Mit sei­nen Star-Al­lü­ren zählt For­mel-1-Pi­lot Max Ver­stap­pen schon jetzt zur Rie­ge der „Jun­gen Wil­den“à la Ja­cky Ickx und Jo­die Scheck­ter

Mal sind es un­kal­ku­lier­ba­re Blo­cka­de­ma­nö­ver, mal ist es über­trie­be­ne Rühr­se­lig­keit am Funk, im­mer sind es die an­de­ren: Der jun­ge, schnel­le Max Ver­stap­pen trumpft ne­ben sei­nem Ta­lent mit den üb­li­chen Fah­rer-Al­lü­ren ei­nes ganz Gro­ßen auf

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gregor Mes­ser

Max Ver­stap­pen reißt der­zeit so ziem­lich je­de Kon­tro­ver­se an sich, die sich im all­täg­li­chen For­mel-1-Busi­ness bie­tet. Das ist gut fürs Ge­schäft, und Ber­nie Eccles­to­ne reibt sich die Hän­de: Mit­ten in der schier ewi­gen Mer­ce­des­Do­mi­nanz – von dem team­in­ter­nen Du­el­lSpek­ta­kel um die WM-Kro­ne zwi­schen Ni­co Ros­berg und dem ka­pri­ziö­sen Le­wis Ha­mil­ton ein­mal ab­ge­se­hen – sorgt Ver­stap­pen ge­nau für die Frisch­zel­len­kur, die die For­mel 1 von Zeit zu Zeit braucht. Neu­lich beim Gro­ßen Preis von Me­xi­ko et­wa ver­pass­te der hoch­ta­len­tier­te Te­enager im Zwei­kampf mit Se­bas­ti­an Vet­tel sei­nen Bremspunkt, ver­ließ die Stre­cke – und kürz­te ab. Statt dem Deut­schen die Po­si­ti­on zu ge­ben, wie es in ei­nem sol­chen Fall üb­lich ist, wei­ger­te sich Ver­stap­pen. Vet­tel tick­te am Funk völ­lig aus und schimpf­te sich die See­le aus dem Leib. Zu­mal Ver­stap­pen, ei­ne Stra­fe er­war­tend, tak­tisch fuhr: Er ver­lang­sam­te sei­ne Fahrt so, dass Vet­tel zwar nicht über­ho­len konn­te, da­für aber in die Fän­ge von Ver­stap­pens Red Bull-Team­kol­le­gen Da­ni­el Ric­ci­ar­do fiel. Beim Kampf mit dem Aus­tra­li­er wie­der­um muss­te Vet­tel auf die Kampf­li­nie aus­wei­chen und zog in der Brems­zo­ne mi­ni­mal in die Spur von Ric­ci­ar­do. Moral von der Ge­schich­te: Ver­stap­pen wur­de sein ur­sprüng­lich er­kämpf­ter drit­ter Rang hin­ter den bei­den Mer­ce­des-Pi­lo­ten ab­er­kannt (Fünf­se­kun­den-Zeit­stra­fe). Vet­tel al­ler­dings durf­te die­sen Platz auch nicht er­ben: Er wur­de zu zehn Straf­se­kun­den nach­träg­lich ver­don­nert. So­mit blieb dem Hes­sen nur Rang fünf, Ric­ci­ar­do war der drit­te Dritt­plat­zier­te an die­sem Tag in Me­xi­ko. Re­kord. Und lei­der auch der Be­weis: Die For­mel 1, längst ein El­do­ra­do straf­wü­ti­ger Moral­wäch­ter in Sa­chen fah­re­ri­scher Eti­ket­te, wird mehr denn je am grü­nen Tisch ent­schie­den. Ei­ne trau­ri­ge Ent­wick­lung.

Es ist da­bei ei­ne bit­te­re Iro­nie, dass aus­ge­rech­net Vet­tel nun der ers­te Pi­lot ist, für den ei­ne Stra­fe an­ge­wen­det wur­de, die ei­gent­lich für das chro­ni­sche Fehl­ver­hal­ten Ver­stap­pens in den Stra­fen­ka­ta­log auf­ge­nom­men wur­de.

Un­sport­lich und un­ver­ant­wort­lich

Ver­stap­pens hoch­ris­kan­tes Wech­seln der Li­nie mit­ten in der Brems­zo­ne ist mitt­ler­wei­le sein ta­del­haf­tes Mar­ken­zei­chen. „Nichts ge­gen ge­sun­de Zwei­kämp­fe“, ar­gu­men­tier­te Al­tWelt­meis­ter Jen­son But­ton be­reits in Spa ge­gen Ver­stap­pens frag­wür­di­ge Blo­cka­de-Küns­te, „aber bei ho­hen Ge­schwin­dig­kei­ten ist so ein Spur­wech­sel in letz­ter Se­kun­de nicht nur grob un­sport­lich, son­dern auch un­ver­ant­wort­lich. Das pro­vo­ziert nur schwe­re Un­fäl­le. Wer will die schon se­hen?“Vet­tels Stall­kol­le­ge Ki­mi Räik­kö­nen war in die­ser Sai­son schon oft ge­nug vom flink-fre­chen Nie­der­län­der leid­ge­prüft wor­den: in Shang­hai, in Un­garn und gleich mehr­fach in Spa. Ein­ge­bremst, ab­ge­drängt, ge­blockt, ge­rammt – all das küm­mert Ver­stap­pen we­nig. Vor dem GP von Ita­li­en ver­such­ten sei­ne Fah­rer­kol­le­gen, ihn in die Pflicht zu neh­men. Oh­ne Er­folg. Der hol­län­di­sche PS-Hoo­li­gan macht wei­ter wie eh und je: Mit sen­sa­tio­nel­lem Ta­lent ge­seg­net und von un­fass­ba­rem In­stinkt ge­lei­tet, drif­tet Ver­stap­pen denn auch mal in sei­ne ei­ge­ne Vor­stel­lung von Renn­stra­te­gie. In Aus­tin beim GP der USA steu­er­te er un­auf­ge­for­dert zum Rei­fen­wech­sel – nur weil Team­kol­le­ge Ric­ci­ar­do ei­ne Run­de zu­vor an die Box ab­ge­bo­gen war. Ver­stap­pens Ent­schul­di­gung klang halb­her­zig: „Ich dach­te, ich soll jetzt rein­kom­men, weil das Team mir die Run­de zu­vor ge­funkt hat­te, ich soll ex­tra Gas ge­ben.“Drei­fach-Cham­pi­on Ni­ki Lau­da ist sich si­cher: „Ver­stap­pen sucht die Schuld nie bei sich, nie ist es sein Feh­ler. Aber das ist nor­mal, dass ein jun­ger Fah­rer so re­agiert.“Das un­an­tast­ba­re

