Re­por­ta­ge: Ford-Werks­fah­rer Ste­fan Mü­cke zeigt uns sei­ne Ge­burts­stadt Berlin

Im in­ter­na­tio­na­len Mo­tor­sport ist er der schnells­te Haupt­stadt-Kor­re­spon­dent: Ste­fan Mü­cke, Ber­li­ner und Werks­fah­rer bei Ford. Mit­fahrt durch die Bun­des­me­tro­po­le

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Gregor Mes­ser FO­TOS Tho­mas St­arck ]

Berlin ist ei­ne Rei­se wert“, lau­tet der ur­al­te Wer­be­slo­gan, dem jähr­lich über zwölf Mil­lio­nen Tou­ris­ten in die Bun­des­haupt­stadt fol­gen. Für Ste­fan Mü­cke frei­lich ist je­de Fahrt Rich­tung Ost­deutsch­land vor al­lem ei­ne Heim­rei­se: Der Werks­fah­rer aus der Ford-Mann­schaft ist ge­bür­ti­ger Ber­li­ner. Er stammt aus Alt­gli­e­ni­cke im Be­zirk Trep­tow-Kö­pe­nick, das bis zum Mau­er­fall 1989 zum Ost­teil der 3,5-Mil­lio­nen­Ein­woh­ner-Me­tro­po­le zähl­te. An­ders als die meis­ten sei­ner Kol­le­gen ver­zich­tet der Welt­klas­se-Pi­lot lie­ber auf ein Da­sein in ei­nem Steu­er­pa­ra­dies à la Mo­na­co. „Wenn ich bei je­der Lohn­ab­rech­nung se­he, was mir das Fi­nanz­amt ab­zieht – oje, da darf ich gar nicht dran den­ken“, gibt Mü­cke zu. Aber in Berlin und sei­ner Um­ge­bung ist es für ihn viel zu schön, um mit sei­ner Fa­mi­lie auf den Le­bens­ge­nuss in der City wie auch im Um­land ver­zich­ten zu wol­len. Gu­te Lau­ne ver­passt dem Langstre­cken-Ass aus der Mar­ken­welt­meis­ter­schaft nicht nur der hoch­fre­quen­te Puls ei­ner dau­er­haft jun­gen Stadt, die sich täg­lich neu zu er­fin­den ver­mag – trotz ih­rer lan­gen His­to­rie von bald 800 Jah­ren. Ein brei­tes Dau­er­g­rin­sen hin­ter­lässt bei Mü­cke auch das Au­to­mo­bil, mit dem er der­zeit in der Haupt­stadt un­ter­wegs ist. Na­tür­lich ist der spurtstar­ke Ford Fo­cus RS sein ganz of­fi­zi­el­les Di­enst­au­to. Aber Ste­fan Mü­cke wür­de das sport­lichs­te Mo­dell der Pro­dukt­pa­let­te aus Köln „auch glatt für mich selbst kau­fen. Denn fast kein an­de­res Au­to weist ein bes­se­res Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis auf“, be­tont er gern. „Und ganz ehr­lich: Da will ich am liebs­ten gar nicht mehr aus­stei­gen.“Muss Mü­cke aber doch, wenn er uns sei­ne Stadt zei­gen will und für das ei­ne oder an­de­re Foto po­sie­ren soll. Es sind na­tür­lich die be­rühm­ten Wahr­zei­chen Ber­lins, die Mü­ckes Er­in­ne­rungs­ver­mö­gen auf Tr­ab brin­gen – wie et­wa das Bran­den­bur­ger Tor: „Ein­mal woll­ten wir hier Fo­tos für Au­to­gramm­kar­ten ma­chen. Al­so zü­gig auf den Pa­ri­ser Platz ge­fah­ren, das Au­to­cross-Mo­bil mei­nes Va­ters ab­ge­la­den und schnell fo­to­gra­fiert. Ging ge­ra­de noch mal gut aus, denn ruck, zuck war die Po­li­zei da!“Mü­cke, heu­te 35 Jah­re alt, ent­stammt ei­ner renn­ver­rück­ten Fa­mi­lie: Sein Groß­va­ter war einst

„ Der Stra­ßen­ver­kehr in an­de­ren Groß­städ­ten ist deut­lich chao­ti­scher als in Berlin“

