Nis­san Le­af

Mit ei­nem kom­plett au­to­nom fah­ren­den Pro­to­ty­pen wag­ten wir uns in Lon­dons Ver­kehrs­cha­os

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Micha­el God­de FOTOS Frank Ra­te­ring ]

Rund 90 Pro­zent al­ler Fahr­ten mit dem Auto in Lon­don sind kür­zer als zehn Ki­lo­me­ter

Lon­don steht still, die In­fra­struk­tur fast vor dem Kol­laps. Selbst die 2003 ein­ge­führ­te Ci­ty­Maut von rund 13 Eu­ro pro Tag hält nie­man­den ab, mit dem Auto in die Stadt zu fah­ren. Nach ei­ner kur­zen Ver­schnauf­pau­se im ers­ten Jahr der Maut, in der sich der Ver­kehr mit 18 km/ h wie­der deut­lich flüs­si­ger durch die Stadt be­weg­te als mit den 14 km/ h zu­vor, liegt die Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit wie­der un­ter der Mar­ke von 2003. Selbst Fahr­rad­fah­rer sind schnel­ler. Das Her­um­dok­tern der Re­gie­rung an den Sym­pto­men hat nichts ge­bracht. Es ist Zeit, die Ur­sa­che zu be­kämp­fen. Nis­san nennt das „In­tel­li­gent Mo­bi­li­ty Stra­te­gy“: Es ist ein ganz­heit­li­cher An­satz, der dank E-An­triebs­kon­zep­ten und au­to­nom fah­ren­den Fahr­zeu­gen die Um­welt und den Ver­kehr ent­las­ten soll. Nis­san lädt uns ein, mit ei­nem nor­ma­len Le­af das Lon­do­ner Cha­os zu er­fah­ren und dann mit ei­nem au­to­nom fah­ren­den Le­af-Pro­to­ty­pen ei­nen Blick in die Zu­kunft zu wa­gen. Zeit für ei­nen Selbst­ver­such. Tet­s­u­ya Ii­ji­ma ist sicht­lich ru­hig – kei­ne ty­pi­sche Stim­mung für ei­nen ja­pa­ni­schen In­ge­nieur, der sei­ne Tech­nik prä­sen­tiert. Bei un­se­rem letz­ten Zu­sam­men­tref­fen vor ein paar Jah­ren war er an­ge­spann­ter. Nicht al­les funk­tio­nier­te da­mals per­fekt. Heu­te scheint er sich sei­ner Sa­che si­cher. Un­ser Kon­takt mit der Zu­kunft be­ginnt. Ii­ji­ma muss aus recht­li­chen Grün­den hin­ter dem Lenk­rad sit­zen. Ich be­ob­ach­te das Ge­sche­hen vom Bei­fah­rer­sitz aus, als wir mit dem au­to­no­men Pro­to­ty­pen vom Ho­tel auf die Stra­ße bie­gen. Der gut ge­laun­te Ii­ji­ma legt ei­nen Schal­ter um, und der Le­af über­nimmt. Die In­fra­struk­tur im Lon­do­ner Os­ten ist mi­se­ra­bel ge­pflegt. Kei­ne or­dent­li­chen Fahr­bahn­mar­kie­run­gen, kaum zu er­ken­nen­de Rand­stei­ne und zahl­lo­se Kreis­ver­keh­re stel­len ei­ne kniff­li­ge Auf­ga­be für den Le­af dar. Sou­ve­rän reiht sich der Nis­san in sei­ne Spur und steu­ert auf den ers­ten Kreis­ver­kehr zu. Ich ver­su­che, den Über­blick zu be­hal­ten – doch Ii­ji­ma hat voll­kom­me­nes Ver­trau­en in sein Sys­tem. Er er­klärt mir die Tech­nik (sie­he Sei­te 120) und die Schwie­rig­kei­ten, hier in Lon­dons zer­fa­ser­tem Stra­ßen­netz au­to­nom zu fah­ren. Der Nis­san fä­delt sich wäh­rend des Vor­trags ele­gant in den flie­ßen­den Fahr­zeug-Strom des Kreis­ver­kehrs

