Por­sche-Chef Oli­ver Blu­me

Por­sche-Chef Oli­ver Blu­me spricht über den jahr­zehn­te­lan­gen Er­folg des 911, Elek­tro­mo­bi­li­tät, au­to­ma­ti­sier­tes Fah­ren so­wie die Stra­te­gie 2025

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Das Ge­spräch führ­te Vol­ker Ko­erdt

Por­sche hat ge­ra­de den 1.000.000sten Por­sche 911 pro­du­ziert. Wie er­klä­ren Sie sich die Er­folgs­ge­schich­te ei­nes Au­tos, des­sen Grund­kon­zept be­reits vor mehr als 50 Jah­ren ent­wi­ckelt wur­de?

Der ei­gent­li­che Er­folg des 911 liegt dar­in be­grün­det, dass die Por­scheIn­ge­nieu­re aus Zuf­fen­hau­sen und Weissach den Wa­gen im­mer wie­der neu er­fun­den ha­ben. Da­mit be­wies auch die Mar­ke Por­sche In­no­va­ti­ons­kraft. Wie kein an­de­res Fahr­zeug ver­eint der 911 schein­ba­re Ge­gen­sät­ze wie Sport­lich­keit und All­tags­taug­lich­keit, Tra­di­ti­on und In­no­va­ti­on, Ex­klu­si­vi­tät und so­zia­le Ak­zep­tanz oder De­sign und Funk­tio­na­li­tät. Kein Wun­der al­so, dass je­de Ge­ne­ra­ti­on ih­re ganz ei­ge­ne Er­folgs­ge­schich­te ge­schrie­ben hat. Die Ei­gen­schaf­ten des 911 hat Fer­ry Por­sche tref­fend be­schrie­ben: „Der 911 ist das ein­zi­ge Au­to, mit dem man von ei­ner afri­ka­ni­schen Sa­fa­ri nach Le Mans, dann ins Thea­ter und an­schlie­ßend auf die Stra­ßen von New York fah­ren kann.“

Ma­can und Cay­enne ha­ben den 911er in den Ver­kaufs­zah­len längst weit über­holt, doch in punc­to Ren­di­te müss­te er im­mer noch auf Platz eins lie­gen, oder?

Ei­ne ope­ra­ti­ve Um­satz­ren­di­te von min­des­tens 15 Pro­zent ist für uns ein zen­tra­les stra­te­gi­sches Un­ter­neh­mens­ziel, um un­se­re Stel­lung als ei­ner der pro­fi­ta­bels­ten Au­to­mo­bil­her­stel­ler der Welt zu be­haup­ten. Die­ser Richt­wert gilt nicht nur für den 911, son­dern für je­des un­se­rer Mo­del­le. Wich­ti­ger als Ver­kaufs­zah­len sind uns aber be­geis­ter­te Kun­den. Und aus Mar­ken-Sicht ist der 911 nach wie vor das wich­tigs­te Mo­dell un­se­rer ge- sam­ten Pro­dukt­pa­let­te. Kei­ne an­de­re Bau­rei­he spie­gelt un­se­re tra­di­tio­nel­len Mar­ken­wer­te so klar und un­ver­fälscht wi­der. Sei­ne DNA fin­det sich in al­len an­de­ren Bau­rei­hen mehr oder we­ni­ger aus­ge­prägt. Sein My­thos ist der Link, der die Tra­di­ti­on von Por­sche mit der Ge­gen­wart und der Zu­kunft ver­bin­det.

Wenn ei­ner Ih­rer Wett­be­wer­ber ei­nen neu­en Sport­wa­gen kon­stru­iert, ist der 911er im­mer die Bench­mark re­spek­ti­ve die Mess­lat­te. Ha­ben Sie ei­ne Er­klä­rung, war­um dann kei­ner wagt, ei­nen Heck­mo­tor-Sport­wa­gen zu bau­en, son­dern im­mer Mit­tel- oder Front­motorKon­zep­te an­tre­ten?

Das müs­sen Sie nicht mich fra­gen, son­dern un­se­re Wett­be­wer­ber. Wir sind mit dem Heck­mo­tor je­den­falls sehr zu­frie­den. Und was noch wich­ti­ger ist: Er be­geis­tert seit mehr als ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert die Neu­nel­fer-Kun­den. Das von Fer­di­nand Alex­an­der Por­sche ent­wi­ckel­te Fahr­zeug­kon­zept war ein Ge­nie­streich. Es ist nicht nur ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal des 911. Es bie­tet un­se­ren In­ge­nieu­ren vor al­lem auch ein un­er­schöpf­li­ches Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al. Das kommt nicht zu­letzt in der ho­hen Zahl der El­fer-De­ri­va­te zum Aus­druck. Län­ger als 50 Jah­re mit ei­nem Mo­dell an der Spit­ze ei­nes Seg­ments zu ste­hen, das hat in der Welt des Au­to­mo­bils bis­her noch nie­mand ge­schafft.

