Fas­zi­na­ti­on: zwei Ae­ro­dy­na­mi­kSpe­zia­lis­ten un­ter sich – NSU Ro 80 und Mer­ce­des CLA 180

c -Wert 0,366: Mit dem Ro 80 be­feu­ert NSU 1967 die Ent­wick­lung der Fahr­zeu­gW Ae­ro­dy­na­mik um ei­ne in­no­va­ti­ve Va­ri­an­te. 50 Jah­re spä­ter er­reicht der Mer­ce­des CLA be­reits ei­nen c -Wert von 0,23 W

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger FO­TOS Mar­kus Sen­de ]

Das muss na­tür­lich ge­sagt wer­den: Bei al­ler Be­geis­te­rung für den in die­sem Jahr 50 Jah­re al­ten Klas­si­ker NSU Ro 80: Der tech­nisch und sti­lis­tisch im­mer noch ver­we­ge­ne Neckar­sul­mer ist kei­nes­wegs ein Ae­ro­dy­na­mik-Wun­der. Be­reits En­de des 19. Jahr­hun­derts wird in Wind­ka­nä­len ge­forscht – in­klu­si­ve die Strö­mung vi­sua­li­sie­ren­der Rauch­schwa­den. 1899 baut der Bel­gi­er Ca­mil­le Je­nat­zy sei­ne elek­trisch an­ge­trie­be­ne „ja­mais con­tente“– die Nie-Zuf­rie­de­ne – mit Ka­ros­se­rie in per­fek­ter Tor­pe­do-Form. Rich­tig Fahrt nimmt die gan­ze Sa­che in Deutsch­land al­ler­dings nach dem Ers­ten Welt­krieg auf, als sich ehe­ma­li­ge Flug­zeu­gin­ge­nieu­re auf­grund ei­nes durch die Sie­ger­mäch­te aus­ge­spro­che­nen Flug­zeug­bau­ver­bots auf die zu­neh­mend in Mo­de kom­men­den Au­to­mo­bi­le stür­zen. Ed­mund Rump­lers Trop­fen­au­to schafft be­reits

1921 ei­nen sa­gen­haf­ten cW-Wert von 0,28 – weit un­ter den 0,366, die der NSU Ro 80 na­he­zu 50 Jah­re spä­ter zu bie­ten hat. Zep­pe­lin-Fach­mann Paul Ja­ray wirft sei­ne Strom­li­ni­en­form in die Waag­scha­le, Au­tos von Ta­tra, Mer­ce­des, DKW, Au­di oder Ad­ler fol­gen mit ein­zel­nen, spek­ta­ku­lä­ren Mo­del­len die­sem Dik­tat des ele­gant aus­lau­fen­den Hecks und er­zie­len so Wer­te von um die 0,30. Als dann der Ae­ro-Vi­sio­när Wu­ni­bald Kamm ent­deckt, dass ein bul­lig ku­pier­tes Heck mit Ab­riss­kan­te die Luft­strö­mung noch sä­mi­ger wir­beln lässt als die episch aus­lau­fen­de Strom­li­nie, setzt das kur­ze, schar­fe Kam­mHeck neue Trends – und kehrt stram­me 60 Jah­re spä­ter beim Au­di A2 zu­rück. Je rou­ti­nier­ter die Au­to­bau­er aber wer­den, je brei­ter sich die In­dus­trie ins flau­schi­ge So­fa der leicht ver­dien­ten Wirt- schafts­wun­der-Mil­lio­nen fläzt, des­to we­ni­ger In­ter­es­se be­steht am Dik­tat des Fahrt­winds: Au­to­de­sign ist nicht mehr län­ger In­ge­nieurs­an­ge­le­gen­heit, son­dern pro­fes­sio­nel­le De­si­gner über­neh­men den Job. Schön­heit steht an ers­ter Stel­le. Dass der NSU Ro 80 aus der Fe­der des spä­te­ren Au­di- und BMW-Chef­de­si­gners Claus Lu­the nicht nur an­rüh­rend hübsch ist, son­dern auch noch zu sei­ner Zeit ver­blüf­fen­de Ae­ro­dy­na­mik-Maß­stä­be setzt, macht ihn zur Aus­nah­me­er­schei­nung. Au­tos die­ser Epo­che – und auch noch die ei­ni­ger Jah­re da­nach –

