Fas­zi­na­ti­on

Prag­ma­tisch und emo­tio­nal, si­cher­heits­be­wusst und lei­den­schaft­lich – in Mer­ce­des SL 400 und AMG SLC 43 rund um Stutt­gart un­ter­wegs. Stadt, Land, Fluss mit zwei­mal 367 PS …

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger FO­TOS Aleksan­der Per­ko­vic ]

Die Roads­ter-Mo­del­le SLC und SL ver­ei­nen Si­cher­heit mit Sport­lich­keit. Ei­ne fas­zi­nie­ren­de Aus­fahrt über die Haus­stre­cke der Mer­ce­des-Ent­wick­ler

Da müs­sen wir jetzt durch: Klatsch­nas­se Schnee­flo­cken tau­meln aus kal­tem Grau, die Au­ßen­tem­pe­ra­tu­r­an­zei­ge im Cock­pit des Mer­ce­des-Benz SL 400 steht auf fünf Grad Cel­si­us, hin­ter uns ver­schwin­det lang­sam ein blau­er Strei­fen Him­mel. Als wir vor­hin in der Stutt­gar­ter Mer­ce­des-Benz-Zen­tra­le los­ge­fah­ren sind, schien dort noch die Son­ne – und zag­haf­te 15 Grad ha­ben dem SL das Me­tall­klappdach vom Schei­tel ge­zo­gen. Airs­car­fNa­cken­hei­zung an, Sitz­hei­zung auf mitt­le­re Stu­fe – den Rest er­le­digt der be­mer­kens­wert gu­te Wind­schutz des High­tech-Road­sters. Jetzt steht der Ro­te aber am Stra­ßen­rand ir­gend­wo zwi­schen Sin­del­fin­gen und Schwarz­wald-Ber­gen, lei­se kna­ckend saugt es das Dach in die Dich­tun­gen, auf Mit­tel­kon­so­le und Bei­fah­rer­sitz schmel­zen ein paar Schnee­flo­cken. Gut, dass wir im SL 400 sit­zen, der ver­wan­delt sich mit ge­schlos­se­nem Me­tall­ver­deck in ein kom­for­ta­bles Lu­xus-Cou­pé, mit dem die klei­nen, holp­ri­gen, ver­schlun­ge­nen Sträß­chen zwi­schen Weil der Stadt und Tie­fen­bronn ele­gant ab­ge­kurvt wer­den kön­nen: Ad­ap­ti­vFahr­werk, Mo­tor- und Ge­trie­be­steue­rung auf „Com­fort“, und so se­gelt der SL sou­ve­rän durch den April-Sturm. Le­der­duft und lu­xu­riö­ses Am­bi­en­te, und durch das Ma­gic Sky Con­trolGlas­dach, das auf Knopf­druck auch durch­sich- tig ge­schal­tet wer­den kann, si­ckert bläu­lich­me­di­ta­ti­ves Ta­ges­licht. Vom Knur­ren des Bi­tur­bo-V6 un­ter der lan­gen Mo­tor­hau­be ist jetzt nur ein sei­di­ges Räus­pern zu hö­ren, die Raum/Zeit-Kap­sel nimmt Fahrt auf.

