Bis an­sEn­de derWelt

Wir reis­ten über 7000 Ki­lo­me­ter mit dem prak­ti­sche Klein­Bus Hy­un­dai H-1 von Buenos Aires an der At­la­nik-Küs­te nach Feu­er­land – und dann über die Ru­ta 40 zu Fü­ßen der An­den wie­der zu­rück. Da­bei ha­ben wir ein ver­las­se­nes Land mit ei­ner be­ein­dru­cken­den Lands

AUTO ZEITUNG - - REPORTAGE · MIT DEM HYUNDAI H-1 DURCH ARGENTINIEN - [ TEXT Micha­el God­de FO­TOS Daniela Loof ]

Aus, En­de, vor­bei – Se­ñor Or­te­ga hat kei­ne guten Nach­rich­ten für uns. Der Chef­be­am­te an der ar­gen­ti­nisch-chi­le­ni­schen Gren­ze kann uns nicht passieren las­sen. Der Wen­de­punkt un­se­re Rei­se durch Ar­gen­ti­ni­en, Us­huaia, scheint un­er­reich­bar. Uns feh­len ein­fach die rich­ti­gen „Pa­pe­li­tos“– Zoll­do­ku­men­te für un­se­ren Hy­un­dai: Oh­ne staat­lich be­glau­big­te Pa­pie­re darf der H-1 das Land nicht ver­las­sen. Um aber nach Feu­er­land zu kom­men, müs­sen wir rund 250 km durch Chi­le rei­sen, dort die Ma­gel­lan­stra­ße mit ei­ner Fäh­re passieren, um dann wie­der in das vom Rest Ar­gen­ti­ni­ens ab­ge­schnit­te­ne „Tier­ra del Fue­go“zu ge­lan­gen. Ei­nen an­de­ren Weg gibt es nicht. Drei Ta­ge wa­ren wir von Buenos Aires hier­her un­ter­wegs – 2500 km Rich­tung Sü­den. Se­hens­wür­dig­kei­ten? Kei­ne. Der größ­te Teil ist kar­ge, vom ste­ti­gen Wind aus den Ber­gen ge­zeich­ne­te Step­pe. Ge­schla­fen ha­ben wir im Hy­un­dai H-1: Der prak­ti­sche Klein-Bus ist be­que­mer und vor al­lem sau­be­rer als die meis­ten Ab­stei­gen ent­lang der Bun­des­stra­ße 3. Jetzt sind wir in Rio Gal­le­gos an der Gren­ze Chi­les ge­stran­det. Ein Tipp von Or­te­ga führt uns al­ler­dings in ein Rei­se­bü­ro. Die Mit­ar­bei­ter ken­nen das Pro­blem mit den Leih­fahr­zeu­gen aus Buenos Aires und bie­ten di­rekt die Lö­sung: Ei­ne Un­ter­schrift, rund 800 Eu­ro aus der Rei­se­kas­se – schon kön­nen wir die Gren­ze mit ei­nem gut ein­ge­fah­re­nen Ford Ran­ger passieren. Ein in­ter­es­san­tes Ge­schäfts­mo­dell … Nach ei­ner küh­len Nacht strahlt der Him­mel am nächs­ten Mor­gen in den ar­gen­ti­ni­schen