Drei­mal SUV Tour durchs ma­le­ri­sche El­sass mit Al­fa Ro­meo Stel­vio, Ja­gu­ar F-Pace und Maserati Le­van­te

Mit ge­wal­ti­ger Ver­zö­ge­rung er­reicht der All­rad-Boom nun auch die tra­di­ti­ons­rei­chen Vil­len­vier­tel des Au­to­markts. Ja­gu­ar, Al­fa und Maserati rich­ten sich im SUV-Stil neu ein

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Kars­ten Reh­mann FO­TOS Zbi­gniew Ma­zar ]

Der Aus­spruch des ehe­ma­li­gen Ja­gu­ar-Chefs Joe Gre­en­well schwingt und hallt noch im­mer in den Ge­hör­gän­gen, da­bei sind seit die­sem Ge­spräch 13 Jah­re ver­gan­gen. Auf die Op­ti­on ei­nes Ja­gu­ar SUV an­ge­spro­chen, lä­chel­te er spöt­tisch und ver­kün­de­te, die für ih­re kat­zen­haf­ten Sil­hou­et­ten be­kann­te Mar­ke Ja­gu­ar wer­de nie­mals ein so hoch­bei­ni­ges Fahr­zeug ins Pro­gramm neh­men. Es klang wie die Be­kräf­ti­gung ei­nes Dar­win­schen Na­tur­ge­set­zes – ein SUV von Ja­gu­ar? No way! In fer­ner Zu­kunft, wenn Mäu­se Kat­zen ja­gen und die For­mel 1 mit All­rad­an­trieb fährt, dann den­ken wir viel­leicht noch­mal drü­ber nach. Vor­her nicht. Wo­zu gibt es schließ­lich Land Ro­ver? Por­sche hat­te da­mals schon den Cay­enne, aber Ja­gu­ar focht das nicht an, die Bri­ten blie­ben ab­sti­nent. Lie­ber in Schön­heit ster­ben als in nie­de­ren Ge­fil­den Geld zu ver­die­nen. Ein Sei­ten­blick auf die ita­lie­ni­sche Kon­kur­renz schien die­se Hal­tung zu be­stä­ti­gen: Zwar prä­sen­tier­te Al­fa schon 2004 das SUV-Kon­zept Ka­mal, und Maserati be­ob­ach­te­te wohl­wol­lend die Ital­de­sign-Stu­die Ku­bang.

Die Stu­di­en von 2004 sa­hen toll aus und hat­ten trotz­dem kei­ne Zu­kunft

Doch ob­wohl die­se Kon­zep­te bes­ser aus­sa­hen als der Cay­enne, ver­schwan­den bei­de spur­los in der Ver­sen­kung. Wäh­rend sich Por­sche am

Cay­enne ei­ne gol­de­ne Na­se ver­dien­te, stand die Ab­kür­zung SUV bei Ja­gu­ar wei­ter­hin für „Stolz und Vor­ur­teil“, bei Al­fa Ro­meo und Maserati für „Stil­bruch un­ter Ver­schluss“. Da­bei taug­ten die Bi­lan­zen der drei gro­ßen Da­men des Mo­tor­sports bes­ten­falls als Vor­la­gen für ei­ne Neu­auf­la­ge der Drei­gro­schen­oper. Doch nun weht ein an­de­rer Wind, und wie es bei Maserati gu­ter Brauch ist, bläst er uns die Hit­ze aus dem Sü­den um die Oh­ren. Le­van­te heißt er, die deut­sche Mar­ke­ting-Bro­schü­re nennt ihn ei­nen „aben­teu­er­li­chen“– hier ver­birgt sich wahr­haf­tig et­was Gro­ßes. Zum ers­ten Mal misst ein Maserati-Se­ri­en­mo­dell vom Dach­schei­tel bis zur Rei­fen­soh­le mehr als 1,5 Me­ter und ist mit ei­nem Le­bend­ge­wicht von 2,2 Ton­nen ge­seg­net. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Le­van­te ge­hört zu den we­ni­gen SUV eu­ro­päi­scher Pro­ve­ni­enz, die ne­ben ei­nem Au­di Q7 nicht wie ei­ne hal­be Por­ti­on aus­se­hen. Pas­sé sind die Zei­ten des ge­pfleg­ten op­ti­schen Un­der­state­ments, mit dem Maserati haupt­säch­lich die Gunst von Alt­phi­lo­lo­gen und an­de­ren für den Markt­er­folg ir­re­le­van­ten Ziel­grup­pen ge­wann. Der Le­van­te fällt nicht mit der Tür ins Haus, er schlägt ein wie der Blitz und reißt da­bei die kom­plet­te Fas­sa­de ein. Es ist fast un­mög­lich, sich sei­ner wuch­ti­gen, re­spekt­ge­bie­ten­den Form zu ent­zie­hen. Der ova­le Grill mit den ver­ti­ka­len Stre­ben zi­tiert die Ma­se­ra­tiRenn­wa­gen der 50er-Jah­re, die schlitz­ar­ti­gen Schein­wer­fer und die leicht nach vorn ge­beug-

