Al­les über den neu­en Con­ti­nen­tal GT. Da­zu: In­ter­view mit Bent­ley-Chef Wolf­gang Dür­hei­mer und ein de­tail­lier­ter Blick auf den Tour­bil­lon im Ben­tay­ga-Cock­pit

Rund 65 Jah­re lie­gen zwi­schen R-Ty­pe Con­ti­nen­tal und dem neu­en Bent­ley Con­ti­nen­tal GT – über sechs Jahr­zehn­te, in de­nen sich die Au­to­welt und das Bent­ley-Uni­ver­sum grund­le­gend ver­än­dert ha­ben. Und trotz­dem ist der Con­ti­nen­tal ganz er selbst ge­blie­ben

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Jo­han­nes Riegs­in­ger

Der neue Sports­tou­rer trifft auf sei­nen 65 Jah­re al­ten Ah­nen, den Bent­ley R-Ty­pe Con­ti­nen­tal

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Hier stimmt et­was nicht. In ste­ti­ger Zeit­lu­pe zie­hen Ben­tay­ga, Fly­ing Spur und Con­ti­nen­tal Con­ver­ti­ble-Mo­del­le übers Mon­ta­ge­band im Bent­ley-Werk Crewe. Da vorn im glei­ßen­den Licht der End­kon­trol­le steht be­reits der neue Con­ti­nen­tal GT: „Oran­ge Fla­me“-La­ckie­rung, sehr spek­ta­ku­lär und kaum zu über­se­hen. Nur noch we­ni­ge Ta­ge, und der neue Con­ti­nen­tal ist eben­falls hier auf die­sem Band un­ter­wegs. Passt al­so. Aber war­um sind wir dann so ir­ri­tiert? Die Bent­ley-Wer­ker grin­sen ver­stoh­len – und dann ent­de­cken wir ihn: Fünf-Me­ter-Zwan­zig Au­to­mo­bil­ge­schich­te, opu­lent ge­schwun­ge­ne Kot­flü­gel, mäch­ti­ger Küh­ler­grill mit stol­zer Bent­leyB-Küh­ler­fi­gur, schma­le Rei­fen, die sich an der Hin­ter­ach­se un­ter ei­ner ae­ro­dy­na­mi­schen Ver­klei­dung dre­hen – hier kommt der Ur-Con­ti­nen­tal, ein Mul­li­ner R-Ty­pe von 1952. Und es ist kaum zu glau­ben, wie die­ser klas­si­sche High­speed-Gi­gant zwi­schen all den mo­der­nen Bent­ley un­ter­taucht. Dass der ma­jes­tä­ti­sche Vin­ta­ge-Sport­tou­rer für ei­nen Mo­ment ganz selbst­ver­ständ­lich ins 21. Jahr­hun­dert passt, liegt nicht nur an sei­nem glän­zend el­fen­bein­wei­ßen Lack, der sich herr­lich un­be­küm­mert ins lich­te Weiß der mo­der­nen Pro­duk­ti­ons­stät­te fügt, son­dern an der tat­säch­lich über 65 Jah­re er­hal­ten ge­blie­be­nen Bent­ley-De­si­gn­for­mel: ty­pi­sche Bent­ley-Pro­por­tio­nen, die Art und Wei­se, wie das Licht über mus­ku­lös ge­run­de­te Ka­ros­se­rie­for­men fließt, die Ba­lan­ce zwi­schen Lack­far­be und Chro­m­ak­zen­ten, die run­den Schein­wer­fer … Wer nach­läs­sig hin­schaut, kann den keck aufs mo­der­ne Fer­ti­gungs­band ge­mo­gel­ten Con­ti­nen­tal R-Ty­pe der frü­hen 50er-Jah­re schon ein­mal über­se­hen. Ein ver­blüf­fen­der Ef­fekt. Denn im di­rek­ten Ver­gleich ha­ben die Ge­ne­ra­tio­nen des sport­li­chen GranTou­rers aus En­g­land na­tür­lich kaum noch et­was mit­ein­an­der zu tun. Der An­spruch ist ge­blie­ben, aber die Art, wie die Ge­schich­te des pfeil­schnel­len In­ter­con­ti­nen­tal-Sport­tou­rers er­zählt wird, hat sich in­ner­halb der letz­ten 65 Jah­re selbst­ver­ständ­lich grund­le­gend ver­än­dert: hier ein mäch­ti­ger Rei­hen­sechs­zy­lin­der, ei­ne hand­ge­ar­bei­te­te Ka­ros­se­rie auf Lei­ter­rah­men­chas­sis – dort der top­mo­der­ne Bi­tur­bo-W12Zy­lin­der im mus­ku­lö­sen Cou­pé samt Ad­ap­tiv-Fahr­werk zwi­schen Mei­len­fres­ser-Kom­fort und Kur­ven-Kna­ckig­keit. Bent­ley-De­si­gn­chef Ste­fan Siel­aff lädt uns ins Cock­pit des R-Ty­pe Con­ti­nen­tal ein und er­klärt mit we­ni­gen Sät­zen die phi­lo­so­phi­sche Ver­bin­dung der Ge­ne­ra­tio­nen: „Der Mul­li­ner R-Ty­pe war für sei­ne Zeit pu­re In­no­va­ti­on. Sa­gen­haft schnell, wun­der­schö­ne Pro-

