Ci­ty-Cars Ford

Die Kanz­ler­wahl fin­det zwar erst im Sep­tem­ber statt, doch wir be­ant­wor­ten die „K-Fra­ge“schon jetzt – wäh­rend der Be­geg­nung zwi­schen dem neu­en Ford Ka+ und dem Opel Karl. Wo zei­gen die Zwer­ge der je­wei­li­gen Mo­dell­pa­let­ten ih­re wirk­li­che Grö­ße?

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT El­mar Sie­pen FOTOS Frank Ra­te­ring ]

Ka+ · Opel Karl

ls Au­to­mo­bil-In­ge­nieur hat man es heut­zu­ta­ge nicht leicht. Gilt es doch, an­ge­sichts des ex­trem har­ten Wett­be­werbs mög­lichst viel Auto fürs Geld zu kon­stru­ie­ren. Gleich­zei­tig ste­hen die Con­trol­ler mit bei­den Fü­ßen auf der Kos­ten­brem­se. Wie gut, wenn man in ei­nem in­ter­na­tio­na­len Kon­zern ar­bei­tet, der Au­tos welt­weit pro­du­ziert und ver­kauft. Der neue Ford Ka+ pro­fi­tiert zum Bei­spiel da­von, wur­de er doch als preis­güns­ti­ges Auto in und für In­di­en ent­wi­ckelt und steht dort als Ford Fi­go in den Show­rooms der Händ­ler. Auf dem Sub­kon­ti­nent wird er auch ge­baut und soll in eu­ro­päi­scher Spe­zi­fi­ka­ti­on jetzt in Deutsch­land eben­falls sei­ne Kun­den fin­den. Die­se ha­ben hier­zu­lan­de die Wahl zwi­schen di­ver­sen Mi­ni­mal­mo­bi­len, un­ter an­de­rem dem Opel Karl. Auch Rüs­sels­heims Kleins­ter nutzt die Kos­ten­vor­tei­le gro­ßer Kon­zer­ne, teilt sich die Platt­form mit dem Chev­ro­let Spark und wird bei GM Ko­rea in Chang­won her­ge­stellt. Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, wie viel Ver­zicht nö­tig ist, um sich mit Ka+ und Karl an­zu­freun­den. Oder bes­ser: in­wie­weit sie als Ci­ty-Car ein­fach nur ei­nen gu­ten Job ma­chen, sprich

platz­spa­rend und kos­ten­güns­tig ih­re Pas­sa­gie­re ans Ziel brin­gen.

Ka­ros­se­rie

Mit 3,92 Me­tern schrammt der Ka+ knapp an der Vier-Me­ter-Gren­ze vor­bei und ist da­mit rund 25 Zen­ti­me­ter län­ger als sein Kleinst­wa­gen-Kon­kur­rent Karl. Dass sich dies im In­nen­raum be­merk­bar macht, steht au­ßer Fra­ge. So ver­fügt der Ford zwar über ein wuch­ti­ges Ar­ma­tu­ren­brett, das in der Fahr­gast­zel­le re­la­tiv viel Raum be­an­sprucht, trotz­dem geht es hier deut­lich groß­zü­gi­ger zu als im Opel. Da­von pro­fi­tie­ren vor al­lem die Fond­pas­sa­gie­re, die ein Rau­m­an­ge­bot ge­nie­ßen, das es pro­blem­los mit dem in der nächst­hö­he­ren Fahr­zeug­klas­se auf­neh­men kann. Beim ma­xi­ma­len Kof­fer­raum­vo­lu­men hat der Karl mit 1013 Li­tern sein Mar­ken­lo­go vorn. Sind die Rück­sitz­leh­nen nicht um­ge­klappt (206 Li­ter Vo­lu­men), wird es al­ler­dings schwie­rig, ei­nen Ge­trän­ke­kas­ten in das en­ge Fach zu bug­sie­ren. Zu­dem ver­trägt der Ford mit 429 kg et­was mehr Zu­la­dung und darf im Ge­gen­satz zum Opel so­gar ei­nen ma­xi­mal 500 kg schwe­ren An­hän­ger zie­hen. Das In­te­ri­eur der bei­den Klei­nen zeigt in­des, dass hier der Rot­stift ein­ge­setzt wur­de – die Ma­te­ri­al­gü­te ent­spricht er­kenn­bar den ge­rin­gen Ein­stiegs­prei­sen. Die Ver­ar­bei­tung geht da­ge­gen in Ord­nung. Ent­spre­chend spär­lich fällt aber auch die Si­cher­heits­aus­stat­tung aus. Selbst vier elek-

