Chev­ro­let Cama­ro Chev­ro­let Cor­vet­te

Mit der durch­trai­nier­ten Cor­vet­te und dem kraft­strot­zen­den Cama­ro lässt Chev­ro­let zwei ex­trem reiz­vol­le Sport­ler auf die deut­schen Kun­den los. Da­bei un­ter­gräbt ihr be­tö­rend frei sau­gen­der 6,2-Li­ter-V8 die Down­si­zing-Ägi­de der Neu­zeit – nach­hal­tig!

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Mar­kus Schön­feld FO­TOS Da­nie­la Loof ]

War­um soll man sich Et­was vor­ma­chen? In von Tur­bo­la­dern fast bis zum Bers­ten auf­ge­la­de­ne Klein­zy­lin­der oder gar säu­seln­de Elek­tro­mo­to­ren kann man sich ein­fach nicht ver­lie­ben. Trotz al­ler Hoch­ach­tung für die tech­ni­sche Raf­fi­nes­se, die Sen­so­rik und die mü­he­vol­le Fein­ab­stim­mung am Rech­ner las­sen sich un­se­re Emo­ti- onen von mo­der­ner Kom­ple­xi­tät nur schwer be­ein­dru­cken. Bringt sich da­ge­gen ein 6,2 Li­ter gro­ßer Stoß­stan­gen-V8 nach dem An­las­sen mit ei­ner kur­zen Don­ner­schlag-Sal­ve aus vier arm­di­cken En­d­roh­ren in Stel­lung, dürf­te auch der mü­des­te Be­ob­ach­ter plötz­lich hell­wach sein. Dass aus­ge­rech­net Chev­ro­let für sol­che Ge­fühls­aus­brü­che ver­ant­wort­lich ist, über­rascht. Schließ­lich ver­ab­schie­de­ten sich die Ame­ri­ka­ner vor ei­ni­gen Jah­ren mit Klein­wa­gen aus ko­rea­ni­scher Fer­ti­gung vom eu­ro­päi­schen Markt. Mit Cama­ro und Cor­vet­te Stin­gray kehr­ten sie aber auf­se­hen­er­re­gend zu­rück – ein ers­ter Ver­gleichs­test der bei­den top­ak­tu­el­len Mo­del­le mit na­he­zu glei­chem V8 un­ter der Hau­be.

Mo­tor / Ge­trie­be

Das Kon­zept des Stoß­stan­gen-V8 mit zwei hän­gen­den Ven­ti­len je Zy­lin­der ist äl­ter als die Ge­schich­te der Cor­vet­te selbst und trotz­dem ein po­ten­tes Mo­to­ren­kon­zept. Denn mit den dreh­fau­len Nied­rig­tour-Blub­be­rern der Ur­zeit hat die­ses Ag­gre­gat nichts mehr zu tun. Bei je­der Dreh­zahl ab 1000 / min auf­wärts hängt der Kurz­hu­ber wie ein Renn­mo­tor am Gas, schiebt mit über 600 Nm mäch­tig vor­an und ent­fal­tet sei­ne enor­me Leis­tung bis fast 7000 /min mus­ter­gül­tig ho­mo­gen, be­glei­tet von schmet-

ternd an­stei­gen­den Gän­se­h­autFan­fa­ren aus dem Heck. Da­bei lässt sich die V8-Sin­fo­nie über die Sie­ben­gang-Hand­schal­tung der Cor­vet­te viel prä­zi­ser di­ri­gie­ren als über die Schalt­pad­del der Acht­stu­fen-Au­to­ma­tik (2000 Eu­ro) im Cama­ro. Der klei­ne Leis­tungs­un­ter­schied von 13 PS zu­guns­ten der Cor­vet­te ist bei den Fahr­leis­tun­gen ver­nach­läs­sig­bar. Bei­de schaf­fen den Spurt auf Tem­po 100 in 4,3 Se­kun­den, die 200-km/ h-Mar­ke ist nach gut 14 Se­kun­den ge­knackt. Für Tech­nik­fans: Die Ame­ri­ka­ner of­fe­rie­ren im Jahr 2016 üb­ri­gens Di­rekt­ein­sprit­zung, va­ria­ble Ven­til­steue­rung und die be­darfs­wei­se Ab­schal­tung von vier Zy­lin­dern. Auch wenn man die­sen Vor­gang im Teil­last-All­tag vor al­lem in der Cor­vet­te deut­lich spürt, so ge­hö­ren Ver­bräu­che von mehr als 20 Li­tern da­mit der Ver­gan­gen­heit an. Der Cama­ro pe­gelt sich bei 12,8 Li­tern auf 100 Ki­lo­me­tern ein, die Cor­vet­te mit Sie­ben­gang-Hand­schal­tung bei 13,3 Li­tern.

