50 Jah­re NSU Ro 80 1967 wur­de der Ro 80 auf der IAA in Frank­furt als ers­te Se­ri­en-Li­mou­si­ne der Welt mit Kreis­kol­ben­mo­tor prä­sen­tiert – Hom­mage

Es war un­er­hört cou­ra­giert und es ver­dien­te größ­ten Re­spekt, als NSU vor 50 Jah­ren mit ei­ner neu­en Li­mou­si­ne mit Wan­kel­Mo­tor die Flucht nach vor­ne an­trat. Doch es ging lei­der schief

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Kars­ten Reh­mann FO­TOS Aleksan­der Per­ko­vic ]

Be­wusst oder un­be­wusst, doch in je­dem Fall ver­geb­lich wer­den Fach­be­su­cher und Fans bei ih­ren Rund­gän­gen durch die Mes­se­hal­len der dies­jäh­ri­gen IAA Aus­schau nach ei­nem Fahr­zeug hal­ten, das so re­vo­lu­tio­när ist wie einst der un­um­strit­te­ne Star der Aus­stel­lung von 1967. Da­mals prä­sen­tier­ten die Neckar­sul­mer Fahr­zeug­wer­ke ih­ren gro­ßen Hoff­nungs­trä­ger „Ro 80“, ei­nes der mu­tigs­ten Au­tos der Sech­zi­ger­jah­re. Es ge­hört zu den gro­ßen Un­ge­rech­tig­kei­ten der Au­to­mo­bil­ge­schich­te, dass die­ses Mo­dell sei­ne in­no­va­ti­ve Mar­ke ins Gr­ab brach­te, an­statt sie zu neu­en Hö­hen zu füh­ren.

Das fort­schritt­lichs­te deut­sche Au­to

Der NSU Ro 80 war näm­lich in je­der Hin­sicht ein Über­flie­ger. Al­lein das Ka­ros­se­rie­de­sign und die Fahr­werks­kon­struk­ti­on hät­ten aus­ge­reicht, um die Pre­mie­ren der ver­sam­mel­ten Kon­kur­renz vom Sa­ab 99 über Sim­ca 1100 und Opel Com­mo­do­re bis zur neu­en Mer­ce­des­Bau­rei­he „Strich-Acht“über Nacht alt aus­se­hen zu las­sen. Lan­ger Rad­stand, fla­che Mo­tor­hau­be, leich­te Keil­form, ex­zel­len­te Ae­ro­dy­na­mik, ag­gres­si­ve Front, gro­ße Glas­flä­chen, Breit­band­schein­wer­fer – De­si­gner Claus Lu­the hat­te al­le Ele­men­te ei­nes mo­der­nen Au­to­mo­bil­de­signs in ei­nem über­zeu­gen­den Ge­samt­ent­wurf ver­eint. Die NSU-Tech­ni­ker lie­fer­ten pas­send da­zu ei­nes der ers­ten auf hö­he­re Leis­tung aus­ge­leg­ten Front­an­triebs-Fahr­wer­ke mit McPher­sonFe­der­bei­nen vor­ne und Schräg­len­ker-Hin­ter-

ach­se. Die Kraft des Wan­kel­mo­tors floss über ein Drei­gang-Ge­trie­be mit elek­tro-pneu­ma­tisch be­tä­tig­ter Kupp­lung und hy­drau­li­schem Dreh­mo­ment­wand­ler zu den Vor­der­rä­dern. Dar­über hin­aus er­hielt der Ro 80 vor­ne in­nen­lie­gen­de Brems­schei­ben und ei­ne crash­si­cher mon­tier­te Zahn­stan­gen­len­kung. Al­lein die­ses Grund-Lay­out si­cher­te der NSU-Li­mou­si­ne be­reits ih­ren Rang un­ter den mo­derns­ten Mit­tel­klas­se-Li­mou­si­nen. Im La­ger der Front­trieb­ler spiel­ten nur noch der Lan­cia Fla­via und der Ci­tro­ën DS auf ähn­lich ho­hem Ni­veau. Doch NSU ging noch ei­nen Schritt wei­ter und prä­sen­tier­te mit dem Ro 80 die welt­weit ers­te Se­ri­en­li­mou­si­ne mit ei­nem Zwei-Schei­benWan­kel­mo­tor. Eu­ro­pas Fach­pres­se wähl­te den Ro 80 prompt zum „Au­to des Jah­res“. Der Ro 80 sei das mit Ab­stand pro­gres­sivs­te Fahr­zeug aus ganz Deutsch­land, ur­teil­te das eng­li­sche Ma­ga­zin „CAR“. Die Bri­ten sa­hen sich selbst un­ver­mit­telt in der Rol­le der Fort­schritts­apos­tel, seit Ro­ver den P6 prä­sen­tiert und ih­nen da­mit end­lich ei­nen Aus­weg aus dem end­lo­sen Rei­gen chrom­be­la­de­ner, holz­ver­tä­fel­ter Ba­rock-Kut­schen ge­zeigt hat­te.

