May­bach & Mer­ce­des Zwei spek­ta­ku­lä­re neue Stu­di­en

Daim­ler-De­si­gn­chef Gor­den Wa­ge­ner hat al­lei­ne im Mer­ce­des-Port­fo­lio vier Mar­ken zu ver­ant­wor­ten – wie pas­sen die un­ter­schied­li­chen De­sign­phi­lo­so­phi­en von AMG bis EQ in ei­ne Klam­mer?

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger FO­TOS Frank Ra­te­ring ]

Seit 2008 ist Gor­den Wa­ge­ner Mer­ce­des-De­si­gn­chef der Daim­ler AG, 2016 wird der heu­te 49-jäh­ri­ge Es­se­ner zum Chief De­sign Of­fi­cer der Daim­ler AG er­nannt und ist da­mit end­gül­tig in der obers­ten Liga des Trans­por­ta­ti­onDe­sign an­ge­kom­men: Un­ter sei­nem Kom­man­do lau­fen sämt­li­che ge­stal­te­ri­schen Ak­ti­vi­tä­ten in­ner­halb der Daim­ler AG. Er ver­ant­wor­tet nicht nur das De­sign al­ler ak­tu­el­len Mer­ce­des­Benz-PKW, son­dern auch das der Schwes­ter­mar­ken Mer­ce­des-AMG und Mer­ce­des-May­bach, das der In­no­va­ti­ons­mar­ke „EQ“eben­so wie das von smart, aber auch das De­sign der glo­ba­len Van- und LKW-Spar­ten (Freight­li­ner, Fu­so usw.). Mit sei­nem Team ist Wa­ge­ner dar­über hin­aus in al­len Be­lan­gen der Cor­po­ra­te Iden­ti­ty in­vol­viert – um es ver­ein­facht zu­sam­men­zu­fas­sen, ist Wa­ge­ner ab­seits tech­no­lo­gi­scher Be­lan­ge da­für zu­stän­dig, wie sich Mer­ce­des-Benz an­fühlt. An­fas­sen und An­se­hen, Wir­kung und Dra­ma­tik. Das be­ginnt mit ei­ner grund­sätz­li­chen Fahr­zeug-De­sign­spra­che, mit Kon­zep­ten und Ent­wür­fen, setzt sich über die Gestal­tung von Bild­schir­mo­ber­flä­chen im Fahr­zeug fort und en­det (nicht wirk­lich) mit der Ty­po­gra­fie von Zif­fern im (vir­tu­el­len) Dreh­zahl­mes­ser. Al­les was da­zwi­schen statt­fin­det– ver­mut­lich so­gar, wenn es um die Gestal­tung von Pro­spek­ten geht – lan­det frü­her oder spä­ter auf dem Schreib­tisch von Gor­den Wa­ge­ner. Er ist nicht Chef­de­si­gner, son­dern De­sign-Chef. Ein gro­ßer Un­ter­schied.

