Mit dem Mer­ce­des-AMG GT S vom Nür­burg­ring über Spa-Fran­cor­champs bis nach Mon­te Car­lo

Vom Nür­burg­ring über Spa-Fran­cor­champs bis nach Mo­na­co – im Mer­ce­des-AMG GT S durch das Eu­ro­pa der Renn­stre­cken-Le­gen­den. Als geis­ti­ge Mit­fah­rer im Ge­päck: die For­mel-1-Ti­tel 2016 von Mer­ce­des AMG Pe­tro­nas und Ni­co Ros­berg. So se­hen Sie­ger aus

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger FO­TOS Mar­kus Bol­sin­ger & Hei­ko Si­may­er ]

Bre­scia im April 1931: Der sie­ben Li­ter gro­ße Rei­hen­sechs­zy­lin­der des Mer­ce­des SSKL brüllt auf der Ziel­ge­ra­de der Mil­le Miglia, sin­gen­de Kö­nigs­wel­len und ein fau­chen­der Kom­pres­sor­an­trieb be­glei­ten Ru­dolf Ca­rac­cio­la und sei­nen Co­pi­lo­ten Se­bas­ti­an Wil­helm be­reits seit 16 St­un­den. 1600 Ki­lo­me­ter auf stau­bi­gen ita­lie­ni­schen Land­stra­ßen lie­gen hin­ter ih­nen, Ca­rac­cio­la legt auf vie­len Etap­pen teil­wei­se ei­nen un­fass­ba­ren Schnitt von bis zu 170 km/ h hin – und das, ob­wohl asphal­tier­te Stra­ßen­de­cken zu die­ser Zeit ei­ne Sel­ten­heit sind. Dann fliegt der SSKL über die Zi­el­li­nie, das Un­ge­tüm rollt aus, Ca­rac­cio­la und sein Bei­fah­rer sit­zen wie aus­ge­brannt im Cock­pit. Sie wis­sen noch nicht, dass das Ren­nen ge­won­nen ist. In der Nacht und wäh­rend der zer­mür­ben­den Wind­schat­ten­du­el­le ist ih­nen jeg­li­cher Über­blick ver­lo­ren ge­gan­gen: Ers­ter Sieg ei­nes nicht-ita­lie­ni­schen Fah­rers in ei­nem nicht-ita­lie­ni­schen Wa­gen bei der um­kämpf­ten Mil­le Miglia – die Mo­tor­sport-Welt ist ge­schockt. Ex­akt 85 Jah­re spä­ter schafft die Mar­ke Mer­ce­des et­was Ähn­li­ches: 2016 wird Ni­co Ros­berg als ers­ter Deut­scher For­mel-1-Welt­meis­ter in ei­nem deut­schen Au­to, die lan­ge Evo­lu­ti­on der Sil­ber­pfei­le mit dem Stern hat wie­der ei­nen Hö­he­punkt er­reicht. Zwi­schen die­sen Eck­punk­ten – der SSKL war 1931 so­gar noch weiß la­ckiert – liegt al­ler­dings ei­ne un­glaub­li­che Ent­wick­lung, die man sich am Bes­ten auf ei­ner Rei­se durch das wil­de Renn­sport-Eu­ro­pa durch den Kopf ge­hen lässt – im Mer­ce­des­AMG GT S. Der heu­ti­ge Stra­ßen-Sil­ber­pfeil schlägt tie­fe Wur­zeln ins Mo­tor­sport-Uni­ver­sum: Sei­ne AMG-Vä­ter ha­ben die Mer­ce­des­Fah­ne