Team­stra­te­gie So sieg­te di Gras­si in Me­xi­ko

In ei­ner aus­sichts­lo­sen Si­tua­ti­on ge­lang Abt/Scha­eff­ler-Pi­lot Lu­cas di Gras­si beim GP von Me­xi­ko ein un­er­war­te­ter Sieg – dank ge­wief­ter Stra­te­gie und cle­ve­rem Ener­gie­ma­nage­ment

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gre­gor Mes­ser

D ie­ser vier­te Lauf zur Meis­ter­schaft 2016/17 geht als ei­ner der denk­wür­digs­ten in der noch jun­gen, aber auf­re­gen­den Ge­schich­te der For­mel E ein. Das Ren­nen auf der auf 2,093 Ki­lo­me­ter ver­kürz­ten Grand-Prix-Stre­cke im Her­zen von Me­xi­ko Ci­ty ent­wi­ckel­te sich zu ei­nem Thril­ler – vor al­lem für und we­gen Lu­cas di Gras­si. Das Qua­li­fy­ing über ei­ne Run­de, in der den For­mel-E-Mo­no­pos­tos ei­ne Leis­tung von 200 kW statt wie im Ren­nen 170 kW zur Ver­fü­gung steht, ging für den Bra­si­lia­ner tüch­tig da­ne­ben. „Ich hat­te in der Aus­lo­sung die fal­sche Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe er­wischt“, er­zählt di Gras­si. „Die Stre­cke war noch schmut­zig und rut­schig, der Wind hat­te ge­dreht. Für die ers­ten zwei, drei Pi­lo­ten war es be­son­ders schwie­rig.“Wäh­rend sich Ti­tel­ri­va­le Bu­emi noch im vor­de­ren Mit­tel­feld qua­li­fi­zie­ren konn­te, „stand ich nur auf Platz 15 im Nir­gend­wo“, sagt di Gras­si. Für die sehr pro­fes­sio­nel­le Abt-Scha­eff­lerT­rup­pe war das al­ler­dings kein Grund, die Köp­fe hän­gen zu las­sen. Schließ­lich hat­te sie ja schon beim Auf­takt im Ok­to­ber in Hong­kong de­mons­triert, was stra­te­gisch mach­bar ist: Dort wur­de di Gras­si vom vor­letz­ten Start­platz aus glän­zen­der Zwei­ter. „Wir spie­len im­mer meh­re­re Sze­na­ri­en durch“, er­klärt Ren­nin­ge­nieur Fran­co Chioc­chet­ti. „De­fen­si­ve Stra­te­gi­en, wenn man von wei­ter vorn star­tet, ag­gres­si­ve Stra­te­gi­en, wenn man von wei­ter hin­ten star­tet und ei­gent­lich nichts mehr zu ver­lie­ren hat.“

25 Pro­zent Ener­gie ver­schenkt

Nach gu­tem Start, bei dem er so­fort Plät­ze gut­mach­te, wur­de di Gras­si in der ers­ten en­gen Pas­sa­ge Op­fer des Fla­schen­hals-Ef­fekts: Ein Ri­va­le traf ihn ve­he­ment im Heck. Der Heck­flü­gel bau­mel­te fort­an be­denk­lich, ein Stopp zum Wech­sel des Bau­teils war un­ver­meid­lich. Doch das Sa­fe­ty­Car muss­te we­gen ei­nes Un­falls das Feld ein­sam­meln. So war di Gras­si zu­min­dest noch im Hin­ter­feld da­bei. Dann je­doch, in der 16. von 45 Run­den, muss­te das