Neue Ide­en für die Zu­kunft

Mit der 2016 neu vor­ge­stell­ten E-Klas­se hat Gor­den Wa­ge­ner et­was Ent­schei­den­des ge­schafft: Au­ßer dem G-Klas­se-Kult­mo­bil ent­stam­men al­le Au­tos von Mer­ce­des-Benz, AMG und May­bach voll­stän­dig sei­ner füh­ren­den Fe­der. Die bul­lig-spor­ti­ven A und B und GLA. Die Avant­gar­de der CLA- und CLS-Mo­del­le. Die auf­rei­zen­de Dy­na­mik und sinn­li­che Ele­ganz der C- und E-Klas­sen. Die fei­er­li­che Las­zi­vi­tät der S-Klas­se. Das Tes­to­ste­ron des AMG GT. Die Wucht und Sub­ti­li­tät bei GLC, GLE und GLS. Über Jah­re hin­weg muss­te Wa­ge­ner stets auch noch das Er­be sei­nes Vor­gän­gers Pe­ter Pfeif­fer pfle­gen – jetzt ist der ers­te Wa­ge­ner-Mo­dell­zy­klus kom­plett. Zeit für ei­ne neue Idee, Zeit für ei­ne Vi­si­on von Mer­ce­des-Benz, die all die Ve­rän­de­run­gen der Mar­ke eben­so in­vol­viert, wie sie Vor­schlä­ge für ein kom­men­des Au­to­jahr­zehnt vol­ler tief­grei­fen­der Um­brü­che an- www. bie­tet. Aber der Rei­he nach: Bei Mer­ce­des-Benz hat man neue, ju­gend­li­che Dy­na­mik ge­fun­den und mit zeit­lo­ser Ele­ganz ver­knüpft, hier geht es dar­um, den An­spruch auf die Top-Po­si­ti­on in der Au­to-Bran­che zu un­ter­strei­chen. Bei AMG mar­schiert man von ei­ner Er­folgs­ge­schich­te in die nächs­te, die Per­for­mance-Hel­den aus Af­fal­ter­bach ha­ben sich zu­neh­mend auch als Mar­ken-Cha­rak­te­re be­währt – hier darf jetzt auch in Sa­chen De­sign Gas ge­ge­ben wer­den. May­bach steht noch in ei­ner War­te­po­si­ti­on, hier könn­te sich nach dem Hy­per­lu­xusDe­ba­kel der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on die star­ke An- leh­nung an die Mut­ter­mar­ke Mer­ce­des-Benz als ein klei­ner Ge­nie­streich ul­t­ra­sen­si­bler Mar­ken­pfle­ge ent­pup­pen – es müs­sen da­her neue We­ge ge­fun­den wer­den, das zar­te EdelP­f­länz­chen zu näh­ren und ihm vi­el­leicht so­gar in ei­nem zwei­ten An­lauf wie­der zum Sprung in den Lu­xus­him­mel zu ver­hel­fen. Dann wä­ren da Tes­la, BMW i, Vol­vo Po­le­star. Ir­gend­wie scheint sich in der Bran­che her­um­zu­spre­chen, dass man bes­ser kein al­tes Ben­zin in neue Elek­tro­schläu­che füllt. Neue Mar­ken ste­hen für neue Ide­en, oh­ne kon­ven­tio­nel­le Ide­en alt aus­se­hen zu las­sen. Auch bei Mer­ce­des neigt man die­sem Ver­ständ­nis zu und hat die Sub­mar­ke „EQ“an­ge­scho­ben, um un­ter die­sem Brand­zei­chen al­ter­na­ti­ve An­trie­be und Ide­en aus­pro­bie­ren zu kön­nen. Selbst­ver­ständ­lich braucht „EQ“ein un­kon­ven­tio­nel­les De­sign, das gleich­zei­tig den Hut ehr­furchts­voll in Rich­tung der gro­ßen, al­ten Mut­ter­mar­ke zieht.

Im Dia­log mit dem De­sign-Chef

Um all dies gründ­lich zu be­spre­chen und ei­nen Blick auf die un­ter­schied­li­chen Mar­ken­prä­gun­gen zu wer­fen, tref­fen wir Wa­ge­ner für ein Tête-à-Tête mit den hei­ßes­ten ak­tu­el­len De­sign-Kon­zep­ten: Mer­ce­des-AMG GT Con­cept und Vi­si­on Mer­ce­des-May­bach 6, so­zu­sa­gen den An­ti­po­den des Mer­ce­des-Uni­ver­sums. In der Bran­che gilt Gor­den Wa­ge­ner als Mann mit mar­kant aus­ge­präg­tem Selbst­be­wust­sein. Wenn der Mer­ce­des-De­si­gner be­tont läs­sig zur Tür her­ein­schlen­dert, könn­te man glatt den Ein­druck ge­win­nen, dass sei­ne Kri­ti­ker und Nei­der in die­ser Sa­che nicht all­zu falsch lie­gen: Brei­tes Lä­cheln, ent­spann­te Kör­per­spra­che, kei­ne Zeit für For­ma­li­tä­ten, gro­ßer En­thu­si­as­mus zu po­si­ti­ven The­men, deut­lich küh­ler, wenn’s kurz mal kri­tisch wird. Und das wird es nur sel­ten, denn auch wenn die von ihm an­ge­scho­be­ne Mer­ce­des-De­sign­spra­che der letz­ten Jah­re im­mer wie­der auch po­la­ri­sie­ren konn­te (et­wa durch wuch­ti­ge CLA-Pro­por­tio­nen oder ex­tro­ver­tier­tes Li­ni­en­spiel selbst an Brot-un­dBut­ter-Fahr­zeu­gen wie A- oder B-Klas­se), sind sich die Kri­ti­ker im We­sent­li­chen doch ei­nig: Was da die let­zen Jah­re aus Stutt­gart kam, konn­te und kann sich mehr als se­hen las­sen. Und wie geht es wei­ter, Herr Wa­ge­ner? „Mit Mo­dern Lu­xu­ry bei Mer­ce­des-Benz, Ul­ti­ma­te Lu­xu­ry bei Mer­ce­des-May­bach und Per­for­mance Lu­xu­ry bei AMG – ver­schie­de­ne Fa­cet­ten ei­ner De­sign­phi­lo­so­phie. Und die De­sign-

phi­lo­so­phie be­stimmt die Mar­ken­phi­lo­so­phie. Und vice ver­sa.“Ty­pisch. Wenn man Gor­den Wa­ge­ner in drei Cha­rak­te­ri­sie­run­gen pa­cken müss­te, dann gin­ge das so: 1. Mer­ce­des-Fan. 2. Mar­ken-Stra­te­ge. 3. De­sign-Fan.