im Renn­sport hoch­ge­hal­ten, als das tra­di­ti­ons­rei­che Werk selbst na­he­zu jeg­li­ches En­ga­ge­ment an den Na­gel ge­hängt hat­te. Jahr­zehn­te spä­ter sind die eins­ti­gen Af­fal­ter­ba­cher Aus­rei­ßer längst zum hei­ßen Mo­tor­sport-Herz der Mar­ke mit dem Stern ge­wor­den. Selbst der Na­me „GT“wird hier mit gro­ßer Be­rech­ti­gung ge­führt. 1931 hat sich Mer­ce­des au­ßer dem Ge­win­nen näm­lich noch ei­ne an­de­re Sa­che bei den ita­lie­ni­schen Teams ab­ge­schaut: den pu­ren Speed auf die Langstre­cke zu brin­gen. Un­ter der Be­zeich­nung „Gran Tu­ris­mo“un­ter­schei­den Al­fa Ro­meo und Ma­se­ra­tiih­rep feil schnel­len Langstre­ckenRenn­wa­gen von nur für die kur­ze Dis­tanz ge­züch­te­ten Ex­tre­mis­ten, der Mer­ce­des SSKL ist so ge­se­hen ein ers­ter GT aus Deutsch­land. Und was für ei­ner: bärenstark, kom­pro­miss­los, ab­surd schnell! Jahr­zehn­te spä­ter gilt ein Gran Tu­ris­mo fälsch­li­cher­wei­se als kom­for­ta­bler 2+2-Sit­zer für Au­to­bahn-Etap­pen, ele­gant und kom­pro­miss be­haf­tet, eher mo­to­ri­sier­tes Stil­mö­bel denn Fahr­ma­schi­ne.Gl eich zei­tig wird das Kür­zel „GT“selbst für lau­warm mo­to­ri­sier­te Kra­wall-Klein­wa­gen aus­ver­kauft. Ein GT ist aber et­was an­de­res. Ein GT rollt früh­mor­gens im Ei­fel-Ne­bel für ei­ne schnel­le Run­de auf die Nür­burg­ring-Nord­schlei­fe – die ul­ti­ma­ti­ve Gran Tu­ris­mo-Stre­cke. Fieb­rig schnell, bis in die letz­te Fa­ser her­aus­for­dernd, un­ver­zeih­li­che Null-To­le­ranz-Schön­heit. Und dann geht ein GT auf die Jagd. Noch im Früh­jahr sieg­te der AMG GT hier beim 24-St­un­den-Ren­nen nach ei­ner apo­ka­lyp­ti­schen Schlacht, jetzt peitscht er wie­der über die Sprung­hü­gel, wäh­rend sich der Nacht­him­mel lang­sam blau färbt und Ne­bel­schwa­den zu­sam­men mit dem dumpf grol­len­den Sound des Bi­tur­bo-V8 im Wald ver­si­ckern. Ein Run­de muss rei­chen, schließ­lich war­tet ein lan­ger Gran Tu­ris­mo-Tag auf uns. Durch die still mor­gen­däm­mern­de Ei­fel und die un­ter­kühl­ten Ar­den­nen geht es rü­ber nach Bel­gi­en – die Renn­stre­cke von Spa-Fran­cor-champs ge­hört schließ­lich als ei­ne der my­thi­schen F1-Renn­plät­ze ge­ra­de­zu zwin­gend zu un­se­rer Rei­se. Vor al­lem we­gen die­ser ei­nen Kur­ve: Eau Rouge. Wenn du im GT S

