WIR LE­GEN DEN SCHAL­TER UM“

Jo­chen Hermann lei­tet die Ent­wick­lung des CASEPro­gramms von Mer­ce­des und den Be­reich e-Dri­ve. Im In­ter­view spricht er über die Elek­troS­trat­gie der Mar­ke

AUTO ZEITUNG - - SPECIAL INTERVIEW - Das Ge­spräch führ­te Ste­fan Mie­te

Herr Hermann, Mer­ce­des setzt in Zu­kunft auf die Elek­tro­mo­bi­li­tät. In wel­chem Um­fang wer­den wir denn elek­trisch fah­ren? Und vor al­lem: Wann geht es denn rich­tig los?

Wir le­gen den Schal­ter jetzt um und star­ten in die Elek­tro­mo­bi­li­täts­of­fen­si­ve. Im nächs­ten Jahr prä­sen­tie­ren wir be­reits den Mer­ce­des-Benz GLC F-CELL mit Plu­gin-Brenn­stoff­zel­len­an­trieb. Schon in drei Jah­ren star­tet das ers­te Se­ri­en­mo­dell un­se­rer neu­en Pro­dukt­mar­ke EQ mit ei­ner Reich­wei­te bis zu 500 Ki­lo­me­tern. Die­sem folgt ei­ne gan­ze Elek­tro­fahr­zeug­fa­mi­lie, die vom Kom­pakt­fahr­zeug bis hin zum Lu­xu­ry Seg­ment reicht. Aber das ist nicht al­les. Ne­ben rei­nen E-Fahr­zeu­gen ste­hen auch wei­te­re Plug-in-Hy­bri­de in der Pi­pe­line. Nicht zu ver­ges­sen: Wir op­ti­mie­ren zu­dem un­se­re Ver­bren­nungs­mo­to­ren im­mer wei­ter. Durch die In­te­gra­ti­on von 48-Volt-Bat­te­rie­sys­te­men in Kom­bi­na­ti­on mit Star­ter­ge­ne­ra­to­ren wer­den per­spek­ti­visch al­le Mer­ce­des-Ben­zBau­rei­hen elek­tri­fi­ziert sein.

Die Be­geis­te­rung von sei­ten der Au­to­fah­rer hält sich bis­lang in Gren­zen. E-Au­tos sind zu teu­er, sie bie­ten kei­ne brauch­ba­re Reich­wei­te, ih­re La­de­zei­ten sind viel zu lang. Ist die Kri­tik be­rech­tigt?

Vor­aus­set­zung für den lang­fris­ti­gen Er­folg je­der neu­en Tech­no­lo­gie ist in ers­ter Li­nie die Ak­zep­tanz der Kun­den. Die­se hängt von vie­ler­lei Fak­to­ren ab. Die Ver­füg­bar­keit von La­de­mög­lich­kei­ten ist hier­bei si­cher­lich ei­ner der ge­wich­tigs­ten Fak­to­ren. Aber auch fahr­zeug­sei­tig wird es, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Reich­wei­ten und La­de­zei­ten, wei­te­re Fort­schrit­te ge­ben. Mit neu­en Fahr­zeug­an­ge­bo­ten wol­len wir Au­to­fah­rer, die sich bis­her nicht für ein Elek­tro­au­to ent­schie­den ha­ben, für die neue Mo­bi­li­tät be­geis­tern. Mit un­se­rer neu­en Mar­ke EQ ge­hen wir noch ei­nen Schritt wei­ter. Un­ser Ziel ist es, un­se­ren Kun­den ein kom­plet­tes elek­tro­mo­bi­les Öko­sys­tem an­zu­bie­ten, das kei­ne Wün­sche of­fen lässt.

Es exis­tiert aber kei­ne mas­sen­taug­li­che In­fra­struk­tur. Die Ka­bel­trom­mel aus dem drit­ten Stock kann die Lö­sung nicht sein. Wann steht ein wirk­lich flä­chen­de­cken­des An­ge­bot an all­tags­taug­li­chen La­de­sta­tio­nen be­reit?

