Ober­klas­se-Li­mou­si­nen Au­di

Der neue VW Ar­te­on ist deut­lich mehr als ein Pas­sat im ed­len Zwirn und macht im ers­ten Ver­gleich mit dem eta­blier­ten Au­di A7 Sport­back und dem über­ar­bei­te­ten Ja­gu­ar XF mit neu­em Bi­tur­bo ei­ne rich­tig gu­te Fi­gur

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Michael God­de

A7 Sport­back · Ja­gu­ar XF · VW Ar­te­on – Ver­gleich

D esign ver­kauft sich gut. Zu­min­dest dringt die­se The­se aus je­der Mar­ken­ting­zen­tra­le. Ver­steht sich aber doch auch ir­gend­wie von selbst. Wer will schon ein häss­li­ches oder lang­wei­li­ges Au­to fah­ren? Nie­mand! Aber nicht im­mer steht dem an­spre­chen­den Äu­ße­ren ei­nes Au­tos auch ei­ne in­halt­li­che Qua­li­tät ge­gen­über. VW bringt beim neu­en Ar­te­on al­ler­dings ge­konnt bei­de Aspek­te zu­sam­men. Da­mit sich das schi­cke, vier­tü­ri­ge Cou­pé auf Ba­sis des Pas­sat er­folg­reich in die an­vi­sier­te Ober­klas­se stre­cken kann, spen­diert Volks­wa­gen dem neu­en Fa­mi­li­en­mit­glied ei­nen fünf Zen­ti­me­ter län­ge­ren Rad­stand, den der Kon­zern auch beim Sko­da Su­perb oder bei asia­ti­schen VW-Pro­duk­ten nutzt. Der Ef­fekt ist be­ein­dru­ckend. Zum ei­nen wir­ken die Pro­por­tio­nen der äu­ßerst at­trak­ti­ven Ka­ros­se­rie deut­lich aus­ge­wo­ge­ner als bei der Pas­sat- Li­mou­si­ne: Bei je­dem Stopp der Test-Mann­schaft blei­ben die Blicke der Pas­san­ten an ihm haf­ten. Sei­ne schar­fen Li­ni­en steh­len Au­di A7 Sport­back und Ja­gu­ar XF die Show. Der Ar­te­on ge­fällt. Aber das nur am Ran­de. Zum an­de­ren bie­tet der VW vor al­lem Platz. Da­von pro­fi­tie­ren in ers­ter Li­nie die Fond-Pas­sa­gie­re. We­der der Au­di noch der Ja­gu­ar kön­nen mit ei­ner so üp­pi­gen Bein­frei­heit auf­war­ten. Das klei­ne Drei- eck­fens­ter in der C-Säu­le des vier­tü­ri­gen Cou­pés schafft zu­dem ei­nen Hauch Lounge-Am­bi­en­te. Le­dig­lich die bes­ser auf­ge­pols­ter­ten und mit gu­ter Kon­tur ge­form­ten Sit­ze des Au­di feh­len dem VW im Fond. Der ge­gen die bei­den Schräg­heck-Li­mou­si­nen klassisch ge­zeich­ne­te Ja­gu­ar wirkt in der zwei­ten Rei­he da­ge­gen nüch­tern. Er bie­tet we­der den Platz des Wolfs­bur­ger Ober­klas­se-De­bü­tan­ten, noch den ge­die­ge­nen Sitz-

