Klein­wa­gen

Der Seat Ibi­za ist der Vor­bo­te ei­ner kom­plett neu­en Klein­wa­gen-Ge­ne­ra­ti­on aus dem VW-Kon­zern. Doch wie gut ist der Spa­nier wirk­lich? Die­se Fra­ge klärt der Ver­gleichs­test ge­gen den Hy­un­dai i20 und den kurz vor der Ab­lö­sung ste­hen­den VW Po­lo

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Mar­cel Küh­ler FO­TOS Daniela Loof ]

Hy­un­dai i20 · Seat Ibi­za · VW Po­lo

Der neue Seat Ibi­za baut auf ei­ner ver­klei­ner­ten Va­ri­an­te des so­ge­nann­ten Mo­du­la­ren Qu­er­bau­kas­tens (MQB) auf. Die­ses be­reits in der Kom­pakt­klas­se seit Jah­ren an­ge­wen­de­te tech­ni­sche Fun­da­ment soll ne­ben güns­ti­gen Pro­duk­ti­ons­kos­ten ein nied­ri­ges Fahr­zeug­ge­wicht, über­durch­schnitt­li­che Kom­fort­ei­gen­schaf­ten und ei­ne gu­te Raum­aus­nut­zung im In­te­ri­eur ga­ran­tie­ren – so die Theo­rie. Doch wel­che Vor­zü­ge of­fen­bart der Neu­ling in der Pra­xis? Als ers­te Geg­ner war­ten der be­währ­te VW Po­lo, des­sen gleich­falls auf dem MQB A0 ba­sie­ren­der Nach­fol­ger auf der IAA im Sep­tem­ber Pre­mie­re fei­ern wird, so­wie der er­folg­rei­che Hy­un­dai i20. Der seit En­de 2014 an­ge­bo­te­ne Ko­rea­ner hat sich vom Start weg als Ver­gleichs­test- Se­ri­en­sie­ger eta­bliert und gilt der­zeit als die Re­fe­renz im Seg­ment. Ob der neue Seat dar­an et­was än­dern kann?

Ka­ros­se­rie

Die Neu­auf­la­ge des Ibi­za hat ge­gen­über ih­rem di­rek­ten Vor­gän­ger in der Brei­te um sat­te 87 Mil­li­me­ter zu­ge­legt. Gleich­zei­tig wuchs der Rad­stand um 95 auf 2564 Mil­li­me­ter. Da­von pro­fi­tie­ren die Fahr­gäs­te im In­nen­raum merk­lich. Vorn und hin­ten bie­tet der Spa­nier deut­lich mehr Brei­te als et­wa der recht schma­le Po­lo und rückt so­mit dem für die Fahr­zeug­klas­se sehr groß­zü­gig ge­schnit­te­nen i20 nah auf den Leib. Die­ser stellt je­doch noch et­was mehr Kopf­frei­heit be­reit. Da­für ver­fügt der Seat über den größ­ten Kof­fer­raum. Mit 355 bis ma­xi­mal 1165 Li­tern schluckt die­ser fast so viel Ge­päck wie so man­ches Kom­pakt­mo­dell. Der Po­lo hat mit 280 bis 952 Li­tern deut­lich we­ni­ger zu bie­ten. Und auch der i20 eig­net sich mit sei­nen 326 bis 1042 Li­tern et­was we­ni­ger für an­spruchs­vol­le Trans­port­auf­ga­ben. We­ni­ger gut: Oh­ne den op­tio­na­len va­ria­blen La­de­bo­den (195 Eu­ro, er­hält­lich ab Aus­stat­tung Style), ent­steht beim um­le­gen der Fond­sitz­leh­nen des Ibi­za ei­ne un­schö­ne Stu­fe, die das Ein­la­den län­ge­rer Ge­gen­stän­de er­schwert. Kei­ne Stol­per­stei­ne gibt es der­weil bei der Funk­tio­na­li­tät. Für Seat, Hy­un­dai und VW gilt: Der Bord- com­pu­ter, die Kli­ma­ti­sie­rung und die sons­ti­gen Fahr­zeug-Ein­stel­lun­gen las­sen sich dank ein­deu­tig be­schrif­te­ter Tas­ten und Reg­ler be­zie­hungs­wei­se ein­fa­cher Me­nü­füh­rung in­tui­tiv be­die­nen. Nur die Icons der Funk­ti­ons­tas­ten am ed­len Na­vi­sys­tem Plus (815 Eu­ro), die üb­ri­gens als Touch­flä­chen aus­ge­führt sind, wir­ken im Ibi­za an­fangs et­was kryp­tisch. Als neu­es­tes Fahr­zeug im Test bie­tet der Spa­nier die um­fang­reichs­te Si­cher­heits­aus­stat­tung. So ge­hört bei ihm et­wa ein Not­brems­as­sis­tent mit Per­so­nen­er­ken­nung zum Aus­lie­fe­rungs­stan­dard. Fea­tu­res wie ein Mü­dig­keits­war­ner oder ein au­to­no­mer Stau-Fol­ge­fahras­sis­tent sind zu­min­dest ge­gen Auf­preis er­hält­lich. Die Si­cher­heits­aus­stat­tung des Po­lo kann sich dank ge­ziel­ter Mo­dell­pfle­ge­maß­nah­men im­mer noch se­hen las­sen. Sie um­fasst auf Wunsch un­ter an­de­rem ei­nen au­to­no­men Not­brems- oder ei­nen No­t­ru­fas­sis­ten­ten, wäh­rend der i20-Fah­rer na­he­zu kom­plett auf sich ge­stellt ist. Mo­der­ne As­sis­tenz­sys­te­me sind für den Ko­rea­ner mit Aus­nah­me ei­ner Spur­ver­las­sens­war­nung der­zeit nicht ver­füg­bar. Trotz sei­nes ge­ho­be­nen Al­ters bleibt der seit 2009 an­ge­bo­te­ne VW der­weil dank der ed­len Ma­te­ria­li­en und pe­ni­blen Ver­ar­bei­tung der Maß­stab in Sa­chen Wer­tig­keit. Der Ibi­za ist zwar ähn­lich ak­ku­rat zu­sam­men­ge­baut, aber er weist – wie auch der Hy­un­dai – ei­nen deut­lich hö­he­ren Hart­plas­ti­k­an­teil im In­te­ri­eur auf.

