Mer­ce­des-AMG GT R

Hy­per- Car mit 585 PS und 700 Nm

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Mar­tin Ur­ban­ke FOTOS Frank Ra­te­ring ]

Auf der le­gen­dä­ren Nord­schlei­fe des Nür­burg­rings hat der Mer­ce­des-AMG GT R mit ei­ner Run­den­zeit von 7:10,9 min be­reits ei­ne ers­te Best­mar­ke ge­setzt. Ei­ne fa­bel­haf­te Zeit, die de­mons­triert, wo­zu das Tran­sax­le-Lay­out (Mo­tor vorn, Ge­trie­be an der Hin­ter­ach­se) in Kom­bi­na­ti­on mit mehr Leis­tung und um­fas­sen­der Fein­ar­beit am Fahr­werk fä­hig ist. An­de­rer­seits ist die Nord­schlei­fe auch ei­ne der Haupter­pro­bungs­stre­cken des AMG-Bo­li­den ge­we­sen. Wir wol­len jetzt wis­sen: Wie schlägt sich der GT R auf an­de­ren Kur­sen und der öf­fent­li­chen Stra­ße? Wie leicht lässt sich sein Po­ten­zi­al dort ab­ru­fen und um­set­zen? Ist der Schwa­be in sei­ner höchs­ten Aus­bau­stu­fe so stark auf sei­ne Sprin­ter-Fä­hig­kei­ten fo­kus­siert, dass er im all­täg­li­chen Stadt­ver­kehr-Mehr­kampf und auf Langstre­cken ins Strau­cheln ge­rät? Die wuch­ti­gen Rad­häu­ser, der ge­wal­ti­ge Flü­gel und die ab­ge­senk­te Schei­tel­hö­he des Kar­bonDachs so­wie die ag­gres­si­ve Front mit ih­ren rie­si­gen Luft­ein­läs­sen schaf­fen zwar den be­nö-

tig­ten Platz für grö­ße­re Küh­ler, ei­ne brei­te­re Spur und ei­ne ef­fi­zi­en­te­re Ae­ro­dy­na­mik, min­dern aber we­der Rau­m­an­ge­bot noch Agi­li­tät des Bo­li­den. Im Ge­gen­teil: Dank der All­rad­len­kung wu­selt der GT R hand­li­cher durch Eng­stel­len und um Keh­ren als so man­cher Kom­pak­te. Bis 100 km/ h len­ken die Hin­ter­rä­der ge­gen­läu­fig und be­wir­ken ei­ne vir­tu­el­le Ver­kür­zung des Rad­stands. Ober­halb von 100 km/ h dre­hen sie dann in die­sel­be Rich­tung wie die Vor­der­rä­der, was das Fahr­ver­hal­ten sta­bi- li­siert – wie bei ei­nem Fahr­zeug mit län­ge­rem Rad­stand. Selbst bei ex­trem ho­hem Tem­po auf der Au­to­bahn kommt trotz des üp­pi­gen Rei­fen­for­mats kei­ne Un­ru­he auf, und der GT R folgt un­be­irrt der ge­wähl­ten Li­nie. An­teil dar­an hat selbst­ver­ständ­lich auch die op­ti­mier­te Ae­ro­dy­na­mik. Wäh­rend der fest­ste­hen­de Heck­spoi­ler die Hin­ter­rä­der auf den Bo­den presst, re­du­ziert ein ak­ti­ves Kar­bon­ele­ment im Un­ter­bo­den den Auf­trieb an der Vor­der­ach­se: Ab 120 km/ h (im Race-Mo­dus:

Leis­tungs­ge­dan­ke: Auf öf­fent­li­chen Stra­ßen ist die­ser Spit­zen­sport­ler meis­tens un­ter­for­dert

