Buß­geld aus dem Aus­land Ver­kehrs­rechts­ex­per­te Rü­di­ger Krah be­ant­wor­tet die zehn wich­tigs­ten Fra­gen

Kom­men Buß­geld­be­schei­de aus dem Aus­land ins Haus, stellt sich die Fra­ge: Kann ich den igno­rie­ren? Denn auch deutsche Be­hör­den kön­nen je nach Fall das Geld ein­trei­ben. Un­ser Rechts­ex­per­te be­ant­wor­tet die zehn wich­tigs­ten Fra­gen

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Mar­kus Bach FO­TOS ima­go (2), iS­tock (2) ]

1. Ab wel­chem Be­trag wer­den die Buß­gel­der in Deutsch­land voll­streckt?

Buß­gel­der un­ter 70 Eu­ro fal­len un­ter die so­ge­nann­te Ba­ga­tell­gren­ze. Hier fin­det – egal aus wel­chem Land – kei­ne Voll­stre­ckung in Deutsch­land statt. Maß­geb­lich ist die rei­ne Hö­he der Geld­bu­ße. Mahn- und Ver­wal­tungs­kos­ten wer­den nicht ein­ge­rech­net. Die Voll­stre­ckung be­trifft Geld­sank­tio­nen aus al­len EU-Län­dern. Zu­stän­di­ge Be­hör­de für die Durch­füh­rung und Prü­fung der Voll­stre­ckung ist das Bun­des­amt für Jus­tiz in Bonn. Igno­rie­ren soll­te man Buß­geld­schrei­ben al­so nur, wenn es sich um Geld­bu­ßen un­ter 70 Eu­ro han­delt und man mit dem glei­chen Fahr­zeug nicht mehr in­ner­halb der aus­län­di­schen Ver­jäh­rungs­fris­ten in das je­wei­li­ge Land ein­rei­sen möch­te.

2. Was ist mit In­kas­soBü­ros und Schreiben aus­län­di­scher Be­hör­den?

Bis zum Früh­jahr 2017 stamm­ten weit über 90 Pro­zent al­ler Voll­stre­ckungs­er­su­chen aus den Nie­der­lan­den. Zu­stän­dig ist hier die CJIB (Cen­traal Jus­ti­tie­el In­casso­bu­reau). Das ist aber kein In­kas­so­bü­ro, wie wir es in Deutsch­land als pri­va­te In­sti­tu­ti­on ken­nen, son­dern ei­ne Be­hör­de des nie­der­län­di­schen Mi­nis­te­ri­ums für Si­cher- heit und Jus­tiz. Die­se Schreiben ha­ben al­so die glei­che recht­li­che Qua­li­tät wie of­fi­zi­el­le staat­li­che Schreiben aus Deutsch­land.

3. Wer­den auch Gel­der aus Nicht-EU-Län­dern voll­streckt, et­wa der Schweiz?

Der deutsch-schwei­ze­ri­sche Ver­trag über die grenz­über­schrei­ten­de po­li­zei­li­che Zu­sam­men­ar­beit von 1999 be­inhal­tet auch ei­ne Voll­stre­ckungs­hil­fe. Die­ser Teil ist je­doch noch nicht in Kraft ge­tre­ten. Al­ler­dings darf Deutsch­land auch oh­ne die­se ver­trag­li­che Ba­sis Voll­stre­ckungs­hil­fe leis­ten. Doch das ge­schieht mei­nes Wis­sens nach so gut wie nie.

4. Dro­hen für Ver­ge­hen im Aus­land auch Punk­te und Füh­rer­schein­ent­zug?

Nein, für Ta­ten im Aus­land wer­den kei­ne Punk­te im Fahr­eig­nungs­re­gis­ter in Flens­burg ein­ge­tra­gen. Ein Füh­rer­schein­ent­zug durch deutsche Be­hör­den fin­det eben­falls nicht statt. Al­ler­dings kön­nen Ver­ur­tei­lun­gen und rechts­kräf­ti­ge Buß­geld­be­schei­de, die im Aus­land nach dor­ti­gem Recht er­fol­gen, je­der­zeit voll­streckt wer­den, wenn der Ver­kehrs­teil­neh­mer wie­der in das be­tref­fen­de Land ein­reist.

5. Was pas­siert, wenn ich nicht zah­le und spä­ter wie­der das Land be­su­che?

Hier droht die Voll­stre­ckung bei Wie­der­ein­rei­se nebst dann an­ge­fal­le­ner, zum Teil recht ho­her Ge­büh­ren und Ver­wal­tungs­kos­ten. Die Ver­jäh­rungs­fris­ten rich­ten sich nach dem in­di­vi­du­el­len Recht des Staats, in dem das Ver­ge­hen statt­ge­fun­den hat. In den Nie­der­lan­den ist et­wa ei­ne fünf­jäh­ri­ge Voll­stre­ckungs­frist vor­ge­se­hen. Bei Miet­wa­gen kann es so­gar passieren, dass man von der Po­li­zei für die Ver­stö­ße des vor­an­ge­hen­den Nut­zers fest­ge­hal­ten wird. Näm­lich dann, wenn die Miet­wa­gen­fir­ma der Be­hör­de noch nicht den ver­ant­wort­li­chen Nut­zer ge­nannt hat. In die­sem Fall emp­fiehlt sich die so­for­ti­ge Kon­takt­auf­nah­me mit dem Ver­mie­ter.