Funk­tio­när im Motorradsport. Und Va­ter Pe­ter zähl­te in der DDR zu den Bes­ten, wenn er im 1300er-Zas­ta­va auf Stre­cken wie dem Froh­bur­ger Drei­eck oder dem Sach­sen­ring um die Häu­se­r­ecken pfiff. Heu­te lei­tet Mü­cke se­ni­or ei­nes der größ­ten Renn­teams Deutsch­lands. Die Er­in­ne­rung an Mü­ckes Kar­rie­r­e­be­ginn führt den ni­tro-me­tal­li­cblau­en Fo­cus auch an den le­gen­därs­ten Teil des Ber­li­ner Au­to­bahn­net­zes: die Avus. Bis 1998 dröhn­ten hier die Renn­mo­to­ren, und der da­mals 16-jäh­ri­ge Mü­cke war beim Fi­na­le da­bei. „Es gab ei­ne of­fe­ne Klas­se, ge­nannt For­mel 2000. Mit mei­nem 1100-cm3-For­mel ADAC fuhr ich trotz der Zwei­li­ter-Kon­kur­renz aufs Po­dest. Das war für mich schon et­was Be­son­de­res, hier in mei­ner Hei­mat­stadt.“Viel hat sich seit dem Fall der Mau­er ge­än­dert. Für Mü­cke se­ni­or öff­ne­ten sich un­ge­ahn­te Mög­lich­kei­ten: Mo­tor­sport konn­te er nun in­ter­na­tio­nal be­trei­ben. Der klei­ne Ste­fan war oft mit da­bei. „Ich be­kam aber nie Druck, auch Renn­fah­rer wer­den zu müs­sen. Doch bald zeig­te sich, dass ich ein ge­wis­ses Ta­lent da­zu hat­te.“Als­bald grün­de­ten die Mü­ckes ei­ne Ford-Nie­der­las­sung. Als die Fir­ma in Alt­gli­e­ni­cke ge­baut wur­de, war die di­rek­te Um­ge­bung von wei­ten Fel­dern ge­prägt, auf de­nen sich Ste­fan ge­fahr­los aus­to­ben konn­te: „Noch nicht mal al­le Stra­ßen wa­ren da­mals asphal­tiert.“Heu­te ver­dich­tet sich das Ge­biet in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zum kom­men­den Ber­li­ner Air­port BER ra­send schnell mit neu­en Bü­ro­städ­ten. Gern denkt Mü­cke an die Zeit, in der er mit Freun­din An­net­te noch in Kö­pe­nick wohn­te. „Tol­le Ge­gend mit ei­ge­ner Sze­ne und na­he am Müg­gel­see und den Müg­gel­ber­gen“, lobt Mü­cke die Or­te, wo er einst sei­nem Fit­ness­pro­gramm nach­ging – ob mit dem Rad, jog­gend oder mit dem Ka­nu. „Mit dem Ka­nu bräuch­te ich von un­se­rem Au­to­haus in Alt­gli­e­ni­cke über den Trep­tower Ka­nal bis zum Spree­bo­gen am Kanz­ler­amt an­dert­halb St­un­den“, sagt Mü­cke. Doch meis­tens lässt sei­ne Zeit den Trip nicht zu. Es gibt im­mer et­was zu tun: ent­we­der tes­ten und Ren­nen fah­ren – oder im Au­to­haus, das er mitt­ler­wei­le führt, an Au­tos schrau­ben. Da­zu zäh­len auch die bei­den Renn-Ca­pri, die er und sein Va­ter bei his­to­ri­schen Ren­nen ein­set­zen. Mit sei­ner An­net­te, nicht min­der Au­to­mo­bil­be­geis­tert, ist er längst ver­hei­ra­tet. Mit ihr und der acht­jäh­ri­gen Toch­ter Lu­cie lebt Ste­fan Mü­cke in al­ler Ru­he drau­ßen auf dem Land süd­lich von Alt­gli­e­ni­cke. Auch für ihn ist Berlin al­so im­mer noch ei­ne Rei­se wert – doch die 20-Mi­nu­ten-Fahrt vom Be­trieb nach Hau­se ist stets die wert­volls­te.

Mü­ckes Lie­be zu his­to­ri­schen Ford- Mo­del­len fin­det zu Hau­se im Hob­by­raum ih­re Fort­set­zung

Gleich ne­ben dem Funk­turm: Am denk­mal­ge­schütz­ten Mo­tel führ­te die Nord­kur­ve vor­bei auf die Ziel­ge­ra­de der Avus. Bis 1998 fan­den hier in­ter­na­tio­na­le Ren­nen statt

Mo­der­ne Form vor al­tem Ge­mäu­er: der 350 PS star­ke All­rad-Fo­cus vor dem Reichs­tags­ge­bäu­de von 1894

Mü­cke zu Hau­se mit Frau An­net­te: Den oran­ge­ro­ten Ca­pri I mit Essex-V6-Mo­tor hat er erst un­längst kom­plett re­stau­riert

Blick vom Wohn­zim­mer in den Hob­by­raum: Ei­ne or­dent­li­che Werk­statt ist für Mü­cke ein Muss

Be­lieb­tes Aus­flugs­ziel: Va­ter und Sohn Mü­cke am „Rü­be­zahl“-Lan­dungs­steg am Müg­gel­see

Vor dem Au­to­haus in Alt­gli­e­ni­cke: Kurz nach der Wen­de wur­de Va­ter Pe­ter Ford-Ver­trags­part­ner

Ein Renn­fah­rer, der an his­to­ri­schen Renn­wa­gen schraubt: Der 1974er-Ca­pri ist ein Ex-Werks­wa­gen

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