In ei­ner an­de­ren Zeit

Es gibt Or­te, an de­nen die Zeit still­steht. Und Au­tos, die die Uhr an­hal­ten kön­nen. Un­ter­wegs im Al­ten Land um Sta­de mit zwei tau­fri­schen al­ten Ka­me­ra­den

AUTO ZEITUNG - - FASZINATION · MIT LADA URBAN UND MORGAN PLUS 4 DUR - [ TEXT Karsten Reh­mann FO­TOS Jür­gen Zer­ha ]

Bei­na­he wä­re das hier ei­ne lieb­rei­zen­de Land­lust-Re­por­ta­ge ge­wor­den mit nied­li­chen Krä­mer­lä­den, präch­tig blü­hen­dem Kirsch­blü­ten­kitsch und dem in der Mor­gen­son­ne dö­sen­den Dorf­küs­ter von Mit­tel­kir­chen. Zwei kau­zi­ge Ve­hi­kel rä­keln sich auf uri­gem Kopf­stein­pflas­ter, al­le Pas­san­ten grin­sen, lä­cheln, schmun­zeln und sa­gen jaaa, das wa­ren noch Zei­ten, als es im of­fe­nen Sport­wa­gen zog wie Hecht­sup­pe und die Ge­län­de­wa­gen nichts als ehr­li­che Ar­beit kann­ten und die Äp­fel im Al­ten Land so dick wur­den wie klei­ne Kür­bis­se, ehe man sie pflück­te.

Schö­ne Ol­dies. Wie – die sind neu?

So ist es nicht ganz. Die äl­te­ren Se­mes­ter in der Fuß­gän­ger­zo­ne von Sta­de kön­nen sich nicht mehr dar­an er­in­nern, ob es frü­her ne­ben dem Kä­fer noch an­de­re Au­tos gab. Aber der „Old­ti­mer“ge­fällt ih­nen, und sie fra­gen, wie er heißt. Mor­gan? Nie ge­hört. Wie – der ist neu? Der letz­te Rest von Welt­ver­ständ­nis weicht aus dem Ge­sicht und sie en­tern den Gast­hof ne­ben­an. Auf den Schock ei­nen Küs­ten­ne­bel. Der­weil zer­stö­ren ein paar Rotz­löf­fel ziel­si­cher den letz­ten Rest der Idyl­le. Be­täubt von in­ter­stel­la­ren Beats aus dem Smart­pho­ne tor­keln sie durchs Bild, doch dann steckt ei­ner von ih­nen das Smart­pho­ne weg und schaut sich den La­da nä­her an: „Ma­de in Rus­sia!“zi­tiert er an­er­ken­nend den Auf­kle­ber im Heck­fens­ter, und dann fragt er, was die oran­ge leuch­ten­den Zu­satz­lämp­chen am Au­to zu su­chen ha­ben. Das sind Blin­ker, du Ba­n­au­se! Die ge­hö­ren so und wa­ren mal Vor­schrift. Da ist er baff. Wo­her soll er auch wissen, dass Blin­ker nicht da­zu da sind, an­de­re Au­to­fah­rer zu nö­ti­gen, son­dern mit­zu­tei­len, wo man hin­will. Da­zu müss­te man

erst­mal selbst ei­ne Ah­nung da­von ha­ben, wo es lang­geht. Der­ar­ti­ge Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit ken­nen Mor­gan und La­da nicht. Es be­ginnt zu reg­nen. Das Al­te Land hüllt sich in ei­ne Art Theo­dor-Storm-Tris­tesse, der sil­ber­ne La­da und der in mi­li­tä­ri­schem Grau la­ckier­te Mor­gan ver­schwim­men in der trüb­trau­ri­gen Tief­druck­zo­ne zu sche­men­haf­ten Ge­stal­ten. Doch sie blei­ben er­kenn­bar, der rus­si­sche Stan­dar­dQua­der und die ra­sen­de Mo­tor­hau­be aus En­g­lands mitt­le­rem Wes­ten. Sie ha­ben schon vor lan­ger Zeit die idea­le Form ge­fun­den. Seit Jahr­zehn­ten re­cken sie ih­re Cha­rak­ter­köp­fe in den Wind und las­sen sich die Al­ters­fal­ten schär­fen und nicht glät­ten. Lif­ting ist was für Weich­ei­er, knor­ri­ge Ty­pen wie die­se er­rei­chen durch schlich­tes Durch­hal­te­ver­mö­gen ei­nen Rei­fe­grad, von dem ei­ne S-Klas­se nur träu­men kann. Im Reich der al­ten Sä­cke ist der Mor­gan Vier­zy­lin­der als Clan­chef ei­ne In­sti­tu­ti­on. 1936 – Fer­di­nand Por­sche tes­te­te ge­ra­de neue Pro­to­ty­pen für den VW Kä­fer – roll­te HFS Mor­gan sei­nen ers­ten Sport­wa­gen mit vier Rä­dern und vier Zy­lin­dern aus der Back­stein­hal­le. Der Typ hieß fol­ge­rich­tig 4/4, so heißt er heu­te noch, und ge­nau wie das Äu­ße­re der Mor­gan-Fa­b­rik hat sich das Er­schei­nungs­bild des Wa­gens in 81 Jah­ren nicht grund­le­gend ver­än­dert. „Der ers­te und letz­te wah­re Sport­wa­gen“ist im­mer noch ein Roads­ter mit Stahl­chas­sis und ei­ner me­tall­be­plank­ten Eschen­holz­ka­ros­se­rie, die von Hand zu­recht­ge­sägt und zu­sam­men­ge­setzt wird. Kürz­lich, im Jahr 2005, ließ Mor­gan ei­ne sport­li­che Va­ri­an­te wie­der auf­le­ben, den Plus 4. Die Po­si­ti­on als größ­ter un­ab­hän­gi­ger Au­to­her­stel­ler Groß­bri­tan­ni­ens wird da­mit auf Jah­re hin­aus ge­si­chert. Sein bra­ver Zwei­li­ter aus dem Ford-Re­gal reicht völ­lig aus, um am Elbstrand er­folg­reich auf Back­fisch­fang zu ge­hen. Ver­g­li­chen mit den 81 Len­zen des Mor­gan ist der erst 41 Jah­re al­te La­da 4x4 im­mer noch ein jun­ger Hüp­fer, aber ei­ner mit gro­ßer Zu­kunft: Wer das En­de der So­wjet­uni­on über­lebt hat, braucht neue SUV nicht zu fürch­ten. All­rad­tech­nik von al­tem Schrot und Korn mit se­pa­ra­tem Schalt­he­bel für die Ge­län­de-Un­ter­set­zung si­chert dem La­da das Durch­kom­men, wo fünf­mal so teu­re Li­fe­style-Hel­den das Hand­tuch wer­fen. Wenn der­einst die Pol­kap­pen ab­schmel­zen und das Al­te Land vom Meer über­flu­tet wird, kriecht als letz­tes Fahr­zeug ein La­da 4x4 durch den Schlick und ret­tet sich ans Ufer. Wer auf 58 Pro­zent Steig­fä­hig­keit bau­en kann, hat kei­ne Angst vorm Un­ter­gang.

Der Mor­gan Plus 4 ist im Clan der al­ten Sä­cke ei­ne In­sti­tu­ti­on

Der Mor­gan ist nicht was­ser­dicht, aber was­ser­fest. Dies ist der Vor­führ­wa­gen des freund­li­chen Ham­bur­ger Im­por­teurs Lutz Le­ber­fin­ger

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