sind gern mal mit ei­nem cW-Wert von um die 0,50 un­ter­wegs. Die Ruh­mesta­ten der frü­hen Ae­ro­dy­na­mik-Pio­nie­re schei­nen bei­na­he ver­ges­sen. Erst die Öl­kri­se der 1970er-Jah­re löst bei den Au­to­her­stel­lern ne­ben Heu­len und Zäh­ne­klap­pern auch ein Um­den­ken in Sa­chen Kraft­stoff-Ef­fi­zi­enz aus. Wäh­rend es bei den Ae­ro­dy­na­mik-Hel­den der bei­den ers­ten Jahr­hun­dert-Drit­tel im We­sent­li­chen um ma­xi­mal zu er­zie­len­de Ge­schwin­dig­keit auf den neu­en, be­lieb­ten Au­to­bah­nen ging, rü­cken nun die Sprit­spar­po­ten­zia­le ei­ner wind­schlüp­fi­gen Ka­ros­se­rie in den Fo­kus. Zu Be­ginn der 80erJah­re pur­zeln die cW-Wer­te plötz­lich dras­tisch, Au­di 100 (0,31), Ford Sier­ra (0,34) und Mer­ce­des W124 (0,29) de­fi­nie­ren mit schnör­kel­los glatt­ge­feg­ten Li­ni­en ei­nen neu­en Trend, der ab nun nicht mehr weg­zu­den­ken ist. Dann ha­ben die Au­tos aber ein neu­es Pro­blem: Der Fahrt­wind scheint mit al­len Ecken und Kan­ten auch den Cha­rak­ter der Fahr­zeu­ge ab­zu­tra­gen. An­fang der 90er se­hen die nun ef­fi­zi­ent ge­form­ten Au­tos viel­fach son­der­bar ge­schmacks­arm und gleich­för­mig aus. In­ge­nieu­re und De­si­gner ge­hö­ren of­fen­bar un­ter­schied­li­chen Sphä­ren an, an­schei­nend fin­det man nur lang­sam ei­ne ge­mein­sa­me Grund­la­ge. Und ge­nau hier liegt die Be­son­der­heit des 1967 vor­ge­stell­ten NSU Ro 80 und sei­ne Ge­mein­sam­keit mit dem ak­tu­el­len Mer­ce­des CLA 180, dem mo­men­ta­nen cW-Wert-Kö­nig un­ter al­len Se­ri­en­fahr­zeu­gen: Ae­ro­dy­na­mik und De­sign ge­hen hier Hand in Hand – viel­leicht nicht im­mer mit höchs­tem All­ge­mein-Kon­sens-Fak­tor, aber mit ganz viel Ei­gen­sinn. Ro 80 und CLA be­wei­sen, dass Wind­schlüp­fig­keit und Cha­rak­ter sich nicht aus­schlie­ßen.

