Bu­gat­ti Chiron: Un­ter der Hau­be des neu­en Hy­per-Cars ar­bei­tet ein W16-Mo­tor mit 1500 PS

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Falls Sie sich als Chi­ronKun­de ir­ri­tiert ge­fragt ha­ben, wes­halb auf Face­book ein leuch­tend blau­er Bu­gat­ti-Chiron von ei­nem Pri­vat­kun­den durch Ara­bi­en pi­lo­tiert wird, wäh­rend Sie im­mer noch war­ten, gibt es da­für ei­ne simp­le Er­klä­rung: Es han­delt sich um je­nen Pro­to­ty­pen des Chiron, mit dem Bu­gat­ti auf dem Au­to­mo­bil-Sa­lon in Genf im ver­gan­ge­nen Früh­jahr al­le Köp­fe ver­dreht hat. Nach Fo­to-Shoo­tings und an­de­ren PR-St­unts ging das sünd­haft teu­re, be­dingt fahr­be­rei­te Null­se­ri­en-Au­to oh­ne ir­gend­ei­ne Typ-Zu­las­sung an ei­nen Freund des Hau­ses, der hoch und hei­lig ver­spre­chen muss­te, das gu­te Stück qua­si als Im­mo­bi­lie zu be­trach­ten, als

Tech­nik-Kunst fürs Wohn­zim­mer so­zu­sa­gen. Wie es sich nun her­aus­stellt, hat der ver­mut­lich Nicht-mehr-ganz-so-en­ge-Freund sein Ver­spre­chen recht groß­zü­gig in­ter­pre­tiert und den Phan­tom-Chiron für die ei­ne oder an­de­re Spritz­tour ge­nutzt – was ja auch kein Pro­blem ist, wenn man bei Po­li­zei­kon­trol­len mit „Ih­re Ma­jes­tät ju­ni­or“an­ge­spro­chen wird …

Die Chiron-Fer­ti­gung ist ein fas­zi­nie­ren­des Tech­nik-Ri­tu­al

Wir kön­nen Ih­nen al­ler­dings nach ei­nem Be­such des Bu­gat­ti-Ate­liers im el­säs­si­schen Mols­heim durch­aus emp­feh­len, sich in rei­fer Ge­duld zu üben: Die ers­ten Se­ri­en­au­tos wer­den in die­sen Ta­gen mit Hoch­druck und pe­ni­bler Lei­den­schaft ge­baut. Wenn Ih­nen die Farb­ge­bung ei­nes der Ex­em­pla­re auf die­sen Sei­ten be­kannt vor­kommt, dür­fen Sie so­gar schon mal die Ga­ra­gen­hei­zung an­wer­fen. Ein zwei­ter Grund für die Ein­hal­tung des ganz nor­ma­len Vor­freu­de-Pro­ze­de­res liegt in all den Pri­vi­le­gi­en, die Kun­den ein­ge­räumt wer­den: Je­der­zeit vor­bei­kom­men und selbst den Schrau­ben­schlüs­sel schwin­gen? Kein Pro­blem! Zu­se­hen, wie aus ma­gi­schen Tech­nik-Ele­men­ten Ih­re ganz per­sön­li­che über­ir­di­sche Hy­per­raumMa­schi­ne wird? Aus­ge­spro­chen gern! Selbst wenn Sie die­sen Ein­blick ins Ent­ste­hen Ih­res Chiron bis­her noch nicht in Be­tracht ge­zo­gen ha­ben, kann man nur da­zu ra­ten: Ge­gen ei­nen Chiron in Ein­zel­tei­len und Seg­men­ten ist das fer­ti­ge Au­to re­gel­recht lang­wei­lig! Die rie­si­ge W16-Ma­schi­ne mit an­ge­flansch­tem Sie­ben­gang-Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be, den vier Tur­bo­la­dern und ih­rer gan­zen Pe­ri­phe­rie wird im Mo­to­ren­werk Salz­git­ter ge­fer­tigt und fällt dann wie ein High­tech-Ko­met in Mols­heim vom Him­mel. Die un­ter­tas­sen­gro­ßen Ka­ta­ly­sa­to­ren der frei­lie­gen­den Ab­gas­an­la­ge tra­gen dann zart­blau chan­gie­ren­de An­las­sSpu­ren von den Heiß­tests, oh­ne die kei­nes der 1500-PS-Mons­ter auch nur an­satz­wei­se in die Nä­he ei­nes Chiron kommt. In Mols­heim wird der An­trieb dann in ei­ne Art rie­sen­haf­te Span­ge aus Koh­le­fa­ser ge­setzt – zu­sam­men mit der Crash-Struk­tur am Heck ist nur die hin­te­re Hälf­te des Chiron fast fer­tig. Die Fahr­werks­quer­len­ker sit­zen di­rekt in den mäch­ti­gen Trä­gern aus Koh­le­fa­ser, die aus der Nä­he be­trach­tet wie für die Ewig­keit ge­macht schei­nen. Fin­ger­dick ver­ar­bei­tet, ver­narbt, die ein­zel­nen Kar­bon-Strän­ge als fet­te, bi­zarr ge­web­te Struk­tu­ren scho­nungs­los sicht­bar – das ist pu­rer Tech­nik-Rock ’n’ Roll.