Knapp elf Me­ter Wen­de­kreis

sind für Stadt­au­tos wie den Karl eher un­ty­pisch

tri­sche Fens­ter­he­ber mit Ein­klemm­schutz kos­ten ex­tra. Im­mer­hin gibt es für den Opel op­tio­nal ei­nen Spur­hal­teas­sis­ten­ten.

Fahr­kom­fort

Dank der an­ge­nehm straf­fen For­dSit­ze las­sen sich auch län­ge­re Stre­cken er­mü­dungs­frei zu­rück­le­gen – vor­aus­ge­setzt, man kann sich mit der feh­len­den axia­len Lenk­rad­ein­stel­lung ar­ran­gie­ren. Dar­auf müs­sen auch Opel-Fah­rer ver­zich­ten. Zu­dem ragt das Lenk­rad hier zu weit in den In­nen­raum hin­ein­ragt, und Karl-Kun­den wür­den sich si­cher­lich auch über ei­ne bes­se­re Schul­ter­ab­stüt­zung auf den Vor­der­sit­zen freu­en. Im Fond sticht der Ford den Opel eben­falls aus: Neh­men Er­wach­se­ne auf der Rück­bank des Karl Platz, liegt der Sitz­kom­fort an der Gren­ze des Zu­mut­ba­ren, denn die Sitz­po­si­ti­on zwingt die In­sas­sen zu ei­ner Kau­er­hal­tung mit stark an­ge­win­kel­ten Bei­nen und Knie­kon­takt mit den Vor­der­sitz­leh­nen. Ford-Pas­sa­gie­re sind da­ge­gen auf der Rück­bank spür­bar be­que­mer un­ter­ge­bracht. Un­ter er­go­no­mi­schen Ge­sichts­punk­ten fal­len bei­de mit recht tie­fen, we­nig rü­cken­freund­li­chen La­de­raum­bö­den auf. Was die Ables­bar­keit der Ar­ma­tu­ren an­geht, ha­ben es wie­der­um die Karl-Fah­rer dank des 7,0 Zoll gro­ßen Touch­screens des op­tio­na­len Ra­di­os R 4.0 In­tel­liLink und der groß­zü­gi­ger ska­lier­ten Ta­cho-/ Dreh­zahl­mes­ser- Zif­fer­blät­ter leich­ter. Bei den Fahr­ge­räu­schen pro­du­ziert der Karl zwar ver­ein- zelt ge­rin­ge­re Schall­druck­pe­gel, der Ge­räu­schein­druck des Ford ist aber an­ge­neh­mer – sei­ne Ab­roll­ge­räu­sche sind bes­ser ge­dämmt. Die Kom­fort­prü­fung auf den Schlecht­we­gestre­cken ab­sol­viert der Ka+ mit ei­nem für die­se Fahr­zeug­klas­se über­ra­schend aus­ge­wo­ge­nen Ab­roll­ver­hal­ten, was auch nicht von un­an­ge­neh­men Auf­bau­be­we­gun­gen ge­stört wird. Ein­zig auf der­ben Schlag­lö­chern teilt die Hin­ter­ach­se kräf­tig aus und wird leicht pol­t­rig. Da hat der Karl mit Asphalt-Fli­cken deut­lich stär­ker zu kämp­fen, er schüt­telt sei­ne In­sas­sen vor al­lem auf Kopf­stein­pflas­ter or­dent­lich durch. Zu­dem ge­rät sei­ne Ka­ros­se­rie auf Bo­den­wel­len viel stär­ker in Be­we­gung, und auch im be­la­de­nen Zu­stand hält die Opel-Fe­de­rung we­ni­ger Re­ser­ven be­reit als das Ford-Pen­dant.