Al­les, bloß kei­ne Luft­wir­bel

Was auf den ers­ten Blick völ­lig er­staun­lich sein mag, ist auf den zwei­ten Blick ei­ne Bin­sen­weis­heit: Das Ver­hal­ten von ei­nen den Kör­per um­strö­men­den (und bei Au­tos ganz wich­tig: durch­strö­men­den!) Luft­teil­chen hat sich in den letz­ten 50 Jah­ren nicht ge­än­dert. Kein biss­chen. Und des­halb gel­ten die Re­geln, dem der CLA folgt, be­reits schon für den NSU: Sil­hou­et­te mit in den Fahrt­wind ge­duck­ter Front, mög­lichst bün­dig ver­schlif­fe­ne An­bau­tei­le, ho­hes Heck mit kla­rer Ab­riss­kan­te. Die­ses Grund­re­zept hat sich nicht ge­än­dert. Was der CLA der Neckar­sul­mer Wan­kel­mo­tor-Le­gen­de vor­aus hat, sind die deut­lich bes­ser in­te­grier­ten Rä­der, im De­tail ae­ro­dy­na­misch be­han­del­te An­bau­tei­le wie zum Bei­spiel die auf schlan­ken Fü­ßen ste­hen­den Au­ßen­spie­gel und die feh­len­den Stoß­fän­ger oder – ganz wich­tig – ein ins ae­ro­dy­na­mi­sche Kon­zept in­te­grier­ter Un­ter­bo­den. Wäh­rend der Fahrt­wind beim NSU noch durch den an der Front deut­lich hoch­ge­zo­ge­nen Un­ter­bo­den frei an die Rä­der strömt und dort star­ke Wir­bel aus­löst, duckt sich der CLA mög­lichst tief auf den As­phalt. Front- und Sei­ten­schür­zen hal­ten die Un­ter­strö­mung mög­lichst wir­bel­frei, am Heck ka­na­li­siert ei­ne Schür­ze den Luft­strom sau­ber hin­ter das Fahr­zeug. Dar­über hin­aus ste­hen die Rä­der des Mer­ce­des CLA mög­lichst bün­dig in den Rad­häu­sern – beim Ro 80 sind sie weit in­nen in groß­zü­gig aus­ge­schnit­te­nen Häu­sern po­si­tio­niert. Die­se Bau­wei­se stört den gleich­mä­ßi­gen Strom der Luft stark und sorgt so für ei­nen we­sent­lich grö­ße­ren Wi­der­stand. Im­mer­hin zei­gen die Rä­der des NSU Ro 80 ein deut­lich ge­schlos­se­nes De­sign, das die Luft wie­der­um nicht all­zu stark ver­wir­belt. Wer sich nun mit Blick auf die Mer­ce­des-Da­ten fragt, wes­halb es in­ner­halb der CLA-Bau­rei­he so­gar zwi­schen den ein­zel­nen Mo­tor­va­ri­an­ten cW-Un­ter­schie­de gibt, ist auf ei­ner wei­te­ren gu­ten Spur: Es sind nicht nur die grö­ße­ren Rä­der, um die leis­tungs­fä­hi­ge­ren Brem­sen ad­äquat küh­len zu kön­nen, die den stär­ker

NSU Ro 80 und Mer­ce­des be­wei­sen ein­drucks­voll, dass sich Wind­schlüp­fig­keit und Cha­rak­ter nicht aus­schlie­ßen müs­sen

mo­to­ri­sier­ten Fahr­zeu­gen in Sa­chen Ae­ro­dy­na­mik ei­nen hand­fes­ten Nach­teil ver­pas­sen, son­dern es ist vor al­lem die zur Küh­lung not­wen­di­ge Durch­strö­mung des Fahr­zeugs. Gro­ße Luft­ein­läs­se, gro­ße Küh­ler, schon schnellt der cW-Wert hoch: Die 0,23 des CLA 180 er­reicht nur noch der sehr ähn­li­che CLA 200, ein CLA 250 wird be­reits mit 0,28 ge­mes­sen, und der CLA AMG 45 mit sei­nem ho­hen Kühl­luft­be­darf plus gro­ßen Rä­dern lan­det be­reits bei 0,30. Wie es an­ders geht, zeigt der CLA 180 Blu­eEFFICIENCY mit fast ge­schlos­se­nen Rä­dern und der va­ria­blen Luft-Ja­lou­sie im Küh­ler: cW-Wert 0,22. Das kann ak­tu­ell nie­mand bes­ser.