Kom­men wir zur Wirt­schaft. Por­sche ver­kauf­te im ver­gan­ge­nen Jahr rund 238.000 Au­tos – bei ei­nem sa­gen­haf­ten Ge­winn von 3,9 Mil­li­ar­den Eu­ro. Gro­ße Vo­lu­men­sprün­ge wie mit Ma­can oder Cay­enne wer­den in den nächs­ten Jah­ren aber nicht mög­lich sein?

Wir sind auf Er­folgs­kurs und bie­ten un­se­ren Kun­den ak­tu­ell das at­trak­tivs­te und viel­fäl­tigs­te Mo­dell­pro­gramm un­se­rer Un­ter­neh­mens­ge­schich­te an. Das spie­gelt sich auch in un­se­rem Ge­schäfts­er­geb­nis wi­der. Nach Jah­ren des ra­san­ten Wachs­tums wach­sen wir jetzt et­was mo­de­ra­ter, bis wir En­de des Jahr­zehnts mit dem Mis­si­on E den ers­ten rein elek­trisch be­trie­be­nen Por­sche prä­sen­tie­ren. Er wird für ei­nen neu­en Schub sor­gen.

Der­zeit be­steht das Por­sche-Pro­dukt­port­fo­lio aus fünf Mo­dell­rei­hen. In Ih­rer Stra­te­gie für 2025 spra­chen Sie zu­dem un­längst von ei­nem Mo­dell­feu­er­werk. Kön­nen Sie da­zu schon et­was mehr ver­ra­ten? Gibt es bei­spiels­wei­se ein SUV-Cross­over?

Wir ent­wi­ckeln un­se­re Mo­dell­pa­let­te kon­se­quent in vier Di­men­sio­nen wei­ter. Ers­tens wer­den wir rein elek­trisch an­ge­trie­be­ne Fahr­zeu­ge mit ho­hem Di­gi­ta­li­sie­rungs­grad an­bie­ten. Zwei­tens er­gän­zen wir un­se­re be­ste­hen­de Mo­dell­pa­let­te um sinn­vol­le und ge­frag­te De­ri­va­te. Drit­tens ha­ben wir vor, im­mer wie­der und ganz ge­zielt neue, stra­ßen­taug­li­che Renn­wa­gen zu brin­gen. Und vier­tens wer­den wir wei­te­re, be­son­ders pu­ris­ti­sche Sport­wa­gen-Mo­del­le in un­ser Pro­dukt­port­fo­lio auf­neh­men. Kon­kre­te Pro­dukt­neu­hei­ten wer­de ich heu­te nicht ver­ra­ten, aber Sie dür­fen ge­spannt sein. Ein High­light steht kurz be­vor.

Por­sche steht auf der ei­nen Sei­te für pu­ris­ti­sche Fahr­zeu­ge, auf der an­de­ren für In­no­va­tio­nen und Mo­der­ni­tät. Wie viel Di­gi­ta­li­sie­rung – Stichwort Con­nec­ted Car und au­to­ma­ti­sier­tes Fah­ren – wer­den Sie dem Por­scheKun­den künf­tig bie­ten?

Mit der neu­en Ge­ne­ra­ti­on des Pan­ame­ra sind wir be­reits kon­se­quent die nächs­ten Schrit­te im Be­reich der As­sis­tenz­sys­te­me ge­gan­gen. In­noD­ri­ve ist ein Bei­spiel da­für, wie wir die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten Por­sche-ty­pisch ap­pli­zie­ren. Um sich ei­nen Über­blick über den Ver­kehr zu ver­schaf­fen, nutzt das Sys­tem im We­sent­li­chen die Ra­dar­sen­so­rik und den Spur­hal­teas­sis­ten­ten für die Sei­ten- und die Längs­füh­rung in Kom­bi­na­ti­on mit hoch­prä­zi­sen 3D-Stre­cken­da­ten aus dem Na­vi­sys­tem. Wir ver­schlie­ßen uns nicht dem au­to­no­men Fah­ren; im Stau oder beim Par­ken ge­ben selbst Por­sche-Fah­rer das Lenk­rad gern mal ab. Aber selbst­ver­ständ­lich ist es bei ei­nem Por­sche so, dass erst der Fah­rer und sein Fahr­er­leb­nis im Mit­tel­punkt ste­hen. Denk­bar wä­re zum Bei­spiel ei­ne Mark-Web­ber-App, die das au­to­no­me Fah­ren Por­sche-ty­pisch neu in­ter­pre­tiert. Man lädt sich die App aus dem Netz, und ein vir­tu­el­ler Mark Web­ber chauf­fiert Sie dann als In­struk­teur und Coach rund um die Nür­burg­ring-Nord­schlei­fe.

Mit dem Pan­ame­ra Plu­gin-Hy­brid und der Stu­die Mis­si­on E wur­de bei Por­sche die E-Mo­bi­li­tät ein­ge­läu­tet. Da­bei wird es aber nicht blei­ben, oder?

