Wal­ter Röhrl Die in­ter­na­tio­na­le Ral­lye-Iko­ne lebt mit 70 Jah­ren im­mer noch im Un­ru­he-Zu­stand

Tem­po mit 70: schö­ne Din­ge des Le­bens, die Wal­ter Röhrl wich­tig sind

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gre­gor Mes­ser

Wo fängt man an, wie hört man auf? 70 Jah­re ist Wal­ter Röhrl nun alt, ein Le­ben vol­ler Aben­teu­er und An­ek­do­ten, und in sei­nem Fall ist das Wört­chen alt wirk­lich un­zu­tref­fend. Röhrl ist im­mer noch die Sport­lich­keit in Per­son. Ein mul­ti­ak­ti­ver Mensch. Beim Be­such in St. En­gl­mar im Bay­ri­schen Wald zum Bei­spiel dreht er mal eben ein paar en­ge Krei­se mit sei­nem Moun­tain­bike vor sei­nem Haus. Er hält da­bei per­fekt die Ba­lan­ce, ar­tis­tisch, oh­ne Ab­stei­ger. Un­ten im Tief­ge­schoss sei­nes hel­len, of­fe­nen Hau­ses be­fin­det sich der Swim­ming Pool mit glim­mern­den Ster­nen­lich­tern an der De­cke, kon­stant mol­lig warm auf 29 Grad be­heizt. „Mein ein­zi­ger Lu­xus“, schwärmt Röhrl, den am Mor­gen beim Auf­ste­hen wie­der das Kreuz ge­pie­sackt hat. „Ich ha­be mich ge­fühlt wie ein Hun­dert­jäh­ri­ger“, schimpft er, der ewig Lei­den­de. „Doch dann schwim­me ich je­den Mor­gen 500 Me­ter, und schon geht es mir wie­der gut.“Viel­leicht hät­te Röhrl Dra­ma­turg wer­den müs­sen. Oder ein­fach nur Au­tor der bes­ten Ge­schich­ten der Welt. Er ist ein Meis­ter der ge­schlif­fe­nen Er­zäh­lung – mit aus­drucks­star­ker Spra­che, Me­ta­pher-ver­liebt, im­mer span­nend, oft dras­tisch, nie lang­wei­lig. Statt­des­sen wur­de er Au­to­fah­rer. „Vor zehn Jah­ren ha­be ich auf­ge­hört zu zäh­len“, be­rich­tet er über sei­ne zu­rück­ge­leg­ten Ki­lo­me­ter, „es müs­sen bis da­hin rund zehn Mil­lio­nen ge­we­sen sein.“Da­zu ge­hö­ren na­tür­lich die zahl­rei­chen Weg­stre­cken, die er einst vor sei­ner Ral­lye-Zeit als Fah­rer für den Fi­nanz­di­rek­tor des Or­di­na­ri­ats Re­gens­burg her­un­ter­ge­rit­ten hat. „Herr Dr. Zeng­lein war der Grund­stücks­ver­wal­ter al­ler sie­ben Diö­ze­sen Bay­erns, und ich ha­be ihn von Aschaf­fen- burg bis Berch­tes­ga­den und von Co­burg bis zum Bo­den­see chauf­fiert. Schon da­durch ka­men über 120.000 km pro Jahr zu­sam­men.“Röhrl fuhr und fuhr und fuhr, und im­mer­zu schärf­te er sei­nen ob­ses­si­ven Drang, die Kur- ven so per­fekt wie mög­lich zu neh­men. Oh­ne un­nö­ti­ge Lenk­be­we­gun­gen. Man­che, die ihn er­le­ben durf­ten, be­haup­ten im­mer wie­der: Der Wal­ter ist bes­te Au­to­fah­rer der Welt. „Ein Schmarrn“, bricht es aus Röhrl her­aus, „der bes­te der Welt …“Je­doch ist er sich der Eh­re, die mit die­ser Be­zeich­nung ein­her­geht, durch­aus be­wusst. Aber der lan­ge Bay­er mit ei­nem Gar­de­maß von 1,96 Me­tern war nie ei­ner, der sich gern fei­ern ließ. Sie­ger­eh­run­gen? „Ha­be ich am liebs­ten aus­ge­las­sen.“Ge­ra­de­zu ge­schämt ha­be er sich da. Das ging so­gar so­weit, dass er, der Welt­meis­ter, der of­fi­zi­el­len Fei­er der FIA am Sai­son­en­de fern­blieb. Die Stra­fe für das Schwän­zen be­trug 10.000 Dol­lar. „Die ha­be ich aber nicht be­zahlt, son­dern der Her­stel­ler, für den ich ge­fah­ren bin“, er­zählt der Re­gens­bur­ger und er­gänzt wie selbst­ver­ständ­lich: „Ich hät­te sie auch nicht be­zahlt.“Auch das ist Wal­ter Röhrl: prin­zi­pi­en­treu, ge­rad­li­nig, un­beug­sam. Di­plo­ma­tie war und ist sei­ne Sa­che nicht.