Mo­tor / Ge­trie­be

Ford setzt beim Ka+ auf ei­nen Vier­zy­lin­der-Sau­ger mit 1,2 Li­ter Hu­b­raum und 85 PS, Opel beim Karl auf ei­nen Drei­zy­lin­der mit ei­nem Li­ter Hu­b­raum und 75 PS. Ob­wohl zehn PS schwä­cher, fühlt sich die­ser deut­lich leb­haf­ter an und hängt bes­ser am Gas als das Ford-Ag­gre­gat. Doch der Ein­druck täuscht, denn in der Be­schleu­ni­gung liegt der Opel beim Stan­dard­print gut ei­ne Se­kun­de hin­ter sei­nem Kon­kur­ren­ten. Die Elas­ti­zi­täts­prü­fung ver­langt bei bei­den Ci­ty-Cars ei­nen lan­gen Atem, denn um im fünf­ten Gang von 80 auf 120 km/ h zu be­schleu-

ni­gen, ver­ge­hen im Ford schier end­lo­se 21,6 be­zie­hungs­wei­se 21,2 Se­kun­den im Opel. Da ist flei­ßi­ges Schal­ten an­ge­sagt, um die Mo­to­ren bei Lau­ne zu hal­ten, denn die ma­xi­ma­len Dreh­mo­men­te lie­gen mit 112 Nm (Ford: bei 4000 /min) und 95 Nm (Opel: bei 4500 /min) Saug­mo­tor-ty­pisch erst bei ho­hen Dreh­zah­lent an. Die Gang­wech­sel ge­hen im Ka+ we­gen der prä­zi­se­ren Schalt­he­bel­füh­rung et­was leich­ter von der Hand als im Karl. Mit 169 (Ford) re­spek­ti­ve 170 km/ h (Opel) Spit­ze sind bei­de zwar au­to­bahn­taug­lich, ver­lan­gen aber im Um­gang mit Stei­gun­gen und von hin­ten her­an­na­hen­den, dreh­mo­ment­star­ken Klein­trans­por­tern ei­ne vor­aus­schau­en­de Fahr­wei­se. An der Tank­stel­le be­kom­men Ford-Fah­rer mit ei­nem Test­ver­brauch von 6,3 Li­ter Su­per auf 100 Ki­lo­me­tern ei­ne hö­he­re Rech­nung prä­sen­tiert als ih­re Opel-Kol­le­gen, die für die glei­che Stre­cke nur 5,9 Li­ter kal­ku­lie­ren müs­sen.

Fahr­dy­na­mik

Be­deu­ten Mi­ni­mal­mo­bi­le vom Schlag un­se­rer Test­kan­di­da­ten gleich­zei­tig mi­ni­ma­le Fahr­si­cher­heit? Hier ge­ben wir Ent­war­nung, denn so­wohl Ka+ als auch Karl ver­fü­gen über ge­konnt ab­ge­stimm­te ESP-Sys­te­me, die auch bei pro­vo­zier­ten Ex­trem-Fahr­ma­nö­vern auf den Plan tre­ten, um im Rah­men der phy­si­ka­li­schen Mög­lich­kei­ten das Schlimms­te zu ver­hin­dern. Was die Brems­an­la­gen an­geht, ge­rät der Ford ins Hin­ter­tref­fen: 37,7 Me­ter Brems­weg (kalt) aus 100 km/ h bis zum Stand lie­gen zwar im Klas­sen­rah­men, wer­den aber vom Opel lo­cker un­ter­bo­ten (36,3 Me­ter). Mit war­mer Brem­se wächst die Dif­fe­renz gar auf über zwei Me­ter – Opel: 35,1, Ford: 37,2 Me­ter. Zur Eh­ren­ret­tung des Ka+ muss al­ler­dings auf die op­tio­na­len

16-Zoll-Rä­der (Be­rei­fung: 195/45 R 16 V) ver­wie­sen wer­den, auf de­nen der Karl zum Test an­tritt. Sie dürf­ten auch für die im Ver­gleich zum Ford bes­se­re Trak­ti­on und das hö­he­reQu er­bes chleu­ni­gungs po­ten­zi­al ver­ant­wort­lich zeich­nen. Zu­sam­men mit der­rück­mel de­freu­di­ge­ren Len­kung hält der Rüs­sels­heim er ganz klar das hö­he­re Fahrsp aß po­ten­zi­al be­reit.