Bent­ley­De­sign über 65 Jah­re hin­weg

por­tio­nen, ein mas­ku­li­nes und gleich­zei­tig stil­vol­les State­ment. Die­ser In­no­va­ti­ons­cha­rak­ter und die star­ke, emo­tio­na­le Aus­strah­lung sind we­sent­li­che Grund­ele­men­te, die wir in der De­si­gnKon­zep­ti­on der neu­en Ge­ne­ra­ti­on wie­der be­an­sprucht ha­ben.“Wir wech­seln ins Cock­pit des Neu­en, Siel­aff lässt mit ei­nem kur­zen Knopf­druck das Dis­play ro­tie­ren: Von ei­ner pu­ren Holzin­te­ri­eurOber­flä­che zu drei Ana­log­uh­ren zum rie­si­gen, hoch­auf­lö­sen­den 12,3-Zoll-Touch­screen-Dis­play in Se­kun­den. „Das spie­gelt den Cha­rak­ter des Con­ti­nen­tal wie­der – ei­ner­seits ab­so­lu­te Mo­der­ne und höchs­te In­no­va­ti­on, dann fo­kus­sier­te Sport­lich­keit und am En­de aber auch voll­kom­me­ne Ge­las­sen­heit. Mit ei­nem Con­ti­nen­tal muss man nichts be­wei­sen.“Siel­aff schaut kon­zen­triert, dann taucht er in die Tie­fen des Sys­tem-Me­nüs ab: „Am­bi­ent-Licht in sie­ben Far­ben frei wähl­bar – auch das trifft den in­di­vi­du­el­len An­spruch un­se­rer Kun­den.“Der lang­jäh­ri­ge In­te­ri­eur­de­sign-Pro­fi über­legt: „Ich selbst wür­de ja im­mer ef­fekt­arm farb­los be­leuch­ten. Ich bin nun mal Pu­rist.“Wir fin­den: Die tie­fen Far­ben und die ma­kel­lo­se Ver­ar­bei­tung der Le­der- und Holz­o­ber­flä­chen sind oh­ne far­bi­ge Am­bi­ent-Be­leuch­tung be­stimmt am bes­ten zu ge­nie­ßen, aber das Spiel mit den Emo­tio­nen steckt an. Und die Viel­sei­tig­keit passt zum Con­ti­nen­tal, oder? Der De­si­gn­meis­ter lacht: „Ganz wie Sie wün­schen, dar­um geht es ja.“ Dann sind wir auch schon am Heck, stu­die­ren die ova­len Heck­leuch­ten mit ih­rer star­ken Brei­ten­wir­kung, die scharf ins Blech ge­zo­ge­nen Schwün­ge der hin­te­ren Kot­flü­gel („Ganz wie beim R-Ty­pe Con­ti­nen­tal!“) und lan­den am En­de an der Front: „Wir woll­ten weg von ei­ner Au­gen-An­mu­tung, weg von den LED-Leucht­si­gna­tu­ren und hin zu ei­ner tech­ni­schen Klar­heit mit sicht­ba­rer Wer­tig­keit.“Wir se­hen ge­nau­er hin, ent­de­cken den raf­fi­niert in die Ma­trix-LED-Leuch­ten ge­ar­bei­te­ten Kris­tall­schliff, der den Rund­schein­wer­fern ein lu­xu­riö­ses Strah­len ver­leiht. Siel­aff ist sicht­lich an­ge­tan: „Mich er­in­nert das an ein ed­les Whis­ky-Glas. Prä­zi­se, äs­the­tisch und edel. Eben ty­pisch Bent­ley.“

Mäch­ti­ge Ar­ma­tu­ren­ta­fel in ma­kel­lo­ser Mö­bel­schrei­ner-Ver­ar­bei­tung beim klas­si­schen Con­ti­nen­tal

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