Au­to­fa­brik im Wan­del

In­dus­trie 4.0 steht für neue Pro­duk­ti­ons­tech­nik: Das Fließ­band hat aus­ge­dient, Au­di sieht die Zu­kunft im neu­en Prin­zip der „Mo­du­la­ren Mon­ta­ge“

AUTO ZEITUNG - - INDUSTRIE 4.0 · TECHNIK - Hol­ger Ip­pen

Die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on steht in den Start­lö­chern zur vier­ten Ge­ne­ra­ti­on: Man spricht auch von In­dus­trie 4.0. Rück­blick: Die In­dus­tria­li­sie­rung be­gann um 1800 mit neu­en, ar­beits­tei­li­gen Struk­tu­ren und dem Ein­satz von Was­ser- und Dampf­kraft. Zwei­te Etap­pe: Hen­ry Ford re­vo­lu­tio­nier­te um 1910 durch das Fließ­band den Au­to­mo­bil­bau, was nicht nur zu ei­ner Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung, son­dern so­gar zum tief­grei­fen­den Kul­tur­wan­del der In­dus­trie­ge­sell­schaft führ­te. Die drit­te In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on kam mit der Di­gi­ta­li­sie­rung: Au­to­ma­ten und Ro­bo­ter ar­bei­ten am Fließ­band mit Ar­bei­tern Hand in Hand. Doch ge­nau das än­dert sich ge­ra­de, auch im Au­to­bau: Ein im­mer brei­te­res Mo­del­l­an­ge­bot so­wie der stei­gen­de An­teil an Son­der­wün­schen und In­di­vi­dua­li­sie­rung for­dern neue Fer­ti­gungs­ver­fah­ren. Au­di-Pro­duk­ti­ons­vor­stand Hu­bert Waltl spricht von der „Smart Fac­to­ry“. Da­mit meint er Fa­b­rik­hal­len mit Start-upAt­mo­sphä­re und den Wan­del hin zu neu­en Pro­duk­ti­ons­stät­ten als wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für das maß­ge­fer­tig­te Au­to von mor­gen. Wir konn­ten uns be­reits ers­te Pro­be­läu­fe in ei­ner Test­hal­le an­se­hen, in der ganz neue Fer­ti­gungs­pro­zes­se aus­pro­biert wer­den. Fah­rer­los ge­steu­er­te Trans­port-Ro­bo­ter las­sen Au­to­ka­ros­se­ri­en auf mo­bi­len High­tech-Platt­for­men durch die Mon­ta­ge­hal­le glei­ten und steu­ern – wie von Geis­ter­hand ge­lenkt – ei­ne der vie­len Mo­du­le für un­ter­schied­lichs­te Fer­ti­gungs­schrit­te an. Die­se Ar­beits­sta­tio­nen er­in­nern an Dop­pel­ga­ra­gen, die hoch­mo­der­ne Schrau­ber­werk­stät­ten be­her­ber­gen: In der ei­nen wer­den Sit­ze ins Au­to mon­tiert, in der an­de­ren Stand­hei­zun­gen, Dach­an­ten­nen oder Kli­ma­an­la­gen. Doch es gibt kei­ne starr vor­ge­ge­be­ne Rei­hen­fol­ge mehr. Per werks­in­ter­nem GPS (Po­si­tio­nie­rung) und WLAN (Kom­mu­ni­ka­ti­on) steu­ert ein Zen­tral­rech­ner die Ar­beits­schrit­te und op­ti­miert die Aus­las­tung der ein­zel­nen Mo­du­le. Ist ein Au­to mit zeit­auf­wän­di­gen Son­der­aus­stat­tun­gen dar­un­ter, bremst es den Ar­beits­ab­lauf nicht aus: An­ders als beim Fließ­band hat es kei­nen Ein­fluss auf den Fer­ti­gungs­plan, wenn ein Au­to län­ger in ei­nem Mo­dul bleibt. Nach­fol­gen­de Ka­ros­se­ri­en wer­den ein­fach zu ei­ner an­de­ren frei­en Sta­ti­on ge­lei­tet – oder es wird so­gar die Rei­hen­fol­ge der Mon­ta­ge va­ri­iert. Dann kommt eben zu­erst die Kli­ma­tech­nik statt des Un­ter­hal­tungs-Equip­ments in die Ka­ros­se. Was nach Cha­os klingt, ist ein hoch­ef­fi­zi­en­ter Op­ti­mie­rungs­pro­zess. Die Steu­er­zen­tra­le der Smart Fac­to­ry re­agiert auf al­le denk­ba­ren Pro­ble­me mit der je­weils rich­ti­gen Lö­sung. Waltl: „Auch in­di­vi­du­el­le Aus­stat­tungs­de­tails tref­fen zum rich­ti­gen Zeit­punkt am zu­ge­wie­se­nen Fer­ti­gungs­mo­dul ein.“Da­für sor­gen wie­der­um an­de­re au­to­ma­ti­sier­te Trans­port­sys­te­me. Die­se glei­ten in den ge­spens­tisch men­schen­lee­ren Hal­len über pieksau­be­re Bö­den. Das Ver­kehrs­auf­kom­men zwi­schen den Sta­tio­nen ist enorm und wird ge­lenkt wie ein Schach­spiel: Stets wer­den be­reits die nächs­ten Zü­ge be­dacht. Ei­ne Her­aus­for­de­rung, der ein selbst­ler­nen­der Com­pu­ter weit bes­ser ge­wach­sen ist als die meis­ten Schicht­lei­ter.

Au­di er­war­tet ei­nen Pro­duk­ti­vi­täts­vor­teil von 20 Pro­zent

Noch ist die­se mo­du­la­re Fer­ti­gung ein For­schungs­pro­jekt, das in ei­ner se­pa­ra­ten Hal­le er­probt wird. Waltl hält ei­ne Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung ge­gen­über der Fließ­band­pro­duk­ti­on bei ei­nem Pre­mi­um-Pro­dukt mit gro­ßer Va­ri­an­ten­viel­falt und vie­len Ex­tras von 20 Pro­zent für rea­lis­tisch. Ein Au­to mit we­ni­gen Zu­satz­aus­stat­tun­gen ist so­gar schnel­ler fer­tig, es steht nicht im Fließ­band-Stau und kann so­gar frü­her aus­ge­lie­fert wer­den. So­mit hat das Fließ­band als Takt­ge­ber aus­ge­dient. Schon in Kür­ze soll die Mo­du­la­re Mon­ta­ge ih­ren Test­be­trieb im un­ga­ri­schen Györ bei der Mo­to­ren­fer­ti­gung be­gin­nen. Für In­dus­trie 4.0 ste­hen wei­te­re in­no­va­ti­ve Tech­ni­ken auf dem Prüf­stand. Vie­le sind be­reits aus der Spie­le­welt be­kannt: So er­probt Au­di et­wa den Ein­satz von Trans­port-Droh­nen, die die feh­len­den Tei­le schnell auch quer durch die Hal­le be­för­dern. Und Tests mit 3DD­ru­ckern be­wei­sen, dass sich so­gar Alu- so­wie Stahl-Tei­le mit kom­pli­zier­ten For­men „dru­cken“las­sen. Noch sind der­art her­ge­stell­te Tei­le als Se­ri­en­pro­duk­te viel zu teu­er. Aber auch das wird sich schnell än­dern.

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