Klein, aber fein: NSU-His­to­rie

1967 schien es so, als ha­be aus­ge­rech­net ei­ner der kleins­ten deut­schen Au­to­her­stel­ler den An­trieb der Zu­kunft ent­wi­ckelt und die Ära der Hub­kol­ben­mo­to­ren gin­ge ih­rem En­de ent­ge­gen – über 70 Jah­re nach den ers­ten Ve­hi­keln von Daim­ler und Benz. Da­bei hat­te NSU an den

Pio­nier­leis­tun­gen der deut­schen Au­to­mo­bil­ge­schich­te im­mer wie­der gro­ßen An­teil. Zum Bei­spiel war das Chas­sis für Daim­lers weg­wei­sen­den Stahl­rad­wa­gen 1889 in der Neckar­sul­mer Fahr­rad­fa­brik ge­baut wor­den. 1926 hat­ten NSU-Renn­wa­gen mit Kom­pres­sor-Sechs­zy­lin­der auf der Avus in Ber­lin den ers­ten Gro­ßen Preis von Deutsch­land ge­won­nen, und mit dem Bau von drei Pro­to­ty­pen ei­nes von Pro­fes­sor Fer­di­nand Por­sche kon­stru­ier­ten Heck­mo­tor­wa­gens be­gann 1933 bei NSU die Vor­ge­schich­te des VW Kä­fer. Par­al­lel da­zu ent­wi­ckel­te sich NSU zu ei­nem der größ­ten und er­folg­reichs­ten Mo­tor­rad­her­stel­ler. Durch den Bau von Renn- und Welt­re­kord­ma­schi­nen ge­wan­nen die Tech­ni­ker in Neckar­sulm enor­mes Know-how in Sa­chen Leicht­bau und Dreh­zahl­fes­tig­keit. An­fang der 50er-Jah­re hol­te die NSU Renn­max aus ei­nem 250-Ku­bik-Zwei­zy­lin­der mit von zwei Kö­nigs­wel­len an­ge­trie­be­nen oben­lie­gen­den No­cken­wel­len 39 PS bei 11.500 Um­dre­hun­gen.

1957: Der ers­te Ver­such mit 29 PS

Heu­te vor 60 Jah­ren, am 1. Fe­bru­ar 1957, lief auf dem Prüf­stand der NSU-Ent­wick­lungs­ab­tei­lung ein tur­bi­nen­ar­tig sir­ren­des Ver­suchs­motör­chen. Aus ei­nem Kam­mer­vo­lu­men von le­dig­lich 125 Ku­bik fa­bri­zier­te es sen­sa­tio­nel­le 29 PS bei 11.300 Tou­ren. Das war die Ge­burts­stun­de des Wan­kel­mo­tors. Vor­an­ge­gan­gen war ein Gespräch un­ter Gleich­ge­sinn­ten und Lands­leu­ten, in dem der in Lahr ge­bo­re­ne Fe­lix Wan­kel die NSU-Tech­ni­ker von sei­ner Kon­struk­ti­on ei­nes neu­ar­ti­gen, mit über­le­ge­ner Dreh­freu­de und Vi­bra­ti­ons­frei­heit ge­seg­ne­ten Trieb­werks be­kannt mach­te. Wan­kel rann­te bei NSU förm­lich of­fe­ne Tü­ren ein. Sein Dreh­kol-

