Hy­un­dai Io­niq · To­yo­ta Pri­us

Auf dem Weg in die Elek­tro­mo­bi­li­tät sind Hy­bri­de die Zwi­schen­lö­sung – und mit­un­ter sehr er­folg­reich, wie To­yo­ta mit dem Pri­us zeigt. Jetzt soll ihm der Hy­un­dai Io­niq Pa­ro­li bie­ten

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT El­mar Sie­pen FOTOS Aleksan­der Per­ko­vic ]

Fast 20 Jah­re ist es her, dass der To­yo­ta Pri­us als ers­tes Se­ri­en-Hy­brid-Fahr­zeug auf die Stra­ßen roll­te. An­fangs ver­lacht, straf­te der Er­folg des Ja­pa­ners sei­ne Kri­ti­ker lü­gen. In Län­dern, in de­nen Die­sel-Pkw kei­ne oder nur ei­ne ge­rin­ge Rol­le spie­len, wur­de er schnell zum fes­ten Be­stand­teil des Stra­ßen­bilds und man­cher­orts so­gar das Lieb­lings-Fort­be­we­gungs­mit­tel des öko­lo­gisch be­weg­ten Hips­ters. Schließ­lich lässt sich ab­gas­rei­cher Stop-and- go- Ver­kehr mit ei­nem Pri­us laut­los und sau­ber – weil über ein Groß­teil der Stre­cke rein elek­trisch – be­wäl­ti­gen. Heu­te gibt es be­reits die vier­te Ge­ne­ra­ti­on, die nun ei­nen ernst­zu­neh­men­den ko­rea­ni­schen Geg­ner be­kom­men hat: den Hy­un­dai Io­niq. Ers­ter Schlag­ab­tausch.

Ka­ros­se­rie

Das Stre­ben nach ei­nem mög­lichst ge­rin­gen Ver­brauch dik­tiert ein Stück weit die Ka­ros­se- rie­form, und so ha­ben wir es hier mit Schräg­heck-Li­mou­si­nen mit nied­ri­gen Dach­ver­läu­fen zu tun, die bei­de ei­nen äu­ßerst güns­ti­gen cW-Wert von 0,24 auf­wei­sen – al­ler­dings mit Aus­wir­kun­gen auf das Platz­an­ge­bot. So ist der Io­niq vor al­lem im Fond et­was knap­per ge­schnit­ten als der Pri­us. Auch man­gelt es ihm an Über­sicht­lich­keit, da sich die äu­ße­ren Fon­dKopf­stüt­zen nicht ver­sen­ken las­sen. Stö­rend bei bei­den: der Heck­spoi­ler, der den Rück­blick be­ein­träch­tigt. Im All­tag er­weist sich der Ja­pa­ner als et­was ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ger als sein Ri­va­le: Na­vi­be­feh­le wer­den teil­wei­se trä­ger um­ge­setzt als im Io­niq, Ver­kehrs­zei­chen er­kennt der Pri­us nur mit er­heb­li­cher Ver­zö­ge­rung und de­ren eventu-

el­le Ein­schrän­kun­gen gar nicht. Au­ßer­dem dau­ert es ei­ne Wei­le, bis man die Me­nü­füh­rung durch­schaut hat. Im­mer­hin bie­tet der To­yo­ta mit bis zu 1633 Li­tern das üp­pi­ge­re La­de­vo­lu­men und darf im Ge­gen­satz zum Hy­un­dai ma­xi­mal 725 kg schwe­re An­hän­ger zie­hen. Dass er dies nicht in ei­nen Punk­te­vor­teil um­mün­zen kann, liegt an sei­ner re­la­tiv ge­rin­gen Zu­la­dung von ma­ge­ren 374 kg. Sehr gut ist da­ge­gen die um­fang­rei­che Si­cher­heits­aus­stat­tung des Pri­us, die dem Io­niq et­wa se­ri­en­mä­ßig Voll-LED-Schein­wer­fer und den Fern­licht­as­sis­ten­ten vor­aus hat.