Der VW Ar­te­on über­zeugt mit sei­nem per­fekt ab­ge­stimm­ten Fahr­werk

kom­fort des ed­len In­gol­städ­ters. Dis­tan­ziert sich der Ar­te­on im Fond deut­lich vom Pas­sat, fin­den Fah­rer und Bei­fah­rer hin­ge­gen des­sen be­währ­te Ar­chi­tek­tur vor. Et­was Fein­schliff an den Zier­leis­ten über dem Hand­schuh­fach und ei­ne neue Mul­ti­me­dia-Ein­heit, mehr Auf­wer­tung gibt es im Cock­pit nicht. Ei­ne kla­re Dif­fe­ren­zie­rung zum Pas­sat wä­re hier wün­schens­wert, schließ­lich sieht der Be­sit­zer sein Au­to meist vom Fah- rer­platz aus. Selbst das im Ver­gleich zu Pas­sat, A7 so­wie XF deut­lich grö­ße­re ma­xi­ma­le Kof­fer­raum­vo­lu­men von 1557 Li­tern ist kein Aus­gleich für die feh­len­de No­bles­se im In­nen­raum. Dass der Ar­te­on in der Ober­klas­se den­noch für viel Wir­bel sor­gen wird, zeigt er auf der Stra­ße. Wäh­rend op­tio­na­le 20-Zoll-Rä­der in den meis­ten Fäl­len die Op­tik auf­wer­ten, aber den Kom­fort dras­tisch schmä­lern, hat VW die­sen Kon­flikt ge­konnt auf­ge­löst. Ein­sei­ti­ge Kan­ten am Fahr­bahn­rand oder Qu­er­fu­gen über die gan­ze Spur, die beim Au­di von der Vor­der­ach­se sehr or­dent­lich ver­ar­bei­tet wer­den und vom Ja­gu­ar deut­li­cher, aber auch oh­ne Här­te an die In­sas­sen wei­ter­ge­reicht wer­den, spie­len im Ar­te­on kei­ne Rol­le. Sie wer­den na­he­zu voll­stän­dig vom fei­nen Fahr­werks-Set-up aus­ge­gli­chen. Der Volks­wa­gen glei­tet im Kom­fort­mo­dus mit lu­xu­ri­ös sanf-

ter Ab­stim­mung durchs Land und bleibt da­bei auch aus­ge­spro­chen lei­se. We­der Fahr­werks­ge­räu­sche noch An­triebs­ge­räu­sche stö­ren die Fahrt. Hier spielt der Ar­te­on in der Li­ga des be­kann­ter­ma­ßen gut ge­dämm­ten A7. Der Ja­gu­ar gibt sich bei Ge­räu­schen und Fahr­werks­dämp­fung ein Quänt­chen mit­teil­sa­mer. Ins­be­son­de­re sein neu­er 240-PS-Bi­tur­bo ar­bei­tet mit ei­nem här­te­ren Ver­bren­nungs­ge­räusch als der gleich star­ke Trieb­satz im VW. Das klassisch-läs­si­ge Ober­klas­se-Mo­to­ren­ge­fühl ver­mit­telt aber nur der kul­ti­viert und lauf­ru­hig ar­bei­ten­de V6-Tur­bo­die­sel im A7.