Die Ver­füg­bar­keit ei­ner ent­spre­chen­den Lad­ein­fra­struk­tur ist ein ab­so­lu­tes Kern­the­ma für die Elek­tro­mo­bi­li­tät und un­se­re an­ste­hen­den Fahr­zeug­plä­ne. Der Roll­out im öf­fent­li­chen Raum ist in vol­lem Gan­ge. Man darf aber den­noch ei­nes nicht au­ßer Acht las­sen: Zum ei­nen hat ein nicht un­er­heb­li­cher Teil un­se­rer Kun­den sei­nen ei­ge­nen Park­platz, Ga­ra­ge, Car­port oder Ähn­li­ches. Dort kann pro­blem­los ei­ne La­de­vor­rich­tung, ei­ne so­ge­nann­te Wall­box, in­stal­liert wer­den. Aber noch viel wich­ti­ger ist: Man fährt mit sei­nem Au­tos ja meis­tens ir­gend­wo hin, zum Bei­spiel zur Ar­beit, in die Stadt oder zum Su­per­markt. Und da gibt es Park­häu­ser, die mit La­de­ein­rich­tun­gen ent­we­der schon be­stückt sind oder es kurz-/mit­tel­fris­tig noch wer­den.

Ein Pro­blem ist die Stan­dar­di­sie­rung der La­de-

in­fra­struk­tur. Wel­chen Weg schla­gen Sie vor?

Elek­tro­au­tos müs­sen un­ab­hän­gig von Her­stel­ler und Stand­ort über­all auf­ge­la­den wer­den kön­nen. In­sel­lö­sun­gen müs­sen ver­mie­den wer­den. Daim­ler hat in den letz­ten Jah­ren ge­mein­sam mit vie­len wei­te­ren Part­nern die Ent­wick­lung des so­ge­nann­ten Com­bi­ned Char­ging Sys­tems (CCS) maß­geb­lich vor­an­ge­trie­ben. Das Prin­zip des CCS ist ein­fach: Ein Stan­dard für al­le – und das über Län­der­gren­zen hin­weg. Die Ei­ni­gung auf die­sen Ste­cker-Stan­dard ver­ein­facht ent­spre­chend auch den Auf­bau ei­nes flä­chen­de­cken­den La­de- und Schnell­la­de­net­zes.

Kom­men wir zu­rück zu den Bat­te­ri­en. Wie ent­wick­lungs­fä­hig sind die be­kann­ten Li­thi­um-Io­nen­Bat­te­ri­en noch?

Die Li­thi­um-Io­nen-Tech­no­lo­gie ist heu­te die ef­fi­zi­en­tes­te Bat­te­rieTech­no­lo­gie auf dem Markt. Qua­li­tät, Leis­tung, Le­bens­dau­er und Kos­ten: Kei­ne an­de­re Bat­te­rietech­no­lo­gie er­füllt die­se Fak­to­ren glei­cher­ma­ßen. Die Fort­schrit­te der nächs­ten Jah­re sind mit Blick auf Ver­bes­se­run­gen auf der Ma­te­ri­al­sei­te und ste­tig stei­gen­den Stück­zah­len eher evo­lu­tio­nä­rer Na­tur. Wel­che Tech­no­lo­gie ihr letzt­end­lich nach­folgt, steht noch nicht fest. Viel­leicht Zel­len mit Fest­kör­per-Elek­tro­ly­ten, Li­thi­um­Me­tall-Anoden, viel­leicht Li­thi­um-Schwe­fel-Sys­te­me.

Wer­den „Die­sel-Reich­wei­ten“von 1000 Ki­lo­me­tern oh­ne Zwi­schen­la­dung ir­gend­wann mög­lich sein – vor­aus­ge­setzt, die Grö­ße und das Ge­wicht der Bat­te­ri­en blei­ben im Rah­men?