Mit Si­cher­heit viel Spaß

Die Leis­tungs­ab­ga­be des Drei­li­ter-Bi­tur­boT­rieb­werks kommt druck­voll auf den Punkt, aber oh­ne je­de Ag­gres­si­vi­tät. Auf die­se Wei­se ist der kal­te und feuch­te As­phalt auch kein Pro­blem für die Som­mer­rei­fen, die wir im Tau­mel ers­ter Früh­lings­ge­füh­le auf­ge­zo­gen ha­ben. Dass wir es hier mit ei­nem der si­chers­ten Kon­zep­te sei­ner Klas­se (ach, was sa­gen wir: un­ter al­len Ca­bri­os und Road­stern ins­ge­samt!) zu tun ha­ben, ist „mit Si­cher­heit“kein gro­ßes The­ma, so­lan­ge die Son­ne scheint. Ge­nuss­voll ins Blaue crui­sen – da sind Pre Sa­fe, Fahras­sis­tenz­sys­te­me, blitz­schnell her­vor­schnel­len­de Über­roll­bü­gel und ei­ne Sta­te-of-the-Art-Crash­si­cher­heit nur ein The­ma ganz weit hin­ten im Kopf. Aber jetzt, im Nie­sel und Glitsch, freut man sich doch ir­gend­wie. Wer sagt denn, das Ra­tio und Bauch­ge­fühl kei­ne Freun­de sein kön­nen? Die Kur­ven hin­un­ter in Rich­tung Neu­hau­sen sind tro­cken, da­hin­ter geht es end­gül­tig in den Schwarz­wald: Ein Fli­cken­tep­pich aus Bo­den­wel­len, Schlag­lö­chern und Sprung­kup­pen, Ser­pen­ti­nen und Steil­stre­cken wir­belt in den dich­ten Wald hin­ein. Als der SL 400 end­lich damp­fend im Na­gold­tal bei Un­ter­rei­chen­bach lan­det, kön­nen wir uns ein brei­tes Grin­sen nicht ver­knei­fen: Hier drau­ßen in der ech­ten Welt, jen­seits al­ler Au­to­bah­nen, Schnell-

stra­ßen oder pla­nier­ten Vor­her­seh­bar­keits­stre­cken, ist der SL ganz groß. Sein Kom­fort bringt kei­ne Be­quem­lich­keit, son­dern Fahr­freu­de. Für die weit ge­schwun­ge­ne Bun­des­stra­ße nach Pforz­heim wäh­len wir den Sport­Mo­dus, pres­sen den schnel­len Po­wer-Roads­ter mit Ver­ve in die Ra­di­en und stel­len bald fest, dass der Fahrt­wind nun auch die Wol­ken­de­cke ent­sorgt zu ha­ben scheint. Dach auf: Jetzt ras­pelt der Sechs­zy­lin­der so ani­mie­rend ins Cock­pit, dass wir am Orts­schild der Gold­stadt gleich wie­der die nächs­te Tal­stra­ße ent­lang der Würm nach Süd­ost neh­men.

Kur­ven-Car­ven im SL 400

Der SL hat seit Neu­es­tem ja auch noch ei­nen ganz be­son­de­ren Trick auf La­ger: Im „Cur­ve“Mo­dus gleicht das Ac­tive Bo­dy Con­trol-Fahr­werk Sei­ten­nei­gung bei Kur­ven­fahrt aus– je nach Ra­di­us und Ge­schwin­dig­keit pfeilt der SL so­gar leicht nach in­nen ge­neigt um die Ecken.

Das er­laubt ho­he Kur­ven­tem­pi bei zugleich sehr gu­tem Kom­fort und lässt den gro­ßen Roads­ter re­gel­recht tan­zen, so­bald sich ei­ne Stre­cke zum Car­ven an­bie­tet. Ei­ne ma­gi­sche Mi­schung aus ge­fühlt brett­har­tem Renn­fahr­werk und Fe­de­rungs­flausch – ir­gend­wie ty­pisch Mer­ce­des und ziem­lich ab­ge­fah­ren. Als wir dann bei Heims­heim die Au­to­bahn A8 in Rich­tung Nor­den über­que­ren, scheint der die gan­ze Zeit brav im Wind­schat­ten haf­ten­de Mer­ce­des-AMG SLC 43 plötz­li­chen Ehr­geiz zu ent­wi­ckeln, die schlag­ar­ti­ge Bo­xer­mo­torDich­te legt ei­ne zu­sätz­li­che Fähr­te. Wir sind tief im Por­sche-Land, und der in­ten­siv-lust­voll ge­pfleg­te Wett­be­werb lässt den SLC jetzt voll aus­ge­dreh­te 367 PS und Sperr­dif­fe­ren­zi­al-Ma­gie aus­pa­cken. Auch wenn SL 400 und SLC 43 me­cha­nisch den­sel­ben Mo­tor un­ter der Hau­be ha­ben, un­ter­schei­det sich der AMG durch ei­ne an­de­re Ap­pli­ka­ti­on (schär­fer, 20 Nm mehr). Die Wir­kung des klei­ne­ren Wa­gens mit di­rek­te­rer Sport­len­kung und deut­lich straf­fe­rem Fahr­werk ist im­mens: Hei­ser hus­tend don­nert der SLC am SL vor­bei, stürmt mit gif­ti­gem Sä­gen durch das Kur­ven­la­by­rinth der klei­nen Stra­ßen und bremst Keh­ren mit der­be bret­zeln­dem Hus­ten an. So viel Dra­ma hat der SL 400 nicht zu bie­ten, und die plötz­li­che Quir­lig­keit des kom­pak­ten AMG-Road­sters weckt den Som­mer.