DER LE­VAN­TE FÄLLT NICHT MIT DER TÜR INS HAUS – ER REISST DIE FAS­SA­DE EIN

te Mo­tor­hau­be ge­ben sei­nen Ge­sichts­zü­gen ei­ne grim­mi­ge Ent­schlos­sen­heit. „Fahrt, wo ihr wollt, aber die Ide­al­li­nie ge­hört mir“, si­gna­li­siert er, und der Klang sei­nes von zwei Tur­bo­la­dern mit Druck­luft be­auf­schlag­ten V6-Zy­lin­ders legt na­he, sich die­ser For­de­rung nicht all­zu lan­ge zu wi­der­set­zen. Die­ses Fau­chen und Grol­len klingt so, als scharr­ten al­le 430 Streitros­se mit den Hu­fen und lässt glatt ver­ges­sen, dass dem Le­van­te im Ver­gleich zum Quat­tro­por­te zwei Zy­lin­der feh­len. Auch for­mal ist der Sechs­zy­lin­der bei­lei­be kein Stil­bruch, im Ge­gen­teil: Maserati blickt auf ei­ne der­art lan­ge Bi­tur­bo-Tra­di­ti­on zu­rück, dass man sich wun­dert, war­um sie dem Le­van­te kei­nen ent­spre­chen­den Schrift­zug ans Heck kle­ben wie in den frü­hen Acht­zi­gern, als die Bi­tur­bo-Li­mou­si­nen so man­chem gro­ßen V8 in die Wa­den bis­sen. Von fal­scher Be­schei­den­heit fin­det sich auch im In­te­ri­eur kei­ne Spur: Noch im­mer be­setzt ei­ne hüb­sche ana­lo­ge Zeit­uhr wie ein Ju­wel das Zen­trum der Ar­ma­tu­ren­ta­fel, doch un­ter ihr macht sich nun ein von Lüf­tungs­git­tern im Grill­rost-For­mat flan­kier­tes In­fo­tain­ment-Ter­mi­nal breit. Mit der et­was un­durch­sich­ti­gen Me­nü­füh­rung muss sich der Fah­rer zu­nächst nicht aus­ein­an­der­set­zen. Zu­erst gilt es, sich mit zwei grund­sätz­li­chen Fea­tu­res an­zu­freun­den, dem Start­knopf – er sitzt links vom Lenk­rad an der In­stru­men­ten­ta­fel – und den ex­tra lan­gen, an der Lenk­säu­le starr fi­xier­ten Schalt­zü­gen, die die He­bel für Blin­ker und Wi­scher voll­stän­dig ver­de­cken.