Sa­fe­ty­Car er­neut auf die Pis­te – für das Ab­tScha­eff­ler-Team der Mo­ment der ag­gres­si­ven Stra­te­gie. Der Bra­si­lia­ner wur­de er­neut an die Box be­or­dert – dies­mal zum ob­li­ga­to­ri­schen Tausch in den zwei­ten Wa­gen mit voll ge­la­de­ner Bat­te­rie. Gro­ßes Man­ko: Die Pflicht­stopp kam für di Gras­si zu früh. „Wir muss­ten Ener­gie ver­schen­ken“, sagt Chioc­chet­ti. Von der Ener­gie­men­ge von 28 kw/ h, die je­dem Fah­rer pro Mo­no­pos­to zur Ver­fü­gung steht, hat­te di Gras­si sie­ben kw/ h noch nicht ge­nutzt – al­so 25 Pro­zent. Er muss­te al­so mit sei­nem zwei­ten Ein­satz­au­to be­son­ders en­er­gie­spa­rend fah­ren und ver­su­chen, je­ne 25 Pro­zent Ener­gie gut­zu­ma­chen, die er im ers­ten Wa­gen un­ge­nutzt ließ, sonst wür­de er die Dis­tanz nicht schaf­fen. Vor­teil: Bis auf ei­nen Kon­kur­ren­ten ver­zich­te­ten die an­de­ren Fah­rer auf die­sen ge­wag­ten frü­hen Wech­sel­stopp. Als bei Halb­zeit die Ri­va­len in ih­re zwei­ten Au­tos spran­gen, führ­te di Gras­si mit über 30 Se­kun­den Vor­sprung. Das Kal­kül des Teams schien lo­cker auf­zu­ge­hen – hät­te da nicht in Run­de 28 das Sa­fe­ty­Car das Feld ein drit­tes Mal zu­sam­men­ge­führt. Lu­cas di Gras­si, der im­mer noch deut­lich Ener­gie spa­ren muss­te, ge­lang es den­noch, vorn zu blei­ben – auch weil sein di­rek­ter Ver­fol­ger Jé­rô­me D’Am­bro­sio ge­schickt die An­grei­fer block­te. Di Gras­sis Ver­brauch­strick: Er hol­te so viel Ener­gie wie mög­lich bei der Re­ku­pe­ra­ti­on an der Hin­ter­ach­se zu­rück, in­dem er fast aus­schließ­lich mit Hil­fe des Elek­tro­mo­tors brems­te. Ei­ne Maß­nah­me, die ex­trem schwie­rig zu be­herr­schen ist, sich letzt­lich aber aus­zahl­te: „Ich hät­te nie ge­dacht, dass ich die­ses Ren­nen noch ge­win­nen könn­te. Ein klei­nes Wun­der“, sagt di Gras­si. Was den Tri­umph noch ver­süß­te: Erz­ri­va­le Bu­emi blieb oh­ne Punk­te.

Gro­ßer Ju­bel: Auf dem Po­di­um fei­ert die ge­sam­te Abt-Trup­pe samt Ver­ant­wort­li­chen von Scha­eff­ler und Au­di aus­ge­las­sen. Ty­pisch Abt: Auch die ge­schla­ge­nen Kon­kur­ren­ten Sam Bird und Je­an-Eric Ver­g­ne (u. l.) dür­fen mit aufs Sie­ger­fo­to

Hier noch un­ter fer­ner lie­fen: In der Are­na von Me­xi­ko Ci­ty hat sich di Gras­si be­reits vom letz­ten auf den 18. Rang vor­ge­kämpft

Mus­tergül­tige Zu­sam­men­ar­beit: Di Gras­sis Ren­nin­ge­nieur Fran­co Chioc­chet­ti war frü­her in der DTM er­folg­reich und ar­bei­tet seit über 16 Jah­ren bei Ab­tS­ports­li­ne

Die Run­den­ta­bel­le von Lu­cas di Gras­si in Me­xi­ko: die zwei­te Sa­fe­ty­Car-Pha­se (16. bis 19. Run­de) er­mög­lich­te ei­ne ag­gres­si­ve Stra­te­gie, nach­dem er zu Be­ginn Letz­ter war

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