Son­ne, Re­gen, April – kein Pro­blem

Die Son­ne spielt auf ein­mal Tos­ka­na, und auch Würt­tem­berg zeigt sich von sei­ner bes­ten Sei­te: Die­se Ecke kann tat­säch­lich mehr als Kehr­wo­che und kein Hoch­deutsch. Kur­zes Er­in­ne­rungs-Sel­fie des Au­to­ren am Orts­schild von Ri­ex­in­gen, rein ins Enz­tal, raus aus dem Enz­tal und hin­ter Sach­sen­heim in Rich­tung Nord­ost zie­len. Plötz­lich stür­zen Wein­ber­ge in mäch­ti­gem Steil­kur­ven-Ar­ran­ge­ment in die Win­dun­gen des Neckar­tals, die Son­nen­wär­me sam­melt sich in den Reb­hän­gen wie in ei­nem Hohl­spie­gel. Woh­lig schnur­rend pfeilt der SLC 43 da­hin, hin­ter ihm lässt sich der SL 400 die Son­ne auf den Pelz bren­nen. Kaum zu glau­ben, dass wir vor 120 Ki­lo­me­tern noch ans Christ­kind ge­dacht ha­ben. April, April eben. Und genau rich­tig für die­se viel­sei­ti­gen Spaß­ma­cher mit ein­ge­bau­tem Cou­pé. We­ni­ge Fahr­mi­nu­ten spä­ter prä­sen­tiert der SLC 43 stolz das AMG-Haupt­quar­tier in Af­fal­ter­bach, das mit sei­nen mo­der­nen Hal­len und weit­läu­fi­gen Bü­ro­ge­bäu­den längst aus der Tu­ner-Ver­gan­gen­heit in ein fer­nes High­techU­ni­ver­sum ab­ge­ho­ben ist. Dann die Pan­ora­ma-Schnell­stra­ße nach Sü­den, bis wir ne­ben den Un­ter­türk­hei­mer Werks­hal­len die Spi­ral-Fas­sa­de des Mer­ce­des-Mu­se­ums in der Abend­son­ne glän­zen se­hen. Hit­ze flirrt über den Mo­tor­hau­ben und lässt die un­glei­chen Brü­der lei­se knis­tern. Dann ver­schlu­cken Re­gen­wol­ken die Abend­son­ne.

Gu­te Ro­te: Trol­lin­ger und SL 400 war­ten im Neckar­tal auf Som­mer­hit­ze

Haus­stre­cke Die 180 Ki­lo­me­ter rund um Stutt­gart ge­hö­ren zum Re­per­toire der Mer­ce­des-Ent­wick­ler

Kur­ven­pfei­le: Um das Ma­xi­ma­le aus dem SLC 43 her­aus­zu­ho­len, soll­te das op­tio­na­le AMG Hand­ling-Pa­cka­ge samt Hin­ter­achs-Sperr­dif­fe­ren­zi­al an Bord sein

Im schlicht-funk­tio­na­len Cock­pit wird Rot ge­se­hen: Zi­er­näh­te und Me­tall-Ap­pli­ka­tio­nen ma­chen im In­te­ri­eur aus ei­nem „nor­ma­len“SLC den Hitz­kopf AMG SLC 43

SLC 43: Kraft­stoff-Ver­brauch in l/100 km in­ner­orts/au­ßer­orts/kom­bi­niert; CO2-Emis­sio­nen in g/km kom­bi­niert: 10,7/6,2/7,8 l/100 km, 178 g/km SL 400: Kraft­stoff-Ver­brauch in l/100 km in­ner­orts/au­ßer­orts/kom­bi­niert; CO2-Emis­sio­nen in g/km kom­bi­niert: 10,5/6,0/7,7 l/100 km, 175 g/km

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