Das Gan­ze wirkt un­ge­mein sport­lich, und auch die Fahr­leis­tun­gen lie­gen auf Top­ni­veau. Al­ler­dings kann die kom­fort­be­ton­te Len­kung das Fahr­zeug­ge­wicht nicht aus­rei­chend ka­schie­ren. Spe­zi­ell im Stadt­ver­kehr er­for­dert es eif­ri­ge Kur­be­lei, um den sper­ri­gen Maserati prä­zi­se auf Kurs zu hal­ten. Da­ge­gen wirkt der Al­fa Ro­meo Stel­vio Q4 Su­per be­hän­de wie ein Klein­wa­gen. Al­fa hat ihn nach dem Stilfser Joch (ita­lie­nisch: Pas­so del­lo Stel­vio) be­nannt, und das ver­rät be­reits, wel­che DNA in ihm steckt. Der Al­fa liebt Kur­ven, er giert ge­ra­de­zu nach ih­nen, und da­mit auch der Fah­rer voll kon­zen­triert die nächs­te Spitz­keh­re im Au­ge be­hält, ge­hö­ren die Stel­vio-Ar­ma­tu­ren zu den schlich­tes­ten ih­rer Art. Der pro­fa­ne Ar­ma­tu­ren­trä­ger er­in­nert an die von Gi­u­lia und Gi­uli­et­ta. Die in die­ser Preis­klas­se grenz­wer­ti­ge Ma­te­ri­al­aus­wahl und De­tails wie der zu klei­ne Bild­schirm der Heck­ka­me­ra pro­vo­zie­ren Kri­tik, doch die ge­rät in Ver­ges­sen­heit, so­bald der Stel­vio in sei­nem Re­vier un­ter­wegs ist. Da ver­gisst und ver­zeiht der Al­fa-Fan, dass der Vier­zy­lin­der sei­ne 16 Ven­ti­le über nur ei­ne oben­lie­gen­de No­cken­wel­le an­steu­ert und nicht zwei, wie es bei Al­fa spä­tes­tens seit En­de der 50er nor­mal ist. Im Ge­gen­satz zur gro­ßen Al­faTra­di­ti­on wohl­tö­nen­der Vier­zy­lin­der fehlt es dem Stel­vio-Mo­tor an Ge­s­angs­qua­li­tä­ten. Akus­tisch macht er nicht viel her, aber die nack­ten Zah­len spre­chen für ihn. Wo der Maserati die gro­ße Oper auf­führt und in thea­tra­li­scher Wucht die Stra­ße frisst, folgt ihm der Al­fa fast un­be­merkt, aber sehr be­harr­lich und holt so­gar wie­der auf, wenn die Pis­te en­ger wird, weil sei­ne Len­kung zu den flinks­ten im kom­plet­ten SUV- Seg­ment ge­hört. In der hier vor­ge­stell­ten „Su­per“-Ver­si­on mit Sport-Pa­ket wird der An­las­ser über ei­nen auf der lin­ken Lenk­rad­spei­che sit­zen­den Start­knopf be­tä­tigt. Wie an­ge­sichts der kom­pak­ten Au­ßen­ma­ße nicht an­ders zu er­war­ten, ist der Stel­vio ei­ne Kon­fek­ti­ons­grö­ße en­ger ge­schnit­ten: Vorn passt er wie an­ge­gos­sen, im Fond kneift er un­ter den Ar­men und bie­tet we­nig Platz für gro­ßes Schuh­werk. Di­cke Brief­ta­schen pas­sen auch nicht ins viel zu klei­ne Hand­schuh­fach – wo­mög­lich ein de­zen­ter Hin­weis auf den at­trak­ti­ven Ein­stiegs­preis des Stel­vio Q4, mit dem er den Maserati Le­van­te leicht in Er­klä­rungs­not­stand bringt. Ket­ze­risch for­mu­liert muss der Kun­de ne­ben 39.000 Eu­ro ex­tra schon enor­men Gel­tungs­drang mit­brin­gen, um dem Le­van­te den Vor­zug zu ge­ben.