Selbst­ver­ständ­lich wer­den in Zu­kunft rein elek­trisch be­trie­be­ne Fahr­zeu­ge noch wich­ti­ger. Für die nächs­ten Jah­re se­hen wir je­doch noch ei­nen Drei­klang in Be­zug auf die An­triebs­kon­zep­te: Wir wer­den mit wei­ter op­ti­mier­ten Ver­bren­nungs­mo­to­ren an den Start ge­hen, bie­ten sehr at­trak­ti­ve Hy­brid­mo­del­le an und brin­gen En­de des Jahr­zehnts den ers­ten rein elek­trisch be­trie­be­nen Sport­wa­gen auf den Markt. Auch hier steht die sport­li­che Aus­le­gung im Vor­der­grund. E-Mo­bi­li- tät und Per­for­mance sind für uns kein Wi­der­spruch, im Ge­gen­teil. Mit der Mi­schung aus die­sen drei An­triebs­ar­ten sind wir gut auf­ge­stellt. Un­ser Selbst­ver­ständ­nis ist, Fahr­zeu­ge so um­welt­ge­recht wie mög­lich zu ge­stal­ten. Und das nicht nur, um die ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen, vor al­lem was den CO2Aus­stoß be­trifft, zu er­fül­len. Üb­ri­gens wer­den wir den Mis­si­on E CO2-neu­tral in un­se­rem Stamm­werk Zuf­fen­hau­sen pro­du­zie­ren.

Noch ein­mal zu Ih­rer Stra­te­gie 2025: Dar­in for­mu­lier­ten Sie, dass bis 2025 mehr als 25 Pro­zent der Por­sche-Mo­del­le elek­trisch fah­ren und das Un­ter­neh­men bis da­hin mit Mo­bi­li­täts­diens­ten ei­nen Um­satz von 500 Mil­lio­nen Eu­ro er­wirt­schaf­ten will. Was be­deu­tet das im De­tail?

So genau ha­ben wir das nicht for­mu­liert. Aber es stimmt schon: Por­sche nimmt die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen, die mit dem ra­san­ten Wan­del in un­se­rer Bran­che ein­her­ge­hen, selbst­be­wusst an. Wir stel­len uns den sich stän­dig ver­än­dern­den Rah­men­be­din­gun­gen und ge­stal­ten die Mo­bi­li­tät der Zu­kunft ak­tiv mit. Pro­dukt­sei­tig set­zen wir da­bei auf un­se­re Tra­di- ti­on und ver­bin­den die­se mit neu­en, in­no­va­ti­ven Tech­no­lo­gi­en zum Sport­wa­gen der Zu­kunft. Der Mis­si­on E ist nur ein ers­ter Schritt, dem wei­te­re fol­gen wer­den. Dar­über hin­aus ent­wi­ckeln wir im Zu­ge der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on auch neue Di­enst­leis­tun­gen, die zu un­se­rer Mar­ke pas­sen und un­se­ren Kun­den ei­nen ech­ten Mehr­wert bie­ten. Des­sen un­ge­ach­tet wird Por­sche aber im Kern ei­ne Sport­wa­gen­mar­ke mit ho­her Fas­zi­na­ti­ons­kraft blei­ben. Wir wer­den auch in Zu­kunft pu­ris­ti­sche, zwei­tü­ri­ge Sport­wa­gen wie den El­fer an­bie­ten.

Es gibt Stim­men, die schon vom En­de des Ver­bren­nungs­mo­tors in fer­ner Zu­kunft spre­chen. Ist ein 911er oh­ne Ver­bren­nungs­mo­tor vor­stell­bar? Und ist Por­sche oh­ne 911er über­haupt vor­stell­bar?

Ent­schei­dend ist, was sich un­se­re Kun­den vor­stel­len, wenn sie an Por­sche den­ken. Der 911 ist ein Ver­wand­lungs­künst­ler. Auf­bau­end auf sei­nem Grund­kon­zept, das sich seit den 60er-Jah­ren nicht ver­än­dert hat, ha­ben un­se­re In­ge­nieu­re ihn im­mer wie­der an neue Er­for­der­nis­se an­ge­passt. So ist er heu­te ein zeit­ge­mä­ßer, mo­der­ner und fas­zi­nie­ren­der Sport­wa­gen, der sich über ei­ne welt­weit sehr re­ge Nach­fra­ge freu­en kann. Das ma­chen die Aus­lie­fe­run­gen von mehr als 32.000 Ein­hei­ten im Ge­schäfts­jahr 2016 deut­lich. Fer­ry Por­sche hat einst pro­phe­zeit: „Das letz­te Au­to, das je­mals ge­baut wird, wird ein Sport­wa­gen sein.“Ich wür­de hier noch ei­nen Schritt wei­ter ge­hen: Es wird ein Por­sche sein – ein Por­sche 911. Ob mit Ver­bren­nungs­mo­tor oder mit Elek­tro­an­trieb, das wird sich auf lan­ge Sicht zei­gen. Wich­tig ist nur ei­nes: Por­sche bleibt Por­sche.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.