Leit­bild für vie­le Kol­le­gen

Zwei Grün­de gab es für Röhrl, wie­so er Ral­lye­fah­rer wur­de: Ers­tens woll­te er für sich die Ge­nug­tu­ung spü­ren, dass er auf ein­sa­men Pfa­den auf Schot­ter, Schnee oder Eis zu den Schnells­ten der Welt zählt und kein Träu­mer ist. Zwei­tens: Ihn be­geis­ter­te es, dass er als Ral­lye­fah­rer mit ei­nem nicht per­fek­ten Au­to mehr Ein­fluss auf das Er­geb­nis neh­men konn­te als der Renn­fah­rer auf der Renn­stre­cke. Auf WM-Ti­tel hat Röhrl nur we­nig ge­ge­ben. Zwei Cham­pio­na­te hat er ge­won­nen, 1980 im Fi­at 131 Abarth, zwei Jah­re spä­ter auf Opel As­co­na. Wich­ti­ger war ihm die Mon­te. Vier­mal ge­wann er sie – mit vier un­ter­schied­li­chen Au­tos. Sein Na­me wird auch heu­te noch welt­weit mit größ­tem Re­spekt aus­ge­spro­chen und klingt wie ein Don­ner­hall. Die Gran­den des schnell­fah­ren­den Me­tiers ver­eh­ren ihn: ExFor­mel-1-Sie­ger Ger­hard Ber­ger et­wa woll­te sich un­längst bei der ADAC-Ga­la nicht die

„ 70 Jah­re, das er­schreckt mich furcht­bar. Aber wenn ich Au­to fah­re, er­le­be ich den glei­chen Spaß wie vor 50 Jah­ren“

Chan­ce ent­ge­hen las­sen, sich mit Röhrl ab­lich­ten zu las­sen. Und Se­bas­ti­an Vet­tel er­klär­te nach sei­nem Tri­umph beim For­mel-1-GP in Aus­tra­li­en 2011 der Welt da drau­ßen: „Mein Sieg hier heu­te war nicht das Wich­tigs­te – viel wich­ti­ger für mich war, dass ich mein Idol Wal­ter Röhrl tref­fen durf­te.“