Na­tio­nal­far­ben. End­lich wech­selt die Land­schaft nach je­der Keh­re ih­ren Cha­rak­ter, Feu­er­land zeigt sich von sei­ner schöns­ten Sei­te. Us­huaia al­ler­dings nicht – die Stadt ist wirk­lich kei­ne Rei­se wert. Die Lan­ge­wei­le treibt uns über Schot­ter­pis­ten am Bea­gle-Ka­nal ent­lang zur Estan­cia Ha­ber­ton, der süd­lichs­ten Farm des Lan­des. Klei­ne Boo­te brin­gen Tou­ris­ten von hier zu den vor­ge­la­ger­ten Pin­gu­in-In­seln. Was dann noch kommt? Das of­fe­ne Meer und ir­gend­wann die Ant­ark­tis. Wir ha­ben lei­der kei­ne Zeit mehr, al­so keh­ren wir um, tau­schen an der Gren­ze wie­der die Au­tos und fä­deln uns auf der Ru­ta 40 ein. Die­se be­rühm­te Stra­ße schlän­gelt sich ent­lang der An­den durch das gan­ze Land. Das Na­vi­sys­tem führt uns nach El Cal­afa­te am La­go Ar­gen­ti­no. Ein paar Schrit­te vom Park­platz in den Na­tio­nal­park Los Gla­cia­res ge­nü­gen und man blickt di­rekt auf die rie­si­ge, bis zu 60 Me­ter ho­he Eis­wand des Pie­tro Mo­re­no-Glet­schers. Im Ge­gen­satz zur Nord­halb­ku­gel wächst hier die Eis­flä­che, im­mer wie­der bricht un­ter lau­tem Ge­tö­se ein Stück Eis aus der be­ein­dru­cken­den Wand. Ein As­a­dao (ar­gen­ti­ni­sches Gril­len) mit auf of­fe­ner Flam­me ge­bra­te­nem Lamm und ein köst­li­cher Rot­wein run­den den Tag ab. Glas­kla­re Luft aus den Ber­gen weckt uns am nächs­ten Tag, El Chal­tén heißt das heu­ti­ge Ziel. Vor uns er­stre­cken sich un­end­li­che Wei­ten. Der ste­ti­ge Wind zeich­net mit den Wol­ken gran­dio­se Bil­der an den Him­mel, Gauchos trei­ben ih­re Her­den vor sich her und schlür­fen ge­nüss­lich ih­ren bit­te­ren Ma­te-Tee am Stra­ßen­rand. Vor uns er­hebt sich das un­ver­gleich­li­che Berg­mas­siv der An­den. Star der For­ma­ti­on ist der Fitz Roy (sie­he Dop­pel­sei­te zu­vor). Der 3406 Me­ter ho­he Gra­nit­berg heißt im Volks­mund auch „Der Rau­chen­de“, weil sein Gip­fel fast im­mer von Wol­ken ver­deckt ist – heu­te zum Glück nicht. Sel­ten sind in Pa­ta­go­ni­en auch die Tank­stel­len, Ben­zin ist Man­gel­wa­re. In El Chal-