Fahr­kom­fort

Die Fe­de­rung des Seat Ibi­za be­weist, dass sich ei­ne sport­lich­straf­fe Gr­und­ab­stim­mung und ei­ne ge­wis­se Schluck­freu­dig­keit kei­nes­wegs aus­schlie­ßen müs­sen. Im Ge­gen­teil, der er­wach­sen wir­ken­de Spa­nier liegt auf der Au­to­bahn weit­ge­hend ru­hig und gleicht selbst gro­be An­re­gun­gen wir­kungs­voll aus. Auch das nied-

Den leich­tes­ten und schwers­ten Test­kan­di­da­ten tren­nen im Leer­ge­wicht nur 52 Ki­lo­gramm

ri­ge Ge­räusch­ni­veau im In­nen­raum ist dem Langstre­cken­kom­fort zu­träg­lich. Im Hy­un­dai geht es in fast al­len Tem­po­be­rei­chen lau­ter zu. Da­für fe­dert der Ko­rea­ner auf klei­ne­ren Fahr­bahn­schä­den oder Kopf­stein­pflas­ter noch et­was sen­si­bler an. Dem Po­lo merkt man beim Fe­de­rungs­kom­fort das ho­he Al­ter an. Vor al­lem die Hin­ter­ach­se re­agiert auf die meis­ten mitt­le­ren bis gro­ben Une­ben­hei­ten sehr höl­zern, und auch klei­ne­re An­re­gun­gen wer­den teils nur un­zu­rei­chend ver­ar­bei­tet. Zu­dem bie­tet das Se­t­up des Wolfs­bur­gers die ge­rings­ten Re­ser­ven und ge­rät bei vol­ler Be­la­dung schnel­ler an sei­ne Gren­zen als die Fe­der-Dämp­fer-Ele­men­te der Kon­kur­renz.