Fahr­kom­fort

Un­ter­wegs rei­sen Fah­rer und Bei­fah­rer auf den Hy­un­dai-Vor­der­sit­zen be­que­mer, denn die Pols­ter fal­len hier im Ge­gen­satz zu den et­was rut­schi­gen und wei­che­ren To­yo­ta-Sit­zen an­ge­nehm straff aus. Im Fond dreht sich das Bild in punc­to Sitz­kom­fort um: Hier ge­fällt die Rück­bank des Pri­us mit der bes­se­ren Ober­schen­kel­auf­la­ge und ei­ner an­ge­neh­mer kon­tu­rier­ten Leh­ne. Geht es um die Er­go­no­mie, stört im Io­niq das sich in der Wind­schutz­schei­be spie­geln­de, graue Ar­ma­tu­ren­brett. An­sons­ten gibt es kei­ne Kla­gen: Al­le Knöp­fe, Tas­ten und Schal­ter fin­den sich genau dort, wo sie hin­ge­hö­ren, und die Ar­ma­tu­ren sind bes­ser ab­les­bar als die An­zei­gen auf dem recht klein ge­ra­te­nen Bild­schirm oben in der Ar­ma­tu­ren­brett-Mit­te des Pri­us. Zwar gibt es für den To­yo­ta eben- falls ein Head-up-Dis­play, die­ses er­hält der Kun­de aber nur ge­gen Auf­preis. Auch die Sitz­leh­nen­ein­stel­lung ver­läuft nicht stu­fen­los, son­dern mit Hil­fe ei­ner Ras­ten­me­cha­nik, was das Fin­den der pas­sen­den Sitz­po­si­ti­on zu­nächst et­was er­schwert. Auf den Kom­fort­stre­cken des Test­ge­län­des schlägt hin­ge­gen die St­un­de des Pri­us: Hier geht er mit As­phalt­ver­wer­fun­gen jeg­li­cher Art spür­bar sou­ve­rä­ner um als sein Ri­va­le. Das gilt vor al­lem für Fahr­ten un­ter Aus­nut­zung der vol­len Nutz­last. Je nach Fahr­bahn­be­schaf­fen­heit fällt der Hy­un­dai ent­we­der mit deut­lich aus­ge­präg­te­ren Auf­bau­be­we­gun­gen oder durch kräf­ti­ge Stö­ße auf, die sei­ne Hin­ter­ach­se auf Qu­er­rin­nen aus­teilt.

Mo­tor / Ge­trie­be

Im Io­niq ar­bei­tet ein 1,6-Li­ter-Ben­zi­ner mit 105 PS im Ver­bund mit ei­nem 32-kW-Elek­tro­mo­tor (Sys­tem­leis­tung 141 PS). Über ein Sechs­gang-Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be ge­langt die Kraft an die Vor­der­rä­der. Der Ben­zi­ner hängt gut am Gas und schiebt den Ko­rea­ner in 10,4 Se­kun­den auf Land­stra­ßen­tem­po 100. Will man rein elek­trisch Fah­ren, muss das Gas­pe­dal sehr ge­fühl­voll be­han­delt wer­den – aber auch dann schal­tet sich der Ver­bren­ner stets frü­her wie­der zu als im Pri­us. Im Ja­pa­ner sor­gen ei­ne 53-kW-E-Ma­schi­ne und ein 98 PS star­ker 1,8-Li­ter-Ben­zi­ner für Vor­trieb. Die Kraft­über­tra­gung an die Vor­der­ach­se über­nimmt hier ein Pla­ne­ten­ge­trie­be. Wäh­rend der Fahrt be­ant­wor­tet der To­yo­ta Gas­pe­dal­be­we­gun­gen zu­nächst mit ei­ner Dreh­zahl­er­hö­hung, be­vor dann bei kon­stant ge­hal­te­ner Dreh­zahl Schub ein­setzt. Das ist nach wie vor ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Zur Ent­schä­di­gung läuft der Pri­us- Ver­bren­ner aber kul­ti­vier­ter als das Hy­un­dai-Ag­gre­gat. Bleibt der Ja­pa­ner mit sei­nen noch durch­aus ak­zep­ta­blen Fahr­leis­tun­gen et­was hin­ter dem Ko­rea­ner (sie­he Ta­bel­le nächs­te Sei­te), so liegt er mit ei­nem Test­ver­brauch von 5,0 Li­ter Su­per auf 100 Ki­lo­me­tern mit sei­nem Kon­kur­ren­ten gleich­auf. Hier wie dort funk­tio­niert das Zu­sam­men­spiel zwi­schen Elek­tro­mo­tor und Ben­zi­ner sehr gut, die Über­gän­ge re­spek­ti­ve Wech­sel ver­lau­fen ruck­frei. In­wie­weit Ben­zi­ner oder E-Ma­schi­ne zum Ein­satz kom­men, kann der To­yo­ta-Fah­rer über vier Fahr­mo­di (ECO, PWR, Nor­mal, EV) be­stim­men. Im Hy­un­dai ste­hen nur zwei Mo­di (Eco und Sport) zur Ver­fü­gung, die hier auch Ga­s­an­nah­me und Schalt­punk­te des Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­bes be­ein­flus­sen.

