Ahoi Cap­tain Fu­ture

Ein Au­to für di­gi­ta­le No­ma­den, für fle­xi­bles Ar­bei­ten und ur­ba­nen Li­fe­style: Das Nis­san e-NV200 Works­paceKon­zept könn­te pu­res Hips­ter­glück sein. Rea­li­tätsCheck im Selbst­ver­such.

AUTO ZEITUNG - - REPORTAGE · NISSAN E-NV200 WORKSPACE - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger FO­TOS Zbi­gniew Ma­zar ]

Nor­ma­ler­wei­se­be­schäf­ti­gen sich die eng­li­schen Li­fe­style-Schrei­ner von „ Stu­dio Har­die“mit schrä­gen In­stal­la­tio­nen oder dem lei­den­schaft­li­chen An­schie­ben des glo­bal rol­len­den „Ti­ny Hou­se“-Trends. Der Nis­san-Auf­trag zum Um­bau ei­nes Eva­lia-Trans­por­ters zum rol­len­den Bü­ro als „Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Vi­si­on von in­tel­li­gen­ter Mo­bi­li­tät“dürf­te für die quer­den­ken­den Krea­tiv-Zim­me­rer al­so eher un­er­war­tet ge­kom­men sein. Wer es aber schafft, Baum­häu­ser zu ma­gi­schen Sehn­suchts­or­ten für be­tuch­te Wo­che­n­en­dPhi­lo­so­phen zu ma­chen, der soll­te auch vom schnö­den Aus­bau ei­nes Au­tos nicht über­for­dert sein. Soll­te man mei­nen. In der Pra­xis ist das rol­len­de Elek­tro­au­to- Bü­ro dann aber doch nicht wirk­lich über­zeu­gend. Und das hat nur ganz we­nig mit „Stu­dio Har­die“zu tun, aber viel mit mo­der­nen Mär­chen und Kli­schees, die man sich so lan­ge er­zählt, bis ir­gend­wer dar­an glaubt. Da ist zum Bei­spiel die­se Sa­che mit den „di­gi­ta­len No­ma­den“, die un­se­re Ar­beits­welt zu­neh­mend prä­gen. Dem ur­ba­nen My­thos nach al­les to­tal mo­der­ne, glo­ba­le und vi­sio­nä­re Men­schen – re­al ge­meint sind aber ein­fach Leu­te, die kei­nen fes­ten Ar­beits­platz ha­ben, die Pro­jek­te hier und da be­treu­en, die im Ho­me-Of­fice ar­bei­ten, bei Kun­den und dann wie­der im Sha­ring-Bü­ro zu­sam­men mit an­de­ren ar­men Teu­feln, die sich kein ei­ge­nes Bü­ro leis­ten kön­nen oder trotz frei­er Selbst­aus­beu­tung doch ab und zu so et­was wie Er­satz­kol­le­gen um sich her­um ha­ben wol­len. Und ja, auch mei­ne Ar­ti­kel ent­ste­hen sel­tenst in ei­nem Re­dak­ti­ons­bü­ro zwi­schen 9:00 Uhr und 18:00 Uhr, son­dern an Flug­hä­fen, auf Au­to­bei­fah­rer­sit­zen oder zu­hau­se. Ich bin rein tech­nisch be­trach­tet al­so ge­nau das, was man ei­nen di­gi­ta­len No­ma­den nennt. Üb­ri­gens schon seit 18 Jah­ren. So weit, so alt­mo­disch.