Bei der Hoch­zeit wird der Hin­ter­bau mit dem Kol­he­fa­ser-Mo­no­co­que des Vor­der­wa­gens ver­schraubt – jetzt nur auf­pas­sen, dass bei die­sem hoch­kom­ple­xen Hy­per-Tech­no­lo­gie-Puz­zle ja nichts aus der Rei­he läuft: Hin­ter­her wie­der aus­ein­an­der­schrau­ben müs­sen, weil am En­de noch ein ver­ges­se­nes Teil in den gro­ßen Ma­te­ri­al-Wa­gen liegt, geht kaum. Es folgt das In­te­ri­eur, das in die­sem Sta­tus ein we­nig aus­sieht wie ein An­zug beim Schnei­der: un­fer­tig, of­fe­ne Ka­bel­bäu­me, Schon­über­zü­ge. Dann wird dem Au­to per Kon­zern-In­ter­net ei­ne See­le her­un­ter­ge­la­den, in die Elek­tro­nik ge­spielt und in­ner­halb von zwei bis drei St­un­den ak­ti­viert. Ab auf den Rol­len­prüf­stand: To­ben­der Fahr­zeug­check bis 200 km/ h (im Ste­hen), erst da­nach wer­den die bis da­hin auf gro­ße Ge­stel­le ge­spann­ten Ka­ros­se­rie-Ele­men­te mon­tiert – und gleich wie­der ab­ge­deckt. Der Lack soll bei den nun fol­gen­den um­fang­rei­chen Fahr­tests ja kei­nen Krat­zer ab­be­kom­men. Fo­lie run­ter, sau­ber ma­chen, Was­ser­dich­tig­keits­test in der Mon­sun-Kam­mer, wie­der wa­schen, po­lie­ren, dann sechs St­un­den Qua­li­tät­scheck. Am En­de schaut der Chef per­sön­lich vor­bei – oh­ne das O.k. von Bu­gat­ti-Ge­ne­ral­di­rek­tor Chris­to­phe Pio­chon rollt kein Chiron vom Hof. Und erst jetzt ge­hört er wirk­lich Ih­nen. Sie be­nei­dens­wer­ter Glücks­pilz!

Der ein­sams­te Job im Bu­gat­tiA­te­lier: sechs St­un­den Qua­li­tät­scheck pro Fahr­zeug

Hand­ar­beit mit Com­pu­ter-Kol­le­ge: Der Rech­ner weiß, wel­ches Werk­zeug an wel­cher Ver­bin­dung be­nutzt wird und steu­ert au­to­ma­tisch das rich­ti­ge An­zugs­dreh­mo­ment für je­de Schraube. Grün heißt: Al­les sitzt per­fekt!

Hoch­zeits­marsch: Das vor­de­re Mo­no­co­que war­tet ge­dul­dig auf die hin­te­re Fahr­zeug­hälf­te mit dem rie­si­gen W16-Zy­lin­der. Gleich vier Bu­gat­ti-Wer­ker sind Trau­zeu­gen, wenn in Mols­heim ein Chiron ent­steht

Die Kon­di­tio­nie­rung der Fahr­zeu­ge­lek­tro­nik dau­er­te beim Vey­ron noch Ta­ge – der Chiron hat sein Be­wusst­sein nach St­un­den

Aus­geh­fein ma­chen für Per­for­mance-Tests: Bu­gat­ti checkt je­den Chiron auf der Stra­ße und ab­ge­sperr­tem Ge­län­de bis über 300 km/h

AU­TO ZEITUNGAu­tor Riegs­in­ger als Bei­fah­rer: „Erst wenn man beim Be­schleu­ni­gen be­wusst­los wird, ist ein Au­to wirk­lich schnell“

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