Mo­tor / Ge­trie­be

Der Hy­un­dai i20 und der Seat Ibi­za set­zen je­weils auf ei­nen mo­der­nen Drei­zy­lin­der-Tur­bo mit ei­nem Li­ter Hu­b­raum, wäh­rend un­ter der Hau­be des VW Po­lo ein 1,2 Li­ter gro­ßes Vier­zy­lin­der-Herz mit Tur­bo­auf­la­dung und 90 PS schlägt. Dies hat im Ver­gleich zu den Trieb­wer­ken sei­ner Wi­der­sa­cher leich­te Vor­tei­le im Be­reich der Lauf­kul­tur – vor al­lem der i20D­rei­zy­lin­der läuft ver­gleichs­wei­se rau. Doch in punc­to Fahr­leis­tun­gen hat der VW das Nach­se­hen. Ge­ra­de in den Elas­ti­zi­täts­prü­fun­gen hinkt der Po­lo, des­sen Mo­tor sei­ne Kraft haupt­säch­lich im mitt­le­ren Dreh­zahl­be­reich wir­kungs­voll ent­fal­tet, sei­nen Wett­strei­tern recht deut­lich hin­ter­her. Die ins­ge­samt mun­ters­ten Fahr­leis­tun­gen lie­fert der Hy­un­dai i20 – der mit glat­ten 100 PS stärks­te Klein­wa­gen im Test­feld. Ist ei­ne leich­te An­fahr­schwä­che erst ein­mal über­wun­den, zieht der Ko­rea­ner mun­ter von dan­nen. Den Stan­dard­sprint er­le­digt der Hy­un­dai in gu­ten 9,5 Se­kun­den. Und auch dar­über be­schleu­nigt der mit ei­nem Leer­ge­wicht von 1167 Ki­lo­gramm schwers­te Test­kan­di­dat am­bi­tio­niert wei­ter. Der 95 PS star­ke TSI des Seat Ibi­za be­rei­tet mit sei­ner spie­le­ri­schen Dreh­freu­de und dem sport­lich-

Der Seat Ibi­za ge­winnt mit ei­nem Ver­brauch von nur 5,5 Li­tern die Ef­fi­zi­enz­wer­tung

ker­ni­gen Klang in ho­hen Dreh­zahl­be­rei­chen viel Freu­de. Da­mit wirkt der Spa­nier tem­pe­ra­ment­vol­ler als et­wa sein Kon­zern­bru­der. Die­sem nimmt er in bei­den Elas­ti­zi­täts­prü­fun­gen je­weils rund ei­ne Se­kun­de ab. An die Fahr­leis­tun­gen des i20 kommt der Ibe­rer den­noch nicht her­an. Die Ef­fi­zi­enz­wer­tung ent­schei­det der Ibi­za mit ei­nem Durch­schnitts­ver­brauch von nur 5,5 Li­tern in­des für sich. Al­ler­dings be­nö­tigt der Vier­zy­lin­der des VW Po­lo mit 5,8 Li­tern auf 100 Ki­lo­me­tern nur un­we­sent­lich mehr Kraft­stoff. Mit durch­schnitt­lich 6,3 Li­tern trägt der Hy­un­dai die ro­te La­ter­ne in der Ver­brauchs­wer­tung. Durch sei­nen 50 Li­ter fas­sen­den Tank bringt er aber die größ­te Reich­wei­te mit.

Fahr­dy­na­mik

Dank sei­ner herr­lich di­rek­ten Len­kung und dem leicht­fü­ßi­gen Hand­ling macht der Ibi­za auf kur­vi­gen Stra­ßen viel Spaß. Kur­ven um­run­det der Neu­ling oh­ne gro­ße Sei­ten­nei­gung und bleibt da­bei lan­ge neu­tral, was auch die gu­te Per­for­mance in der Sla­lom­gas­se un­ter­mau­ert. Der Hy­un­dai wirkt durch sei­ne sehr leicht­gän­gi­ge Len­kung und die stär­ke­re Un­ter­steu­er­ten­denz et­was we­ni­ger agil. Auf dem Hand­ling­kurs lässt er den Po­lo, der auch hier mit sei­nem Leis-

tungs­man­ko zu kämp­fen hat, aber den­noch hin­ter sich. Ei­ne er­freu­li­che Ge­mein­sam­keit der flot­ten Klei­nen, die schließ­lich auch bei Fahr­an­fän­gern hoch im Kurs ste­hen, ist die aus­ge­präg­te Fahr­si­cher­heit. Ne­ben kräf­tig zu­pa­cken­den Brems­an­la­gen ver­fü­gen die drei über wir­kungs­vol­le, da­bei aber sanft re­geln­de elek­tro­ni­sche Ret­tungs­an­ker. Au­ßer­dem ist das Trio gänz­lich un­emp­find­lich ge­gen­über pro­vo­zier­ten Last­wech­seln im Grenz­be­reich. Selbst ein Über­rei­ßen der Len­kung bei ho­hen Ge­schwin­dig­kei­ten im Kur­ven­ein­gang bringt kei­nen der Test­kan­di­da­ten aus der Ru­he.

