Schein­wer­fer-Pi­xel­licht aus zwei Mil­lio­nen steu­er­ba­ren Licht­punk­ten sorgt für ein blend­frei­es Fern­licht

Hel­les Dau­er­fern­licht aus zwei Mil­lio­nen steu­er­ba­ren Licht­punk­ten sorgt für ei­ne Licht­ver­tei­lung wie aus ei­nem Pro­jek­tor

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Hol­ger Ip­pen

W ir stre­ben nicht nach Wei­ten­re­kor­den, son­dern wol­len die bes­te Sicht oh­ne Blend­wir­kung er­rei­chen.“So be­schreibt der lei­ten­de Ent­wick­ler Gun­ter Fi­scher die Mer­ce­des-Stra­te­gie für künf­ti­ge Be­leuch­tungs­kon­zep­te. Galt es bei bis­he­ri­gen Ent­wick­lungs­stu­fen – von Ha­lo­gen- über Xe­n­on­licht bis zu LEDSchein­wer­fern – vor al­lem dar­um, ein hel­le­res und wei­ße­res Licht auf die Stra­ße zu brin­gen, so ist jetzt vor­ran­gig, mit in­tel­li­gen­ten Sys­te­men und hoch­auf­ge­lös­ter Licht­ver­tei­lung für ein blend­frei­es Dau­er­fern­licht zu sor­gen. „So wird die Nacht zum Tag“, pro­phe­zeit Fi­scher. Prak­tisch soll sich al­so stets ein glei­ßend hel­ler Licht­tep­pich vor dem Au­to aus­brei­ten und den­noch nie­man­den blen­den. Was wie ein Wunsch­traum klingt, gibt es be­reits. Und wir konn­ten uns von der Funk­ti­on des ers­ten Pro­to­ty­pen selbst über­zeu­gen.

Das Schein­wer­fer­licht wird wie ein Ki­no­film auf die Stra­ße pro­ji­ziert

Mer­ce­des hat in Zu­sam­men­ar­beit mit Te­xas In­stru­ments und dem Reut­lin­ger Licht­spe­zia­lis­ten Au­to­mo­ti­ve Light­ing ei­nen Schein­wer­fer ent­wi­ckelt, der wie ein HD-Bea­mer (High De­fi­ni­ti­on = hoch­auf­lö­send) funk­tio­niert, al­so über ei­ne Mil­li­on ein­zeln an­steu­er­ba­re Licht­punk­te er­zeugt. Die­ses „Di­gi­tal Light“leuch­tet die Stra­ße vor dem Au­to auf­fal­lend weiß, hell und gleich­mä­ßig aus. Doch die ei­gent­li­che Be­son­der­heit ist die prä­zi­se Licht­ver­tei­lung. Da­zu wur­de von Mer­ce­des ei­ne spe­zi­el­le Steu­er-Soft­ware ent­wi­ckelt, die Er­staun­li­ches leis­tet: Wäh­rend mit den der­zeit mo­derns­ten Se­ri­en­schein­wer­fern in 100 Me­ter Ent­fer­nung vor dem Au­to nur ei­ne Ga­ra­gen­tor-gro­ße Flä­che von 2,4 mal 1,8 Me­ter aus dem Licht­ke­gel aus­ge­blen­det wer­den kann, lässt sich beim künf­ti­gen Di­gi­tal Light in glei­cher Ent­fer­nung so­gar ei­ne Flä­che vom For­mat ei­nes Pass­bil­des, al­so 4,2 mal 2,5 Zen­ti­me­ter, ex­akt ab­dun­keln. Der Vor­teil: Statt bei ent­ge­gen­kom­men­dem Ver­kehr gan­ze Be­rei­che vor dem Au­to aus­zu­spa­ren, schat­tet Di­gi­tal Light le­dig­lich die Ge­sich­ter an­de­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer ab. Per­so­nen wer­den nicht ge­blen­det, kön­nen aber – gut an­ge­leuch­tet – nicht über­se­hen wer­den. Tech­nisch wird die­se Prä­zi­si­ons­auf­ga­be mit Mi­kro­spie­geln rea­li­siert. Hoch­strom-Leucht­di­oden, die spä­ter durch La­ser-Licht­quel­len er­setzt wer­den kön­nen, schi­cken ih­ren Licht-

