, Süd­afri­ka und Süd­ame­ri­ka. Die USA müs­sen al­so wei­ter auf ei­nen Pre­mi­um-Pick-up war­ten.

Im Cock­pit ist die X-Klas­se eher Pkw als Nutz­fahr­zeug

Elek­tri­sche Seil­win­de, Kunst­stoff­plan­ken und grob­stol­li­ge Rei­fen der Grö­ße 35 x 11,5 zei­gen: Die­se Va­ri­an­te der X-Klas­se ist für das Ge­län­de ge­dacht

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