Ei­ne Rei­se wert

AUTO ZEITUNG - - RATGEBER · GEBRAUCHTWAGEN - Gregor Mes­ser

Bei den bei­den For­mel-E-Ren­nen auf dem Flug­feld des eins­ti­gen Ber­li­ner Flug­ha­fens Tem­pel­hof blieb Nel­son Pi­quet ju­ni­or zwar oh­ne Punk­te – doch sein Kar­rie­re­weg durch di­ver­se Renn­ka­te­go­ri­en seit sei­nem For­mel-1-Aus­stieg weist ihn heu­te als an­er­kann­ten Voll­pro­fi aus

Nel­son Pi­quet ju­ni­or ist mit sei­nem Job zu­frie­den. „Ich ha­be das Bes­te dar­aus ge­macht“, sagt der Bra­si­lia­ner, der als 22-jäh­ri­ger For­mel-1-Pi­lot auf dem Weg nach ganz oben in ei­ne stei­le Kar­rie­re ein­bog, letzt­lich aber die höchs­te Klas­se des Mo­tor­sports nach nur drei Jah­ren wie­der ver­ließ. Die Ge­schich­te ist schnell er­zählt: Beim Gro­ßen Preis von Sin­ga­pur 2009 kom­man­dier­ten die Ver­ant­wort­li­chen an der Bo­xen­mau­er den da­ma­li­gen Re­nault-Pi­lo­ten zu ei­nem fin­gier­ten Un­fall. Pi­quet ju­ni­or, der un­ter Druck stand, sein Cock­pit zu ver­lie­ren, tat wie ihm ge­hei­ßen. Erst das so­mit her­auf­be­schwo­re­ne Sa­fe­ty­Car er­mög­lich­te sei­nem Team­kol­le­gen Fer­nan­do Alon­so den Sieg. Als Pi­quet den­noch sein Cock­pit ver­lor, pack­te er aus. Der Draht­zie­her des Kom­plotts, Te­am­chef Fla­vio Bria­to­re – oben­drein Pi­quets Ma­na­ger –, wur­de für die For­mel 1 auf Le­bens­zeit ge­sperrt.

Ers­ter For­mel-E-Meis­ter

Pi­quet muss­te sich neu ori­en­tie­ren. Der Sohn des drei­ma­li­gen For­mel-1-Welt­meis­ters Nel­son Pi­quet se­ni­or fand sein Glück als Mo­tor­sport-Pro­fi in an­de­ren Se­ri­en. Et­wa vor zwei Jah­ren: In der Sai­son 2014/15 mach­te der heu­te 31 Jah­re al­te Bra­si­lia­ner ge­wal­tig auf sich auf­merk­sam, als er den ers­ten Ti­tel in der neu ge­grün­de­ten Ka­te­go­rie der For­mel-E-Mo­no­pos­tos ge­wann. Nach heu­ti­gen Maß­stä­ben war die ers­te For­mel-E-Sai­son noch ge­ra­de­zu ei­ne Zeit renn­sport­li­cher Un­be­schwert­heit. Al­le 20 Kon­kur­ren­ten tra­ten nicht nur mit ei­nem Ein­heits­chas­sis vom Typ Spark Re­nault SRT_01E an. Auch der elek­tri­sche An­trieb war für al­le Teil­neh­mer iden­tisch. Das än­der­te sich mit Be­ginn der Sai­son 2015/16. Seit­dem gilt das Tech­no­lo­gie­rüs­ten in der sonst von ba­sis­freund­li­cher Tech­nik ge­präg­ten, ers­ten rein elek­tri­schen Renn­se­rie der Welt: Die Ent­wick­lung des An­triebs­strangs ist seit­her frei­ge­stellt und treibt die in der For­mel E ver­tre­te­nen Her­stel­ler – mitt­ler­wei­le gibt es neun – von Sai­son zu Sai­son zu im­mer leis­tungs­stär­ke­ren Elek­tro­trieb­wer­ken, die frei­lich vor Sai­son­be­ginn ho­mo­lo­giert wer­den. Ei­ne wei­te­re Ent­wick­lung ist so­mit erst zur kom­men­den Sai­son mög­lich. „Im ers­ten Jahr hat­te ich im Chi­na Ra­c­ing-Team von Adri­an Cam­pos ei­nen echt gu­ten Lauf“, sagt Pi­quet ju­ni­or. Er sieg­te da­mals in Long Beach und in Moskau. Zu­dem er­klomm er das Po­di­um in Pun­te del Es­te, Bu­e­nos Ai­res und Mon­te Car­lo und sam­mel­te wei­te­re ent­schei­den­de Zäh­ler durch sei­ne Vi­sa Fas­test Laps Awards in Mia­mi („Wo ich auch hät­te ge­win­nen müs­sen!“) und in London. Da­mit hol­te Pi­quet den Ti­tel nur um ei­nen Punkt vor Re­nault-Su­per­star Sé­bas­ti­en Bu­emi. Da­bei war lan­ge nicht klar, in wel­chem Team Pi­quet ju­ni­or an den