6. Kann ich ein Fahr­ver­bot im be­trof­fe­nen Staat be­kom­men?

Das je­wei­li­ge Land kann ein Fahr­ver­bot auf dem ei­ge­nen Ge­biet voll­stre­cken, wenn der Be­trof­fe­ne dort rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wur­de. Wird man dann am Steu­er er­wischt, stellt das nach dor­ti­gem Recht ein Fah­ren oh­ne Fahr­er­laub­nis da – mit an­nä­hernd glei­chen ver­si­che­rungs- und straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen wie in Deutsch­land. Hier­von ist al­so drin­gend ab­zu­ra­ten. Ein im Aus-

land ver­häng­tes Fahr­ver­bot gilt aber nicht in Deutsch­land.

7. Was pas­siert, wenn ich als Au­to-Hal­ter im Aus­land nicht ge­fah­ren bin?

Im Aus­land gilt im Ge­gen­satz zu Deutsch­land meist die Hal­ter­haf­tung. Es ist aber wich­tig, den so­ge­nann­ten Hal­ter­haf­tungs­ein­wand – dass man selbst nicht ge­fah­ren ist – un­be­dingt be­reits ge­gen­über der an­schrei­ben­den Be­hör­de frist­ge­mäß und in nach­weis­ba­rer Form gel­tend zu ma­chen. Das kann spä­ter vor dem deut­schen Ge­richt nicht mehr nach­ge­holt wer­den. Ver­säumt man die­sen Ein­wand, kann man auch bei uns als Hal­ter haf­ten, oh­ne selbst im Aus­land ge­fah­ren zu sein.

8. Kann ich im Aus­land ver­teil­te Park­knöll­chen igno­rie­ren?

Wenn man spä­ter mit dem glei­chen Fahr­zeug wie­der in das ent­spre­chen­de Land fah­ren möch­te, soll­te man die­se nicht igno­rie­ren. Voll­streckt wer­den kön­nen sol­che Kn­öll­chen in Deutsch­land al­ler­dings nicht.

9. Wie soll ich mich ver­hal­ten, wenn ich von der Po­li­zei ge­stoppt wer­de?

Wenn man von den Be­am­ten an­ge­hal­ten wird, kön­nen die­se die Per­son des Fah­rers iden­ti­fi­zie­ren. Da­mit wä­ren Geld­bu­ßen ab 70 Eu­ro spä­ter auch in Deutsch­land voll­streck­bar. Oft­mals wird von der Po­li­zei im Aus­land die Wei­ter­fahrt aber nur zu­ge­las­sen, wenn di­rekt ge­zahlt wird. Das geht in den meis­ten Nach­bar­län­dern auch schon mit Kre­dit­kar­te. Wird die Zah­lung ei­nes Buß-oder Ver­war­nungs­gelds ver­wei­gert, kön­nen die aus­län­di­schen Be­hör­den deutsche Füh­rer­schei­ne be­schlag­nah­men. Die­se müs­sen je­doch an der Gren­ze vor der Rück­rei­se nach Deutsch­land wie­der zu­rück­ge­ge­ben wer­den. In Ita­li­en kann so­gar das Fahr­zeug bei ei­ner ganz er­heb­li­chen Ge­schwin­dig­keits­über­schrei­tung be­schlag­nahmt wer­den. Wem das pas­siert, der muss sich vor Ort nach ita­lie­ni­schem Recht am bes­ten durch ei­nen dort zu­ge­las­se­nen, deutsch­spra­chi­gen An­walt ver­tre­ten las­sen. Rechts­schutz­ver­si­che­rer so­wie Au­to­mo­bil­clubs füh­ren Lis­ten der­ar­ti­ger An­wäl­te. Ge­ne­rell kön­nen aus­län­di­sche Fahr­zeu­ge dort bis zu 60 Ta­ge si­cher­ge­stellt wer­den, wenn der Fah­rer ei­ne Geld­bu­ße nicht so­fort be­zahlt. Ab 1,5 Pro­mil­le oder bei Dro­gen­fahr­ten ist in Ita­li­en zu­dem ei­ne Be­schlag­nah­me und Ent­eig­nung des Au­tos mög­lich.

10. Hilft mir mein Ver­kehrs­rechts­schutz ge­gen aus­län­di­sche Buß­gel­der?

Das ist vom Inhalt des je­wei­li­gen Ver­si­che­rungs­ver­trags ab­hän­gig. Nach den neu­en Rechts­schutz­be­din­gun­gen wer­den bei ei­nem im Aus­land ein­ge­tre­te­nen Fall wahl­wei­se die Kos­ten ei­nes am Ort des zu­stän­di­gen Ge­richts an­säs­si­gen An­walts oder die Kos­ten ei­nes deut­schen Kol­le­gen er­stat­tet. Bei ei­ner gro­ßen Ent­fer­nung zwi­schen dem Ge­richts­ort im Aus­land und dem ei­ge­nen Wohn­sitz kön­nen un­ter Um­stän­den auch die Kos­ten ei­nes deut­schen Kor­re­spon­denz­an­walts er­stat­tungs­fä­hig sein.

Auf sol­che Schreiben soll­te man in den meis­ten Fäl­len re­agie­ren

Rü­di­ger Krah Der Rechts­an­walt aus Köln ist un­ser Ex­per­te für ju­ris­ti­sche Fra­gen. Als Mit­glied der Ar­beits­ge­mein­schaft Ver­kehrs­recht im Deut­schen An­walt­ver­ein ist er un­ter an­de­rem dar­auf spe­zia­li­siert.

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