Die Kar­rie­re des ers­ten eu­ro­päi­schen Au­tos mit Fi­ber­glas war kurz und glanz­los. Es leg­te aber den Grund­stein für das Kult-Cou­pé P 1800

As­sar Ga­b­ri­els­son, Vol­vo-Grün­der und Ge­ne­ral­di­rek­tor, hat­te An­fang der 1950er Jah­re Lust aufs Ca­brio­fah­ren. Mit bra­ver Vol­vo-Tech­nik und verrückter US-Glas­fa­ser­ka­ros­se­rie wur­de der Traum wahr. Oder auch nicht …

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Johannes Riegs­in­ger FO­TOS Frank Ra­te­ring ]

Viel­leicht hät­te man al­les ja auch vor­her ah­nen kön­nen: 1.) Sport­wa­gen mit guss­ei­ser­ner Prak­ti­ka­bi­li­täts-Tech­no­lo­gie sind kei­ne gu­te Idee. 2.) Beim Satz „Roads­ter aus Schwe­den“be­kom­men Au­to­fans rund um die Welt nicht un­be­dingt lei­den­schaft­li­che Herz­rhyth­mus­stö­run­gen. 3.) US-Glas­fa­ser­ka­ros­se­ri­en sind meist eher gut ge­meint als gut ge­macht. Und wenn dann 1., 2. und 3. auch noch zu­sam­men­kom­men, muss das nicht zwin­gend spek­ta­ku­lär wer­den.

Ei­ne ganz ver­rück­te Ge­schich­te

Un­ge­fähr das sind die Ge­dan­ken, die ei­nem zwi­schen Kungs­ba­cka und Väs­tra Ha­gen durch den Kopf ge­hen, wäh­rend man im Vol­vo Sport P1900

Roads­ter auf der lan­gen Gera­den am Vall­da­vä­gen ei­nen zärt­li­chen Blei­fuß ab­legt, um die sport­li­chen Ta­len­te des op­tisch ke­cken Roads­ter ab­zu­ru­fen. Un­ter der Glas­fa­ser-Mo­tor­hau­be vorn schnat­tern auf­ge­regt acht Ven­ti­le, ein Dop­pel­ver­ga­ser füt­tert 70 auf­ge­scheuch­te Pferd­chen, gera­de ist der drit­te (und letz­te) Gang ein­ge­legt wor­den. Jetzt geht’s los. Roads­ter-Fahr­spaß, hart am Wind. 65. 70. 75 km/ h. Die Fahr­bahn wird eng, ei­ne gut ab­ge­han­ge­ne 50er-Jah­re-Len­kung samt hin­te­rer Star­rach­se lässt die Bir­ken der ei­gent­lich schnur­ge­ra­den Al­lee in leich­tem Sch­lin­ger­kurs vor­bei­stür­men. 80. 81 – Reicht schon. Reicht völ­lig. Weil da vorn jetzt die nächs­te Kur­ve kommt – und dann hat man im Vol­vo Sport gut zu tun. Un­ten in den Schä­ren kreu­zen zwi­schen den Fel­sen im Was­ser Schul­kin­der mit klei­nen Jol­len – das Fah­ren im P1900 hat et­was Ähn­li­ches: im­mer schön auf Kurs blei­ben, aus­rei­chend Ab­stand von an­de­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern und fes­ten Hin­der­nis­sen ein­pla­nen, bei Wel­len gut fest­hal­ten. Es geht auch ähn­lich eng zu, den kor­pu­len­ten Kol­le­gen aus der Par­al­lel­klas­se wünschst man sich nicht als Bei­fah­rer. We­der in der Jol­le noch im Vol­vo Sport. Aber auch das Spaß­po­ten­zi­al ist ver­gleich­bar: un­kom­pli­ziert, lo­cker, luf­tig. Wenn man erst mal sei­ne Bei­ne un­ters gro­ße Lenk­rad ge­fä­delt hat, turnt der klei­ne Schwe­den-Roads­ter quietsch­fi­del da­hin. Das ist weit weg von ech­ter Sport­wa­gen-Prä­zi­si­on, pflegt aber ei­ne über­mü­tig le­bens­fro­he Lie­be zum Her­um­stromern. Dass un­ter der skur­ri­len Ka­ros­se mit dem ge­schwun­ge­nen Boots­heck und der über­trie­ben ge­zeich­ne­ten Küh­ler­na­se so­li­de Vol­vo-Groß­se- ri­en­tech­nik steckt, die im Schwe­den der 1950er bra­ve Fa­mi­li­en­kut­schen eben­so wie rura­le Trans­port-Kalt­blü­ter be­weg­te, stört nicht. Der un­syn­chro­ni­sier­te ers­te Gang ist zum Ran­gie­ren da, der zwei­te ein blo­ßer Über­gang zum drit­ten, und dann zieht der klei­ne Vier­zy­lin­der bei je­der Ge­schwin­dig­keit sto­isch. Tem­pe­ra­ment fühlt sich an­ders an, aber es geht vor­wärts, im­mer und übe­r­all. Ver­mut­lich hat­te das As­sar Ga­b­ri­els­son – ehe­ma­li­ger SKF-Ver­triebs­chef, spä­te­rer Vol­vo-Mit­grün­der und Vol­vo-Ge­ne­ral­di­rek­tor – et­was an­ders ge­plant, als er sich An­fang der 50er ei­nen Sport­wa­gen fürs Vol­vo-Mo­dell­pro­gramm wünsch­te, um den Ame­ri­ka-Ex­port emo­tio­nal