Heiß und cool – AMG und May­bach

„Un­se­re Au­tos ha­ben ei­ne sa­gen­haf­te Dash to Wheel-Ra­tio, die­ser lan­ge Ab­stand von ge­dach­ter Ar­ma­tu­ren­brett-Po­si­ti­on zur Vor­der­ach­se lässt ei­nen Mer­ce­des be­son­ders lu­xu­ri­ös wir­ken. Mit der lan­gen Mo­tor­hau­be und dem steil ste­hen­den Küh­ler­grill wird die ge­sam­te Fahr­zeug­pro­por­ti­on be­ein­flusst – der Vor­der­wa­gen lässt das Au­to satt auf der Hin­ter­ach­se kau­ern.“Po­si­ti­ons­wech­sel in die Sei­ten­per­spek­ti­ve: „Eben­falls ty­pisch für ei­nen Mer­ce­des sind die schnel­len Li­ni­en, die über das Gre­en­hou­se ins Heck lau­fen. Wir ma­chen das be­wusst in­te­gra­tiv, al­so in ei­nem Fluss, um schon im Stand ei­ne ge­fühl­te Ge­schwin­dig­keit zu er­zeu­gen. Die ad­ap­ti­ve Lö­sung, bei der Li­ni­en an ei­nem be­stimm­ten Punkt en­den, wä­re nicht Mer­ce­des. Und das ist ein mar­ken­über­grei­fen­des Merk­mal: Mer­ce­des-Benz de­fi­niert es vor, AMG zeigt es mit ganz viel Po­wer und Kör­per, und bei May­bach woll­ten wir mit dem Vi­si­on 6 ein­mal be­wusst über­trei­ben. Ex­tre­me Li­ni­en – aber ir­gend­wie im­mer noch au­then­tisch.“Täuscht es uns, oder sind die ak­zen­tu­ier­ten Li­ni­en der ak­tu­el­len Mo­del­le Ver­gan­gen­heit? „Es geht um Klar­heit. Um Pro­por­tio­nen. Wir ge­stal­ten Flä­chen, kei­ne Li­ni­en. Wir las­sen das Licht für uns ar­bei­ten, de­fi­nie­ren das Au­to über kon­ve­xe und kon­ka­ve Ober­flä­chen ganz be­wusst. Ich nen­ne das „Hot and cool“– heiß, weil emo­tio­nal und sinn­lich, cool, weil völ­lig kon­trol­liert und nicht ir­gend­wie zu­fäl­lig.“Er ist un­glaub­lich cool, aber könn­te der Vi­si­on May­bach 6 ge­nau so kom­men? Jetzt muss Gor­den Wa­ge­ner kurz über­le­gen: „Ich persönlich glau­be ja, dass wir ein sol­ches Au­to so­gar als Mer­ce­des-Benz plat­zie­ren könn­ten, die Mar­ke ist für mich stark ge­nug. Aber als Mer­ce­des­May­bach kön­nen wir noch mehr ins Ex­trem ge­hen, ex­tro­ver­tiert und sach­lich zu­gleich. Und ja, das wür­de mit ein paar we­ni­gen Ab­stri­chen ge­nau so funk­tio­nie­ren. Wir hat­ten so­gar schon Kauf­an­fra­gen für das De­si­gn­kon­zept ...“Er ist äu­ßerst hot, aber wie weit ent­fernt von ei­nem Se­ri­en­fahr­zeug ist der bul­li­ge Mer­ce­des-AMG GT Con­cept? Jetzt grinst Gor­den Wa­ge­ner: „Die Ka­me­ra-Au­ßen­spie­gel ha­ben wir na­tür­lich rich­tig aus­pro­biert und des­halb traue ich mich zu sa­gen: Nor­ma­le Rück­spie­gel sind ziem­lich su­per. Aber sonst? Ich wür­de sa­gen, das ist ver­dammt nah am Se­ri­en­au­to.“

„ Mo­dern Lu­xu­ry bei Mer­ce­des- Benz , Ul­ti­ma­te Lu­xu­ry bei May­bach , Per­for­mance Lu­xu­ry bei AMG“Gor­den Wa­ge­ner, De­sign-Chef Daim­ler AG

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