Die Vier­zy­lin­der ver­brau­chen mehr Sprit als der V6

Oh­ne­hin macht der gro­ße Mo­tor im Bug des Au­di trotz al­ler Down­si­zing-Eu­pho­rie ne­ben den bei­den Zwei­li­ter-Vier­zy­lin­dern ei­ne gu­te Fi­gur. Er ver­wöhnt ne­ben sei­ner fei­nen Lauf­kul­tur und sei­nem bul­li­gen, lang­an­hal­ten­den Dreh­mo­ment­schwung auch mit dem – laut tech­ni­schen Da­ten – nied­rigs­ten EU-Ver­brauch von ma­ge­ren 5,3 Li­ter Die­sel auf 100 Ki­lo­me­tern. Der vor al­lem von un­ten satt an­schie­ben­de Selbst­zün­der im Ja­gu­ar ver­braucht be­reits 5,5 Li­ter Kraft­stoff. Aber dass der Neu­ling in die­sem Trio ei­nen EU-Ver­brauch von 5,9 Li­tern ver­spricht, ist ver­wun­der­lich. Schon der nach der ers­ten Test­fahrt vom Bord­com­pu­ter ab­ge­le­sen Ver­brauch lag bei rund acht Li­tern – al­ler­dings bei al­len drei Li­mou­si­nen. Hier muss ein har­ter Ver­gleichs­test zei­gen, wo sich die Ver­bräu­che auf un­se­rer Test­stre­cke wirk­lich ein­pen­deln. Auf der Ha­ben­sei­te des 240-PSBi­tur­bos im Ar­te­on steht das brei­te Leis­tungs­spek­trum. Er drückt den VW sou­ve­rän aus nied­ri­gen Dreh­zah­len vor­an, re­agiert schnell auf Gas­pe­dal­be­feh­le und wirkt bei ho­hen Dreh­zah­len leicht­fü­ßi­ger als die Mo­to­ren in Au­di und Ja­gu­ar. Wie der In­gol­städ­ter ver­teilt der Wolfs­bur­ger sei­ne Kraft aus­schließ­lich per Sie­ben­gang-Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be und All­rad­an­trieb an die Rä­der. Der Ja­gu­ar nutzt ei­ne Acht­stu­fen-Au­to­ma­tik und All­rad­an­trieb, lässt sich aber auch mit Heck­an­trieb or­dern. Ne­ben der kom­for­ta­blen Gan­gart prä­sen­tiert sich der schi­cke Ar­te­on auf der an­de­ren Sei­te auch aus­ge­spro­chen dy­na­misch. Sei­ne ad­ap­ti­ven Dämp­fer (op­tio­nal) las­sen sich stu­fen­los per Fin­ger­strich über den neu­en Touch­screen individuell an­pas­sen. Sind al­le Pa­ra­me­ter von Len­kung, Fahr­werk und An­triebs­strang auf Dy­na­mik ge­trimmt, wird der VW zum Sport­wa­gen. Er lenkt spon­tan ein, bleibt da­bei ex­trem prä­zi­se und ver­mit­telt zu­dem ein tol­les Feed­back über sei­ne Pro­gres­siv­len­kung. Der Au­di trägt deut­lich mehr Last auf der Vor­der­ach­se, und wirkt da­durch nicht ganz so leicht­fü­ßig in Wech­sel­kur­ven. Dem XF fehlt die Aus­ge­wo­gen­heit des Ar­te­on. Er re­giert ner­vö­ser auf Lenk­be­feh­le und lässt sich von Une­ben­hei­ten stär­ker an­re­gen als der satt lie­gen­de VW. Auch bei der Si­cher­heits­aus­stat­tung setzt sich der Wolfs­bur­ger ab. Der Ar­te­on ver­fügt über die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on der au­to­ma­ti­schen Dis­tanz­re­ge­lung (op­tio­nal). Das Sys­tem blickt vor­aus und passt die Ge­schwin­dig­keit vor Kreis­ver­keh­ren, Kreu­zun­gen oder ganz sim­pel bei Tem­po­li­mits selbst­stän­dig an. Der neue Emer­gen­cy As­sist (op­tio­nal) bremst den Wa­gen eben­falls selbst­stän­dig ab und lenkt ihn – so­weit es der Ver­kehr zu­lässt – an den rech­ten Fahr­bahn­rand, soll­te der Fah­rer aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den aus­fal­len. Die­se Fea­tu­res bie­tet die Kon­kur­renz so noch nicht an. Aber der Ar­te­on 2.0 TDI SCR 4Mo­ti­on kos­tet auch min­des­tens 51.600 Eu­ro und ist da­mit de­fi­ni­tiv in der Ober­klas­se an­ge­kom­men. Der Ja­gu­ar ist nur 360 Eu­ro teu­rer. Zum Au­di bleibt da­ge­gen noch ein Re­spekt­ab­stand von fast 8000 Eu­ro.

FA­ZIT: Der VW Ar­te­on über­zeugt als Neu­ling in der Ober­klas­se mit sei­nem kom­for­ta­blen so­wie dy­na­mi­schen Fahr­werks-Set-up, dem sprit­zi­gen An­triebs­strang und viel Platz. Das In­te­ri­eur dürf­te sich al­ler­dings kla­rer von dem des Pas­sat dif­fe­ren­zie­ren.

Schnör­kel­lo­se Ar­chi­tek­tur im et­was en­ge­ren In­nen­raum des Bri­ten

Der Ja­gu­ar ver­fügt – wie Ar­te­on und S7 – über ei­ne auf­wän­di­ge Ab­gas­nach­be­hand­lung

Der Vier­zy­lin­der-Bi­tur­bo­die­sel ge­fällt mit sat­tem Dreh­mo­ment

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