DTM: High­lights, Ab­schie­de, Pan­nen – Sai­son-Rück­blick

Good­byes und Tren­nun­gen über­schat­te­ten die DTM 2016, in der Mar­co Witt­mann mit dem tech­nisch fa­vo­ri­sier­ten M4 sei­nen zwei­ten Ti­tel für BMW hol­te – Sai­son­rück­blick

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gre­gor Mes­ser

Der Herbst ist die Zeit der Tren­nun­gen. Man ver­ab­schie­det sich von schö­nem Wet­ter, lan­gen Ta­gen – und auch von der DTM. Zwei Prot­ago­nis­ten mach­ten den Ti­tel schließ­lich un­ter sich aus: Mar­co Witt­mann und Edo­ar­do Mort­a­ra ver­tag­ten die Ent­schei­dung bis zum gro­ßen Fi­na­le am Renn­sonn­tag in Ho­cken­heim. Mort­a­ra be­leg­te dort sams­tags Rang drei hin­ter Abt-Au­di-Team­kol­le­ge Mi­guel Mo­li­na und Kon­tra­hent Witt­mann. Sonn­tags ge­wann der Ita­lie­ner mit Wohn­ort Lau­sanne nach ei­nem fu­rio­sen Ren­nen – mit Witt­mann als Vier­tem im Ziel. Und so tren­nen bei­de in der Ta­bel­le nur vier Zäh­ler. „Mar­co ist aus mei­ner Sicht letzt­lich der Fah­rer des Jah­res“, stell­te Ex-Cham­pi­on Ma­nu­el Reu­ter fest, der 20 Jah­re zu­vor den Ti­tel nach Hau­se trug. „Er hat im­mer ge­lie­fert, war im­mer zu­ver­läs­sig und hat sich aus al­lem her­aus­ge­hal­ten. Über die Sai­son ge­se­hen fuhr er ein­fach am cle­vers­ten von al­len.“

Witt­mann, der un­spek­ta­ku­lä­re Zu­ver­läs­si­ge; Mort­a­ra, der Spaß­fah­rer

Witt­mann stand nur drei­mal ganz oben auf dem Sie­ger­po­di­um: in Spiel­berg, Mos­kau und auf dem Nür­burg­ring. Wi­der­sa­cher Mort­a­ra in­des stieg gleich fünf­mal auf die obers­te Po­dest­stu­fe. Er sieg­te nicht nur beim Auf­takt und beim Fi­na­le in Ho­cken­heim, son­dern auch auf dem No­ris­ring, auf dem Nür­burg­ring und in Bu­da­pest. Vor­jah­res­meis­ter Pas­cal Wehr­lein fass­te tref­fend zu­sam­men: „Witt­mann ist das Eich­hörn­chen, das im­mer Punk­te sam­melt. Aber Mort­a­ra, das ist der Spaß­fah­rer. Ihm schaue ich viel lie­ber zu.“Wäh­rend sich Witt­mann un­auf­fäl­lig und un­prä­ten­ti­ös ver­hielt, gab Mort­a­ra – hin­ter den Ku­lis­sen ein Spaß­vo­gel son­der­glei­chen – gern den Typ fürs Spek­ta­ku­lä­re. Witt­mann steu­er­te nur zwei­mal nicht in die Punk­te­rän­ge, doch Mort­a­ra lüm­mel­te öf­ter mal ne­ben der Pis­te: Fünf­mal blieb er oh­ne Zäh­ler. Nicht im­mer durch ei­ge­nes Ver­schul­den: Sei­nem 17. Platz beim Sams­tag­ren­nen in Zand­vo­ort lag denn auch die

Spiel­ver­der­be­rei des Jah­res zu­grun­de. Da ver­sag­te wäh­rend ei­ner lo­ka­len Gelb­pha­se das so­ge­nann­te Mar­shal­ling-Sys- tem, das der Renn­lei­tung via GPS ver­mit­telt, ob die Pi­lo­ten das vor­ge­schrie­be­ne Speedli­mit ex­akt ein­hal­ten. Bei Mort­a­ra war das Sys­tem an­schei­nend de­fekt, denn es si­gna­li­sier­te fälsch­li­cher­wei­se, er ha­be zu früh wie­der Gas ge­ge­ben. Die Durch­fahrts­stra­fe kos­te­te ihn Rang sechs und acht Punk­te – Letz­te­re hät­ten ihm zum Ti­tel­ge­winn ge­reicht … Mehr noch: Weil Mort­a­ra da­durch im in­ter­nen Au­di-Ran­king hin­ter Mar­ken­kol­le­ge Ja­mie Gre­en zu­rück­fiel, führ­te die Kon­se­quenz zum