Selbst­be­wusst­sein und die man­geln­de Selbst­re­fle­xi­on ha­ben schon man­che Su­per­stars in ih­ren jun­gen Jah­ren aus­ge­zeich­net. Bei­spie­le gibt es zu­hauf. Ja­cky Ickx wei­ger­te sich 1970, der Fah­rer­ver­ei­ni­gung GPDA beim Nür­burg­ring-Nord­schlei­fen-Boy­kott zu fol­gen: „Ich bin Pro­fi. Al­so fah­re ich über­all“, lau­te­te sein Cre­do in Zei­ten, in de­nen Stre­cken­si­cher­heit de fac­to non-exis­tent war. Jo­dy Scheck­ter wie­der­um, Welt­meis­ter von 1979, kol­li­dier­te mit den Gro­ßen der For­mel 1, kaum dass er ihr an­ge­hör­te. Die Auf­re­gung um ihn war 1973 ähn­lich groß wie heu­te bei Ver­stap­pen.

Ver­stap­pen ist gut fürs Ge­schäft

Be­son­ders irr­wit­zig war der Vor­stoß der GPDA bei Ric­car­do Pa­t­re­se: Der ita­lie­ni­sche Hotshot wur­de 1978 für ein Ren­nen ein­fach ge­sperrt, weil er den töd­li­chen Un­fall des Schwe­den Ron­nie Pe­ter­son in Mon­za pro­vo­ziert ha­ben soll – was sich spä­ter als falsch er­wies. Und zwi­schen dem New­co­mer Micha­el Schu­ma­cher und dem ar­ri­vier­ten Ayr­ton Sen­na kam es bei Test­fahr­ten 1992 zu ei­nem or­dent­li­chen Hand­ge­men­ge. Be­reits zu­vor war Schu­mi in Ma­gny-Cours mit Sen­na kol­li­diert. Ni­ki Lau­da ist al­ler­dings der Mei­nung, dass „die Fah­rer das mit Ver­stap­pen schon selbst re­geln wer­den, in­dem sie ihm sei­ne Gren­zen auf­zei­gen. Max ist noch sehr jung, wild, er macht Din­ge, die ihm mehr scha­den als nut­zen.“Und er bringt ein gu­tes Bei­spiel aus sei­ner ei­ge­nen ak­ti­ven Zeit: „1984 in Mon­te Car­lo, wo je­de Run­de wich­tig ist, hat mich Sen­na ein­fach blo­ckiert. Nach dem Trai­ning bin ich zu ihm und frag­te, was das soll­te. Er hat ge­ant­wor­tet: Du in­ter­es­sierst mich ei­nen Dreck. Das war okay für mich … Am nächs­ten Tag: Qua­li­fy­ing. Ich fuhr Best­zeit. Da­nach ha­be ich dann so­lan­ge rum­ge­trö­delt, bis Sen­na an­kam. Ich ha­be ihn na­tür­lich nicht vor­bei­ge­las­sen, son­dern vor ihm fast an­ge­hal­ten. Hin­ter­her hat er ge­tobt. Ich hab nur zu ihm ge­sagt: Wie du mir, so ich dir.“Kin­der von Trau­rig­keit wa­ren an­ge­hen­de Gran­den nie. Das Kil­ler-Gen drückt sich auch in der sehr ein­sei­ti­gen Wahr­neh­mung aus. Vet­tel hat Ver­stap­pen in Me­xi­ko ver­flucht. Dar­auf Ver­stap­pen un­ver­dros­sen, frech und selbst­be­wusst: „Wie kin­disch von Vet­tel. Der soll doch noch­mal zur Schu­le ge­hen.“„We­nigs­tens hat Vet­tel ei­ne kla­re Mei­nung. Das ist gut“, sagt Zam­pa­no Ber­nie Eccles­to­ne. „Und bei­de fah­ren rich­ti­ge Ren­nen ge­gen­ein­an­der. Auch das ist gut.“Gut fürs Ge­schäft …

Max Ver­stap­pen: Frech, ver­schmitzt und ge­prägt von ju­gend­li­chem Drauf­gän­ger­tum sorgt er im­mer wie­der für Fu­ro­re

Ver­stap­pen-Ak­tio­nen auf der Stre­cke und in den Bo­xen: In Spa wur­de Räik­kö­nen sein Op­fer, in Aus­tin über­rasch­te er un­an­ge­kün­digt sein Team

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