Re­por­ta­ge

Sie sind De­tek­ti­ve im Na­men der Si­cher­heit: Die Un­fall­for­scher von Mer­ce­des un­ter­su­chen rea­le Crashs auf der Stra­ße. Ih­re Er­kennt­nis­se flie­ßen in die Ent­wick­lung neu­er Si­cher­heits­tech­ni­ken und Mo­del­le ein

AUTO ZEITUNG - - INHALT -

Die Un­fall­for­scher von Mer­ce­des un­ter­su­chen rea­le Crashs auf der Stra­ße. Wir ha­ben sie be­glei­tet

Wie stel­len Sie sich den All­tag ei­nes Un­fall­for­schers vor? Schnallt er mor­gens un­schul­di­ge Dum­mys in ei­nem oran­gen­far­be­nen Au­to fest, das er dann mit vol­ler Ab­sicht ge­gen ei­ne Crash­bar­rie­re fährt? Und den Rest des Tages ver­bringt er am Com­pu­ter bei der Da­ten­ana­ly­se? Weit ge­fehlt. Wenn Un­fall­for­scher Uwe Na­gel von der Po­li­zei ei­nen An­ruf be­kommt, ist klar, dass neue Ar­beit an­steht. In sei­nem auf­fäl­li­gen, oran­ge-schwarz be­kleb­ten Mer­ce­des-Trans­por­ter mit Gelb­licht fährt er zum Ein­satz­ort. Denn Uwe Na­gel und sei­ne Kol­le­gen un­ter­su­chen rea­le Crashs im Stra­ßen­ver­kehr. Sind die Hal­ter des Un­fall­wa­gens ein­ver­stan­den, dür­fen die For­scher so­fort ran. Je frü­her sie an der Un­fall­stel­le oder in der Werk­statt ein­tref­fen, des­to bes­ser: Wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen wie Wet­ter, Stra­ßen­be­schaf­fen­heit und Brems­spu­ren kön­nen sonst ver­lo­ren ge­hen. Aber auch nach der Ber­gung ist das Un­fall­au­to noch in­ter­es­sant. Je­des Jahr rü­cken die Mer­ce­des-For­scher 70 bis 100 Mal aus, um rea­le Crashs zu un­ter­su­chen. „Wir schau­en uns in der Re­gel schwe­re Un­fäl­le mit Be­tei­li­gung ak­tu­el­ler Mer­ce­des­und Smart-Pkw im Raum Ba­den-Würt­tem­berg an“, sagt Uwe Na­gel. Der Un­fall­for­scher hat schon tau­sen­de die­ser Ein­sät­ze ab­sol­viert. Seit 1991 ar­bei­tet er in der Un­fall­for­schung von Mer­ce­des. Schon wäh­rend sei­nes Stu­di­ums hat­te sich der Di­plom-In­ge­nieur auf das The­ma Fahr­zeug­si­cher­heit spe­zia­li­siert. Doch zur Rou­ti­ne wird ihm sein Job als Un­fall­for­scher nicht: „Bei je­dem Crash gibt es et­was Neu­es zu ler­nen.“Die De­tek­ti­ve der Si­cher­heit klä­ren ei­ne gan­ze Rei­he wich­ti­ger Fra­gen, denn für sie ist von In­ter­es­se, wie die Schutz­me­cha­nis­men ge-

wirkt ha­ben und wie die tech­ni­schen Sys­te­me den Un­fall hät­ten ver­hin­dern oder in der Schwe­re re­du­zie­ren kön­nen. Wie ist der Un­fall ab­ge­lau­fen? Wie hat sich die Ka­ros­se­rie ver­formt? Wel­che Ver­let­zun­gen er­lit­ten die In­sas­sen? Wel­che Si­cher­heits­sys­te­me hat das Fahr­zeug aus­ge­löst? Und hät­ten ak­ti­ve As­sis­ten­ten den Un­fall gar ver­mei­den kön­nen? Vor Ort ar­bei­ten die Un­fall­for­scher in der Re­gel als Zwei-Mann-Team. Zu­erst ver­mes­sen sie das Fahr­zeug mit ei­nem La­ser­scan­ner. Das Ge­rät kann je­doch nur die­je­ni­ge Sei­te ab­tas­ten, die ihm zu­ge­wandt ist. „Da­mit der Com­pu­ter spä­ter ein drei­di­men­sio­na­les Bild er­zeu­gen kann, müs­sen wir Mess­mar­ken auf das Au­to stel­len.“Die­se se­hen wie ei­ne ku­gel­för­mi­ge Nacht­tisch­lam­pe mit Spreiz­fuß aus. „Das Au­to­dach ist ei­ne be­lieb­te Po­si­ti­on, weil es auf je­dem Ein­zel­scan sicht­bar ist“, er­klärt Na­gel. Spä­ter wer­den die vie­len Scans mit Hil­fe der Mess­mar­ke am Com­pu­ter zu ei­nem kom­plet­ten Mo­dell zu­sam­men­ge­setzt. „Dann kön­nen wir das Au­to drei­di­men­sio­nal dre­hen und von al­len Sei­ten be­trach­ten.“Doch der Scan al­lein reicht nicht aus. Wäh­rend sein Kol­le­ge sämt­li­che De­tails der Un­fall­stel­le und des -wa­gens fo­to­gra­fiert, nimmt Na­gel ei­nen sta­bi­len Ta­blet-Com­pu­ter aus dem Werk­zeug­kof­fer: Je­der Crash bie­tet ei­ne Men­ge Stoff für die ei­gens ent­wi­ckel­te Un­fall­da­ten­bank von Mer­ce­des. „Un­ser Ta­blet ent­hält ei­nen Fra­ge­bo­gen zum Un­fall.“Die­ser um­fasst Si­tua­ti­on und La­ge des Fahr­zeugs, des­sen Be­schä­di­gun­gen und den Zu­stand der In­sas­sen. „Für je­des Au­to le­gen wir ei­nen neu­en Fall an, bis zu 4000 Ein­zel­punk­te wer­den pro Fahr­zeug un­ter­sucht und ein­ge­tra­gen“, so Na­gel. Ei­ne Si­sy­phus­ar­beit.

Dan­kes­brie­fe von Un­fall­op­fern

Da­ten­schutz ist den Un­fall­for­schern da­bei sehr wich­tig. „Al­le An­ga­ben zu den Un­fall­op­fern wer­den von uns an­ony­mi­siert er­fasst“, ver­spricht Na­gel. Auch das Kenn­zei­chen des Au­tos wird nicht ge­spei­chert. „Für uns ist nur die Fahr­ge­stell­num­mer wich­tig, um die Bau­rei­he ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen.“Die Mer­ce­des-Ent­wick­ler be­kom­men auch per-

Die Un­fall­for­scher im Ein­satz am be­schä­dig­ten Fahr­zeug

Je­de Aus­wir­kung des Crashs wird fo­to­gra­fisch do­ku­men­tiert

Mit ei­nem La­ser­scan­ner wird

Uwe Na­gel un­ter­sucht die Fahr­zeug­struk­tur nach dem Fron­tal­crash

Auch klei­ne De­tails kön­nen viel über die wir­ken­den Kräf­te aus­sa­gen

das Au­to in 3D ver­mes­sen

Beim Aus­le­sen von Steu­er­ge­rä­ten kön­nen die For­scher Hin­wei­se über die Funk­ti­on der Si­cher­heits­sys­te­me ge­win­nen

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