Track­test Un­glei­che Brü­der: Der VW Golf GTI Per­for­mance trifft auf die GTI-Renn­ver­si­on der TCR-Ka­te­go­rie

Wäh­rend der Se­ri­en-Golf GTI wie ein wei­ser, äl­te­rer Bru­der sei­ne Bahn zieht, steckt in der Renn­ver­si­on für die TCR-Ka­te­go­rie ein ech­ter Wü­te­rich, der auf der Renn­stre­cke sei­ner Kraft frei­en Lauf lässt

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Gre­gor Mes­ser

Es ist im­mer schön, wenn sich im Motorsport et­was tut. Wie zum Bei­spiel in der TCR-Se­rie: Seit 2015 küm­mert sich Ex-Tou­ren­wa­gen-WM-Ma­na­ger Mar­cel­lo Lot­ti um den Auf­bau ei­ner welt- wei­ten Tou­ren­wa­gen-Renn­se­rie, die mit sehr se­ri­en­na­hen, nichts­des­to­we­ni­ger spek­ta­ku­lä­ren Vier­tü­rern mit Zwei­li­ter-Tur­bo­mo­to­ren be­strit­ten wird. Jetzt boomt die TCR-Ka­te­go­rie, na­tio­nal wie in­ter- na­tio­nal: In über 15 Län­dern wer­den Cham­pio­na­te aus­ge­tra­gen. Vor al­lem auf zwei Din­ge wur­de Wert ge­legt: Der Sport soll pa­ckend sein, ganz be­son­ders aber be­zahl­bar. Hon­da, Al­fa Ro­meo, Ford, Su­ba­ru, Kia, Opel und bald Hy­un­dai mi­schen mit, aber auch die Kon­zern­ver­wand­ten Au­di, Seat und VW sind am Start. Auf Ba­sis des Golf GTI hat Volks­wa­gen Motorsport nun ei­ne Renn­ver­si­on kre­iert, die im Ver­gleich zum Mo­dell aus dem Vor­jahr noch­mals ver­bes­sert wur­de.

Op­ti­mier­te Ae­ro­dy­na­mik

Si­cher, der Ver­gleich zwi­schen dem Se­ri­en-GTI und der Renn­ver­si­on fällt aus wie Tag und Nacht. Schon äu­ßer­lich do­mi­nie­ren die fet­ten An­bau­tei­le mit ag­gres­si­ver Op­tik. Ge­ra­de­zu Haus­manns­kos­tDe­sign da­ge­gen beim Se­ri­en­pen­dant aus Wolfs­burg. Und das, ob­wohl der sprit­zi­ge GTI Per­for­mance durch­aus Auf­merk­sam-

keit im Stra­ßen­bild ge­nießt. „Das Ae­ro­dy­na­mik-Kit des Golf TCR ha­ben wir mit Front- und Heck­stoß­fän­ger, Kot­flü­gel, Schwel­ler, Sei­ten­ver­klei­dun­gen wei­ter deut­lich ver­bes­sert“, sagt der er­fah­re­ne Ren­nin­ge­nieur und Pro­jekt-Ent­wick­ler Edu­ard Weidl. Und er ver­gisst auch nicht die neu kon­stru­ier­te Heck­flü­gel-Hal­te­rung: „Da­durch steht der Flü­gel jetzt 40 Mil­li­me­ter hö­her und zehn Mil­li­me­ter wei­ter hin­ten im Wind.“Das sorgt für bis zu 15 Pro­zent mehr Ge­samt­ab­trieb an der Hin­ter­ach­se. „Die ge­sam­te ae­ro­dy­na­mi­sche Ef­fi­zi­enz ist bes­ser ge­wor­den“, lobt Weidl. Das heißt: mehr Ab­trieb, we­ni­ger Luft­wi­der­stand. Auch der ver­glei­chen­de Blick in die In­nen­räu­me zeigt ein­deu­ti­ge Dif­fe­ren­zen: hier der fast nack­te Ren­ner, dort Be­hag­lich­keits­stu­fe zehn beim Se­ri­en­mo­dell. Das soll nun aber nicht hei­ßen, dass der Stra­ßen-GTI als Ku­schel­tier­chen da­her­kommt: Er­go­no­mie und Hap­tik wei­sen den un­auf­ge­regt auf­re­gen­den Kom­pakt­klas­se-Klas­si­ker als ast­rei­nen Sport­ler aus. Den­noch kann er ge­gen sei­nen dä­mo­nisch-ath­le­ti­sche­ren Bru­der we­nig aus­rich­ten, denn die­ser ist ganz aufs We­sent­li­che re­du­ziert. Das be­deu­tet aber auch: Er ist so si­cher wie mög­lich, was et­wa das Si­cher­heits­kon­zept des Sit­zes mit sei­ner weit um­lau­fen­den Kopf­stüt­ze be­weist. Das Lenk­rad im TCR-Golf ist die Kom­man­do­zen­tra­le. Da­mit steu­ert der Pi­lot nicht nur das Au­to, son­dern auch sämt­li­che wich­ti­gen Funk­tio­nen – et­wa Bo­xen­funk, Be­leuch­tung und Tem­po­mat bei ei­ner Sa­fe­ty­Car-Pha­se. In bei­den fin­den sich aber Schalt­wip­pen am Lenk­rad. Und bei bei­den kann der Kun­de ent­schei­den, ob er per Dop­pel­kupp­lungs- oder Sechs­gan­gGe­trie­be schal­tet. Im Se­ri­en-GTI kos­tet das DSG 2000 Eu­ro, im Renn-