und steu­ert ziel­stre­big die nächs­te Aus­fahrt an. Von Pro­ble­men mit der In­fra­struk­tur ist nichts zu spü­ren. Im Le­af ist ei­ne zehn Ki­lo­me­ter lan­ge Rou­te hin­ter­legt, die uns di­rekt auf die Au­to­bahn führt. Das Sys­tem setzt den Blin­ker, sor­tiert den Le­af in den dich­ten Ver­kehr und fin­det nach kur­zer Zeit die Ab­fahrt in ei­nen klei­nen Vo­r­ort. Die Stra­ßen sind schmal, Fahr­zeu­ge ste­hen her­um, Per­so­nen kreu­zen die Fahr­bahn. Ich neh­me da­von kaum noch No­tiz, dis­ku­tie­re in­ten­siv mit dem In­ge­nieur und bli­cke nur noch hier und da auf das In­fo­dis­play. Der Le­af meis­tert je­de Her­aus­for­de­rung. Si­cher und schnell er­kennt er Ge­fah­ren, hält vor Ze­bra­strei­fen und gibt Fahr­zeu­gen Vor­fahrt. Den kur­zen Stau be­mer­ken wir eben­falls kaum – statt­des­sen ha­ben wir Zeit für ei­nen in­ten­si­ven Dia­log. Lei­der dür­fen wir nicht mit dem Pro­to­ty­pen wei­ter in die Ci­ty. Die Ge­neh­mi­gung für die De­mons­tra­ti­ons­Fahrt gilt nur für den Zehn-Ki­lo­me­ter-Lo­op rund um den Ci­ty-Air­port der bri­ti­schen Haupt­stadt. Wir stei­gen al­so um in den Se­ri­en­Le­af, stromern in die Ci­ty – und wer­den den Pro­to­ty­pen schon bald ver­mis­sen. Drei Ki­lo­me­ter schaf­fen wir, bis uns die Rea­li­tät stoppt: Der Ver­kehr steht. Fuß­gän­ger, die wir eben über­holt ha­ben, lau­fen wie­der an uns vor­bei. Für die zwölf Ki­lo­me­ter lan­ge Tour bis zur To­wer-Bridge be­nö­ti­gen wir über ei­ne St­un­de. So­gar die dop­pel­stö­cki­gen Bus­se rei­hen sich in die Spur stadt­ein­wärts.

Elek­tro­au­tos zah­len in Lon­don kei­ne Ci­ty- Maut. Der täg­li­che Stau ist für al­le gra­tis

Öf­fent­li­cher Nah­ver­kehr am Li­mit

Auch wenn der ei­ne oder an­de­re Po­li­ti­ker die Fah­ne für den öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr hoch hält, stößt auch die­ser hier an sei­ne Gren­zen. Und da kommt mir der au­to­nom agie­ren­de Le­af wie­der in den Sinn. Er könn­te den Nah­ver­kehr in­di­vi­dua­li­sie­ren. Für die Pe­trolheads auf dem Land ein Schre­ckens­sze­na­rio, für die Be­woh­ner ur­ba­ner Me­tro­po­len ein Se­gen. Der Pro­to­typ von Ii­ji­ma wä­re jetzt in der La­ge, Aus­weich­rou­ten zu su­chen, Da­ten über das Ver­kehrs­ge­sche­hen in Echt­zeit ab­zu­glei­chen und mich über den bes­ten Weg in die Stadt zu chauf­fie­ren. Statt­des­sen ste­he ich hier und muss mich kon­zen­trie­ren, um mich Me­ter um Me­ter ins Zen­trum vor­zu­ar­bei­ten. Im au­to­no­men Le­af könn­te ich ei­nen Film gu­cken, mit Freun­den chat­ten oder auch schon et­was ar­bei­ten. Zu­min­dest sorgt der ak­tu­el­le Le­af mit sei­nem E-An­trieb nicht wie die al­ten Ta­xis, Bus­se und ein gro­ßer Teil der über 2,6 Mil­lio­nen in Lon­don re­gis­trier­ten pri­va­ten Pkw für un­nö­ti­ge Ab­ga­se. Wir rol­len über die To­wer-Bridge und wie­der zu­rück über die Lon­don Bridge nach Cam­den Town. Die hip­pen Lä­den, klei­nen Märk­te und