Start ge­hen wür­de. So­gar bei sei­nem al­ten For­mel-1-Ar­beit­ge­ber Re­nault war er im Ge­spräch – bis dort ne­ben Ni­co­las Prost auch Sé­bas­ti­en Bu­emi den Zu­schlag be­kam. Nach der Sin­ga­pur-Sa­che ist Pi­quet längst re­ha­bi­li­tiert. Er ist ge­schätzt, weil er in al­lem schnell un­ter­wegs ist, was er be­wegt – und vor al­lem, weil es ihm Spaß macht, am Lenk­rad zu dre­hen, wann im­mer die Mög­lich­keit da­zu ge­ge­ben ist. „Nel­son kann man zu je­der Zeit ins Cock­pit ho­len. Und ihn dann lan­ge auf ho­hem Ni­veau qua­si feh­ler­frei fah­ren las­sen“, be­stä­tigt Ren­nin­ge­nieur Ja­mes Ro­bin­son. In der US-Glo­bal-Ral­ly­cross-Se­rie fühlt er sich eben­so zu Hau­se wie in der NASCAR-TruckSe­rie oder ak­tu­ell in der Langstre­cken-WM im LMP2-Pro­to­ty­pen. Und na­tür­lich in der For­mel E. Aber wie das eben so ist: Von He­ro to Zero ist es im Renn­sport schnell ge­sche­hen. In der zwei­ten For­melE-Sai­son sam­mel­te er als am­tie­ren­der Meis­ter nur noch ein­mal Punk­te und nur Ge­samt­rang 15: „Un­ser An­trieb war zu schwach, die Kon­struk­ti­on zu we­nig ver­win­dungs­steif.“Mit Be­ginn die­ser Sai­son läuft es für den Vi­sa-Bot­schaf­ter bes­ser: Po­le Po­si­ti­on beim Auf­takt in Hong­kong, da­zu ei­ne Hand­voll gu­ter Re­sul­ta­te.

Ma­hin­dra über­rascht

Der­zeit er­lebt die For­mel E klei­ne Re­vo­lu­tio­nen. Wo bis­lang haupt­säch­lich Re­nault e.Dams und Abt Scha­eff­ler die Re­sul­tats­lis­ten präg­ten, mi­schen sich nun an­de­re Her­stel­ler nach vorn. Op­ti­ma­le Vor­be­rei­tung durch Si­mu­la­ti­ons­pro­gram­me, da­zu von Ren­nen zu Ren­nen op­ti­mier­te Soft­ware der Leis­tungs­elek­tro­nik für noch hö­he­re Ef­fi­zi­enz sind die Grün­de.

Berlin er­leb­te sonn­tags das längs­te Ren­nen der For­mel-EGe­schich­te. (1) Pi­quet macht sich be­reit. (2) Ers­te Kur­ve im Sonn­tags­ren­nen: Ro­sen­qvist führt vor Sie­ger Bu­emi, Lopez, Bird und Ver­g­ne. (3) Strah­len­de Sams­tags­sie­ger: Ge­win­ner Ro­sen­qvist und der Dritt­plat­zier­te Heid­feld flan­kie­ren Ma­hin­dra-Te­am­chef Dil­bagh Gill. (4) Rei­zen­de Po­kal­über­ga­be: Ja­gu­ar-Ass Mitch Evans wird für sei­ne schnells­te Renn­run­de von Top­mo­dell Rebecca Mir mit dem Vi­sa Fas­test Lap Award ge­ehrt

In Berlin trumpf­te der in­di­sche Her­stel­ler Ma­hin­dra groß auf. In bei­den Läu­fen kreuz­te der ehe­ma­li­ge DTM-Pi­lot Fe­lix Ro­sen­qvist sou­ve­rän als ers­ter die Li­nie. Wo­bei ihm im Sonn­tags­ren­nen ei­ne Zehn­se­kun­den-Zeit­stra­fe den Sieg ver­mas­sel­te: Der Schwe­de wur­de beim ob­li­ga­ten Fahr­zeug­tausch ge­ra­de­wegs in den Pfad sei­nes her­an­na­hen­den Team­kol­le­gen Nick Heid­feld ge­schickt. Die Sport­kom­mis­sa­re be­wer­te­ten den Faux­pas als un­si­che­re Frei­ga­be. So­mit kam Ta­bel­len­füh­rer Bu­emi kampf­los zu sei­nem sechs­ten Sai­son­sieg im ach­ten Lauf. Sams­tags wur­de er noch aus der Wer­tung ge­nom­men: Vom schwa­chen 14. Rang ge­star­tet, fuhr Bu­emi fu­ri­os bis auf Rang fünf vor. Doch nach dem Ren­nen wur­de an all sei­nen Rä­dern ein zu ge­rin­ger Rei­fen­luft­druck fest­ge­stellt. Das Du­ell um den Ti­tel wird zwi­schen Bu­emi und di Gras­si wei­ter­ge­hen. Kei­ne Chan­ce auf vor­de­re Plat­zie­run­gen hat­te in­des Pi­quet ju­ni­or: „Wir wuss­ten, dass es für uns ein schwie­ri­ges Wo­che­n­en­de wird. Die Stre­cken­füh­rung mit sehr lan­gen Ge­ra­den hat un­se­rem An­trieb nicht ge­le­gen.“

Kampf im Hin­ter­feld: Nel­son Pi­quet be­harkt sich mit Ja­gu­ar-Pi­lot Adam Car­roll. Tom Dill­mann, Loïc Du­val, Ro­bin Fri­jns und am Schluss An­to­nio Fe­lix da Cos­ta fol­gen auf der Be­ton­pis­te des Tem­pel­ho­fer Flug­felds

Lot­te­rie: Pi­quet bei der Aus­lo­sung der vier Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen, die am Renn­tag mor­gens um 10:00 Uhr er­mit­telt wer­den

Pi­quet (l.) mit Ma­ro En­gel und Nick Heid­feld. En­gel fuhr sonn­tags die schnells­te Run­de. Heid­feld ist der­zeit Ge­samt­fünf­ter

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