an­zu­kur­beln. Ga­b­ri­els­son war von der neu er­schie­ne­nen Cor­vet­te mit ih­rer da­mals hoch­mo­der­nen Glas­fa­ser-Kunst­stoff-Ka­ros­se­rie be­geis­tert, bei ei­nem Be­such in den USA 1953 konn­te er den Glas­fa­ser-Papst Bill Tritt für ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt ge­win­nen. Tritts Fir­ma Glass­par war Tech­no­lo­gie­füh­rer für Glas­fa­se­r­ele­men­te, stell­te Boots­rümp­fe und Au­to­ka­ros­se­ri­en her – und auch die Cor­vet­te. Tritt zeich­ne­te mit ty­pi­schem US-Schwung ei­ne Ka­ros­se­rie für den Vol­vo Sport, As­sar Ga­b­ri­els­son ließ ein ers­tes Chas­sis nach Ka­li­for­ni­en ver­schif­fen. 18 Vol­vo Sport ent­stan­den bei Glass­par, dann trau­te sich Vol­vo zu, die rest­li­che Pro­duk­ti­on der 300 pro­jek­tier­ten P1900 zu über­neh­men. 1956 – das Jahr in dem der Vol­vo Sport für 20.000 Kro­nen und da­mit dop­pelt so

teu­er wie an­de­re Vol­vo – auf den Markt kam, war al­ler­dings auch As­sar Ga­b­ri­els­sons letz­tes Jahr als Vol­vo-Di­rek­tor. Sein Nach­fol­ger Gun­nar En­gel­lau stand vor scho­ckie­rend schlech­ten P1900-Ver­kaufs­zah­len und ging der Sa­che auf den Grund. Nach ei­ner Wo­chen­end­tour im Vol­vo Sport konn­te En­gel­lau nur den Kopf schüt­teln: Der Sport war hoff­nungs­los über­teu­ert, die Glas­fa­ser­ka­ros­se­rie mi­se­ra­bel ver­ar­bei­tet. Die Tü­ren schlos­sen nicht rich­tig, das Ver­deck war kaum zu schlie­ßen, der Wa­gen vi­brier­te und rüt­tel­te ka­ta­stro­phal. Auch wenn spä­te­re P1900-Freun­de das al­les nicht ganz so wild se­hen und Gun­nar En­gellaus ver­nich­ten­des Urteil eher auf die schlech­ten Stra­ßen im Schwe­den der 50er schie­ben, war der ers­te und ein­zi­ge Vol­vo Roads­ter nicht mehr zu ret­ten. Be­reits pro­du­zier­te Tei­le wur­den fer­tig mon­tiert, dann war mit Wa­gen Num­mer 67 Schluss. Wo­bei: Ei­ne Se­ri­en­num­mer soll ver­se­hent­lich dop­pelt ver­ge­ben wor­den sein, viel­leicht sind es ja 68 Vol­vo Sport?

Schwe­di­sche Land­par­tie: ele­gant ge­zeich­ne­te Ar­ma­tu­ren­ta­fel, knap­pe Wind­schutz­schei­be, kaum Bein­frei­heit un­ter dem Lenk­rad

Ru­ne Svens­son (82) ist Ex-Chef der Vol­vo-Lo­gis­tik­spar­te und lässt sich von sei­nem P1900 Num­mer 1 die kur­zen Som­mer in Schwe­den ver­sü­ßen

Al­ter Schwe­de: 1,4-Li­ter-Vier­zy­lin­der mit 70 PS. So­li­der Zie­her, we­nig sport­li­ches Tem­pe­ra­ment Ra­rer Schwe­de: Kur­ven­sur­fen im Vol­vo Sport P1900 Roads­ter mit der Se­ri­en­num­mer 01 – ein wahr­haft ex­klu­si­ves Er­leb­nis

Of­fe­ner Schwe­de: So tur­bi­nen­na­sig hat man sich in den 50ern die Mo­der­ne vor­ge­stellt

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