strahl auf ei­nen Mi­ni­chip, des­sen Ober­flä­che sich aus ei­ner Mil­li­on Mi­kro­spie­geln zu­sam­men­setzt. Die­se sind be­weg­lich und las­sen sich um et­wa zehn Grad kip­pen. Das re­flek­tier­te Licht be­steht dann aus ei­ner Mil­li­on dün­ner, aber kräf­tig leuch­ten­der Strah­len, die durch ei­ne Lin­se ge­bün­delt den Schein­wer­fer ver­las­sen (re.). Die­ses ge­rich­te­te Licht leuch­tet die Stra­ße aus. Nur die Punk­te mit ab­ge­kipp­ten Mi­kro­spie­geln blei­ben dun­kel – et­wa so wie Pi­xel-Aus­fäl­le auf al­ten Lap­top-Bild­schir­men. Bringt man ei­ni­ge die­ser Mi­kro­spie­gel je­doch zum Schwin­gen (ca. 60 mal pro Se­kun­de), dann neh­men wir das Licht in Grau­stu­fen war. Letz­te­res nutzt Mer­ce­des ge­zielt, um den Fah­rer in kri­ti­schen Si­tua­tio­nen auf Ge­fah­ren hin­zu­wei­sen. So las­sen sich Ver­kehrs­zei­chen, Warn­schil­der oder Licht-Spur­mar­kie­run­gen in en­gen Bau­stel­len di­rekt auf den Stra­ßen­be­lag pro­ji­zie­ren. Aber auch Na­vi­ga­ti­ons­bot­schaf­ten, wie Hin­wei­se per Rich­tungs­pfeil oder Spur­emp­feh­lun­gen kann man so dar­stel­len. Vor­aus­ge­setzt, die Echt­zeit-Kom­mu­ni­ka­ti­on funk­tio­niert – und zwar mit der Sen­so­rik des Fahr­zeugs, Ver­kehrs­da­ten, ex­ak­ten di­gi­ta­len Kar­ten und In­for­ma­tio­nen aus der Da­ten-Cloud so­wie von an­de­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern. Für den Ein­satz des blend­frei­en Dau­er­fern­lichts be­darf es zu­dem prä­zi­se ar­bei­ten­der Ka­me­ras zur ge­nau­en Er­fas­sung der Si­tua­ti­on, Au­tos, Rad­fah­rer und Pas­san­ten. Bei un­se­rer ers­ten Nacht­fahrt rund um das Sin­del­fin­ger Licht-La­bor mit Stadt- und Über­land­fahrt ar­bei­te­te das Pi­xel­licht be­reits her­vor­ra­gend. In kei­ner Si­tua­ti­on be­stand durch un­ser hel­les, gleich­mä­ßi­ges Licht ei­ne Blend­ge­fahr für an­de­re Ver­kehrs­teil­neh­mer. Und für uns war die so er­hell­te Nacht­fahrt deut­lich ent­spann­ter als in ei­nem Au­to mit her­kömm­li­chem Licht. Denn statt des üb­li­chen Tun­nel­blicks, den ein schma­ler Licht­ke­gel zu­lässt, strahlt das Mer­ce­des Di­gi­tal Light im­mer 300 Me­ter weit und viel brei­ter als ge­wohnt. Durch den Ent­fall der der­zeit ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Hell/ Dun­kel­g­ren­ze ent­steht auch bei Nacht ein grö­ße­rer Weit­blick, was die Fahrt si­che­rer macht. Doch bis das Di­gi­tal Light 2020 in Se­rie ge­hen kann, müs­sen erst noch die Be­hör­den da­von über­zeugt wer­den.

Der ers­te Pro­to­typ mit Mer­ce­des Di­gi­tal Light geht mit uns bei Nacht auf Er­pro­bungs­fahrt

Die Bea­mer-Tech­nik im Schein­wer­fer er­kennt per Fahr­zeug­sen­so­ren und Ka­me­ras Fuß­gän­ger und ver­mei­det de­ren Blen­dung durch Ab­dun­keln der Köp­fe

Fah­rer und Bei­fah­rer in ent­ge­gen­kom­men­den und vor­aus­fah­ren­den Fahr­zeu­gen wer­den vom Licht­strahl aus­ge­spart und so­mit nicht ge­blen­det

Er­ken­nen Ra­dar­sen­so­ren des Au­tos, dass der Si­cher­heits­ab­stand zu ge­ring ist, pro­ji­ziert der Schein­wer­fer ei­nen Warn­hin­weis auf die Stra­ße

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