Wech­sel des Jah­res: Mort­a­ra wird für 2017 zu Mer­ce­des ab­wan­dern – si­cher nicht we­gen des Gel­des, son­dern viel­mehr weil er mit der Be­vor­zu­gung Gre­ens und der man­geln­den Un­ter­stüt­zung durch die Au­di-Füh­rung nach Zand­vo­ort sei­ner­seits to­tal un­hap­py war. Au­di trug zwei von drei Meis­ter­schaf­ten nach Hau­se: Die Her­stel­ler­wer­tung ging nach In­gol­stadt, die Te­am­wer­tung zu Abt Sports­li­ne ins All­gäu. Den­noch muss­te Au­di-DTM-Lei­ter Die­ter Gass nach dem Fi­na­le klein­laut ein­ge­ste­hen: „Die bei­den Ti­tel und der Fi­nal­sieg sind die bit­ters­ten Er­fol­ge, die wir je hat­ten.“Wie­der hat­te Au­di mit dem RS 5 das über­le­ge­ne Au­to – zehn Sie­ge ste­hen nur je vier von BMW und Mer­ce­des ge­gen­über. Der Blick in die Sta­tis­tik of­fen­bart aber auch: Witt­mann als über­ra­gen­der BMW-Pi­lot ver­buch­te mehr als dop­pelt so vie­le Zäh­ler wie der nächst­bes­te BMW-Len­ker Tom Blom­qvist. Au­ßer­dem hol­te al­le BMWSie­ge das Team von Ste­fan Rein­hold. Hin­ter den Ku­lis­sen er­zwan­gen die Münch­ner von Au­di und Mer­ce­des so­wie vom Re­gel­ma­cher DMSB ei­ne Son­der­re­ge­lung, die für den M4 ge­trof­fen wer­den muss­te – sonst dro­he der Aus­stieg aus der DTM: Als am­tie­ren­dem Mar­ken­meis­ter wur­de BMW ein um fünf Zen­ti­me­ter brei­te­rer Heck­flü­gel zu­ge­stan­den, eben­so ein Ba­sis­ge­wicht, das um 7,5 Ki­lo­gramm un­ter den 1120 Ki­lo­gramm von Mer­ce­des und Au­di lag. Die­se Wett­be­werbs­ver­zer­rung war die

Far­ce des Jah­res. Nicht zu­letzt war man ge­ra­de des­we­gen froh, als die­se Sai­son end­lich vor­über war. Dass die Her­stel­ler vor dem Ren­nen in Zand­vo­ort mit ih­rem An­trag, al­le drei Fa­b­ri­ka­te doch wie­der auf ein ein­heit­li­ches Ge­wichts­ni­veau zu brin­gen, beim

DMSB auf Gra­nit bis­sen – die Tech­nik-Hü­ter be­fan­den die Ge­wichts­re­gu­lie­rung als in Ord­nung –, kann man frei­lich als den Wi­der­stand

des Jah­res be­zeich­nen: End­lich setz­te sich der Ver­band mal ge­gen die Her­stel­ler durch. Die Fans muss­ten nicht nur von dem Ge­dan­ken ab­las­sen, dass in der DTM mit glei­chen Mit­teln ge­kämpft wird. Auch von alt­ge­dien­ten Hau­de­gen hat­ten sie sich zu ver­ab­schie­den. Die ExMeis­ter Mar­tin Tomc­zyk (2011) und Ti­mo Schei­der (2008, 2009) wer­den künf­tig nicht mehr da­bei sein. Tomc­zyk steht für den Ab

schied des Jah­res: gut ge­plant mit kla­rem Si­gnal für künf­ti­ge Ak­ti­vi­tä­ten im GT-Sport. Schei­ders Ab­gang in­des be­legt den Raus

schmiss des Jah­res: Was um Him­mels Wil­len ha­ben sich die Bos­se von Au­di Sport, Wolf­gang Ull­rich und Die­ter Gass, nur da­bei ge­dacht, mit dem dienst­äl­tes­ten DTM-Pi­lo­ten (181 Starts seit 2000) don­ners­tags vor dem Fi­na­le te­le­fo­nisch Schluss zu ma­chen? Es mag viel­leicht Grün­de da­für ge­ben. Schlimm je­doch ist, dass sich Au­di die­se erst so spät im Jahr über­legt hat. Den Phan­tom­schmerz, der DTM nicht mehr an­zu­ge­hö­ren, spür­te nicht nur Schei­der: Kein an­de­rer Fah­rer hat so viel für die Fans und so­mit auch für die Se­rie ge­leis­tet wie er. Um­mit­tel­bar mit die­sen Ab­gän­gen hängt auch die Zahl des Jah­res zu­sam­men: sechs. Nur noch so vie­le Au­tos, so ha­ben es die Her­stel­ler be­schlos­sen, wer­den pro Mar­ke ab 2017 ein­ge­setzt. Den Fans wird es al­ler­dings nicht egal sein, zwei Au­tos pro Her­stel­ler und so­mit 25 Pro­zent we­ni­ger Ac­tion ge­bo­ten zu kom­men. Mög­lich auch, dass bei Mer­ce­des so ne­ben dem noch jun­gen DTM-Team von ART auch das alt­ge­dien­te Ber­li­ner Mü­cke-Team ver­schwin­den wird. Da­bei leis­te­te ge­ra­de die Trup­pe von Pe­ter Mü­cke in die­sem Jahr ei­nen Top-Job, was durch den Auf­stei­ger des Jah­res Lu­cas Au­er ver­deut­licht wird: zwei Pole­po­si­tio­nen und ein Sieg (Lau­sitz­ring) für den Youngs­ter aus Ti­rol.