Fahr­dy­na­mik

Das ge­wal­ti­ge Dreh­mo­ment ge­langt bei bei­den di­rekt über das bei Be­darf au­to­ma­tisch sper­ren­de Dif­fe­ren­zi­al an die Hin­ter­ach­se. Und: Drift- und Bur­nout-Freun­de kom­men da­mit voll auf ih­re Kos­ten. Doch Cama­ro und Cor­vet­te sind al­les an­de­re als ein­fa­che Rei-

Der Cama­ro ist 130 Ki­lo­gramm schwe­rer als die Cor­vet­te

fen­ver­nich­ter. Rich­tig an die Hand ge­nom­men, über­zeu­gen sie als ex­trem po­ten­te Run­den­zei­ten­jä­ger, auch wenn die im­men­se Kraft selbst an schnel­len Kur­ven­aus­gän­gen fein­füh­lig ge­zü­gelt wer­den will. Die Kur­ven­tem­pi sind je­den­falls be­ein­dru­ckend. Beim Cama­ro wünscht man sich al­ler­dings et­was mehr Ge­fühl in Len­kung und Brems­pe­dal, die Cor­vet­te hin­ge­gen ist der Traum ei­nes je­den Sport­fah­rers. Sie ist für die Renn­stre­cke ge­macht. Mit su­per­ber Rück­mel­dung, gut­mü­ti­gem Grenz­be­reich und ex­trem neu­tra­ler Ab­stim­mung macht sie vor al­lem in den Kur­ven des Hand­ling­kur­ses über 2,5 Se­kun­den auf den Cama­ro gut. Auf der Ge­ra­de und beim An­brem­sen herrscht hin­ge­gen Gleich­stand zwi­schen bei­den.

Ka­ros­se­rie

Ge­ra­de 1,24 Me­ter hoch ist die gra­zi­le Cor­vet­te. Da­ge­gen wirkt der auf­rech­te und zehn Zen­ti­me­ter hö­he­re Cama­ro wie ein un­ge­ho­bel­tes Rau­bein. Doch durch die tie­fe Sitz­po­si­ti­on hat man auch hier das Ge­fühl, in ei­nem ech­ten Sport­wa­gen zu sit­zen. Die Über­sicht ist we­gen der klei­nen Fens­ter, der bul­li­gen Mo­tor­hau­be und der brei­ten C-Säu­le im Cama­ro aber deut­lich schlech­ter als in der groß­zü­gig ver­glas­ten Cor­vet­te. Die kommt se­ri­en­mä­ßig mit Ka­me­ras vorn und hin­ten da­her. Der knapp 4,80 Me­ter lan­ge Cama­ro hält im­mer­hin mit ei­ner Rück­fahr­ka­me­ra da­ge­gen. Platz gibt es hier wie dort aus­rei­chend – wohl­ge­merkt für zwei Per­so­nen. Denn auch wenn der Cama­ro im Ge­gen­satz zur Cor­vet­te ei­ne Rück­sitz­bank be­sitzt, dient die­se doch eher der zu­sätz­li­chen Ge­päck­ab­la­ge. Die um­klapp­ba­ren Rü­cken­leh­nen er­hö­hen den Nutz­wert des Cama­ro oben­drein. Die Cor­vet­te kon­tert mit ei­nem brauch­ba­ren Ge­heim­fach hin­ter dem elek­trisch ver­senk­ba­ren Bild­schirm. Bei­den Amis ge­mein ist die gu­te Se­ri­en­aus­stat­tung mit Le­der, Zwei­zo­nen- Kli­ma­an­la­ge, Sitz­hei­zung, ei­nem Acht­zoll-Touch­screen und kom­plet­ter Na­vi- so­wie Mul­ti­me­dia-Be­stü­ckung. Da­bei ist die Be­die­nung nicht son­der­lich schwie­rig. Al­ler­dings feh­len auch vie­le Si­cher­heits­sys­te­me in der Auf­preis­lis­te. Der Cama­ro bie­tet im­mer­hin ei­nen se­ri­en­mä­ßi­gen To­ter-Win­kel-War­ner. Die Ver­ar­bei­tungs­qua­li­tät ist den Prei­sen an­ge­mes­sen. Das heißt aber, dass man beim Schnäpp­chen Cama­ro (Zwei­li­ter-Tur­bo ab 39.900 Eu­ro) kei­ne Wun­der er­war­ten darf. Die Vet­te da­ge­gen ge­fällt trotz Kunst­stoff-Ka­ros­se mit ei­ner ul­tra­fes­ten Struk­tur und so­li­der Ver­ar­bei­tung.