Der Teu­fels­ritt von Ar­ga­nil

Röhrl, das Idol, der Aus­nah­me­sport­ler, das Ge­nie auf vier Rä­dern. Sei­ne Sto­rys fül­len längst Bü­cher. Un­fass­ba­re Leis­tun­gen mach­ten den Meis­ter zum My­thos. Et­wa die­se: Ral­lye Por­tu­gal 1980, die Kö­nigs­prü­fung in Ar­ga­nil oben in den Ber­gen, 42 Ki­lo­me­ter lang, dich­ter Ne­bel. Mit ei­nem not­dürf­tig re­pa­rier­ten Fi­at 131 Abarth muss er in die Prü­fung star­ten, denn zu­vor ist er auf der Ver­bin­dungs­etap­pe fron­tal mit ei­nem Ser­vice­Lkw des ei­ge­nen Teams kol­li­diert. Röhrl jaunzt und jam­mert, lei­det und flucht und hat ei­ne Stink­wut. „Chris­ti­an, schnall di o!“, fährt er Co­pi­lot Geist­dör­fer an, „denn jetzt hau i ei­nen raus, dass i hin­ter­her mei Li­zenz ab­ge­ba koa.“Und wahr­lich: Röhrl de- mü­tigt die Wel­t­eli­te – um 4.40 Mi­nu­ten ist er schnel­ler als der Zweit­schnells­te. Die Tech­nik von heu­te ver­hin­dert sol­che Er­eig­nis­se. „Wir hat­ten Fe­der­we­ge mit 90 und 100 Mil­li­me­tern“, er­läu­tert Röhrl, „heu­te sind es 350 Mil­li­me­ter. Die schnei­den die Kur­ven und fah­ren in Grä­ben, als wä­re es nix. Zu mei­ner Zeit hät­te es da ei­nen Schlag ge­tan, da hät­test du das letz­te Mal ei­ne Stra­ße ge­se­hen.“Und Ral­lyes wer­den heu­te meist im Se­kun­den­takt ent­schie­den. Röhrl: „Ich war tod­krank, wenn ich mit nur zwei Se­kun­den vorn lag. Ich woll­te mit zwei Mi­nu­ten Vor­sprung ge­win­nen!“Heu­te ist Röhrl im­mer noch auf un­ge­zähl­ten Ter­mi­nen un­ter­wegs, seit 1993 als Re­prä­sen­tant für Por­sche. Der Sport­wa­gen-Fir­ma fühlt er sich seit dem Tag ver­bun­den, an dem er mit 21 Jah­ren ei­nen ge­brauch­ten 356 C kauf­te. Jetzt be­sitzt er meh­re­re 911er. Be­son­ders die luft­ge­kühl­ten schätzt er, al­le wer­den ex­akt nach Plan über die schnee­frei­en Mo­na­te be­wegt. Wal­ter Röhrls au­to­mo­bi­les Le­ben, reich an An­ek­do­ten und Aben­teu­ern – es kann im­mer so wei­ter­ge­hen.

Daho­am is daho­am: Röhrl auf dem Dorf­platz von St. En­gl­mar mit der Ka­tho­li­schen Pfarr­kir­che im Hin­ter­grund

Moun­tain­bike

fah­ren Röhrl ist ein lei­den­schaft­li­cher Rad­fah­rer. Ne­ben dem Renn­rad zählt das Moun­tain­bike zum na­he­zu täg­li­chen Be­we­gungs­pro­gramm

Klei­ne Po­kal­samm­lung Röhrl ist kein Mensch gro­ßer Sen­ti­men­ta­li­tä­ten. Von sei­nen Tro­phä­en be­sitzt er nur die Po­ka­le sei­ner vier Ral­lye Mon­te Car­lo-Tri­um­phe

Holz Ma­chen Mit sei­ner Holz-Spalt­ma­schi­ne zer­klei­nert Röhrl selbst ge­fäll­te Fich­ten­stäm­me. Die an­ge­sam­mel­ten Schei­te rei­chen für meh­re­re har­te Win­ter

Ka­ter Ma­xi Ei­ge­ne Kin­der hat­ten Röhrl und Frau Mo­ni­ka nie, „weil ich viel zu ego­is­tisch mei­ne Kar­rie­re ver­folgt hat­te“. Erst Kat­ze Li­sa (2001 bis 2016) hat Röhrl „to­tal ver­än­dert“. Ihr folg­te Ma­xi

Röhrl im 911 Tur­bo S: Sein ers­tes Au­to war 1967 ein ge­brauch­ter Por­sche 356 C. Die Lei­den­schaft für die Mar­ke pack­te ihn aber schon als Zehn­jäh­ri­ger Die Edi­ti­on Por­sche Mu­se­um hul­digt dem Aus­nah­me­kön­ner in ei­nem neu­en, 256 Sei­ten star­ken Buch. Er­schie­nen und zu be­stel­len bei McK­lein. Preis: 49,90 Eu­ro

1981 Po rsche 911 SC 3.0 Ein­zel­auf­tritt in San Re­mo. Röhrl hat­te die Au­di im Griff und hät­te sie­gen kön­nen, doch die An­triebs­wel­le brach nach Fels­kon­takt

1982 Opel as­co­na 400 Mit sen­sa­tio­nel­lem Hand­ling, be­son­ders auf As­phalt, war das Au­to über­le­gen. Röhrl hol­te da­mit sei­nen zwei­ten Sieg bei der Mon­te

1983 Lan­cia Ral­lye 037 Das Au­to pass­te mit sei­nen 310 Kom­pres­sor-PS per­fekt zu Röhrls Fahr­stil. Sei­nen drit­ten Ti­tel ver­pass­te er nur um ei­nen Punkt

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