Um­welt / Kos­ten

Der Ibi­za kos­tet mit der von uns ge­tes­te­ten Mo­to­ri­sie­rung min­des­tens 15.240 Eu­ro. Al­ler­dings feh­len in der ein­fachs­ten Aus­stat­tungs­va­ri­an­te ei­ni­ge wich­ti­ge Ba­sics, wie ei­ne Kli­ma­an­la­ge (800 Eu­ro), elek­tri­sche Fens­ter­he­ber für die Fond­gäs­te (185 Eu­ro) oder gar ein Ra­dio (ab 490 Eu­ro). Letz­te­res ist – ge­nau wie ei­ne Kli­ma­an­la­ge – bei der Kon­kur­renz Se­rie. Eben­falls klein­lich sind die Ga­ran­tie­leis­tun­gen des Her­stel­lers. Ne­ben ei­ner nur zwei­jäh­ri­gen Tech­ni­kGa­ran­tie bie­tet Seat kos­ten­frei le­dig­lich zwei Jah­re Mo­bi­li­täts­ser­vice. VW ge­währt zwar eben­falls nur zwei Jah­re Ge­samt­ga­ran­tie, die Mo­bi­li­tät ist aber für das ge­sam­te Au­to­le­ben ge­si­chert – so­fern die War­tungs­in­ter­val­le in ei­ner Ver­trags­werk­statt ein­ge­hal­ten wer­den. Die vor­bild­li­che fünf­jäh­ri­ge Her­stel­ler­ga­ran­tie des i20 bleibt den­noch un­er­reicht. Ei­ne ech­te Patt­si­tua­ti­on er­gibt sich in die­sem Ver­gleichs­test im be­wer­te­ten Preis. In­klu­si­ve der wer­tungs­re­le­van­ten Ex­tras – in die­sem Fall le­dig­lich die Op­ti­ons­rä­der – lie­gen le­dig­lich 60 Eu­ro zwi­schen dem teu­ers­ten und dem güns­tigs­ten Test­kan­di­da­ten. Des­halb er­hal­ten al­le drei Klein­wa­gen die glei­che Punkt­zahl für ih­ren Preis. Am Ka­pi­tel­sieg für den Hy­un­dai i20 än­dert die­ser ku­rio­se Um­stand je­doch ge­nau­so we­nig wie am Ge­samt­sieg des neu­en Seat Ibi­za. Dem neu­en Seat Ibi­za ge­lingt ein Ein­stand nach Maß. Er ist we­sent­lich ge­räu­mi­ger als der Vor­gän­ger, flitzt agil durch Kur­ven und geht spar­sam mit Kraft­stoff um. Die Se­ri­en­aus­stat­tung ist je­doch dürf­tig. Am En­de ent­thront der Spa­nier aber den Hy­un­dai i20, der mit sei­nem gro­ßen In­nen­raum und dem fei­nen Fe­de­rungs­kom­fort be­ein­druckt. Au­ßer­dem sind fünf Jah­re Her­stel­ler­ga­ran­tie ein star­kes Kauf­ar­gu­ment. In Sa­chen Kon­nek­ti­vi­tät und As­sis­tenz­sys­te­me hat der Asia­te aber Nach­hol­be­darf. Auf dem drit­ten Platz lan­det der in Eh­ren ge­reif­te VW Po­lo. Der eins­ti­ge Do­mi­na­tor sei­ner Klas­se ver­liert durch sei­nen schma­len In­nen­raum, den we­nig tem­pe­ra­ment­vol­len An­trieb und die rus­ti­ka­len Fe­de­rung wich­ti­ge Zäh­ler. Doch der Nach­fol­ger steht schon in den Start­lö­chern – dann wer­den die Kar­ten neu ge­mischt.

Der neue Seat Ibi­za bringt das ge­räu­migs­te Ge­päck­ab­teil mit. Die Zu­la­dun­gen der Klei­nen (425 bis 470 kg) rei­chen für die meis­ten All­tags­si­tua­tio­nen völ­lig aus

FA­ZIT Mar­cel Küh­ler

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