Fer­ra­ri 812 Su­per­fast

En­zo Fer­ra­ri hat vor 70 Jah­ren den Grund­stein für die Sport­wa­gen aus Ma­ra­nel­lo ge­legt. Der 812 Su­per­fast ist das pas­sen­de Ge­schenk zum Ju­bi­lä­um

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Micha­el God­de

Blickt man in die Ver­gan­gen­heit, ver­klärt sich so man­ches. Ja, auch die Er­in­ne­rung an En­zo Fer­ra­ri, ge­nannt Il Com­men­da­to­re, Grün­der von Fer­ra­ri, ein Mann mit ei­ner Vi­si­on. Zu Leb­zei­ten war der ei­gen­sin­ni­ge En­zo nicht im­mer ei­ne Freu­de im di­rek­ten Um­gang. Heu­te zählt nur noch sein Le­bens­werk. Pas­send zum 70. Ju­bi­lä­um setzt ihm sei­ne Sport­wa­gen­ma­nu­fak­tur mit dem 812 Su­per­fast – dem stärks­ten Se­ri­en-Fer­ra­ri al­ler Zei­ten – ein Denk­mal. Und wir dür­fen an die­ser High­light teil­ha­ben. Der Ort der 812-Prä­sen­ta­ti­on ist per­fekt ge­wählt: Fior­a­no – die Test­stre­cke rund um die pri­va­te Vil­la von En­zo Fer­ra­ri. Auch wenn wir je­de Wo­che auf Renn- und Test­stre­cken un­ter­wegs sind, hier be­kommt man wei­che Knie. Der Su­per­fast steht vor der Box, in der Micha­el Schu­ma­cher sei­ne F1-Bo­li­den ge­tes­tet hat und sie von hier aus zu fünf Welt­meis­ter-Ti­teln führ­te. Jetzt war­tet Fer­ra­ri-Chef­test­fah­rer Raf­fae­le di Simone dar­auf, dass ich zu ihm ins Au­to stei­ge. Der V12 tief im Bug des tief­ro­ten Su­per­fast, der sei­ne Wur­zeln in der F1 hat, spielt der­weil sein de­zen­tes In­tro aus 6,5 Li­ter Hu­b­raum. Der 812 ist nicht nur ein über­ar­bei­te­ter F12. Schon beim Mo­tor ver­wen­det Fer­ra­ri 75 Pro­zent neu ent­wi­ckel­te Tei­le. Auch die Ka­ros- se­rie wur­de in­ten­siv der Ge­samt­per­for­mance un­ter­ge­ord­net. Ei­ne ak­ti­ve Ae­ro­dy­na­mik lenkt die Luft nun ef­fi­zi­en­ter um den neu­en Fer­ra­ri. Im Ge­gen­satz zum Vor­gän­ger ver­fügt der Su­per­fast über ei­ne All­rad­len­kung, die mit al­len As­sis­tenz­sys­tem ver­netzt ist. „Und ge­nau die­ses Sys­tem macht es mög­lich, die über die Hin­ter­rä­der her­fal­len­den 800 PS si­cher zu kon­trol­lie­ren“, er­klärt mir Raf­fae­le, als wir auf die Stre­cke rol­len. Er be­herrscht das Au­to spie­le­risch, steu­ert es mit den Fin­ger­spit­zen am Li­mit um den Kurs. Nach ei­ner Run­de ge­hört mir der 812 Su­per­fast al­lein. Die ers­ten Run­den ge­wöh­nen wir uns im Race-Mo­dus an­ein­an­der. Ich dre­he, wie es mir der Chef­tes­ter emp­foh­len hat, den Ma­net­ti­no am Lenk­rad auf CT-Off. Hier ver­net­zen sich al­le Sys­te­me auf ma­xi­ma­le Per­for­mance und Fah­rer­un­ter­stüt­zung. Im Fall des 812 heißt das, dass die Len­kung ein Feed­back in die Hän­de des Fah­rers zau­bert, das es bei Fer­ra­ri bis­her so nicht gab.