GTI ist es se­ri­en­mä­ßig. Das se­quen­zi­el­le Sechs­gang-Renn­ge­trie­be ver­schlingt da­ge­gen 20.000 Eu­ro.

Star­kes Dreh­mo­ment

Ver­spricht der TCR-Golf schon op­tisch größ­te Lust auf ech­tes Ra­c­ing, ist den­noch Vor­sicht ge­bo­ten: Das Kon­zept ei­nes front­ge­trie­be­nen Renn­wa­gens be­deu­tet stets auch, dass die Hin­ter­rei­fen län­ger brau­chen, um auf op­ti­ma­le Be­triebs­tem­pe­ra­tur zu kom­men. Dass der TCR zu­dem mal schnell mit der Hin­ter­hand aus­keilt, min­dert kei­nes­wegs den Fahr­spaß, zu­mal es hier we­der Trak­ti­ons­kon­trol­le noch ABS gibt – bei­des Mit­tel, die im Se­ri­en-Golf ob­li­ga­to­risch sind. Und dann ist da noch der Zwei­li­ter-Tur­bo­mo­tor: Das Trieb­werk über­zeugt hier wie dort in je­der Le­bens­la­ge auch dank 420 Nm Dreh­mo­ment (TCR) mit herr­lich sprit­zi­ger Elas­ti­zi­tät. Trotz sei­nes straf­fen Fahr­werks im Ver­gleich zum Renn-Golf kommt der GTI Per­for­mance aber deut­lich wei­cher und nick­freu­di­ger da­her. Beim Mo­tor hat­ten die Tech­ni­ker üb­ri­gens nur we­nig Spiel­raum: Au­ßer ei­nem schär­fe­ren Mo­tor-Map­ping, das dem TCR in Ver­bin­dung mit ei­ner Renn-Ab­gas­an­la­ge und ei­nem ge­än­der­ten An­saug­sys­tem für Frisch­luft 105 PS mehr ver­leiht, durf­te an dem Trieb­werk laut Re­gle­ment nicht viel wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den, um die Kos­ten im Zaum zu hal­ten. Das er­klärt den re­la­tiv nied­ri­gen Preis des TCR ab 90.000 Eu­ro. Den­noch ist er da­mit im­mer noch über 55.500 Eu­ro teu­rer als der Golf GTI Per­for­mance.

Die größ­ten Un­ter­schie­de lie­gen in den Ka­ros­se­ri­en: nüch­ter­nes Se­ri­en­de­sign hier, aus­la­den­de An­bau­tei­le dort

Die Rohr­ver­stre­bun­gen der Si­cher­heits­zel­le do­mi­nie­ren den In­nen­raum

Kom­man­do­zen­tra­le: Am Lenk­rad las­sen sich elf Funk­tio­nen steu­ern. Der Start­knopf be­fin­det sich auf der Mit­tel­kon­so­le

Der Ren­nTur­bo ist na­he­zu un­ver­än­dert, leis­tet aber 105 PS mehr als das Se­ri­en­pen­dant

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