„Wir ma­chen Zu­kunft re­al“

AUTO ZEITUNG - - INTERVIEW · FRANK WELSCH -

Volks­wa­gen ist im Auf­bruch in die di­gi­ta­le Zu­kunft. Was hat für Sie Prio­ri­tät – As­sis­tenz­sys­te­me und Kon­nek­ti­vi­tät, Elek­tro­mo­bi­li­tät oder au­to­no­mes Fah­ren?

Das in ei­ne Rei­hen­fol­ge zu brin­gen, ist schwie­rig. Aber klar ist: Wir ar­bei­ten an all den ge­nann­ten Zu­kunfts­tech­ni­ken glei­cher­ma­ßen mit Hoch­druck. Ei­ne Rei­hen­fol­ge er­gibt sich je­doch durch die Er­war­tun­gen un­se­rer Volks­wa­gen- Kun­den: Der­zeit möch­ten sie ei­ne mög­lichst ein­fach hand­hab­ba­re Ver­net­zung, zum Bei­spiel zwi­schen Fahr­zeug und Mo­bil­ge­rä­ten. Im nächs­ten Schritt er­war­ten Volks­wa­gen-Käu­fer mehr As­sis­ten­ten und zu­sätz­li­che Funk­tio­nen, die läs­ti­ge und lang­wei­li­ge Tä­tig­kei­ten über­neh­men und mehr Si­cher­heit bie­ten. Step by step folgt dann das au­to­no­me Fah­ren. Par­al­lel da­zu bau­en wir die Elek­tro­mo­bi­li­tät deut­lich aus – vom heu­ti­gen e-Up und vom e-Golf bis zu den Mo­del­len auf un­se­rem kom­men­den Mo­du­la­ren Elek­tri­fi­zie­rungs­bau­kas­ten (MEB).

In wel­che Rich­tung ent­wi­ckeln sich die As­sis­tenz­sys­te­me?

Wie wich­tig As­sis­tenz­sys­te­me schon heu­te ge­wor­den sind, be­legt ei­ne Stu­die bri­ti­scher Ver­si­che­run­gen. Nach de­ren Ana­ly­se sank die An­zahl von Auf­fahr­un­fäl­len bei Fahr­zeu­gen mit Not­brems­sys­tem si­gni­fi­kant. Beim Golf mit ho­her Ein­bau­ra­te von Nah­be­reichs-Ra­dar-Sys­te­men lie­gen die re­gis­trier­ten Auf­fahr­un­fäl­le um 45 Pro­zent nied­ri­ger als bei an­de­ren Mo­del­len in die­ser Klas­se. Das ist ein Bei­spiel, wie sich As­sis­tenz­sys­te­me mit im­mer bes­se­ren Sen­so­ren und Al­go­rith­men di­rekt auf den Kun­den­nut­zen aus­wir­ken. Wenn wir die In­for­ma­tio­nen von Ra­dar, Ul­tra­schall und Ka­me­raTech­nik – die ja al­le schon in mo­der­nen Fahr­zeu­gen ab­ruf­bar sind – krea­tiv nut­zen, dann las­sen sich wei­te­re ty­pi­sche Un­fall­si­tua­tio­nen, die meist mit mensch­li­chem Ver­sa­gen um­schrie­ben wer­den, er­ken­nen und mi­ni­mie­ren. Dar­an ar­bei­ten wir in­ten­siv.

Und die Elek­tro­mo­bi­li­tät?

Wir ge­hen da­von aus, dass wir 2025 et­wa ei­ne Mil­li­on Fahr­zeu­ge mit bat­te­rie­elek­tri­schem An­trieb ver­kau­fen. Das er­for­dert gro­ße In­ves­ti­tio­nen. Na­tür­lich lie­gen noch ei­ne Men­ge un­ge­lös­ter Auf­ga­ben vor uns. Die Bat­te­rie­tech­nik gilt als der ent­schei­den­de Fak­tor der Elek­tro­mo­bi­li­tät.

Er­war­ten Sie da ei­nen In­no­va­ti­ons­sprung?

Ja, ganz klar. Wir ha­ben ge­ra­de die Reich­wei­te beim e-Golf auf 300 Ki­lo­me­ter er­höht, er­war­ten aber in na­her Zu­kunft noch wei­te­re si­gni­fi­kan­te Ver­bes­se­run­gen. Das be­trifft so­wohl die Reich­wei­te als auch ein re­du­zier­tes Ge­wicht, ei­ne län­ge­re Le­bens­dau­er und ver­bes­ser­te Schnell­la­de­mög­lich­kei­ten. Vie­les da­von wird zur Ein­füh­rung des VW I.D., al­so 2020, um­ge­setzt sein.

Sind das Bat­te­ri­en auf Li­thi­um­Io­nen-Ba­sis oder ist es ei­ne ganz neue Zel­len-Tech­nik, zum Bei­spiel mit Fest­stoff-Elek­tro­lyt?

Nein, wir set­zen auf Li-Io-Zel­len, aber mit wei­ter­ent­wi­ckel­ter Kon­fi­gu­ra­ti­on. Fest­stoff­zel­len wer­den wir bis 2020 noch nicht ha­ben. Zu Be­ginn un­se­rer Elek­tro-Platt­form ste­hen sie noch nicht in Se­ri­en­rei­fe und zu ak­zep­ta­blen Prei­sen zur Ver­fü­gung.