Um­welt / Kos­ten

Mit ei­nem Ein­stiegs­preis von 9950 Eu­ro für die ge­tes­te­te Mo­tor­va­ri­an­te un­ter­bie­tet der Karl zwar den Ka+ deut­lich (11.600 Eu­ro), dass er aber beim be­wer­te­ten Preis trotz­dem hin­ter sei­nen Kon­kur­ren­ten zu­rück­fallt, ist der Auf­preis­po­li­tik von Opel ge­schul­det. So sind die 16-Zoll-Rä­der, de­nen der Karl in nicht un­er­heb­li­chem Ma­ße sei­nen Vor­sprung in der Fahr­dy­na­mik ver­dankt, laut Opel nicht als Rad­satz ein­zeln er­hält­lich, son­dern an das Aus­stat­tungs­pa­ket Style ge­bun­den (350 Eu­ro), das wie­der­um nur für die höchs­te Aus­stat­tungs­li­nie In­no­va­ti­on ge­or­dert wer­den kann, die ge­gen­über dem Ba­sis-Karl üp­pi­ge 3655 Eu­ro mehr kos­tet. Un­ab­hän­gig da­von ver­ur­sacht der Karl die ge­rin­ge­ren Werk­stattund Kraft­stoff­kos­ten, wäh­rend sich der Ka+ bei den Ga­ran­ti­en nach vorn schiebt. Ob die Mo­bi­li­ätsga­ran­tie des Opel län­ger als ein Jahr ge­währt wird, hängt vom je­wei­li­gen Händ­ler und den da­mit ver­bun­de­nen Kos­ten ab. Ford ge­währt da­ge­gen im Pan­nen­fall un­be­grenzt Hil­fe, so­fern der Ka+ re­gel­mä­ßig zur In­spek­ti­on fährt. Zu­dem ist der Ford ab Werk bes­ser aus­ge­stat­tet, zum Bei­spiel mit Kli­ma­an­la­ge und Ra­dio.

Mit im­mer­hin 3,92 Me­ter Län­ge über­trifft der Ka+ die üb­li­chen Ci­ty-Car-For­ma­te deut­lich

Sach­lich nüch­ter­nes In­te­ri­eur, Ska­len und Bild­schirm sind al­ler­dings et­was klein

Un­prak­tisch: Heck­klap­pen­öff­nung nur per Schlüs­sel oder Tas­te im Ar­ma­tu­ren­brett

Rei­fen im For­mat 195/55 R 15 sind Se­rie, Leicht­me­tall­rä­der kos­ten 550 Eu­ro

Die Sit­ze bie­ten ei­ne an­ge­nehm straf­fe Pols­te­rung – gut für län­ge­re Stre­cken

Mit nur 3,67 Me­ter Län­ge eig­net sich der Opel Karl per­fekt auch für den dich­tes­ten Stadt­ver­kehr

Gut be­dien­ba­rer Opel-Ar­beits­platz, die Kunst­stof­fe wir­ken aber teil­wei­se bil­lig

Ci­ty-Mo­dus für die Len­kung mit er­höh­ter Lenk­kraft­un­ter­stüt­zung per Tas­ten­druck

195/45 R 16 nur im Style-Pa­ket – und nur bei der Aus­stat­tung In­no­va­ti­on

Auf Langstre­cken ver­misst man ei­ne Schul­ter­ab­stüt­zung der Vor­der­sitz­leh­nen

Für den Stadt­ver­kehr sind die Fahr­leis­tun­gen von Ka+ und Karl mehr als aus­rei­chend

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.