Durch die Wei­ter­ent­wick­lung der Bat­te­rietech­no­lo­gie wird das per­spek­ti­visch mög­lich sein. Man muss sich da­bei aber fra­gen, wie sinn­voll es letzt­end­lich ist und den Kun­den­nut­zen im Blick be­hal­ten, denn mehr Reich­wei­te be­deu­tet im­mer auch mehr Ge­wicht und Mehr­kos­ten. Mit un­se­rem ers­ten EQ Se­ri­en­fahr­zeug und auch mit un­se­rem GLC F-CELL Brenn­stoff­zel­lenfahr­zeug mit Plug-in-Hy­brid­tech­nik wer­den wir be­reits die 500 km er­rei­chen.

Häu­fi­ges Schnell­la­den geht doch auf Kos­ten der Bat­te­rie­halt­bar­keit, oder?

Das öf­fent­li­che Schnell­la­den ge­winnt zu­neh­mend an Be­deu­tung, denn Langstre­ck­en­taug­lich­keit von Elek­tro­fahr­zeu­gen ist ein ent­schei­den­der Fak­tor für den Durch­bruch der Elek­tro­mo­bi­li­tät. Fakt ist: Die Tech­no­lo­gie ist zwar auf­grund der ho­hen La­de­leis­tung für die Bat­te­rie an­spruchs­vol­ler als das kon­ven­tio­nel­le La­den, die Le­bens­dau­er ei­ner Bat­te­rie wird al­ler­dings von vie­ler­lei Ein­flüs­sen be­stimmt und re­la­ti­viert so­mit den Ein­fluss des Schnell­la­dens. Der Kun­de braucht sich dar­über al­ler­dings kei­ne Ge­dan­ken zu ma­chen, denn wir wer­den in un­se­rer Bat­te­rie­fa­brik in Ka­menz Bat­te­ri- en in der Mer­ce­des-ty­pi­schen Qua­li­tät und Lang­le­big­keit für un­se­re Elek­tro­fahr­zeu­ge pro­du­zie­ren.

Bei der Elek­tro­mo­bi­li­tät spielt der Um­welt­schutz ei­ne Rol­le. Man fährt aber nur lo­kal emis­si­ons­frei. Der gro­ße Aus­puff, das Kraft­werk, steht drau­ßen vor der Stadt. Wie sau­ber sind E-Au­tos wirk­lich?

Nach­hal­tig­keit steht für uns ganz oben auf der Agen­da. Wir ha­ben von An­fang an den ge­sam­ten Le­bens­zy­klus un­se­rer Pro­duk­te im Blick– von der Ent­wick­lung über Pro­duk­ti­on und Pro­dukt­nut­zung bis hin zur Ent­sor­gung und Wie­der­ver­wer­tung. Die Um­welt­ver­träg­lich­keit ei­nes Fahr­zeugs zeigt sich mit­tels ei­ner Öko­bi­lanz, die al­le Um­welt­wir­kun­gen er­fasst. Ein Bei­spiel: Bei der Le­bens­zy­klus­be­trach­tung der B-Klas­se Electric Dri­ve zei­gen sich ins­ge­samt 24 Pro­zent we­ni­ger CO2-Aus­stoß bei Ver­wen­dung des EU Strom-Mix und so­gar 64 Pro­zent we­ni­ger bei Nut­zung von Strom aus Was­ser­kraft im Ver­gleich zum ver­gleich­bar kon­ven­tio­nel­len B 180.

Sie set­zen bei künf­ti­gen Elek­tro­mo­del­len auf ei­nen ska­lier­ba­ren Bau­kas­ten, der vie­le Mo­del­le her­vor­brin­gen soll. Wie groß wird der An­teil der Elek­tro­mo­del­le im Mer­ce­des­Port­fo­lio 2020 und zehn Jah­re spä­ter sein?