Wel­che Bat­te­rie­tech­nik fa­vo­ri­sie­ren Sie für die Zu­kunft?

Li­thi­um-Luft, Li­thi­um-Schwe­fel, das ist al­les in Un­ter­su­chung, aber das Ren­nen ist noch lan­ge nicht ent­schie­den. Vie­les spricht für Fest­stoff­zel­len. Für un­se­ren MEB set­zen wir auf die be­kann­te Tech­nik. Die­se wer­den wir op­ti­mie­ren und in Be­zug auf Leis­tung, Ef­fi­zi­enz und Kos­ten aus­rei­zen. Da­mit star­ten wir den Schritt aus der Ni­sche ins Vo­lu­men­seg­ment. Und das Schö­ne ist, dass un­ser Bau­kas­ten ei­nen pro­blem­lo­sen Um­stieg auf ei­ne künf­ti­ge Zel­len­ge­ne­ra­ti­on zu­lässt.

Wel­che Bat­te­rie-Tech­nik soll im ge­plan­ten Ak­ku-Werk Braun­schweig pro­du­ziert wer­den?

Es ist noch zu früh, sich da fest­zu­le­gen.

In­ves­tie­ren Sie wei­ter in die Brenn­stoff­zel­le?

Ja, na­tür­lich. Wir ha­ben die­se Tech­nik in ver­schie­de­nen For­schungs­fahr­zeu­gen er­probt. Im Au­gen­blick nut­zen wir un­se­re Kon­zern­syn­er­gi­en. Im Be­reich Fu­el­cell sind un­se­re Kol­le­gen bei Au­di fe­der­füh­rend.

Wie wol­len Sie Elek­tro­fahr­zeu­ge für den brei­ten Se­ri­en­ein­satz be­zahl­bar ma­chen?

Wir wer­den in ei­ni­gen Jah­ren mit Elek­tro­fahr­zeu­gen in gro­ße Vo­lu­men ge­hen. Da­für ent­wi­ckeln wir ei­ne rei­ne Elek­tro­platt­form, den Mo­du­la­ren Elek­tri­fi­zie­rungs­bau­kas­ten (MEB), auf des­sen Ba­sis 2020 das ers­te Se­ri­en­mo­dell kommt. Es ist ein spe­zi­ell auf die Elek­tro­mo­bi­li­tät zu­ge­schnit­te­ner Bau­kas­ten, der auf al­le Re­strik­tio­nen und Er­for­der­nis­se kon­ven­tio­nel­ler An­trie­be kon­se­quent ver­zich­tet. Das al­les dient dem Ziel, ein kos­ten­at­trak­ti­ves Elek­tro­mo­bil zu rea­li­sie­ren. Im Kl­ar­text: Wir stre­ben für un­ser MEBMo­dell den Preis ei­nes gut aus­ge­stat­te­ten Golf Die­sel an. Mit die­sem at­trak­ti­ven Preis, ei­ner pra­xis­ge­rech­ten Reich­wei­te und vol­ler All­tags­taug­lich­keit wer­den wir un­se­re Kun­den über­zeu­gen.

Wie schaf­fen Sie das?

Wir kon­stru­ie­ren den MEB von Grund auf neu und bau­en das Fahr­zeug um das Herz­stück, die Bat­te­rie und die An­triebs­kom­po­nen­ten, her­um. So er­ge­ben sich ne­ben der Ef­fi­zi­enz vie­le er­freu­li­che Zu­satz­vor­tei­le.

Wel­che sind das?

Wir bie­ten im MEB deut­lich mehr Platz im In­nen­raum als beim Golf. Die In­nen­raum­län­ge des I.D. ent­spricht fast der des Pas­sat, die Au­ßen­län­ge ist je­doch et­was kür­zer als beim Golf. Das Feh­len ei­nes Ver­bren­nungs­mo­tors er­laubt kur­ze vor­de­re Über­hän­ge und führt zu at­trak­ti­ven Pro­por­tio­nen. Un­se­re De­si­gner ha­ben nun auch deut­lich mehr Frei­heits­gra­de bei der Gestal­tung der Front­par­tie, da bei rei­nen E-Fahr­zeug­kon­zep­ten kein Küh­ler­git­ter er­for­der­lich ist. Der I.D. zeigt das über­zeu­gen­de Er­geb­nis.

Zu den kon­ven­tio­nel­len Mo­to­ren: Wie geht es da wei­ter?

Na­tür­lich sind die­se nach wie vor ein wich­ti­ger Ent­wick­lungs­schwer­punkt. Auch wenn wir 2025 ei­ne Mil­li­on Elek­tro-Au­tos an­stre­ben, wer­den wir par­al­lel über fünf Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge mit kon­ven­tio­nel­lem An­trieb fer­ti­gen und ver­kau­fen. Die Ent­wick­lung wird al­so wei­ter­ge­hen. Den­ken Sie bei­spiels­wei­se an den Par­ti­kel­fil­ter – der hält bald auch bei un­se­ren Ben­zi­nern Ein­zug. Das ist für uns Ent­wick­ler, aber auch für die Be­schaf­fer, ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Ein wei­te­res Bei­spiel sind ver­brauchs­re­du­zie­ren­de Tech­ni­ken wie et­wa der Frei­lauf: Mo­tor aus oder Mild Hy­brid mit 48-Volt-Bord­netz.

Das Ge­spräch führ­te Hol­ger Ip­pen

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