Der 812 ver­mit­telt ei­ne in­ten­si­ve Ver­bun­den­heit

Auch das neue Fahr­werks-Set-up ver­mit­telt ei­ne klar in­ten­si­ve­re Ver­bun­den­heit mit dem Fahr­zeug. Der 812 rollt deut­lich we­ni­ger über die Längs­ach­se und liegt da­durch ru­hi­ger auf der Ide­al­li­nie als der

F12. Die Len­kung va­ri­iert da­bei kon­ti­nu­ier­lich ih­re Lenk­un­ter­stüt­zung. Treibt das Heck zum Bei­spiel nach au­ßen, re­du­ziert oder stei­gert das Sys­tem blitz­schnell das Lenk­mo­ment – und der Fah­rer fin­det wie von selbst den rich­ti­gen Ge­gen­lenk­win­kel. Nein, das ist kei­ne Ent­mün­di­gung, son­dern ei­ne noch in­ten­si­ve­re In­te­gra­ti­on des Fah­rers ins Ge­samt­sys­tem. Hat man ein­mal sei­nen Rhyth­mus ge­fun­den, lässt sich der Su­per­fast wie auf Schie­nen um den Kurs trei­ben. Der Wech­sel aus lan­gen Ge­ra­den, Kup­pen, en­gen und lang­ge­zo­ge­nen, irr­sin­nig schnel­len Kur­ven kom­po­niert ei­ne ganz be­son­de­re Me­lo­die in je­de Run­de. Der Su­per­fast stützt sich da­bei mit ei­nem in­ten­si­ven Grip über die Rä­der ab und zau­bert ei­nen aus­ge­spro­chen wei­chen Über­gang in den Grenz­be­reich wie kein Fer­ra­ri zu­vor. Der frei sau­gen­de Zwölf­zy­lin­der spielt in die­sem Takt ganz groß auf. Sein ein­zig­ar­ti­ger, nicht un­be­dingt lau­ter, aber in­ten­si­ver Klang aus den für den 65-Grad-V12 ty­pi­schen un­re­gel­mä­ßi­gen Zünd­ab- stän­den do­mi­niert die Um­ge­bung. Ab 3500 Um­dre­hun­gen ste­hen 80 Pro­zent der ma­xi­mal 718 New­ton­me­ter be­reit. Ei­nen Tur­bo ver­misst hier nie­mand. Egal bei wel­cher Dreh­zahl das Gas­pe­dal auf den Bo­den ge­drückt wird, der 812 pul­ve­ri­siert Best­wer­te. In nur 7,9 Se­kun­den ste­hen 200 km/ h auf dem Ta­cho. Leicht und lo­cker ro­tiert die Kur­bel­wel­le da­bei bis auf 8900 Um­dre­hun­gen hin­auf. Der Mo­tor ver­fügt über ei­ne neue Di­rekt­ein­sprit­zung: Statt der bis­he­ri­gen 200 bar sor­gen nun 350 bar für ei­ne op­ti­ma­le Zer­stäu­bung des Kraft­stoffs in den Brenn­räu­men. Der va­ria­ble An­saug­trakt ge­stat­tet ei­ner­seits bei nied­ri­gen Dreh­zah­len ein mas­si­ves Dreh­mo­ment und ent­facht auf der an­de­ren Sei­te ei­ne fan­tas­ti­sche Dreh­zahl­or­gie, die in ei­ner gran­dio­sen Leis­tungs­ex­plo­si­on der 800 PS mün­det.

Ein Meis­ter­stück an Be­herrsch­bar­keit

Ich bin eins mit dem Su­per­fast. Als wä­re es noch nie an­ders ge­we­sen, hal­te ich beim An­brem­sen nach der lan­gen Ge­ra­den das lin­ke Schalt­pad­del ge­zo­gen. Das über­ar­bei­te­te Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be schal­tet au­to­ma­tisch in ei­ner Se­kun­de bis zu drei Gän­ge hin­un­ter. Ein­len­ken und ab dem Schei­tel­punkt die Kraft des V12 spie­le­risch kon­trol­lie­ren, als wä­re es das Ein­fachs­te der Welt. Nach ei­ni­gen Run­den en­det mein Ren­dez­vous mit dem wohl der­zeit bes­ten Fer­ra­ri. Er ist ein meis­ter­haf­ter Kom­pro­miss zwi­schen au­then­ti­schem Fahr­ge­fühl und Be­herrsch­bar­keit. Aber der 812 Su­per­fast hat noch mehr zu bie­ten: Ab­seits der Renn­stre­cke im ber­gi­gen Hin­ter­land von Ma­ra­nel­lo mit en­gen, holp­ri­gen Stra­ßen prä­sen­tiert sich der Ita­lie­ner von sei­ner bes­ten Sei­te. Der 812 ist nicht nur für den Ritt am Li­mit ge­macht, son­dern über­zeugt auch auf Knopf­druck mit ei­ner ge­lun­ge­nen Kom­fort­ab­stim­mung.

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