Oder er ver­lässt Ita­li­en, be­gibt sich ge­dank­lich und emo­tio­nal auf die bri­ti­sche In­sel, nimmt den Ja­gu­ar F-Pace S un­ter die Lu­pe und staunt dar­über, dass Ja­gu­ar nicht nur sein Ge­schwätz von vor­ges­tern gründ­lich ver­ges­sen hat, son­dern auch gleich den seit vik­to­ria­ni­scher Zeit ge­pfleg­ten Stil aus Wal­nuss­wur­zel und va­nille­far­be­nem Le­der. Denn der F-Pace passt auf An­hieb, er sieht bei­na­he zwang­haft mo­dern aus, ist durch­dacht ein­ge­rich­tet, qua­li­ta­tiv über­zeu­gend und op­tisch an­spre­chend. Ja­gu­ar ge­lang so­gar das Kunst­stück, ihm ein mar­kan­tes Heck­de­sign zu ver­pas­sen. Ähn­lich wie die Al­fa Ro­meo-In­ge­nieu­re nah­men die Ja­gu­ar-Ent­wick­ler das „S“im Kür­zel „SUV“be­son­ders wich­tig. Es steht für „Sports“. Und wer sich an­ge­sichts der meis­ten ak­tu­el­len SUV bis­lang frag­te, wo die Her­stel­ler „sport­li­cher Nutz­fahr­zeu­ge“die­se Sport­lich­keit ver­steckt ha­ben, der fühlt sich im Ja­gu­ar F-Pace end­lich ein­mal ver­stan­den. Das be­ginnt mit der Sitz­po­si­ti­on hin­ter dem klei­nen Lenk­rad, setzt sich fort über das Fahr­werk mit steif­bei­nig ab­rol­len­den 22-Zoll-Rä­dern, aber auch sehr flin­ken Len­kre­ak­tio­nen und die kom­pak­te, ge­ra­de­zu hand­lich wir­ken­de Ka­ros­se­rie. Der mit Kom­pres­sor­tech­nik auf­ge­la­de­ne V6-Zy­lin­der läuft an­ge­nehm lei­se und gibt nur im Sport­mo­dus ein dunk­les, ag­gres­si­ves Schnur­ren von sich. Wer die Stu­fen sechs bis acht des Au­to­ma­tik-Ge­trie­bes aus­klam­mert und das Ge­trie­be über die beim Len­ken mit­dre­hen­den Schalt­zü­ge be­dient, nimmt un­ter­schwel­lig den fei­nen Un­ter­schied wahr zwi­schen ei­nem Sport­wa­gen, der nur zu­fäl­lig wie ein SUV aus­sieht, und ei­nem SUV, das nur zu­fäl­lig so schnell ist wie ein Sport­wa­gen. Ja­gu­ar, Al­fa und Maserati ha­ben ih­re Ab­sti­nenz ge­gen Sucht­mit­tel ein­ge­tauscht. Sie tra­gen die Ver­ant­wor­tung, wenn wir nun vom SUV nicht mehr los­kom­men.

Pa­ket­bo­te: Ex­tras wie Sport­lenk­rad, Le­der­sit­ze, Nuss­baum­fur­nier, Alu-Pe­da­le­rie und Na­vi-Sys­tem bün­delt Al­fa in hand­li­chen Päck­chen und be­rech­net 3870 Eu­ro. Rie­sen­rad: Die 20-Zoll-Fel­ge Tro­feo kos­tet im Pa­ket mit 255er-Rei­fen 1800 Eu­ro ex­tra

Auf Ja­gu­ars Jahr­markt der Ei­tel­kei­ten gibt es für den F-Pace ne­ben 18 ver­schie­de­nen Alu-Rä­dern auch ei­ne Me­ri­di­an-Sur­round­an­la­ge und LED-Schein­wer­fer im J-Bla­de-De­sign. Sport­sit­ze in ge­narb­tem, per­fo­rier­tem Le­der kos­ten 2081 Eu­ro ex­tra. Den Bu­si­ness-Aspekt be­dient das Na­vi-Sys­tem mit 12,3-Zoll-Mo­ni­tor

Au­dio­phi­len bie­tet Maserati ne­ben dem Mo­tor­sound drei ver­schie­de­ne Hi-Fi-An­la­gen mit bis zu 17 Laut­spre­chern an. Der Le­van­te wur­de ge­gen­über un­se­rem Fo­to­mo­dell für 2018 neu kon­fi­gu­riert – aber nur, wer in der Ver­käu­fer­schu­lung sehr gut auf­ge­passt hat, wird Un­ter­schie­de ent­de­cken

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.