80 km/ h) fährt es et­wa vier Zen­ti­me­ter weit nach un­ten aus und er­zeugt so ei­nen An­sau­gEf­fekt un­ter dem Fahr­zeug, der von den mar­tia­li­schen Dif­fu­so­ren am Heck fort­ge­führt wird. Fährt man lang­sa­mer als 80 km/ h (Race: 60 km/ h), schließt die Klap­pe wie­der. Fer­ner re­geln ak­ti­ve La­mel­len in der Front­mas­ke den Kühl­luft­strom be­darfs­ge­recht und op­ti­mie­ren so die An­strö­mung. Egal, wel­chem Bau­teil des Mer­ce­des-AMG GT R man sich nä­her wid­met – al­le Kom­po­nen­ten do­ku­men­tie­ren das Stre­ben der In­ge­nieu­re nach ei­nem per­fek­ten, leis­tungs­fä­hi­gen Sport­ge­rät. Wo­bei sich die her­aus­ra­gen­de Per­for­mance des Bo­li­den nur zu ei­nem Teil auf die schie­re Po­tenz des V8-Bi­tur­bos zu­rück­füh­ren lässt. Dank 585 PS und ei­nem ma­xi­ma­len Dreh­mo­ment von 700 Nm (zwi­schen 1900 und 5500 Tou­ren!) ver­fügt der GT R zwar im­mer und über­all über im­men­se Kraft­re­ser­ven und reißt bei Voll­gas so un­barm­her­zig an, dass ei­nem die Spu­cke weg­bleibt. Aber das kön­nen an­de­re Su­per­sport­ler auch. Der von uns er­mit­tel­te Sprint in 3,6 Se­kun­den von null auf 100 km/ h (null bis 200 km/ h: 9,9 s) ist eben­falls fu­ri­os – doch set­zen die Wett­be­wer­ber in die­ser Li­ga meis­tens auf ei­nen trak­ti­ons­star­ken All­rad­an­trieb und krat­zen noch dich­ter an der Drei-Se­kun­den-Mar­ke. Was das Er­leb­nis im AMG den­noch zu et­was Ein­zig­ar­ti­gem macht, ist – ne­ben der la­wi­nen­haf­ten Wucht der 700 Nm – der tief grol­len­de Bass des Vier­li­ter-V8. Schon im Com­fort-Mo­dus bol­lert er ganz un­ver­hoh­len und ver­leiht selbst kur­zen Gasstö­ßen ei­ne lang an­hal­tend wirk­sa­me In­ten­si­tät. Gänz­lich un­ge­hemmt brüllt und tobt der V8 mit ge­öff­ne­ten Aus­puf­fKlap­pen. Wer sich da­von nicht ein­schüch­tern lässt, er­lebt ei­nen Gän­se­haut-Mo­ment nach dem an­de­ren, wäh­rend der Front­mit­tel­mo­tor eu­pho­risch durch das ge­sam­te Dreh­zahl­band stürmt und sich da­bei von tief grum­melnd bis hin zu ek­sta­ti­schen Bass-Fre­quen­zen im Takt von 7000 beats-per-mi­nu­te stei­gert. Noch be­ein­dru­cken­der ist je­doch der me­cha­ni­sche Grip, den der GT R auf­baut: Zum ei­nen bringt der Heck­trieb­ler die Ur­ge­walt sei­nes Bi­tur­bos im nor­ma­len Fahr­be­trieb er­staun­lich zu­ver­läs­sig auf den Bo­den. Erst wenn das ESP im Track-Mo­dus ist und der Fah­rer mit­tels Gas­pe­dal ge­ziel­te Pro­vo­ka­tio­nen plat­ziert, zuckt das Heck. Doch selbst wenn man die Fahr­dy­na­mik­re­ge­lung völ­lig aus­schal­tet, ver­blüfft der GT R mit sei­ner in neun Stu­fen kon­fi­gu­rier­ba­ren Trak­ti­ons­kon­trol­le. Der sau­ber ras­ten­de, si­gnal­gel­be Dreh­schal­ter in der Mit­tel­kon­so­le gibt vor, wie viel Spiel­raum, sprich: Schlupf, die Hin­ter­rä­der nut­zen dür­fen. Zum an­de­ren ge­stat­tet das Ge­win­de-Fahr­werk mit ad­ap­ti­ven Dämp­fern in Ver­bin­dung mit den Mi­che­lin- Se­mislicks ab­sur­de Qu­er­be­schleu­ni­gun­gen. Das Li­mit des GT R liegt so hoch, dass man es auf der öf­fent­li­chen Stra­ße nicht ein­mal an­satz­wei­se aus­lo­ten kann, oh­ne sämt­li­che Ver­kehrs­re­geln zu igno­rie­ren und jeg­li­ches Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein in den Wind zu schla­gen. Al­so ab auf die Pis­te!

Es liegt im Na­tu­rell des GT R, nach Best­mar­ken zu stre­ben. Lei­se Tö­ne und Un­der­state­ment zäh­len nicht zu sei­nen Tu­gen­den