EIN GT AUS DEUTSCH­LAND. BÄRENSTARK UND AB­SURD SCHNELL

die ab­fal­len­de Start-Ziel-Ge­ra­de hin­un­ter­feu­erst, kommt es an­satz­wei­se schon rü­ber, wie das im For­mel-1-Ren­ner sein muss. Ei­ne Wand aus As­phalt baut sich da unten auf, in die du nun mit zu­sam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen häm­merst. Brem­sen ist kei­ne Op­ti­on, denn am Kur­ven­aus­gang oben auf dem Hü­gel brauchst du je­des Quänt­chen Schwung. Hier hilft auch Mo­tor­leis­tung nichts – nur ge­wal­ti­ge Co­jo­nes, ein gro­ßes Herz und Voll­gas in der Ein­fahrt. Und dann: Ah­ne die Kur­ve, füh­le sie, mö­ge die g-Kraft mit dir sein! Renn­fah­rer lie­ben die Eau Rouge, hier wird die Spreu vom Wei­zen ge­trennt, der wil­de, al­te Geist der For­mel 1 soll sein Kraft­zen­trum genau hier ha­ben. Und der GT weiß ziem­lich genau, wie man sich durch die­ses ein­ge­wei­de­ver­schie­ben­de High­speed-Na­del­öhr presst. Bom­ben­so­li­de at­ta­ckiert er den irr­wit­zi­gen Links­schwenk mit Back­pfei­fen-Kom­pres­si­on und stürmt tri­um­phie­rend ins Freie. Der Rhyth­mus stimmt be­reits, er ist flie­ßend, kon­zen­triert und atem­los – das reicht für die nun fol­gen­den hun­der­te Ki­lo­me­ter Au­to­bahn. Der GT S ist fürch­ter­lich schnell, die Ta­cho­na­del zit­tert bei vmax, wäh­rend der V8 den mäch­ti­gen Sport­wa­gen vor­wärts­reißt. Schwei­zer Gren­ze – der Bi­tur­bo verfällt am Hals­band des Tem­po­ma­ten in ge­lang­weil­ten Tr­ab, aber erst am Al­pen­kamm bran­det un­ser GT- Flow ge­gen ei­ne gi­gan­ti­sche Bar­rie­re: Der Gott­hard-Pass ruft den Mer­ce­des­AMG für die letz­te Über­que­rung vor den lan­gen, ein­sa­men, wei­ßen Win­ter­mo­na­ten auf die al­te Pass-Stra­ße. Die LED-Schein­wer­fer des Sil­ber­pfeils tas­ten sich durch die Wol­ken dicht un­ter dem Him­mel. Sicht­wei­te bei­na­he null, die Welt wird ganz klein. Glim­men­de In­stru­men­te in der Pi­lo­ten­kan­zel, fah­ren, fah­ren, fah­ren. Dann end­lich ru­mo­ren die Nie­der­quer­schnitts­rei­fen über das Kopf­stein­pflas­ter der al­ten Pass-Stra­ße hin­un­ter nach Ai­ro­lo – mit ehr­fürch­ti­ger Gän­se­haut se­hen wir das Ge­bir­ge hin­ter uns im Rück­spie­gel ver­schwin­den. Ei­nen nächt­li­chen Bo­xen­stopp spä­ter häm­mert der Mer­ce­des-AMG GT S hin­ter Cu­neo in die Ber­ge, dann fol­gen die gna­den­lo­sen Päs­se der Ral­lye Mon­te Car­lo. Es ist wie­der Nach­mit­tag ge­wor­den, als wir un­ter uns die Tür­me von Mon­te Car­lo se­hen. Es wird Abend, bis wir auf den Keh­ren des For­mel-1-Kur­ses in der Stadt lan­den. Wir könn­ten jetzt ei­ne Glück­wunschPost­kar­te bei Ni­co Ros­berg ein­wer­fen – oder ein­fach wei­ter Gran Tu­ris­mo spie­len: Mi­ra­beau, Tun­nel, Schi­ka­ne, dann Schwimm­bad und La Ras­cas­se, Beau Ri­va­ge und Ca­si­no. Und wie­der von vorn …

Voll­gas. Füh­le die Kur­ve – Mö­ge die G-Kraft mit Dir sein

Kopf(stein­pflas­ter)-Jä­ger: Im Ne­bel am Pass däm­mert uns ein Ver­dacht: Steht GT wo­mög­lich für „Gott­hard“?

Geht voll: Eau Rouge am Cir­cuit de Spa-Fran­cor­champs – für Se­kun­den­bruch­tei­le ein Held

Flow-Er­leb­nis­se. GT-Fah­ren heißt: im­mer wei­ter wol­len, ein­tau­send Mei­len weit

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