Fahr­dy­na­mik

Ge­gen­über sei­nem Vor­gän­ger hat der Pri­us in Sa­chen Fahr­dy­na­mik deut­lich zu­ge­legt. Die Len­kung ar­bei­tet mit bes­se­rer Rück­mel­dung, und die Un­ter­steu­er­ten­denz ist nun ge­rin­ger aus­ge­prägt. Im di­rek­ten Ver­gleich wirkt der Io­niq je­doch deut­lich agi­ler und zeigt, dass bei Hy­brid-Fahr­zeu­gen das The­ma Fahr­spaß nicht un­be­dingt au­ßen vor blei­ben muss. Beim Ein­len­ken fühlt sich der Ko­rea­ner spür­bar leicht­fü­ßi­ger an, was an­ge­sichts des 30 Ki­lo­gramm hö­he­ren Leer­ge­wichts, aber ähn­li­cher Achs­last­ver­tei­lun­gen er­staun­lich ist. Die Len­kung selbst ver­mit­telt mehr Fahr­bahn­kon­takt als die des To­yo­ta, und beim Her­aus­be­schleu­ni­gen aus en­gen Kur­ven punk­tet der Io­niq obend­rein mit der bes­se­ren Trak­ti­on. Im Grenz­be­reich blei­ben bei­de recht gut­mü­tig und stets be­re­chen­bar. Das ESC (ESP) im Hy­un­dai ge­stat­tet dem Ko­rea­ner al­ler­dings et­was mehr Ei­gen­le­ben. So darf der Io­niq beim Gas­lup­fen in Kur­ven mit dem Heck leicht ein­dre­hen, be­vor es ein­greift. Das VSC (ESP) des To­yo­ta tritt we­sent­lich frü­her und ri­go­ro­ser auf den Plan. Zur gu­ten Vor­stel­lung des Hy­un­dai passt, dass sei­ne Brems­we­ge ge­ring­fü­gig kür­zer aus­fal­len als die des Pri­us.

Um­welt / Kos­ten

Der­zeit bie­tet To­yo­ta den Pri­us 3000 Eu­ro un­ter Lis­ten­preis an, was wir aber nicht be­wer­ten, da es sich hier­bei um ei­ne zeit­lich be­fris­te­te Ra­batt-Ak­ti­on han­delt. So kommt es, dass der Io­niq auch im Kos­ten­ka­pi­tel vorn liegt. Mit ei­nem ge­rin­ge­ren Wert­ver­lust und den deut­lich güns­ti­ge­ren Ver­si­che­rungs­ein­stu­fun­gen sam­melt er eif­rig Zäh­ler. Die As­se­ku­ran­zen stu­fen den Ko­rea­ner in der Voll­kas­ko gleich um sechs Stu­fen nied­ri­ger ein als den Ja­pa­ner. Die fünf­jäh­ri­ge Ga­ran­tie auf die Tech­nik (To­yo­ta: drei Jah­re) bringt ihm wei­te­re Punk­te. Der Pri­us kann in die­sem Ka­pi­tel nur mit sei­nem um­fang­rei­che­ren Mul­ti­me­dia-An­ge­bot glän­zen, was un­term Strich nicht zum Sieg reicht.

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