Fahr­kom­fort

Ge­ne­rell sind Sport­wa­gen in Sa­chen Kom­fort si­cher kei­ne Of­fen­ba­run­gen, doch bei­de Amis eig­nen sich gut zum ent­spann­ten Crui­sen. Auf den wei­chen, dick ge­pols­ter­ten und zu­dem noch se­ri­en­mä­ßig kli­ma­ti­sier­ten Cama­ro-Ses­seln hält man die ent­spann­te Gan­gart aber si­cher ein paar St­un­den län­ger aus. Schon des­we­gen, weil die Däm­mung von Mo­tor- und Wind­ge­räu­schen hier bes­ser ge­lun­gen

Auf dem Hand­ling­kurs er­kämpft sich die Cor­vet­te ei­nen 2,5-Se­kun­den-Vor­sprung

ist. Im Ver­gleich ist die Cor­vet­te je­den­falls ei­ne kom­pro­miss­lo­se Kra­wall­ma­schi­ne, de­ren auf­dring­li­che Art auf lan­gen Stre­cken schon mal ner­ven kann. Die Sitz­po­si­ti­on in der Stin­gray lässt oben­drein ge­ra­de mit den Com­pe­ti­ti­on-Sport­sit­zen (1850 Eu­ro) et­was zu wün­schen üb­rig. Auch wenn ei­nen das Ge­stühl bei sport­li­cher Fahr­wei­se kräf­tig in die Zan­ge nimmt, wür­de man gern et­was tie­fer sit­zen. Und für Groß­ge­wach­se­ne wä­ren ein paar Zen­ti­me­ter mehr Längs­ein­stel­lung ein Se­gen. Die Cock­pi­taus­rich­tung auf den Fah­rer, die lan­ge Arm­auf­la­ge und der gut po­si­tio­nier­te Schalt­he­bel zeich­nen die Sport­wa­ge­nI­ko­ne aber aus. Und wirk­lich er­staun­lich gut ab­ge­stimmt ist das grund­sätz­lich straf­fe Fahr­werk. Selbst auf schrof­fen Kan­ten of­fen­bart die Flun­der kei­ne über­trie­be­ne Här­te. Vor­der- und Hin­ter­ach­se sind sehr ho­mo­gen ab­ge­stimmt und zei­gen selbst auf un­ru­hi­gem Un­ter­grund für Sport­wa­gen­ver­hält­nis­se er­staun­li­che Ge­las­sen­heit. Hier ent­puppt sich der Cama­ro als un­har­mo­ni­scher: Rol­len die Vor­der­rä­der noch sanft über Bahn­glei­se, pol­tert die Hin­ter­ach­se an glei­cher Stel­le re­gel­recht.

Um­welt / Kos­ten

Der 453 PS star­ke Cama­ro 6.2 V8 bie­tet sich für nur 45.900 Eu­ro re­gel­recht bil­lig an. Hier gibt es al­so ein gan­zes PS für rund 100 Eu­ro – nir­gend­wo sonst dürf­te man mehr Leis­tung fürs Geld be­kom­men. Nicht ein­mal im sel­ben Haus, denn für die Cor­vet­te müs­sen bei ver­gleich­ba­rer Aus­stat­tung und na­he­zu iden­ti­schem Mo­tor min­des­tens 79.500 Eu­ro be­zahlt wer­den. Bei den Un­ter­halts­kos­ten lie­gen bei­de auf et­wa dem­sel­ben Ni­veau.

Au­tos im Test Chev­ro­let Cama­ro 453 PS, 290 km/h, 12,8 l SP/100 km, 45.900 € Chev­ro­let Cor­vet­te 466 PS, 290 km/h, 13,3 l SP/100 km, 79.500 €

Aus je­weils vier arm­di­cken En­d­roh­ren er­tö­nen Gän­se­h­autfan­fa­ren, wie sie nur frei sau­gen­de Acht­zy­lin­der kom­po­nie­ren kön­nen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.