Wir in­ves­tie­ren mas­siv in die Elek­tro­mo­bi­li­tät und sind da­von über­zeugt, dass der Markt jetzt so weit ist. Schon 2025 pla­nen wir al­lein im Pkw-Seg­ment zehn rein bat­te­rie­elek­tri­sche Mo­del­le – und das ist si­cher­lich nicht das En­de der Fah­nen­stan­ge.

Die Brenn­stoff­zel­le gilt als markt­reif. Die Be­tan­kung von Elek­tro­fahr­zeu­gen re­du­ziert sich da­mit auf we­ni­ge Mi­nu­ten. Set­zen Sie noch auf die­ses The­ma?

Die Brenn­stoff­zel­le ist ein in­te­gra­ler Baustein für die Elek­tro­mo­bi­li­tät. Ho­he Reich­wei­ten bei gleich­zei­tig kur­zen Be­tan­kungs­zei­ten von nur drei Mi­nu­ten wer­den auch in Zu­kunft kla­re Vor­tei­le blei­ben. Ein wei­te­rer Vor­teil ist auch ih­re Fle­xi­bi­li­tät und ihr Po­ten­zi­al hin­sicht­lich grö­ße­rer Fahr­zeug­seg­men­te, wie zum Bei­spiel Busse. Un­se­re nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wird auf dem Mer­ce­des-Benz GLC ba­sie­ren und zu­sätz­lich zum Brenn­stoff­zel­len­an­trieb erst­mals mit der Plug-in-Hy­brid­tech­nik aus­ge­stat­tet. Das größ­te Han­di­cap ist heu­te noch das recht dün­ne Tank­stel­len­netz. Die kon­kre­ten Auf­bau­plä­ne welt­weit und nicht zu­letzt die un­se­res H2 Mo­bi­li­ty Jo­int Ven­tures un­ter­mau­ern je­doch un­se­re Plä­ne.

Mö­gen Sie ei­gent­lich Ver­bren­nungs­mo­to­ren?

(Lacht). Was soll ich Ih­nen als Mo­tor­sport-En­thu­si­ast und ehe­ma­li­ger Lei­ter der Ge­samt­fahr­zeug­ent­wick­lung bei un­se­rer Per­for­mance-Schmie­de Mer­ce­des-AMG denn auf die Fra­ge ant­wor­ten? Na­tür­lich mag ich Ver­bren­ner­mo­to­ren, denn auch hier gibt es noch vie­le Po­ten­zia­le! Sie sind aus ak­tu­el­ler Sicht ins­be­son­de­re im Be­reich der Teil­elek­tri­fi- zie­rung mit Tech­no­lo­gi­en wie ISG/RSG und der 48-Volt-Tech­no­lo­gie ein ganz in­te­gra­ler Be­stand­teil un­se­rer Road­map für nach­hal­ti­ge Mo­bi­li­tät. Beim An­triebs­kon­zept der Zu­kunft geht es nicht um ein „Ent­we­der-oder“, son­dern um ein „So­wohl-als auch“. Vor al­lem aber mag ich In­no­va­tio­nen, denn die­se wer­den auch mor­gen der Schlüs­sel zum Er­folg sein. Der Fo­kus liegt da­bei nicht nur auf dem Pro­dukt „ Au­to“. Neue Tech­no­lo­gi­en, Ge­schäfts­mo­del­le und Di­enst­leis­tun­gen wer­den künf­tig die At­trak­ti­vi­tät des Au­to­mo­bils wei­ter stei­gern und si­cher­stel­len. Mit un­se­rer neu­en stra­te­gi­schen Aus­rich­tung „CA­SE“steu­ern wir kon­se­quent in Rich­tung die­ser Trends: con­nec­ted, au­to­no­mous, sha­red und electric – so stel­len wir uns die Zu­kunft der Mo­bi­li­tät vor.

Con­cept EQ: Mit voll auf­ge­la­de­nen Ak­kus bie­tet das Elek­tro-SUV Reich­wei­ten von bis zu 500 Ki­lo­me­tern

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