Freund­li­che Glei­ter: NSU und CLA

Dass der NSU Ro 80 trotz sei­ner ge­lun­ge­nen Strom­li­nie rund 13 Li­ter Sprit ver­brennt, ist an­ge­sichts der 115 PS des dreh­zahl­hung­ri­gen Wan­kel­mo­tors für sei­ne Epo­che durch­aus se­hens­wert. Und man spürt das Fein­tu­ning im Wind­ka­nal tat­säch­lich beim Fah­ren: Wind­ge­räu­sche sind im NSU Ro 80 kaum ein The­ma, der gro­ße Wa­gen rollt mit star­kem Ge­räusch­kom­fort über die Langstre­cke. Vorn schnurrt der Zweischei­ben-Wan­kel mit ei­nem Kam­mer­vo­lu­men von zwei­mal 487,5 Ku­bik­zen­ti­me­tern, lässt nur die­ses un­de­fi­nier­te Ge­räusch ir­gend­wo zwi­schen weich po­chen­dem Zwei­tak­ter und „Mecha­nik“hö­ren und zieht die 4,78 Me­ter lan­ge Li­mou­si­ne mit ge­fäl­li­gem Schwung vor­an. Der Wan­kel hat gar nicht mal so we­nig Dreh­mo­ment – das es al­ler­dings durch Dreh­ZAHL frei­zu­schal­ten gilt. Das Au­to wiegt nach heu­ti­gen Maß­stä­ben fe­der­leich­te 1240 Ki­lo­gramm – aus die­sem Re­zept ist un­kom­pli­zier­te Fahr­freu­de ge­macht. An die Drei­stu­fen-Schal­tung mit kupp­lungs­frei­er Hand­schal­tung muss man sich ge­wöh­nen, aber auch das klappt nach ein paar Ki­lo­me­tern rei­bungs­los. Und ab dann fin­det man es ein­fach nur scha­de, dass die­ses ganz be­son­de­re, herr­lich sinn­li­che Au­to­mo­bil mit sei­nem freund­li­chen Cha­rak­ter, dem groß­zü­gig ge­schnit­te­nen In­nen­raum, dem sei­di­gen Fahr­kom­fort und der schnör­kel­lo­sen Li­nie nicht län­ger durch­ge­hal­ten hat. 1976 läuft nach 37.406 ge­fer­tig­ten Ex­em­pla­ren der letz­te Ro 80 vom Band. Auch wenn es der Mer­ce­des CLA be­reits auf deut­lich hö­he­re Pro­duk­ti­ons­zah­len ge­schafft hat und schon sei­nem Nach­fol­ger ent­ge­gen­sieht, ver­langt er im Ver­gleich zum NSU dem Fah­rer hö­he­re Kom­pro­miss­fä­hig­keit ab: Er ist eng, durch das ty­pisch mo­der­ne De­sign mit den klei­nen Fens­ter­flä­chen bei Wei­tem nicht so über­sicht­lich und hat ei­nen viel klei­ne­ren La­de­raum. Mit dem sanft schnur­ren­den 122-PSTur­bo-Vier­zy­lin­der und des­sen aus­ge­gli­che­ner Leis­tungs­ent­fal­tung kann man sich aber an­freun­den. Und ob­wohl er in der­sel­ben Leis­tungs­klas­se spielt wie der al­te Herr aus Neckar­sulm und 155 kg mehr wiegt, ver­braucht er we­ni­ger als die Hälf­te des NSU Ro 80. Ir­gend­wo muss der Fort­schritt ja ge­blie­ben sein.

NSU Ro 80: schmuck­lo­ses Cock­pit des be­gin­nen­den Kunst­stoff-Zeit­al­ters. Kein Mit­tel­tun­nel, da Front­an­trieb

Auf den ers­ten Blick zu se­hen: Bei Mer­ce­des ar­bei­ten In­te­ri­eur-De­si­gner, bei NSU gab es das noch nicht

Stark in den Fahr­zeug­kör­per ein­ge­bun­de­ne Rä­der beim CLA, der NSU steht noch „auf“den Rä­dern

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