Start­platz-Träu­me­rei in Bu­da­pest

Au­ers Mer­ce­des-Kol­le­ge Ro­bert Wi­ckens hat­te als ein­zi­ger Mer­ce­des-Pi­lot noch rea­lis­ti­sche Ti­tel­chan­cen – bis zum Sams­tag­ren­nen in Un­garn. Dort ge­lang dem Ka­na­di­er der Faux­pas

des Jah­res: Nach der Ein­füh­rungs­run­de fuhr er in der Start­auf­stel­lung auf den fal­schen Platz. Start­ab­bruch, noch ei­ne Auf­wärm­run­de. „Erst dann ha­be ich ge­checkt, was für ein däm­li­cher Feh­ler mir un­ter­lau­fen war“, er­zählt Wi­ckens, der da­für von ganz hin­ten star­ten muss­te. Was dann folg­te, war viel­leicht die Run­de

des Jah­res: Wi­ckens mach­te im ers­ten Um­lauf di­rekt zwölf Plät­ze wie­der gut. Al­ler­dings ver­dient die­se Aus­zeich­nung auch Mer­ce­des­Team­kol­le­ge Ga­ry Paf­fett, dem in Mos­kau die Pole­po­si­tion mit dem größ­ten Vor­sprung ge­lang: 0,605 Se­kun­den. Ei­ne Welt. Auf je­den Fall ge­bührt Paf­fett er­neut der Ti­tel Te­am­play­er

des Jah­res: In Mos­kau ließ er brav sei­ne Ti­tel­am­bi­tio­nier­ten Kol­le­gen Wi­ckens und Paul di Res­ta pas­sie­ren. „Hät­te ich mir frü­her auch nicht vor­stel­len kön­nen, mal ei­nen Sieg zu op­fern“, ver­mel­de­te der En­g­län­der. Die Ent­täu­schung des Jah­res wird sich erst En­de Ok­to­ber of­fen­ba­ren. Dann wird in Oschers­le­ben die neue DTM-Fahr­zeug-Ge­ne­ra­ti­on ge­tes­tet. Mit et­was mehr Po­wer, okay, aber äu­ßer­lich na­he­zu un­ver­än­dert: Auch künf­tig wol­len die Her­stel­ler den Fans kei­ne ech­te Re­vo­lu­ti­on prä­sen­tie­ren, son­dern nur Au­tos, die zwar schnell, aber un­spek­ta­ku­lär und wie auf Schie­nen um die Kur­ven fah­ren.

Meis­ter und Sie­ger: Har­ry Un­fl­ath (Abt Sports­li­ne), Die­ter Gass (Au­di) und die drei DTM-Erst­plat­zier­ten Mort­a­ra, Witt­mann, Gre­en

Trau­ri­ger Ab­schied: Ex-Meis­ter Schei­der sorg­te für den emo­tio­nals­ten Mo­ment

Far­ce in Zand­vo­ort: Mort­a­ra wur­de um Rang sechs und acht Punk­te ge­bracht

Bu­da­pest am Sonn­tag: Hin­ter Sie­ger Ek­ström flo­gen bei Witt­mann und Gre­en die Fet­zen

Mer­ce­des setz­te High­lights, ent­pupp­te sich aber auch als Gröss­ter Pech­vo­gel Für den Ab­schuss durch Ek­ström am No­ris­ring fand Mer­ce­des-Pi­lot Viet­o­ris der­be Wor­te: 3000 Eu­ro Stra­fe

So­li­der Ab­gang: Mar­tin Tomc­zyk, Meis­ter von 2011, be­gann sei­ne DTM-Kar­rie­re 2001. Nach 177 Starts ist nun Schluss

Tö­richt: Wi­ckens sieg­te je ein­mal in Zand­vo­ort und in Mos­kau, doch in Bu­da­pest ver­träum­te er sei­ne Ti­tel­chan­cen

Gu­te Fi­gur: Mer­ce­des-Youngs­ter Au­er ent­wi­ckel­te sich ne­ben Au­di-Pi­lot Ni­co Mül­ler zum Auf­stei­ger des Jah­res

Tausch­part­ner: Au­di-Star Ek­ström (l.) wur­de beim Fi­na­le durch den Neu­ein­stei­ger des Jah­res Re­né Rast ver­tre­ten

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