Nur mit den rich­ti­gen „Pa­pe­li­tos“ kommt man Auch nach Feu­er­land

tén ent­de­cken wir ei­ne pro­vi­so­risch in ei­nen Über­see-Con­tai­ner ein­ge­bau­te Tank­stel­le. Für uns ist noch Sprit da, die Schlan­ge nach uns geht leer aus. Wie­der Glück ge­habt, denn der nächst­grö­ße­re Ort Pe­ri­to Mo­re­no liegt 586 Ki­lo­me­ter wei­ter nörd­lich. Ein paar Nan­dus (bis zu 1,40 Me­ter ho­her Lauf­vo­gel) bau­schen am Stra­ßen­rand ihr Ge­fie­der auf und ren­nen mit bis zu 60 km/ h da­von, so­bald man ih­nen zu na­he kommt. An­sons­ten las­sen wir uns auf das be­ru­hi­gen­de Stak­ka­to des gro­ßen Vier­zy­lin­ders im Hy­un­dai ein und schwei­fen mit un­se­ren Bli­cken stun­den­lang in die Fer­ne. So ein­fach kann Ent­span­nung sein.

Ba­ri­lo­che hat sei­nen Glanz ver­lo­ren

Am nächs­ten Tag hal­ten wir zu­erst an ei­ner Gom­me­ria (Rei­fen­han­del) zum Prü­fen des Luft­drucks: Vor und hin­ter uns lie­gen hun­der­te Ki­lo­me­ter Schot­ter­pis­ten, die sich mit neu asphal­tier­ten Stre­cken im Nir­gend­wo ab­wech­seln – der rich­ti­ge Rei­fen­druck ist da ein Muss. Der Mecha­ni­ker be­stä­tigt mir mit ei­nem ge­üb­ten Tritt vor den Rei­fen, dass al­les per­fekt ist … Al­so auf nach Ba­ri­lo­che am Fuß der An­den. Der H-1 spult wei­ter ver­läss­lich je­den Ki­lo­me­ter ab, kein Spur von stra­pa­zier­ter Mecha­nik. Der al­te Ur­laubs­ort, der gern auch als Ar­gen­ti­ni­sche Schweiz be­zeich­net wird, ist lei­der zu ei­ner Par­ty­mei­le ver­kom­men. Der Duft der fei­nen Kaf­fee­häu­ser und der ed­len Cho­co­la­tiers ist aus dem Zen­trum ver­schwun­den und wird vom Gestank lee­rer Bier­do­sen über­la­gert, die in Bus­sen an­ge­karr­te, grö­len­de Te­enager weg­wer­fen. Der schö­ne Teil der Stadt liegt in­zwi­schen auf der Pen­in­su­la San Pe­dro. Ei­ne klei­ne Hip­pieGe­mein­de hat sich dort mit der über Wald­we­ge zu er­rei­chen­den Co­lo­nia Sui­za ein Pa­ra­dies mit freund­li­chen Tee­stu­ben und krea­ti­vem Kunst­han­del ge­schaf­fen. Über die Sie­ben-Se­enRou­te er­rei­chen wir wei­ter im Nor­den San Mar­tín de los An­des. In ei­ner al­ten Scheu­ne ver­steckt sich das Mu­se­um „La Pas­te­ra“. Er­nes­to „Che“Gue­va­ra soll hier auf ei­ner sei­ner Mo­tor­rad­rei­sen ein paar Näch­te ver­bracht ha­ben – das Mu­se­um er­zählt sei­ne Ge­schich­te. Zwei Wo­chen sind wie im Zei­t­raf­fer ver­flo­gen. Un­ser Rück­weg führt uns quer durch die Pam­pa zu­rück nach Buenos Aires. Mit­te­drin liegt ei­ne Stadt wie aus ei­ner Apo­ka­lyp­se: Vil­la de Epe­cuén. Über 60 Jah­re lang war die Stadt ein be­lieb­ter Ba­de­ort – bis 1985. Als ein Damm nach hef­ti­gen Re­gen­fäl­len brach, ver­sank Epe­cuén im lang­sam an­stei­gen­den See. Erst 2009 zog sich das Was­ser zu­rück, und ei­ne zer­fres­se­ne, von ei­ner Salz­krus­te über­zo­ge­ne Rui­nen-Stadt kam zum Vor­schein. Wir wol­len mehr von Ar­gen­ti­ni­en se­hen. Beim nächs­ten Mal ste­hen Cordo­ba und die Grenz­re­gi­on zu Bo­li­vi­en und Pa­ra­gu­ay auf der Lis­te. Auch der H-1 ist wie­der da­bei – dann mit den rich­ti­gen Pa­pie­ren …

Gauchos trei­ben ih­re Schaf­her­den durch die Step­pe ent­lang der Ru­ta 40 in Pa­ta­go­ni­en

Der Pie­tro Mo­re­no ist mit ei­ner Ge­samt­flä­che von 254 km2 ei­ner der größ­ten Glet­scher der süd­ame­ri­ka­ni­schen An­den

Das be­schau­li­che Vil­la de Ago­s­tu­ra liegt auf der Sie­ben-Se­en-Rou­te di­rekt in den An­den

Ver­trock­ne­te Über- res­te ei­nes Gua­na­kos in der end­lo­sen Step­pe

Klei­ne Gür­tel­tie­re ver­ste­cken sich hin­ter Grä­sern an der Stra­ße

In der frucht­ba­ren Pam­pa herrscht kein Man­gel an Obst

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