My­thi­sche Gestal­ten: Di­gi­ta­le No­ma­den im Nis­san

Viel­leicht darf ich des­halb auch den Nis­san eNV200 WORKS­PACe tes­ten, bei dem schon der Na­me mit vie­len GROSSBUCHSTABEN und klei­nen E`s (electric, excit­ing, emo­tio­nal...) ir­gend­wie hip­per ist, als es ein bra­ver Elek­troTrans­por­ter je sein kann. Wäh­rend auf der Fahrt zur ur­ba­nen Ver­suchs­lo­ca­ti­on im Heck des Nis­san die Klap­pen rum­peln, fra­ge ich mich be­reits, wes­halb Nis­san statt „Stu­dio Har­die“nicht ein­fach ei­nen bo­den­stän­di­gen Wohn­mo­bil-Schrei­ner um den Bü­ro­um­bau ge­be­ten hat – oh­ne klei­ne E’s, aber da­für klap­per­frei. Das Le­ben mit der „Vi­si­on in­tel­li­gen­ter Mo­bi­li­tät“hat aber noch wei­te­re Ha­ken: An der von mir an­ge­streb­ten In-La­ge herrscht Hal­te­ver­bot, an Op­ti­on B wer­den so ho­he Park­ge­büh­ren auf­ge­ru­fen, dass ich mir auf ei­nen Mo­nat um­ge­legt auch ein Bü­ro in bes­ter Aus­sichts­la­ge mie­ten könn­te, auf dem Weg zu Va­ri­an­te C ver­lie­re ich im Stau die Ge­duld und bie­ge auf das Wohn­mo­bil-Plätz­chen un­ten am Fluss ab. Die ro­ten Her­zen in den Ca­ra­van-Fens­tern der Nach­ba­rin­nen leuch­ten hei­me­lig, ich krie­che in den Fond mei­nes in­tel­li­gent-mo­bi­len-No­ma­den-Stro­mers und wer­fe den Rech­ner an. Mit et­was Glück hält die Bat­te­rie bis zum Re­dak­ti­ons­schluss heu­te Abend um 22 Uhr, da­nach wer­de ich mich ge­müt­lich zur nächs­ten La­de­sta­ti­on schlep­pen las­sen. Zu­erst muss ich mich aber noch ver­net­zen: Das öf­fent­li­che WLAN reicht nicht bis hier­her, der Mo­bil­funk­emp­fang ist mies – al­so lang­sam pei­len­der Orts­wech­sel. Die Ecke wei­ter un­ten wer­de ich mir für den nächs­ten Tag mer­ken, als di­gi­ta­ler No­ma­de bin ich eben ein aus­ge­buff­ter Pro­fi im Su­chen und Fin­den von Han­dy­emp­fang. Ei­ne hal­be St­un­de spä­ter ist es im Nis­san eis­kalt. Wenn ich jetzt die Hei­zung an­wer­fe, ha­be ich de­fi­ni­tiv ein Ak­ku­pro­blem. Ein hei­ßer Es­pres­so aus der ein­ge­bau­ten Ma­schi­ne könn­te hel­fen, aber na­tür­lich ha­be ich ver­ges­sen, den Was­ser­tank zu fül­len – und oh­ne Kof­f­e­in küsst die Mu­se nicht. Zäh­ne­klap­pernd-ver­fro­re­ner Kaf­fee-Ent­zugs-Test­abbruch.

Die Zu­kunft ist be­reits hier

Ich schnap­pe das Klapp­rad im Heck der „Vi­si­ons-Neu­in­ter­pre­ta­ti­on“und tue das, was di­gi­ta­le No­ma­den eben so tun: schleu­nigst in die nächs­te Kof­f­e­in-Trän­ke rol­len. Warm. WLAN. Steck­do­se. Lat­te. Lap­top. Bas­ta. Und hier schrei­be ich jetzt das Fa­zit: Lie­be ana­lo­ge Sess­haf­te, nie­mand bin­det sich ein Au­to um, wenn er ein­fach nur ar­bei­ten will. Das geht in Ca­fés, in U-Bah­nen und an Kü­chen­ti­schen ganz pri­ma. Wenn die­ses „Ins-Bü­ro-Fah­ren“nicht sein muss, ist „Lap­top auf­klap­pen“deut­lich schnel­ler. Und wenn ich Au­to fah­ren will, wür­de ich statt des Nis­san e-NV lie­ber ei­nen Nis­san GT-R neh­men. Mit Groß­buch­sta­ben.

Die „Vi­si­on in­tel­li­gen­ter Mo­bi­li­tät“hat ei­nen Ha­ken

Krea­ti­vi­täts­be­schleu­ni­ger: Na­tür­lich muss sich die di­gi­ta­le Avant­gar­de in­tra­ve­nös mit ei­nem re­gel­mä­ßi­gen Schuss Kaf­fee ver­sor­gen. Die Es­pres­so­ma­schi­ne fährt des­halb auf je­den Fall mit und elek­trisch aus. Mu­sik gibt es eben­falls – aber aus dem klei­nen Brüll­wür­fel lei­der nicht ganz so wir­kungs­in­ten­siv

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.