ge­müt­li­chen Ca­fes sind nach nur 19 Ki­lo­me­tern un­ser ers­ter Stopp – nach über zwei St­un­den Stau. Reich­wei­ten­pro­ble­me mit dem EAu­to? In Lon­don so al­so nicht. Auch nicht, weil es be­reits mehr als 1500 öf­fent­li­che La­de­säu­len gibt. Bis 2020 sol­len es über 6000 sein. Lon­don be­müht sich, die Stadt vom Smog zu be­frei­en. Eben­falls 2020 wird der Stadt­kern zur „Ul­tra Low Emis­si­on Zo­ne“er­klärt. Schon jetzt wer­den Bus­se mit Hy­brid- und Elek­tro­an­trieb ein­ge­führt. En­de 2017 be­för­dern die ers­ten Lon­do­ner Ta­xis im al­ten Ge­wand, aber mit E-Po­wer Tou­ris­ten durch die Stadt. Ei­ne Ve­rän­de­rung für Lon­don – so wie sie es für die Beat­les war, als sie 1969 ihr letz­tes Al­bum in den nur 3,2 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Ab­bey-Road-Stu­di­os auf­nah­men. Nichts blieb da­mals – oder bleibt heu­te –, wie es ein­mal war. John, Paul, Ge­or­ge und Rin­go schrit­ten da­mals zum letz­ten Mal ge­mein­sam über den le­gen­dä­ren Ze­bra­strei­fen. Jetzt ge­he ich die wei­ßen Stri­che ab. Und mein Le­af parkt dort, wo da­mals ein Kä­fer stand … Der ge­räusch­lo­se An­trieb, das ziel­si­che­re Na­vi und die be­que­men Sit­ze des Nis­san ma­chen den Kriech­gang durch die Stadt ei­ni­ger­ma­ßen er­träg­lich. Und der Nis­san be­las­tet da­bei we­der die Um­welt noch die Ge­sund­heit der Be­woh­ner. Jähr­lich sol­len bis zu 10.000 Men­schen an den Fol­gen der Luft­ver­schmut­zung in Lon­don ster­ben. E-Au­tos wie der Le­af könn­ten, wenn sie sau­be­re Ener­gie ver­wen­den, hel­fen, die­se Zahl zu re­du­zie­ren. Zu­dem fin­den laut Sta­tis­tik jähr­lich rund 200 Per­so­nen bei Ver­kehrs­un­fäl­len in der Me­tro­po­le den Tod. Und wie­der ist da Niss­ans Vi­si­on der „In­tel­li­gent Mo­bi­li­ty Stra­te­gie“, die auch ei­ne null-töd­li­che Zu­kunft auf un­se­ren Stra­ßen im Vi­sier hat. Mit die­sen Ge­dan­ken crui­sen wir am Bucking­ham Pa­lace vor­bei nach Ken­sing­ton. Uns wird be­wusst, wie alt die In­fra­struk­tur der Stadt­pla­ner ist – schon 1800 war Lon­don ei­ne Mil­lio­nen­stadt und mau­ser­te sich bis 1925 zur größ­ten Stadt der Welt. Manch­mal muss man sei­nen Blick­win­kel ver­än­dern, um sich auf ei­ne neue Tech­no­lo­gie ein­zu­las­sen. Ich fah­re gern sel­ber Auto, ge­nie­ße es, die Gän­ge ein­zu­le­gen, freue mich auf dem Land dar­über, das Auto durch Kur­ven zu di­ri­gie­ren. Aber hier in Lon­don? Nein, hier will ich nur von A nach B kom­men, und das mög­lichst schnell – sehr gern auch um­welt­freund­lich. Nis­san lie­fert da­zu mit dem au­to­nom fah­ren­den Pro­to­ty­pen die pas­sen­de Ant­wort. Das Bier im Ace Ca­fe am En­de un­se­rer klei­nen Rei­se am Lon­do­ner Stadt­rand muss ste­hen blei­ben. Erst in ein paar Jah­ren wird es so­weit sein, dass mich der Le­af hier ab­ho­len und au­to­nom nach Hau­se fah­ren kann. Fo­to­graf Frank und ich wä­ren froh, hät­te Ii­ji­ma uns be­reits jetzt sei­nen Prot­o­p­ty­pen über­las­sen …

Der Ver­kehr schiebt sich mit 12 km/ h so lang­sam wie noch nie durch die Me­tro­po­le

Fünf Bäu­me be­stä­ti­gen ei­ne ef­fi­zi­en­te Fahr­wei­se mit dem Le­af (l.). 1969 lie­fen die Beat­les über den Ze­bra­strei­fen an der Ab­bey Road (u.), und im Hin­ter­grund stand ein VW Kä­fer. 2017 spa­zie­re ich hier lang – und ein Le­af hat den Platz des Kä­fer ein­ge­nom­men. Spon­ta­nes Tref­fen in Ken­sing­ton (r.) mit ei­nem sel­te­nen Nis­san Fi­ga­ro auf Ba­sis des Mi­cra von 1989

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