Auf der Grand-Prix-Stre­cke des Nür­burg­rings be­weist der AMG da­für um­so nach­hal­ti­ger, was das über­ar­bei­te­te Fahr­werk im Ex­trem­fall zu leis­ten ver­mag. Die Dop­pel­quer­len­ker-Kon­struk­ti­on gleicht zwar prin­zi­pi­ell je­ner der an­de­ren AMG GT-Ty­pen, wur­de je­doch neu ab­ge­stimmt. Au­ßer­dem baut der GT R auf ei­ne deut­lich brei­te­re Spur. An der Hin­ter­sach­se kom­men zu­dem Uni­ball-Ge­len­kla­ger zum Ein­satz so­wie ein Rohr-Qu­er­sta­bi­li­sa­tor mit grö­ße­rem Qu­er­schnitt. Im Zu­sam­men­spiel mit der All­rad­len­kung, dem elek­tro­nisch ge­re­gel­ten Dif­fe­ren­zi­al und der be­reits er­wähn­ten Trak­ti­ons­kon­trol­le er­gibt die­se Mi­schung ei­nen lu­pen­rei­nen Renn­wa­gen. Beim Her­aus­be­schleu­ni­gen aus der Ja­gu­ar-Kur­ve er­mög­licht es die Trak­ti­ons­kon­trol­le, schon kurz vor dem Schei­tel­punkt wie­der aufs Gas zu ge­hen. Da­durch er­reicht der GT R auf der Start-/ZielGera­den an­nä­hernd das Tem­po von deut­lich leis­tungs­stär­ke­ren Bo­li­den, die aber ent­we­der von der Elek­tro­nik ge­gän­gelt wer­den oder ih­re Kraft ein­fach nicht auf die Stra­ße brin­gen kön­nen. Top­speed hier: 248 km/ h!

Die Brem­se über­zeugt voll und ganz

Am En­de der Gera­den heißt es: brem­sen! Die op­tio­na­len Kar­bon-Ke­ra­mik-Schei­ben bei­ßen gna­den­los zu und stau­chen den GT R bis auf 61 km/ h am Ein­gang des Yo­ko­ha­ma-S zu­sam­men. Da­bei lie­fern sie nicht nur ei­ne ma­xi­ma­le Ver- zö­ge­rungs­leis­tung ab, son­dern be­ein­dru­cken auch mit ei­ner punkt­ge­nau­en Do­sier­bar­keit, wie man sie bis­lang von AMG noch nicht er­lebt hat. Beim Durch­fah­ren der tech­nisch an­spruchs­vol­len Mer­ce­des-Are­na of­fen­bart der GT R sei­ne Renn­sport-Am­bi­tio­nen in der Ent­schlos­sen­heit, mit der er sich eng am Curb um die Bie­gung di­ri­gie­ren lässt. Da­bei ma­chen die kris­tall­kla­re Rück­mel­dung der Len­kung und der Brem­se es dem Pi­lo­ten denk­bar ein­fach, das Auto op­ti­mal zu plat­zie­ren. Beim flüs­si­gen Durch­fah­ren der Kurzan­bin­dung so­wie beim Ab­win­keln in der Ra­ve­nolKur­ve baut spe­zi­ell die Hin­ter­ach­se ei­ne atem­be­rau­bend ho­he Sei­ten­füh­rung auf. Es fühlt sich an, als wür­de sich das Auto an ei­ner ima­gi­nä­ren Leit­schie­ne an­le­gen, so un­be­irrt folgt der Mer­ce­des-Bo­li­de der vor­ge­ge­be­nen Rich­tung. Tat­säch­lich sorgt die Fahr­dy­na­mik­re­ge­lung im Hin­ter­grund für ge­nau die­sen Ef­fekt, oh­ne spür­ba­re Re­gel­ein­grif­fe zu set­zen. Bil­stein-Kur­ve: Ex­ak­tes Ein­len­ken, si­che­res Plat­zie­ren, frü­hes Be­schleu­ni­gen – und schon rauscht der GT mit wü­tend fau­chen­dem V8 und 215 km/ h schnell durch den Ad­van-Bo­gen. Har­tes An­brem­sen der Vee­dol-Schi­ka­ne und wie­der hin­ein in die Ja­gu­ar-Kur­ve. Hier ist der AMG in sei­nem Ele­ment … Na gut, der Kom­fort des AMG GT hat ein biss­chen ge­lit­ten, doch da­für ist er als „R“zu ei­nem ab­so­lu­ten Top-Ath­le­ten ge­reift. Re­spekt!

Brei­ten­sport: Um 46 Mil­li­me­ter wei­ter aus­ge­stell­te Rad­häu­ser und mäch­ti­ge Kühl­luf­tEin­läs­se an der Front

De­tail­lie­be: Im Cock­pit füh­len sich Fah­rer und Bei­fah­rer in­ten­siv ein­ge­bun­den. Gel­be Ak­zen­te kon­tras­tie­ren mit schwar­zem Kla­vier­lack

Kraft­kur: Neue Tur­bo­la­der so­wie ei­ne ge­än­der­te Steu­er­elek­tro­nik ent­lo­cken dem bä­ri­gen Vier­li­ter-V8 jetzt 585 PS

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