ben­mo­tor be­saß ge­gen­über Hub­kol­ben­mo­to­ren meh­re­re Vor­tei­le (sie­he Kas­ten rechts). Ein erns­tes Pro­blem be­stand in der ver­schleiß­fes­ten Ab­dich­tung des drei­ecki­gen Läu­fers in sei­ner Ge­häu­se­kam­mer. Doch Wan­kel hat­te schon in den Drei­ßi­gern neu­ar­ti­ge Dicht­leis­ten für Dreh­schie­ber­steue­run­gen ent­wi­ckelt. Die NSU-Ex­per­ten und er blie­ben op­ti­mis­tisch und trau­ten sich zu, das Kon­zept zur Se­ri­en­rei­fe zu brin­gen. Dem Se­ri­en-Ro 80 ging nicht nur ein Ver­suchs­bal­lon in Gestalt des Wan­kel Spi­der vor­aus. Er hat­te de fac­to zehn Jah­re tech­ni­sche Ent­wick­lung auf dem Bu­ckel. Sein Zwei-Schei­ben-Mo­tor leis­te­te 115 PS. 1967 ge­nüg­te dies, um sich in der Klas­se der schnel­len Rei­se­wa­gen zu plat­zie­ren. NSU hät­te auch 150 PS und mehr rea­li­sie­ren kön­nen, woll­te aber lie­ber auf Num­mer si­cher ge­hen. Den im ers­ten Jahr auf­tre­ten­den Ver­schleiß­pro­ble­men und oft durch Fehl­be­die­nung ver­ur­sach­ten Mo­tor­schä­den wirk­te NSU durch Ku­lanz­re­pa­ra­tu­ren ent­ge­gen, ze­men­tier­te da­mit je­doch nur das Vor­ur­teil vom un­zu­ver­läs­si­gen Wan­kel­mo­tor. Auch nach der Fu­si­on mit Au­di 1969 trieb NSU dem Ro 80 wei­ter sei­ne Kin­der­krank­hei­ten aus und leis­te­te in Zu­sam­men­ar­beit mit Mah­le, Goet­ze und Bosch wich­ti­ge Grund­la­gen­ar­beit. Für die Lauf­flä­chen­be­schich­tung wur­den die ers­ten ul­tra­har­ten Ni­ka­sil-Ver­bin­dun­gen ent­wi­ckelt. Die neue Thy­ris­tor­zün­dung mit in­te­grier­tem Dreh­zahl­be­gren­zer ver­bes­ser­te den Ver­bren­nungs­ab­lauf. Doch wäh­rend NSU ei­sern wei­ter­mach­te un d Maz­da als ein­zi­ger Wett­be­wer­ber dau­er­haft Ge­fal­len am Wan­kel­mo­tor fand, spran­gen an­de­re In­ter­es­sen­ten, Wett­be­wer­ber und Li­zenz­neh­mer rei­hen­wei­se ab. Her­stel­ler wie Al­fa Ro­meo, Au­di, Mer­ce­des und Ge­ne­ral Mo­tors stell­ten ih­re teil­wei­se streng ge­heim be­trie­be­nen Mo­to­ren-Ver­su­che ein. 1977 be­en­de­te der Volks­wa­gen-Kon­zern das Ro­ta­ti­ons­ver­fah­ren. Pro­gres­si­ve Au­tos aus Neckar­sulm hei­ßen seit­her nur noch Au­di.

Die Ka­ros­se­rie wirk­te auch noch zeit­ge­mäß, als der Ro 80 1977 ab­trat

Der Ro 80 ist ein sti­lis­tisch schein­bar zeit­lo­ses Au­to von über­zeu­gen­der Funk­tio­na­li­tät

Ku­ri­os nur auf den ers­ten Blick: Der ro­te Be­reich des Dreh­zahl­mes­sers be­ginnt erst bei 6500/min Be­que­me Ein­zel­sit­ze im ty­pi­schen Neckar­sul­mer Stil der Sieb­zi­ger

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